Michael Klessmann führt in diesem Lehrbuch in die Grundfragen der Pfarramtstheorie (Pastoraltheologie) ein. Nach einer Darstellung der Entstehung und Geschichte des Pfarrberufs wird das Pfarramt in der evangelischen Kirche der Gegenwart in seinen unterschiedlichen Gestalten vorgestellt. Bei der Frage nach Auftrag und Funktion hat die Frage nach Person und Amt des Pfarrers bzw. der Pfarrerin eine wichtige Bedeutung. Typische Konfliktfelder, die das Amt mit sich bringt, werden offen benannt. Damit zusammen hängen überkommene und neue Rollenbilder, das Verständnis der Ordination sowie die Spannung zwischen Beruf und Berufung. Das Thema »Frauen im Pfarramt« wird biblisch, religions- und kirchengeschichtlich sowie pastoraltheologisch entfaltet; historische Entwicklungen werden nachgezeichnet und gegenwärtige Fragestellungen diskutiert. Welche Pfarrbilder gab und gibt es im 20. und 21. Jahrhundert? Auf dem Hintergrund dieser Fragestellung stellt Michael Klessmann neuere pastoraltheologische Konzeptionen vor und erörtert ihre Bedeutung, auch im Hinblick auf gegenwärtige Reformdiskussionen. Dem Verhältnis des Pfarrers / der Pfarrerin zu den nicht-theologischen Mitarbeitenden (Ehrenamtliche; Laien), der Entwicklung und Gestaltung von Funktionspfarrämtern sowie Fragen der Ausbildung, der Fort- und Weiterbildung im Pfarramt und der Supervision, sind weitere Kapitel dieses Buches gewidmet. Auf dem Hintergrund der gegenwärtigen Transformationskrise der Volkskirche in Deutschland werden mit diesem Ansatz Funktion und Aufgaben des Pfarramts verstehbar und beschreibbar: theologisch, organisationssoziologisch und empirisch.
Kundinnen und Kunden meinen
5.0/5.0
1 Bewertungen
5 Sterne
(1)
4 Sterne
(0)
3 Sterne
(0)
2 Sterne
(0)
1 Sterne
(0)
Brilliante Einführung in die Grundfragen der Pastoraltheologie
Bewertung am 23.06.2022
Bewertungsnummer: 1735195
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Michael Klessmann, emeritiert seit 2008, veröffentlicht nach seinen zwei erfolgreichen Büchern Pastoralpsychologie (5. Aufl. 2015) und Seelsorge (5. Aufl. 2015) im Jahr 2012 eine Überblickslektüre mit dem einfachen Titel Das Pfarramt zur Einführung in die Grundfragen der Pastoraltheologie.
Klessmanns Arbeit knüpft an die gegenwärtige, deutschsprachige Debatte zu pastoraltheologischen Entwürfen aus dem 20. und 21. Jahrhundert an. Weil das Thema „Pfarramt“ nach K. in den letzten Jahren viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, nicht zuletzt deswegen, weil die Kirche in einer „tiefen Transformationskrise“ steckt, sieht sich der Autor in der Verantwortung zum „Schlüsselberuf“ der Kirche, dem Pfarramt, eine pastoraltheologische Übersicht vorzulegen. Die Pastoraltheologie stellt für ihn eine „Krisenwissenschaft“ dar, die ihre Blütezeit in Phasen des Umbruchs erlebt. Das Buch soll in der aktuellen Krisenzeit keinen neuen pastoralen Entwurf zu den bereits vorhandenen Diskussionen hinzufügen, sondern den (angehenden) Pfarrer:innen einen Einblick in pastorale Grundfragen bieten. Seine „Momentaufnahme“ bleibt allerdings nicht ohne persönliche Wertungen, Prognosen oder kritischen Rückfragen, was die Lektüre sowie die Diskussion um Fragen des Pfarramts bereichert.
Klessmann beginnt seine Darstellung mit einer Einführung in die Vielseitigkeit des Pfarramts (13-25). In der Kirchengeschichte tritt der Pfarrberuf seines Erachtens in „großer und verwirrender Vielschichtigkeit“ in Erscheinung. Zentral ist für K. die „Zwitterfigur“ (Josuttis), die die protestantische Pfarrer:in darstellt. Die Pfarrperson ist sowohl Gelehrter als auch Priester, aber auch Prophet, Beamter, Animateur und ebenso Bürger. Die Zwitterfigur hat viele Seiten. K. zufolge bietet diese Vielseitigkeit bemerkenswerte Ambiguitäten: große Freiheiten, aber ebenso Potential zur Überforderung, zum Scheitern und zur Überarbeitung. K. arbeitet in diesem Kapitel außerdem heraus, dass die Pfarrpersonen von Seiten der Literaturwelt als „seltsam und gebrochen“ wahrgenommen werden.
K. schreitet mit einer geschichtlichen Einordnung des Pfarrberufs voran (26-55). Er beginnt mit einer Vorgeschichte aus religionsgeschichtlicher Perspektive. K. stellt heraus, dass Priester „religiöse Spezialisten“ sind, die das „Abwesende, Unbekannte, ganz Andere“ mit ihrer besonderen Kraft verwalten. Sie sind in ihrer Mittlerrolle zischen Menschen und Gott deutlich von einfachen Gläubigen in Kleidung, Verhalten und Funktionsausübung zu unterscheiden. Dabei hat die Rolle der Pfarrperson stets unterschiedlich ausgesehen und andere Akzentuierungen erhalten: Amtsträger, Kirchengründer, Verkündiger, Diakon, Seelsorger, Gelehrter, Erzieher, Frommer, Lebensgestalter, Antiklerikaler, Helfer, Professionalisierter, Dienstleister.
Das dritte Kapitel (56-83) erörtert das Pfarramt der evangelischen Kirche in der Gegenwart. Die ev. Kirche als Versammlung aller Gläubigen (CA 7) verstand sich in Deutschland stets als Volkskirche mit territorialem Organisationsprinzip und „ausgeprägtem Versorgungscharakter“ . Alle Menschen sollen von der Kirche mit dem Evangelium angesprochen werden. Dazu braucht es ihre flächendeckende Sichtbarkeit und ihre Erreichbarkeit. Die Kirche hat demnach eine „Geh-Struktur“ und keine „Komm-Struktur“ wie eine Behörde. Die Versorgungsbemühungen der Kirche stehen oder fallen allerdings mit der Pfarrer:in, weswegen die Volkskirche im Grunde als „Pastorenkirche“ bezeichnet werden müsse, so Klessmann. Die ev. Kirche hat „häretische Strukturen“, spitzt Michael Herbst zu. Trotz der Stabilität der Volkskirche verändert sich das Pfarramt aus Gründen zunehmender Pluralität, Säkularisierung, dem Traditionsabbruch mit christlichen Inhalten und der Relevanzkrise der Kirche. Für Pfarrpersonen der Zukunft gilt gesprächsfähig mit der säkularen Gesellschaft zu bleiben, differenzieren zu können und interreligiöse Kompetenzen aufzuweisen, um Menschen auf einer spirituellen Suche zu helfen. Denn das Interesse an Religion und Spiritualität insgesamt schein nicht zu schwinden. Die Reformanstrengungen von Leitungsebene her, von oben nach unten, seien nach K. fragwürdig. Man könne soziale Systeme so oft nur „verstören“ . Dass die Kirche in Deutschland sich nicht auflöse, sei für ihn klar, dabei vollführe sich jedoch eine Transformation zu einer Kirche wie in Frankreich oder Italien: „weniger Mitglieder, weniger Geld, weniger öffentliche Bedeutung, keine flächendeckende Präsenz mehr.“ Dies ist nach Klessmann zwar bedauernswert, biete aber auch Chancen, wie die Freikirchen zeigen. Denn die zentrale Aufgabe der Kirche bleibt bestehen: „das Gedächtnis des Leidens wach zu halten und die Träume vom Leben und die Bilder von der Würde des Menschen in Erinnerung rufen.“
Im Kapitel Vier beschreibt Klessmann den Auftrag und die Funktionen des Pfarramtes (84-138). Auf das pastorale Amt braucht es eine „mehrperspektivische Antwort“ , denn die Rolle des Amts muss sich je nach Gemeinde, Zeitgeist, Persönlichkeit und der eigenen Gottesbeziehungen in Bezug auf biblische Zeugnisse stets neu verantworten. Für K. führt die „Totalrolle“ der Pfarrperson als „Gesicht der Kirche“ , als Generalist, Theologe, Liturg, Prediger, Seelsorger, Diakon, Lehrer, Entertainer, Kommunikator zu einer überkomplexen Struktur, Unzufriedenheit, Unsicherheit und womöglich zu Krankheit oder Burn-out. Für Klessmann braucht es trotz der allgemeinen Zufriedenheit dringend Entlastung des Berufsbilds.
Im fünften Kapitel wird sich der Frage nach den Pfarrbildern der Moderne gewidmet. Aus den Überlegungen folgert Klessmann, dass (1) aufgrund der Reihe an Pfarrbildern die Orientierung im Beruf schwerfällt, (2) dass es keine eindeutigen Maßstäbe der Beurteilung von Kompetenzen geben kann, (3) dass das Berufsbild muss selbst entwickelt werden, (4) jedoch nicht von der sozialen Situationen losgelöst werden darf, (5) und der reformatorischen und vor allem biblischen Tradition treu bleiben muss. Hierzu wünscht er, dass sich Pfarrpersonen stetig fortbilden und Supervision erhalten. Außerdem, dass (6) das Evangelium Amt und Gemeinde gegenübersteht, (7) die Pfarrer:in sich nicht Introvertiertheit zurückziehen sollte und (8) Amt und Person zu trennen sind, nicht aber unabhängig existieren. Er stärkt (9) das Funktionspfarramt, weil die parochiale Struktur am meisten zurückgedrängt wird und fordert (10) andere Formen von Kirche auszuprobieren.
Im sechsten Kapitel zu Amt, Beruf, Rolle und Ordination (188-229) bringt K. viele bereits genannte Aspekte erneut zur Sprache. Es folgen dann einige kleinere Kapitel zum evangelischen Pfarrhaus (233-250), zur Geschichte von Frauen im Pfarramt (251-266) und zum Verhältnis von Pfarramt und anderen Mitarbeitenden.
Fasst man K.s Werk zusammen, lassen sich folgende Thesen wie Prognosen formulieren: (1) Die klassische Ausübung der reformatorischen Amtsaufgaben ist nach wie vor ernst zu nehmen. (2) Das Eröffnen von Räumen und Gelegenheiten zur Entfaltung von geistlichen Erfahrungen ist wichtiger als Lehre. (3) Pfarrer:innen werden sich zunehmend „auf der Schwelle“ (Wagner-Rau) befinden werden und daher sprachfähig, offen und differenziert mit Pluralismus wie Gegenwart umgehen müssen. (4) „Leuchtturmprojekte“ werden wichtiger als parochiale Flächendeckung. (5) Das Ehrenamt wird zunehmen. (6) Teilzeitstellen werden zentraler ebenso wie (7) mediale Präsenz. (8) Die Kirche wird schrumpfen und Pfarrer:innen werden mit weniger Menschen zu tun haben. Sie müssen dennoch klare Prioritäten in der Profession setzen und (9) einen guten Umgang mit dem Scheitern finden. Der Ausruf von Kirchenleitenden hin zu einem „Wachsen gegen den Trend“ ist irreführend. Vielmehr braucht es neue, ressourcenorientierte Formen von Kirche.
Das Pfarramt von K. ist eine empfehlenswerte Gesamtübersicht zur Einführung in die Grundfragen der Pastoraltheologie, die Probleme wie Chancen darstellt, kritisch würdigt und diskutierbare Prognosen und Thesen wagt.
Kurze Frage zu unserer Seite
Vielen Dank für Ihr Feedback
Wir nutzen Ihr Feedback, um unsere Produktseiten zu verbessern. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir Ihnen keine Rückmeldung geben können. Falls Sie Kontakt mit uns aufnehmen möchten, können Sie sich aber gerne an unseren Kund*innenservice wenden.