Wieso wacht Herrmann Mussert in einem ihm vertrauten Zimmer in Lissabon auf, obwohl er doch in Amsterdam wohnt und sich dort auch am Abend zuvor zum Schlafen niedergelegt hat? Ein spontaner Entschluß zum Aufbrechen in eine andere Gegend kann es nicht gewesen sein, denn dieser Altphilologe, der nicht mehr unterrichtet, ist ein eher Lebensuntüchtiger, ganz seinen griechischen und lateinischen Autoren zugewandter Mensch; seine Schüler nannten ihn Sokrates. Träumt er nur, in Lissabon aufzuwachen? Oder ist sein Gang durch Lissabon eine Reise in der Erinnerung, also eine Reise in der Zeit? Denn immerhin ist dies der Ort einer richtigen Affäre mit einer Kollegin. Cees Nooteboom verhindert durch seine meisterhaften erzählerischen Fähigkeiten, daß wir diese Fragen eindeutig beantworten können, und steigert so die Spannung. In einem zweiten Teil der Geschichte bricht Mussert - im Traum? in der Wirklichkeit? - mit sechs anderen Personen zu einer Schiffsreise nach Brasilien auf. Alle Reisenden erzählen von ihrem Leben. Die Geschichte, die Herrmann Mussert als letzter erzählt, scheint alle Rätsel zu lösen: er gibt ihr den Titel Die folgende Geschichte.
Kundinnen und Kunden meinen
5.0/5.0
1 Bewertungen
5 Sterne
(1)
4 Sterne
(0)
3 Sterne
(0)
2 Sterne
(0)
1 Sterne
(0)
Portugiesisch- philosophische Phantasiereise
Boockpicker (Mitglied der Book Circle Community) am 04.04.2026
Bewertungsnummer: 3099565
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Herman Mussert, Altphilologe, von seinen Schülern Sokrates genannt, erwacht in Lissabon aus einem Traum, obwohl er in Amsterdam zu Bett gegangen ist. Er erinnert sich, träumt, phantasiert, erwähnt Zusammenhänge, wo niemand anders sie sieht, mit Menschen aus seinem Universum, mit Gestalten der griechischen Mythologie, mit einer heimlich geliebten oder verehrten Schülerin. Dann bricht er mit einigen andern zu einer Schiffsreise von Lissabon nach Manaos auf, oder er phantasiert es, oder er träumt es, und alle erzählen ihre Geschichten, die Enden ihrer Geschichten, bis schliesslich Sokrates die folgende Geschichte erzählt.
Surreal, voller philosophischer und philologischer Gedankengänge spinnt Nooteboom seine Geschichte, mit Erinnerungen seiner unzähligen Reisen und philosophischen Gedankengängen zu Sprache, Zeit, Denken und Erinnern. Und nie ist klar, was real und was Phantasie ist, und wo er wirklich gerade ist. Spannend, verwirrend, erhellend und verschleiernd, diese Geschichte.
«… der Ätna speit Feuer nach mir, das goldene Samt des Tejo schmilzt, das Eis schmilzt auf den Bergen, die Flüsse treten schäumend über die Ufer, ich ziehe die wehrlose Welt in mein Schicksal hinein, der Wagen unter mir glüht vor Hitze, der babylonische Euphrat brennt, … « (64)
«Es war kein Raum mehr für Worte. Wie lange ich geschlafen habe, weiss ich nicht, aber wieder war es, als zöge eine unvorstellbare Kraft mich mit oder als triebe ich in einer Brandung…» (79)
«’Castor und Pollux’, hörte ich den Captain sagen. Wirklich, es schien, als wollte mich jeder in meine Vergangenheit zurückholen. Die Schultafel des Himmels war mit Latein beschrieben, und ich war kein Lehrer mehr». (102)
«Die Mythologie, die mein Leben beherrscht hatte, würde dann unwiderruflich ungültig sein, das war sie schon jetzt, für die Welt wurde sie eigentlich nur noch durch diese Konstellationen am Leben erhalten. Namen entstehen nur, wenn etwas noch lebt». (103)
«Sie mussten beide gleich alt sein, aber alt war nicht mehr die Kategorie, mit der sich ihre Leben beschreiben liessen». (104)
«Es ging an jenem Nachmittag nicht darum, was ich dachte, es ging um einen Mann, der seine Freunde tröstet, während er selbst es sein müsste, der getröstet wurde, und es ging darum, …, ein Netz von Fragen zu spinnen und dieses dann wieder in dem leeren Nichts zu verankern, in dem die Gewissheit sich selbst in Abrede stellen kann». (111)
«Keiner von uns wird je wissen, was der andere gesehen hat, wenn er dir seine Geschichte erzählt, doch welches Gesicht du auch zeigst, erkennbar oder nicht, erwartet oder unerwartet, es muss etwas mit Erfüllung zu tun haben. Ich bin neugierig». (142)
Kurze Frage zu unserer Seite
Vielen Dank für Ihr Feedback
Wir nutzen Ihr Feedback, um unsere Produktseiten zu verbessern. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir Ihnen keine Rückmeldung geben können. Falls Sie Kontakt mit uns aufnehmen möchten, können Sie sich aber gerne an unseren Kund*innenservice wenden.