Der «Unnachahmliche» wurde Charles Dickens von seinen Freunden genannt, und er übernahm den Beinamen selbstironisch, doch voller Stolz. Hans-Dieter Gelfert widmet sich in anschaulichen Kapiteln Dickens¿ Leben und entwirft ein weites Panorama der Zeit, in der er wirkte. Im Wechsel mit biographischen Abschnitten werden in eigenen Kapiteln alle wichtigen Werke vorgestellt und interpretiert. Gelfert zeigt, wie Dickens seine traumatische Kindheitserfahrung als zwölfjähriger Hilfsarbeiter ohne jede Hoffung dichterisch so verarbeitete, dass daraus Romane hervorgingen, in denen sich Menschen gegen eine übermächtige Fremdbestimmung behaupten müssen. Politik und Gesellschaft erscheinen dabei als eine labyrinthische Sphäre totaler Entfremdung. Dieses Gefühl der Entfremdung ist seither immer mehr zum Lebensgefühl der Moderne geworden, und es führt Dickens aus der Welt des 19.Jahrhunderts an unsere Gegenwart heran.
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Mag. Miriam Mairgünther
aus Salzburg
5/5
23.01.2012
Buch (Gebundene Ausgabe)
Neues über Dickens
Es verwundert am Anfang, dass Gelferts Biographie von Dickens, dessen Leben durch Selbst- und Fremdzeugnisse so gut dokumentiert ist, relativ schmal ausfällt und "nur" 375 Seiten umfasst. Seine Intention, wie er auch im Vorwort erklärt, war es, dem Leser das nahezubringen, was andere deutschsprachige oder ins Deutsche übersetzte Biographien noch nicht bieten, nämlich eine Einordnung und Analyse von Dickens' Werk unter neuen Gesichtspunkten. Gelfert und die angelsächsischen Literaturwissenschaftler sehen ihn weniger als den gutmütigen Humoristen und Moralisten, sondern als einen Vertreter der frühen Moderne, der in seinem Werk ähnliche Themen behandelt wie Franz Kafka und James Joyce.
Gelfert erzählt die Lebensgeschichte Dickens' sehr komprimiert, geht aber auf einzelne Stationen, sofern sie zum Verständnis seiner Bücher von Bedeutung sind, tiefer ein. Ebenfalls chronologisch eingefügt sind kurze Inhaltsangaben aller seiner Werke, mit Interpretationsansätzen und näherer Beschreibung wichtiger und sich wiederholender Motive. Eine ebenso große Rolle wie Dickens' privates Leben spielt für Gelfert sein politisches und gesellschaftliches Umfeld. Das Buch kann gleichzeitig als ein Abriß der Geschichte des 19. Jahrhunderts gelesen werden, und auch hier bringt der Autor auf begrenztem Raum viele Fakten unter.
Gelfert hat hier keine romanhafte Biographie in erzählerischem Stil geschrieben, sondern ein historisch-biographisches Sachbuch. Dafür wird der Dickens-Leser neben einer Wiederholung der englischen Geschichte mit neuen Einsichten und tieferem Verständnis in sein Werk belohnt, ebenso wie Gelfert es bereits mit seiner Poe-Biographie geschafft hat.
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