«Unsere Verbrecher sind nicht mehr jene entwaffneten Kinder, die zur Entschuldigung die Liebe anriefen. Sie sind im Gegenteil erwachsen und haben ein unwiderlegbares Alibi, die Philosophie nämlich, die zu allem dienen kann, sogar dazu, die Mörder in Richter zu verwandeln.» Mit der hier vorliegenden Essaysammlung setzt Albert Camus die Tradition der französischen Moralisten fort. Das strenge und anspruchsvolle Werk ist eine Absage an die Auffassung, dass Geschichte ein sinnvoller Ablauf sei. Er versucht nachzuweisen, dass die politischen Ideen von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis heute Konstruktionen und Utopien waren, da sie das Absolute wollen, und deshalb notwendig ins Absurde, in Terror und legitimierten Mord einmünden mussten.
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Die Philosophie des Augenblicks: Die Revolte für eine wertorientierte Gegenwart und gegen die Knechtschaft durch absolute Ideen
Hartmut Zimmer aus Alzenau am 01.01.2011
Bewertungsnummer: 698201
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
In seinem 1951 erschienenen, (neben Sisyphos) zweiten philosophischen Hauptwerk bewegt sich Camus wiederum im Grenzland zwischen Literatur, Geschichte und Philosophie.
Was für Descartes der Gedanke (cogito), ist für Camus die Revolte als die Auflehnung gegen äußere Umstände, insbesondere auch gegen Herrschaftsverhältnisse.
Zunächst untersucht Camus die metaphysische Revolte und den Nihilsmus, um dann im Hauptteil seines Werkes auf die Geschichte der Revolte und der Revolutionen einzugehen und diese voneinander abzugrenzen.
Der Nihilismus, so Camus, glaube an nichts anderes als an die Vernunft und das persönliche Interesse. Sein Ausdruck finde sich wieder in der Heuchelei einer mittelmäßigen und habgierigen Gesellschaft. Europa sei zu einer rein technischen Kultur verkommen (und zwar sowohl im Kapitalismus wie im Sozialismus). In einer Welt des rationalen Terrors komme es nur noch auf das Wachstum der Produktion und der materiellen Macht an.
Camus wendet sich gegen die Vorstellung einer vermeintlich zwingenden, gesetzmäßig verlaufenden Geschichte. Mit absoluten Ideen seien häufig Heilslehren verbunden, die mit dem Versprechen eines in ferner Zukunft liegenden paradiesischen Glücks vom Elend der Gegenwart ablenkten und die sich auf diesem Weg den Gehorsam und das Leid ihrer Sklaven erkauften.
Dialog werde dabei ersetzt durch Propaganda oder Polemik (als Abarten des Monologs). Später, so verkündeten die Herrscher den Beherrschten, werde alles besser werden, ja in einen Idealzustand münden. Patriot sei, wer die Republik oder die Organisation im Ganzen unterstütze; wer sie in Einzelteilen bekämpfe, werde zum Verräter gestempelt. Eine stumme Feindschaft trenne die Unterdrücker von den Unterdrückten.
Diejenigen Ziele, welche ungerechte Mittel brauchten, seien keine gerechten Ziele. Ohne ethische Rechtfertigung des Handelns werde schließlich das Verbrechen zur Pflicht.
Doch gebe es keine absoluten Wahrheiten, nicht einmal eine absolute Moral; es gebe nur den Augenblick und das Schicksal.
Die Revolte dagegen bedeute nicht nur Ablehnung vorgefundener Umstände, sondern sei auch immer Ausdruck für etwas, nämlich für bestimmte Werte. Die Prinzipien der Revolte verneinten die Knechtschaft, die Lüge und den Terror und äußerten sich nicht zuletzt in der Kunst.
Ein intellektuelles Abenteuer…
Bories vom Berg aus München am 13.06.2014
Bewertungsnummer: 2708356
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Ein intellektuelles Abenteuer In der 1951 erschienenen Essay-Sammlung «Der Mensch in der Revolte» befasst sich Albert Camus mit dem Kampf des Menschen gegen die Unterdrückung. Als Autor setzt er sich mit seiner Thematik aber nicht nur in Essayform auseinander, die Revolte wurde von ihm als Stoff auch in seinem berühmten Roman «Die Pest» und im Bühnenwerk «Die Gerechten» bearbeitet, ein Triptychon literarischer Formen. Bei seinem Thema, das man vereinfacht als klassische Herr/Knecht-Problematik bezeichnen könnte, distanziert sich Camus strikt vom autoritären Sozialismus, insbesondere dem Kommunismus stalinscher Prägung, was denn auch prompt zum Bruch mit seinem Freund Jean Paul Sartre führte. Das Nobelkomitee zeichnete Camus 1957 aus für ein «wichtiges literarisches Werk, das mit klarsichtigem Ernst die Probleme des menschlichen Bewusstseins unserer Zeit erhellt». Das vorliegende Buch leistete dafür einen nicht unerheblichen Beitrag. «Zwei Jahrhunderte metaphysischer und historischer Revolte laden … zum Nachdenken ein» heißt es in der Einleitung. Der folgende Abschnitt beginnt mit der Frage «Was ist ein Mensch in der Revolte?» und der lapidaren Antwort: «Ein Mensch, der nein sagt». In den zwei großen Essays der Sammlung widmet sich Camus kenntnisreich zunächst der metaphysischen und dann der historischen Revolte, wobei er sich intensiv mit der Gedankenwelt vieler bedeutender Philosophen und den Werken berühmter Dichter auseinandersetzt, deren Figuren er zuweilen zur Verdeutlichung heranzieht, als Beispiel sei Iwan Karamasow aus Dostojewskis großem Roman genannt. Als Moralist ist Camus an der Frage interessiert, wie man in einer Welt ohne Gott überhaupt weiterleben kann und was den Menschen erwartet, wenn seine Revolte einen spannungslosen Endzustand erreicht hat. Aber weder die außerweltliche noch die innerweltliche Erlösung als Ergebnis der Revolte sind erreichbar, lautet sein deprimierendes Fazit. Den Gedankengängen des Autors zu folgen setzt beim Leser volle Aufmerksamkeit voraus, macht bei nicht einschlägig vorinformierten Lesern umfangreiche Recherchen erforderlich und fordert darüber hinaus sehr viel Zeit und Muße. Alle diese Essays sind inhaltsschwere und hoch komprimierte Texte, so dass man als Leser, von philosophischen Insidern mal abgesehen, sich von Satz zu Satz vorantastet und zu verstehen sucht, welche Aussage, welche Anspielung, welcher Bezug darin enthalten ist. Wer sich dieser Mühe unterzieht, findet ein Füllhorn elegant und treffend formulierter Gedanken, an denen er sich abarbeiten kann bei einem wahnwitzigen Parforceritt durch zweihundert Jahre Geistesgeschichte. Vor allem aber wird er sich am Ende bereichert fühlen durch originelle Ideen und kluge Einsichten, denen man in diesem Buch so überaus reichhaltig begegnet. Bleibt die Frage zu klären, ob dieser Essayband mehr als sechzig Jahre nach seinem Erscheinen nicht überholtes Gedankengut enthält. Was die metaphysische Revolte anbelangt kann man dies absolut verneinen, historisch allerdings ist der Erkenntnisstand inzwischen natürlich ein anderer, vor allem in Hinblick auf den Sozialismus, dem Camus nahe stand und dessen Niedergang er kurz nach dem Zweiten Weltkrieg nicht hat voraussehen können. Hinzu kommen die Entwicklungen der neueren Geschichte, vor allem die des Terrors als aggressivster Form der Revolte, gleichwohl sind in seinen Ausführungen bereits dessen Keime zu entdecken. In diesem Buch wartet also ein intellektuelles Abenteuer auf wissbegierige Leser.
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