Das zweite Buch des damals 30-jährigen McEwan, das bei seinem Erscheinen 1978 sofort die Bestsellerliste der >Sunday Times< stürmte! Sieben bestechende Erzählungen vom Meister der Kurzgeschichten - zum Wiederlesen und Neuentdecken: >Pornographie / Betrachtungen eines Hausaffen / Zwei Fragmente: März 199-, Samstag und Sonntag / Der kleine Tod / Zwischen den Laken / Hin und Her / Psychopolis<.
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Lust und Frust
lady_st.germain am 25.08.2008
Bewertungsnummer: 586405
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Zwischen Lust und Frust, unter diesen Titel könnte man diese Kurzgeschichtensammlung stellen. Denn fast immer spielen sexuelle Bezüge eine Rolle. Sei es, dass sich in der ersten Geschichte zwei Krankenschwestern an ihrem untreuen Liebhaber rächen, der sie mit Tripper infifiert hat. Sei es, dass der Ich-Erzähler in einer anderen Geschichte das Verhältnis seiner Tochter ein Verhältnis mit einem anderen Mädchen entdeckt. Aber auch der Frust über ungelebtes Leben spielt eine Rolle, sei es bei Psychopolis, dass der Protagonist mit seiner Lebenszeit nichts anzufangen weiß oder dass bei den beiden Fragmenten mit dem eigenen Lebensentwurf gehadert wird.
Was mir gut an den Geschichten gefallen hat, war einerseits die Sprache. Ian McEwan textet nie abgedroschen, die Metaphern sind ungewöhnlich und orginell, die Sprache wird mit höchster Kunstfertigkeit verwendet. Auch gibt es viele versteckte Bezüge und Andeutungen zwischen den Zeilen, insofern kann ich es verstehen, dass er viele literarische Preise (für sein Werk insgesamt, nicht für diesen Band speziell) erhalten hat. An der Metaphorik stört mich allerdings, dass er oft in analen Niederungen rumkreist. Sei es, dass eine Frau von ihrem Verehrer im Lokal fordert, sich in die Hosen zu machen, dass eine Geliebte auf ihrem Lover uriniert oder der Ich-Erzähler eine Suppe vorgesetzt bekommt, in der Fäkalien treiben, diese Motive ziehen sich durch fast jede Geschichte des Bandes. Ist wohl Geschmackssache, taugt mir aber überhaupt nicht.
Von der Qualität der Geschichten her sind einige höchst gelungen, wie z.B. Pornographie oder die Nouvelle in der sich der Ich-Erzähler eine Schaufensterpuppe zur Geliebten wählt. Andere dagegen gefallen mir überhaupt nicht. Schuld daran war das Gefühl beim Lesen, dass viele kunstvolle Worte bemüht werden, um nur sehr wenig Berichtenswertes zu erzählen. Als ich mit Psychopolis fertig war und vergeblich nach einer faden Geschichte auf ein überraschendes oder originelles Ende gewartet hatte, dachte ich nur enttäuscht: "So, und das war's dann? Soviele Worte um sowenig Konsistenz?"
Wahrscheinlich ist das Teil des hohen Anspruchs. Ich als Leser bin dabei aber etwas verhungert und hatte das Gefühl, dass der Berg kreist, um eine Maus zu gebären. Richtig schlecht fand ich die beiden Fragmente. Ich frage mich, warum er sie nicht noch überarbeitet hat, ehe sie zur Veröffentlichung freigegeben wurden.
Da Ian McEwan unbestreitbar einer der Großen der Literaturlandschaft ist, was vor allem die gelungenen Geschichten unzweifelhaft transportieren, gebe ich dem Band vier Sterne. Es sind aber auch schwächere Werke in dem Band enthalten, die mich auf gut Deutsch nur gelangweilt haben. Darum kann es keine fünf Sterne geben.
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