Der gewaltige literarische Bilderbogen einer untergehenden Epoche.
«Der Mann ohne Eigenschaften», Musils unvollendetes Opus magnum, ist eines der wirkungsmächtigsten Werke der modernen Literatur, «ein letztes Prunkstück österreichischen Barocks, strotzend von Überfülle, Fleisch und Kostüm, Vorhang und Hintergrund, Sinnlichkeit und Reflexion». (Ernst Fischer)
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30.08.2026
Buch (Taschenbuch)
Wie aus einer Möglichkeit ein Leben wird
Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften beginnt mit einer einfachen und gefährlichen Frage: Warum sollte das, was ist, auch das sein, was sein muss?
Ulrich besitzt den berühmten Möglichkeitssinn. Er sieht hinter einer bestehenden Ordnung ihre denkbaren Alternativen. Gesellschaftliche Rollen, moralische Überzeugungen und selbst persönliche Eigenschaften verlieren dadurch ihren Anspruch auf Selbstverständlichkeit.
Musil entwickelt daraus jedoch keine philosophische Abhandlung. Er lässt eine ganze Gesellschaft denken, reden und scheitern. In der Parallelaktion soll Österreich-Ungarn eine große Idee für sein bevorstehendes Kaiserjubiläum finden. Es entstehen Komitees, Gespräche, Bedeutungen und immer neue Vorschläge – nur kaum etwas, das wirklich trägt.
Das ist außerordentlich komisch.
Und es ist mehr als Satire.
Denn die Parallelaktion spiegelt auf gesellschaftlicher Ebene ein Problem, das auch Ulrich betrifft: Die Fähigkeit, immer noch eine weitere Perspektive zu erkennen, schützt vor Dummheit und Dogmatismus. Sie garantiert aber noch keine Richtung.
Meine erste Kritik an Musil lautete deshalb, er könne hervorragend bestehende Festlegungen auflösen, aber nicht zeigen, wie man anschließend wieder zu einer tragfähigen Festlegung gelangt.
Inzwischen halte ich diese Kritik für zu einfach.
Denn eine Möglichkeit, eine Entscheidung und eine Bindung sind nicht dasselbe.
Eine Entscheidung gilt zunächst für eine konkrete Situation. Eine Bindung erzeugt Geschichte.
Eine Freundschaft kann nicht jeden Morgen als völlig neue Hypothese geprüft werden. Nicht weil Freundschaft Gewissheit verlangt. Sondern weil das, was gestern zwischen zwei Menschen geschehen ist, heute bereits Teil ihrer Beziehung geworden ist.
Vielleicht liegt genau darin der entscheidende Unterschied.
Eine Entscheidung beantwortet eine gegenwärtige Frage. Eine Bindung verändert, wie zukünftige Fragen überhaupt gestellt werden.
Wer einem Menschen über Jahre vertraut, mit ihm Krisen durchgestanden, Schuld vergeben oder Verantwortung übernommen hat, steht bei der nächsten Entscheidung nicht wieder an derselben Kreuzung wie am ersten Tag.
Vergangenheit bekommt Gewicht.
Damit verändert sich auch die zentrale Frage des Romans.
Sie lautet für mich nicht mehr:
Wann muss man aufhören, Möglichkeiten zu prüfen?
Sondern:
Wie wird aus einer Möglichkeit eine Entscheidung – und aus einer Entscheidung eine Geschichte, die spätere Entscheidungen trägt, ohne andere Möglichkeiten für immer unsichtbar zu machen?
Gerade die spätere Annäherung Ulrichs an seine Schwester Agathe verschärft diese Frage. Der „andere Zustand“ ist nicht einfach die Antwort Musils auf den Möglichkeitssinn. Er ist zunächst ein neuer Versuch: Kann es eine Erfahrung geben, deren Bedeutung nicht aus gesellschaftlicher Konvention stammt und die trotzdem mehr ist als eine weitere interessante Möglichkeit?
Entscheidend ist dabei nicht nur, ob ein solcher Zustand intensiv oder wahrhaftig erlebt werden kann.
Die härtere Frage lautet:
Kann er einen gewöhnlichen Tag überleben?
Kann aus einer Ausnahme eine Form des Lebens werden?
Kann Nähe Dauer bekommen, ohne zum Dogma zu erstarren?
Kann ein Mensch wissen, dass seine Überzeugungen fehlbar sind, und sich trotzdem wirklich binden?
Musil löst diese Fragen nicht in einer beruhigenden Synthese auf. Genau das halte ich inzwischen für eine seiner größten Leistungen.
Seine Ironie schützt auch Ulrich davor, einfach zum Helden des Romans zu werden. Der Möglichkeitssinn ist gleichzeitig Erkenntnisgewinn und Gefährdung. Die Gesellschaft, die nichts mehr infrage stellt, erstarrt. Der Mensch, der jede Verbindlichkeit wieder in eine Möglichkeit zurückverwandelt, riskiert dagegen, niemals genug Geschichte entstehen zu lassen, damit aus Entscheidungen ein Leben wird.
Zwischen beiden Extremen sucht dieser Roman.
Das macht ihn gelegentlich anstrengend. Musil lässt Gedanken länger leben, als es ein auf Handlung trainierter Leser gewohnt ist. Er wiederholt sie nicht einfach, sondern verändert ihren Blickwinkel, bis eine vermeintlich einfache Opposition nicht mehr trägt.
Darin unterscheidet sich der Roman für mich von vielen philosophischen Büchern. Musil gibt mir kein Modell, das ich nach der Lektüre übernehmen kann.
Er bringt meine eigenen Modelle in Schwierigkeiten.
Eine zunächst plausible Antwort wäre: Man entscheidet sich eben vorläufig und korrigiert sich später.
Doch auch das reicht nicht.
Liebe ist mehr als eine momentan bevorzugte Möglichkeit. Freundschaft besteht nicht aus lauter unabhängigen Einzelentscheidungen. Verantwortung bedeutet gerade, dass etwas, wozu ich mich gestern bekannt habe, morgen noch Gewicht besitzt.
Vielleicht besteht eine reife Bindung deshalb darin, eine Entscheidung nicht für endgültig wahr zu halten und ihr trotzdem genug Dauer zu geben, dass sie Geschichte erzeugen kann.
Das ist keine endgültige Lösung.
Und Musil wäre vermutlich der falsche Autor, um eine solche zu erwarten.
Aber selten hat mich ein Roman so überzeugend dazu gebracht, den Unterschied zwischen Freiheit und Beliebigkeit, zwischen Entscheidung und Bindung, zwischen Gewissheit und Verlässlichkeit genauer zu betrachten.
Man sollte ausgetretene Wege verlassen können.
Man sollte aber nicht deshalb sein ganzes Leben durchs Unterholz gehen.
Vielleicht besteht die eigentliche Kunst darin, einen Weg bewusst zu wählen, ihn wirklich zu gehen und trotzdem zu wissen, dass es andere gibt.
Und vielleicht wird ein gewählter Weg erst dann wirklich zu meinem Weg, wenn die bereits gegangene Strecke selbst ein Grund dafür geworden ist, ihn morgen weiterzugehen – ohne dass sie deshalb beweist, dass es der richtige Weg sein muss.
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