Wer waren Hitlers „Söldner für den Anschluss?“ Die in Deutschland stationierte Österreichische Legion führte bisher in der zeitgeschichtlichen Forschung nur eine Schattenexistenz und war auch zahlenmäßig lediglich eine vage umrissene Größe. Die Österreichische Legion umfasste mehr als 15 000 Aktivisten der österreichischen SA. Sie alle flüchteten nach dem NSDAP-Verbot im Juni 1933 ins Deutsche Reich, eine nicht geringe Anzahl von „Legionären“ hatte zuvor in Österreich durch die Beteiligung an Terroranschlägen blutige Spuren hinterlassen. Hans Schafraneks packende Studie zeichnet anhand zahlreicher bisher unveröffentlichter Quellen ein facettenreiches Bild der Legion und ihrer Protagonisten. Durch die annähernd 150 Kurzbiografien zum Führungskorps der Legion ist das Buch zugleich ein wichtiges Nachschlagewerk zur Geschichte der österreichischen SA.
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aus Salzburg
5/5
14.12.2010
Buch (Gebundene Ausgabe)
Spannende Studie zur NS-Frühgeschichte
In seiner jüngsten, fast 500 Seiten umfassenden Monografie widmet sich der Wiener Historiker einem fast unbekannten Kapitel der unseligen deutsch-österreichischen Geschichte in der Periode zwischen 1933 und dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Er untersucht die Rolle jener über 15.000 österreichischen, fast ausnahmslos der SA angehörigen NS-Aktivisten, die nach dem Verbot der NSDAP in Österreich (Juni 1933) ins benachbarte Bayern flüchteten und hier großteils in Hilfswerklagern kaserniert waren, aber auch unzählige schwere Grenzverletzungen verursachten und als Propaganda-, Waffen- und Sprengstofflieferanten der illegalen SA in Österreich ihr Unwesen trieben. Wer einen Blick in die über 1000 Anmerkungen und das Quellenverzeichnis wirft, erkennt sofort, dass der Autor mit seinem Untersuchungsgegenstand vollständiges Neuland betreten hat, denn der Leser stößt dabei kaum auf Sekundärliteratur, dafür aber auf zahllose unbekannte Dokumente aus 12 deutschen und österreichischen Archiven.
Für die Geschichte des Dritten Reiches i n s g e s a m t mag die wechselvolle Geschichte dieser 15.000 Söldner für den Anschluss vielleicht eine Fußnote gewesen sein, wie ein Rezensent, der dem Buch gleichwohl eine Seite in der Zeit widmete, unlängst konstatierte.
Zur Charakterisierung der vorliegenden Studie taugt eine solche Einschätzung jedoch keineswegs. Denn der Autor versteht es meisterhaft, unzählige unbekannte Details aus der Geschichte jener NS-Emigranten in Deutschland auszubreiten, ohne je deren Einbettung in den übergeordneten politisch-historischen bzw. sozialen Kontext aus dem Auge zu verlieren.
Der umfangreiche biografische Teil (S. 206 S.314), dem im letzten Abschnitt nochmals 135 Kurzbiografien zum Führungskorps der Österreichischen Legion folgen (S. 393 464), präsentiert acht zum Teil sehr unterschiedliche Lebensgeschichten österreichischer Legionäre vom kleinen Betrüger, der Wiener Hausgehilfinnen um ihren bescheidenen Lohn prellt und deshalb nach Bayern flüchtet, bis hin zu einem Tiroler SA-Brigadeführer, dessen Weg von der Saalschlacht in Innsbruck (1932) bis zum Vernichtungskrieg in der Sowjetunion minutiös nachgezeichnet wird. Einer besonderen Hervorhebung bedarf schließlich jene grundlegende sozialstrukturelle Untersuchung, die Hans Schafranek anhand eines riesigen Datenmaterials in Angriff genommen hat. Unterstützt von einer Mitarbeiterin, hat er fast 150.000 (!) biografische Eckdaten zu 14.945 Legions-Angehörigen in einer Datenbank erfasst und in der Studie teilweise ausgewertet. Von etwa 12.000 Legionären konnte auch der letzte Wohnort vor der Flucht ins Deutsche Reich ermittelt werden, und dieses große Sample erlaubte es, nicht nur die Legionärsdichte, sondern auch die regionale Stärke der illegalen NS-Bewegung in j e d e m der 112 damaligen (1934) politischen Bezirke Österreichs zu ermitteln. Als Bezugsrahmen dienten dabei die Ergebnisse der Volkszählung (März 1934) in Österreich. Da die Verankerung des österreichischen Nationalsozialismus in den Jahren 1933/34 auf Bezirks- und Bundesländerebene sehr starke Unterschiede aufwies, liefert die Studie auch für zukünftige regionalhistorische und vergleichende Forschungen überaus wertvolle Grundlagen.
Zudem ist die spannende und materialreiche Untersuchung sehr gut verständlich und lesbar geschrieben, sodass sie nicht nur Fachleuten, sondern auch zeitgeschichtlich interessierten Laien vorbehaltlos zu empfehlen ist.
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