1987 wurde Joseph Brodsky, frisch gekürter Nobelpreisträger für Literatur, von Studenten gefragt, welchen russischen Prosaschriftsteller er im XX. Jahrhundert für den bedeutendsten halte. Brodsky zögerte mit einer Antwort, und als ihm Namen wie Babel, Bulgakov und Platonov zugeraunt wurden, sagte er schnell und bestimmt: »Dobyčin. Leonid Dobyčin«, einen Autor, der selbst in Rußland den wenigsten bekannt war. An ihm – er lebte 1894 bis 1936 – bestachen Brodsky die »Gogolsche Kraft«, »das geschärfte Gefühl für die Semantik«, die »Proustsche Aufmerksamkeit für das Detail (das in seiner Bedeutung die Hauptsache überwuchere)« und eine »starke Joycesche Note«, bezogen wohl vor allem auf The Dubliners.Alle diese Eigenheiten erkannte Brodsky an Dobyčins Roman Die Stadt N. (1935): »Leben in der Provinz. Alles geschieht wie immer in der russischen Provinz, genauer: nichts geschieht. Geschehen war, übrigens, die Revolution.«Die hier vorgelegten kurzen Erzählungen Dobyčin – sie erschienen zwischen 1924 und 1930 verstreut in literarischen Zeitschriften und Almanachen Leningrads – bilden so etwas wie das Manifest des erzählerischen Stils dieses Autors, der sich im übrigen theoretisch nie geäußert hat, es sei denn in aphoristischen Bemerkungen in Briefen. Dobyčins Erzählstil ist geprägt von Puskins Diktum über die künstlerische Prosa »Genauigkeit und Kürze« wie von Anton Čechovs Forderung nach »äußerster Kürze«. Diese Forderung wird von Dobyčins Erzählungen nochmals radikal reduziert auf ein Minimum des Möglichen und Allernötigsten. Die Rolle des Erzählers entfällt bzw. wird übernommen von einer imaginären, absolut objektiven Filmkamera, deren Aufnahmen eben jener »treffenden Details« mit der modernen Schnittechnik der Montage neu zusammenfügt: russische Provinz, hier die westrussische Kleinstadt Brjansk in den Jahren nach der Revolution: »Alles geschieht wie immer in der russischen Provinz, genauer: nichts geschieht.« Nur daß dieses »Nichts« in Wirklichkeit ungeheuer viel – bei Dobyčin Konzentration und Dichte erlangt, wie sie erzählerische Prosa im Russischen nie wieder erreicht hat: Dobyčin rückt die Gattung der Prosaminiatur an die Grenze zum epischen, bisweilen sogar lyrischen Gedicht.
Kundinnen und Kunden meinen
4.2/5.0
Marie-Therese Reisenauer
aus Wien
4/5
27.11.2013
Buch (Gebundene Ausgabe)
Entdeckung
Nein, es ist kein neuer junger Autor der russischen Literaturszene den es zu entdecken gilt. Vielmehr handelt es sich um einen der zahlreichen, in der Zwischenkriegszeit werkenden Autoren, die leider der Vergessenheit anfielen. Die "Freidenauer Presse" gehört zu jenen Verlagen, welche diese verborgenen Schätze nicht nur entdeckt, sondern sie auch wieder zugänglich macht. Pure, tiefe russische Erzählkunst.
Herbert Huber
aus Wasserburg a. Inn
5/5
11.02.2024
Buch (Taschenbuch)
“Pique Dame”, eine anregende, viele Frage aufwerfende und teilweise offen lassende Kurzgeschichte.
“Pique Dame” war für mich zu schnell zu Ende gelesen. Kurz vor Schluss meinte ich, es müsste noch weiter gehen. Danach hörte ich eine Lesung und war überrascht, wieviel inhaltliche Anstösse ich überlesen hatte.
“Pique Dame” ist eine Kurzgeschichte der Phantastik: das Übernatürliche, nicht Erklärbare müssen die Leser hinnehmen. Die Hauptperson Hermann, mit deutscher Abstammung, ist nach meiner Lesart kein Spieler. Er schaut zwar zu, hält sich aber strikt zurück, da er das Risiko scheut. Das ändert sich erst, als er die Chance wittert, als sicherer Sieger vom Spieltisch zu gehen. Damit ist er eigentlich auch kein Spieler, da er weiß oder zu wissen meint, dass er gewinnt. Es stellt sich die Frage, wie man die Überzeugung des (angeblich) sicheren Gewinns übernehmen kann. Puschkins Spieler geben vier, teilweise rationalisierende Erklärungen. Das Phänomen, dass auch haarsträubende Inhalte zu harten Überzeugungen werden, ist aktuell. Zudem stellt sich die ethische Frage, wie weit man bei der Durchsetzung seiner Glückssuche gehen darf. Hermann jedenfalls ist gierig genug, dass er das Mädchen Lisaweta völlig ausnutzt und über Leichen geht. Es läuft alles etwas aus dem Ruder.
Bewertung
aus Süderen
4/5
07.03.2021
Buch (Taschenbuch)
Puschkin der Goethe des Ostens
Geschichten aus einer Zeit des fremdbestimmten Lebens.
Corona lässt grüssen......
Bories vom Berg
aus München
4/5
31.03.2020
Buch (Taschenbuch)
Augenzwinkern inklusive In…
Augenzwinkern inklusive In Russland gilt Alexander Puschkin als der Nationaldichter par excellence, mit seinem Œuvre war er stilbildend als Wegbereiter der nach 1812 statt in französisch zunehmend in Landessprache geschriebenen Literatur, zugleich aber auch Vorbild für viele andere berühmte Dichter des Landes. Als Lyriker, dessen bedeutendste Werke als Versepen geschrieben sind, wandte er sich erst sieben Jahre vor seinem frühen Tod beim Duell der Prosa zu und leitete damit die Wende von der Romantik zum Realismus ein. Er hat nur drei Romane geschrieben, davon sind zwei unvollendet geblieben, wesentlich bekannter aber sind seine Erzählungen. In der vorliegenden dtv-Ausgabe «Erzählungen» von 2017 sind alle enthalten, die er selbst vollendet hat, ferner auch die drei Romane, von denen zwei nur Fragmente sind. Puschkins Urgroßvater Ibrahim, ein Kriegsgefangener aus dem äthiopischen Adel, der vom Zaren adoptiert worden war und am Hof Karriere machte, hat ihn zu dem unvollendeten Roman «Der Mohr Peters des Großen» inspiriert. Als Peter I. für ihn die Ehe mit einem adligen Fräulein arrangiert, bricht für das Mädchen eine Welt zusammen, obwohl an dem klugen, sympathischen, blendend aussehenden Bräutigam alles stimmte, - nur eben die Hautfarbe nicht. Der Ausbruch einer Cholera-Epidemie zwang Puschkin Ende 1830 zu einer dreimonatigen Quarantäne auf seinem Landgut, er nutzte die Zeit dort unter anderem, um «Die Geschichten des verstorbenen Iwan Petrowitsch Belkin» zu schreiben. Er selbst schlüpft bei diesen fünf Erzählungen ironisch in die Herausgeber-Rolle und berichtet in «Der Schuss» von einem äußerst seltsamen Duell zweier Offiziere. «Der Schneesturm» handelt von einer tragisch-komischen Eheschließung, an deren kuriosem Ausgang das Wetter schicksalhaft beteiligt ist. Zur Einweihung seines neuen Hauses lädt «Der Sargschreiner» im Suff alle von ihm Beerdigte ein. In «Der Postmeister» brennt dessen schöne Tochter mit einem durchreisenden Husaren durch. «Fräulein Bäuerin» wiederum handelt von der Liebe zwischen der Tochter eines Gutsbesitzers und dem Sohn aus einem verfeindeten Nachbarngut, gegenüber dem sie sich als Magd ausgibt. Landesverrat und eine politisch unmögliche Liebe sind Thema des Prosa-Fragments «Roslawlew», im unvollendeten Räuberroman «Dubrowskij» eskaliert der Streit zwischen benachbarten Gutsbesitzern zu einer Katastrophe. Ein Ich-Erzähler berichtet in dem spannenden historischen Roman «Die Hauptmannstochter» vom Pugatschow-Aufstand, in «Pique Dame» ist die Spielsucht das Thema, in «Kirdshali» wird die Geschichte eines berüchtigten Räubers während des Russisch-Osmanischen Krieges erzählt. Kleopatra schließlich bietet sich in «Ägyptische Nächte» jedem Manne für eine heiße Liebesnacht an und verlangt dafür nicht weniger als seinen Tod am nächsten Morgen! Stilistisch ist Puschkins Prosa durch eine straffe, dialogarme, zielgerichtete Erzählweise gekennzeichnet, die völlig unprätentiös und mit einer fein durchscheinenden Ironie das Milieu schildert, aus dem er selbst stammte, Adel und Gutsherren also. Seine durchweg sympathischen Figuren sind anschaulich beschrieben, die Männer meistens als ehemalige Offiziere, die Damen als gelangweilte Hausherrin oder Tochter in heiratsfähigem Alter. Ehen werden von den Eltern standeskonform arrangiert, was oft zu Dramen führt, wegen meist unüberwindbarer Standesgrenzen aber letztendlich doch folgsam hingenommen wird. «Der gebildete Leser weiß, dass Shakespeare und Walter Scott ihre Totengräber als fidele Possenreißer geschildert haben», heißt es in Puschkin Geschichte zu diesem Thema, an anderer Stelle lesen wir: «Sie dachte… aber lässt sich denn mit Sicherheit sagen, woran ein siebzehnjähriges Mädchen denkt, das am frühen Morgen um sechs im Walde mit sich allein ist?» Es ist dieses Augenzwinkern, das seine Figuren zuweilen sogar real zeigen, welches diese vom Plot her überaus kunstvoll angelegten Erzählungen zu einer ebenso unterhaltsamen wie bereichernden Lektüre machen.
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