Jonathan Franzens Meisterwerg "Die Korrekturen" endlich ungekürzt
Nach fast fünfzig Ehejahren hat Enid Lambert nur ein Ziel: ihre Familie zu einem letzten Weihnachtsfest um sich zu scharen. Alles könnte so schön sein, gemütlich, harmonisch. Doch Parkinson hat ihren Mann Alfred immer fester im Griff, und die drei erwachsenen Kinder durchleben eigene tragikomischen Malaisen. Gary steckt in einer Ehekrise. Chip versucht sich als Autor. Und Denise ist zwar eine Meisterköchin, hat aber in der Liebe kein Glück. Jonathan Franzen verbindet einzigartig Familien- und Gesellschaftsgeschichte.
Kundinnen und Kunden meinen
4.2/5.0
Detlef Knut
5/5
04.03.2019
Buch (Gebundene Ausgabe)
die Geschichte einer in der Mittelschicht angesiedelten Familie
Der amerikanische Gegenwartsautor erzählt in diesem umfangreichen Roman die Geschichte einer in der Mittelschicht angesiedelten Familie.
Enid und Alfred sind beide im Ruhestand, leben in ihrem mittlerweile sehr großen Haus und Mutter Enid wünscht sich nichts sehnlicher als noch ein einziges Mal die gesamte Familie, eine Tochter und zwei Söhne, zu Weihnachten bei sich zu Hause bewirten zu können. Ihre Geschichte wird in abwechslungsreichen Episoden erzählt, die jede für sich genommen eine eigenständige Novelle sein könnte. Mit den Episoden wechselt der Fokus der Erzählung auf die Person, die in dieser Episode die Hauptrolle spielt. So wird der Leser im ersten Abschnitt mit dem Sohn Chip und seinen Versuchen, erfolgreicher Autor zu werden und sein Leben in den Griff zu bekommen, bekannt gemacht. Der Sohn Gary wird mit seiner Familie in der zweiten Episode vorgestellt. Er ist ein erfolgreicher Investmentbanker und bemüht sich redlich um seine Familie, was ihm schwerlich zu gelingen scheint. Besonders seine Frau hält gar nichts davon, das nächste Weihnachten bei den Schwiegereltern zu verbringen. In einem weiteren Abschnitt werden schließlich Enid und der an Demenz erkrankte Alfred vorgestellt. Frantzen bedient sich dabei diverser Rückblenden, in denen er die Lebenswege der beiden aufzeigt und eine Zeit beschreibt, in der ihre Kinder noch Kinder waren. Eine Urlaubsbekanntschaft auf einem Kreuzfahrtschiff wird als Mittel benutzt, um das kleinbürgerliche Denken von Enid, die intellektuell nicht an die Bekannte heranreicht, mit all seinen Facetten zum Vorschein zu bringen. Eine vierte Episode gibt den Blick frei auf das Leben der Tochter Denise, die sich als Starköchin einen Namen gemacht hat und ebenso Mühe hat, ihr privates Leben in den Griff zu bekommen. In der fünften und letzten Episode steht Weihnachten schließlich unmittelbar bevor, alle Stränge werden zusammengeführt und zum Höhepunkt gebracht.
Bei der unter der Lupe betrachteten Familie handelt es sich keineswegs um eine typisch amerikanische Familie. Viele ihrer Züge, Befindlichkeiten und Eigenheiten sind schlichtweg menschlich und können ebenso in einer deutschen oder anderen, zumindest westeuropäischen, Familie wiedererkannt werden. Die prägnante Erzählweise von Frantzen, der dem Leser jedes Detail durch Handlung - lange bevor das Wort Demenz oder Altzheimer fällt, ist dem Leser klar, woran Alfred leidet - und nicht nur durch bloße Beschreibung miterleben lässt, erzeugt einen Klangteppich von Atmosphäre, die es unmöglich macht, dieses Buch aus der Hand zu legen. Die Charaktere sind mit solch einer Fülle an Eigenschaften, Emotionen, Gedanken und Handlungen ausgestattet, dass es nicht schwer fällt, sie als eigenes Familienmitglied zu akzeptieren. Ein Grund dafür, dass die einzelnen Episoden zwar so lang sind, sie aber nie zu lang wirken und der Wechsel zum nächsten Abschnitt durchaus von Wehmut begleitet wird, weil dieser dann den Fokus auf ein anderes Familienmitglied legt. Einen Wehrmutstropfen hatte für mich allerdings eine Geschichte, die von Chip und dessen leicht unmoralischer Arbeit in Litauen erzählt. Dient sie doch lediglich dazu, aufzuzeigen, dass Gary seinen Bruder verabscheut, weil er in seinen Augen reiche Amerikaner ausnimmt. Sie ist meines Erachtens zu lang gestreckt und jede andere Handlung außerhalb von Litauen hätte denselben Zweck erfüllt.
Mag. Miriam Mairgünther
aus Salzburg
5/5
09.08.2012
Buch (Taschenbuch)
Normales und Tragisches
Der Begriff "Hysterischer Realismus", im Amerikanischen gelegentlich für Jonathan Franzens Stil verwendet, ist sehr passend: Ganz genau hinsehen, und wenn etwas peinlich oder schmerzhaft wird, nicht aufhören, sondern alles so genau beschreiben wie möglich. Die Technik, hinter die Fassade der scheinbar heilen Familie zu blicken, gehört ja zum amerikanischen Familienroman dazu, aber möglicherweise richtet niemand den Blick so direkt auf die Abgründe wie Franzen. Dabei ist die Übertreibung ein durchaus gängiges Stilmittel, im Ganzen erscheint das Bild von Alfred und Enid und ihren drei erwachsenen Kindern aber sehr realistisch - allzu realistisch vielleicht?
Was Form, Aufbau und Sprache angeht, so hat man es hier mit einem absolut stilsicheren Autor zu tun, der die Handlung vorantreibt, niemals in Gefahr gerät auszuufern, an entscheidenden Stellen aber oft mit der Lesererwartung bricht. Gerade wenn es plötzlich mit der Geschichte einer anderen Figur oder einem Exkurs zu einem neuen Thema weitergeht, so erkennt man rückblickend, wie sich der Abschnitt dann doch in die Struktur des Ganzen einfügt, oft in Verbindung mit dem Titelthema der Korrekturen. Franzen spielt damit in allen Variationen, sowohl im Leben seiner Protagonisten, als auch in Exkursen über die Dinge, mit denen sie sich beschäftigen, ob es um Streckenänderungen einer Eisenbahnlinie oder die "Neuprogrammierung" des menschlichen Gehirns geht.
Mit Korrekturen hängt es auch zusammen, dass manches im Leben der Protagonisten am Ende dann doch besser wird, als man zu hoffen gewagt hätte; genauso wichtig ist es aber, dass andere Dinge nicht korrigiert werden können oder dürfen.
Für mich ist Franzen einer der besten Gegenwartsschriftsteller; nicht unbedingt leichte Kost, aber die Lektüre wirkt auf positive Weise noch lange nach.
Edith Berger
aus 3istau
5/5
05.08.2011
eBook (ePUB)
faszinierend
Enid Lambert ist beinahe 50 Jahre lang mit Alfred, der an Parkinson leidet- verheiratet.
Ihre gemeinsamen, mittlerweile erwachsenen Kinder sehen sie höchst selten.
Gary, ein durchschnittlich begabter Bankangestellter durchlebt gerade eine veritable Ehekrise.
Chip, der mittlere Sohn steht am Beginn einer Karriere als Literaturprofessor, stolpert aber über seine Affairen
und Denise, erfolgreiche Köchin und jüngstes Kind der Lamberts, geht ihren eigenen Weg.
Enid möchte ihre ganze Familie ein letztes Mal unter dem Weihnachtsbaum versammeln und setzt alles daran, ihre Wunschvorstellung wahr werden zu lassen....
Jonathan Franzen erzählt in " Die Korrekturen" eine faszinierende, amerikanische Familiengeschichte.
Michelle Rößner
aus Göttingen
5/5
20.09.2010
Buch (Gebundene Ausgabe)
Beeindruckender Gesellschaftsroman
Es gibt Szenen in Büchern, an die man sich noch Jahre später erinnert:
Chip, mittlerer Sohn einer typisch amerikanischen Durchschnittsfamilie, wird als Siebenjähriger von seinen Eltern dazu gezwungen, eine halbe Ewigkeit vor seinem Teller mit Essen sitzen zu bleiben, vor dem er sich ekelt und dessen Nahrungsaufnahme er verweigert. Der Satz, der mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist, lautet: Und wer lange genug am Abendbrottisch saß, sei es, dass er bestraft wurde oder dickköpfig oder einfach gelangweilt war, hat nie aufgehört dort zu sitzen. Ein Teil von ihm blieb das ganze Leben dort sitzen.
Franzen erzählt vom Aufwachsen und Leben in einer fünfköpfigen amerikanischen Familie und spannt dabei den zeitlichen Bogen von den sechziger Jahren bis in die Gegenwart unseres angefangenen Jahrhunderts. Enid Lambert und ihr an Parkinson erkrankter, in sich gekehrter Mann Alfred gehören noch der Generation an, deren Rollenverständnis klar vorgegeben ist und zu deren obersten gesellschaftlichen Werten das Pflichtgefühl zählt. Den drei erwachsenen Kinder stehen zwar alle Möglichkeiten offen, jedoch gehören Sie einer Generation an, deren Orientierungslosigkeit sie häufig zum Scheitern bringt.
Die jeweilige individuelle Perspektive der fünf Familienmitglieder einnehmend, schildert Franzen grandios sowohl das alltägliche Leben als auch die gesellschaftlichen Einflüsse der Zeit.
Polar
aus Aachen
5/5
17.09.2007
Buch (Taschenbuch)
Im Poesiealbum
Es könnte alles so schön sein. Die Familie Lambert besitzt alles, was man zu einem glücklichen Leben braucht. Keiner muß Hunger leiden, sie alle haben ihr Schicksal selber in der Hand. Und doch ist es wie in vielen Familien. Irgendwie, irgendwo ist was schiefgelaufen. Die Krankheit des Vaters, Parkinson, ist fast ein Synonym für die gesamte Familie. Sie wird durchgeschüttelt, ist dabei so mit sich beschäftigt, daß man nicht unbedingt davon ausgehen darf, daß sie dabei wachgerüttelt werden wird. Wie Jonathan Franzen mit viel Humor von der Tragik der bürgerlichen Familie erzählt, dabei rechts und links auf unsere Gesellschaft blickt, ist wunderbar leicht, lesenswert. Er versinkt nicht in die Versuchung eines Familienschmökers, sein Blick auf die Figuren ist schonungslos. Er verzeiht ihnen trotzdem, aber ob sie mit sich selbst Nachsicht verüben werden, das wird sich im Verlauf der Geschichte zeigen müssen. Wall Street, Internet, Osteuropa und die familiy values, die Hoffnung der Mutter, die Familie zu Weihnachten Zuhause um sich zu versammeln, die Gegenwart ist in diesem Roman fest verankert. Sie träumen alle auf ihre eigene Art. Und nicht nur sie müssen sich fragen lassen, warum alles so schwierig ist. Ein umfangreicher Roman voller poetischer Stellen, bizarren Momenten und selbst die Liebe fehlt nicht. So glaubt man halt mit ein paar Korrekturen bestens zurechtzukommen.
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