Obwohl es Zeiten gibt, in denen uns Gewalt allgegenwärtig erscheint, hält Randall Collins den tatsächlichen Ausbruch von gewalttätigen Handlungen für eine Ausnahme. In seiner Analyse der Dynamik der Gewalt legt der renommierte amerikanische Soziologe den Fokus auf die situative Interaktion zwischen den Kontrahenten. Ob eine spannungsgeladene Situation zu gewalttätigen Handlungen führt, hängt seiner Untersuchung zufolge nicht in erster Linie von der sozialen Herkunft, der Ethnie oder dem kulturellen Hintergrund der Beteiligten ab, sondern häufig von der Situation, in der sie stattfindet.
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Ganz schwache Füsse,
Bewertung aus Ried im Innkreis am 09.12.2021
Bewertungsnummer: 1620777
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
haben seine Theorien und Ansichten. Bereits in der Einleitung widerspricht sich der Autor selbst, da er postuliert, dass Gewalt nur dann exzessiv angewendet wird, wenn Personen in der Nähe sind, die den Kampf beenden können. Dabei zeigt ein 50er Jahre Photo zwei bürgerliche Kämpfer, von denen sich die Umstehenden distanzieren, und auch eigene Erfahrung des Autors spiegelt wider, dass eine gewisse, sozial höher stehende Schicht vor einem Theater zurückweicht vor zwei schlägernden Clochards. Andererseits zeigt eine weitere Photographie eines Tumultes innerhalb des türkischen Parlaments eingreifende Abgeordnete, wobei man nicht erkennen kann, ob die Streithähne aufeinander losgegangen sind, weil sie wussten, dass andere beschwichtigend eingreifen würden, oder ob es nicht doch in eine Massenschlägerei ausartet, die Collins nur in Spielfilmen falsch dargestellt wirder finden will. Der Autor neigt auch dazu, anderen Forschern eine Diffusität ihrer Argumente vorzuhalten, bleibt aber selbst oft stabiler Grundlagen müssig. Wer zudem John Keegan als Vorreiter der faktenbasierten Kriegs- und Konfliktforschung bemüht, sein Werk "Das Antlitz des Krieges" lobt,weil Keegan Veteranen zugehört hat, dann ist das nur peinlich. Etwas flacheres als Keegan habe ich bisher zur Konfliktforschung nicht gelesen. Da empfehle ich Herfried Münkler, der den 30 jährigen Krieg und den grossen (1. Welt-) Krieg monographisch aufgearbeitet hat, und Quellen einfliessen lässt, wie z.B. das Kriegstagebuch des schottischen Offiziers Munroe, in der Gewaltanlass und -verlauf in knapper Form so überzeugend dargestellt sind, vielleicht weil von einem Politikwissenschaftler verfasst und nicht von einem ausschweiffenden Soziologen. Gerade der Autor betont, dass Kämpfe in der Regel sehr kurz sind (Ausnahme Stalingrad u.a.), die Kriegstagebücher sprechen eine ganz andere Sprache, von 10 stündigen Gefechten, drei Tage hintereinander, und Schild an Schild Gedränge bis zur totalen Erschöpfung. Auch auf You Tube (das Buch ist 2008 erschienen, kann man also vom Autor nicht verlangen) gibt es fight to death videos, wobei der bewusstlose Gegner noch Tritte gegen den Kopf erhält, passen nicht zu seiner Behauptung, dass Gewalt extrem selten wirklich stattfindet, sondern sich in Drohungen und Bluffen auflösen. Soziologisch bedeutend überzeugender ist die Gewaltforschung im Werk "Die Macht der Kränkung" von Joachim Bauer (glaube ich war der Autor). Sich da mit dem schon in der Einleitung ermüdenden und bornierten Schreibstil durch das über 700 Seiten dicke Traktat zu kämpfen, werde ich mir nicht antun.
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