Das Erlebnis des Ersten Weltkrieges in Galizien und die darauffolgenden Jahre in Wien eröffneten Manès Sperber den Zugang zum Marxismus. Doch der junge Psychologe wollte sich nicht den Dogmen der KP beugen und so verfasste er im Jahr 1930 das bestechend klare Essay „Kulter ist Mittel, kein Zweck“. Bar jeglicher parteikonformen Engstirnigkeit philosophiert Sperber über die Phänomene des bestehenden Kulturbegriffs und deren Wirkung auf das Leben. Er analysiert die populäre Massenkultur, die Lebensbedingungen der Arbeiter in Deutschland und die Grundsätze der politischen Ökonomie. Brillant geschrieben und voller jugendlicher Emphase stellte er sein Werk seinen Parteigenossen zur Diskussion.Ein spannendes Dokument aus einer Zeit, die durch die historischen Entwicklungen schon bald ihre politische Unschuld verlieren wird.
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Thomas Fritzenwallner
aus Wiener Neustadt
5/5
29.04.2011
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ist Kunst zeitlos und zweckfrei?
Kultur hat nach Manès Sperber einen gesellschaftlichen Auftrag zu erfüllen, ist Mittel für den Zweck des Aufbaus einer sozialistischen Herrschaft. Es bedarf eines bestimmten kulturellen Niveaus, um den Sozialismus zum Einsatz kommen zu lassen. Deshalb sind Kunst und Kultur zu fördern. Man kann heute die Begeisterung kaum nachvollziehen, mit der Sperbers Generation an die Schaffung einer gerechten Weltordnung und an die Vorbildrolle der jungen sowjetischen Gesellschaft glaubte.
Manès Sperber definiert in knappen, treffenden Worten seine Kunsttheorie, erklärt die politisch wirksame Rolle einzelner Kunstgattungen, erweist sich als profunder Kenner der abendländischen Kunsttradition und der zeitgenössischen Strömungen der beginnenden Dreißigerjahre. Zu Schulungszwecken schließen sich an jedes Kapitel kritische Fragen aus den imaginären Reihen ideologischer Abweichler und konkrete Antwortvorschläge, die die Zuhörer bzw. Leser wieder auf den Pfad des Marxismus zurückholen sollen. Es sind diese dialogischen Passagen, die am lebendigsten wirken und viel über die Entstehungszeit rund um den Zweiten internationalen Kongress revolutionärer Schriftsteller in Charkow (1930) verraten.
Allein Sperbers Bewunderung für den sozial engagierten Norweger Knut Hamsun, Literaturnobelpreisträger von 1920, sollte uns zeigen, diesen Essay nicht aus der heutigen Sicht mit der Erfahrung späterer stalinistischer Verbrechen zu sehen (wohl aber mit dem Wissen über die Gräuel des Bürgerkriegs zehn Jahre zuvor, über die Grausamkeit die Kollektivierung der Landwirtschaft und die damals aktuelle Rivalität zwischen Stalin und Trotzki!). Knut Hamsun schwärmte später für den Nationalsozialismus, nach dem Zweiten Weltkrieg bewahrte ihn nur sein hohes Alter vor einer Strafe als Kollaborateur.
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