Rezension
Zwei Menschen wie Wasser und Feuer, die einander finden: Elvira Hartmann und Georg Abgott verlieben sich im Sommer 1961 Hals über Kopf ineinander, heiraten, weil bald ein Kind unterwegs ist. „Wie war das damals“, wird Amelie bis zur Trennung der Eltern nicht müde zu fragen. Die Mutter ist ein ehemaliger Schwimmstar, die „drüben“ in einer Villa aufwuchs, mit 13 beide Eltern verlor und als Verkäuferin in einem Handarbeitsgeschäft landet, der Vater, der „fesche Schorsch“, wurde „hüben“ in kleinen Verhältnissen groß und schließlich Maschinenschlosser auf einer Schiffswerft. Amelie, genannt Lili, soll ebenfalls Schwimmerin werden. Aus ihrer Sicht wird im Roman Wassermoleküle das Heranwachsen in einer österreichischen Provinzstadt erzählt. Die Handlung entwickelt sich in vielen kleinen Geschichten, Anekdoten, Erinnerungen von 1961 bis 1988. Lesend erleben wir den Alltag ehrbarer wie weniger ehrbarer Leute, erfahren von ihren Stärken und Schwächen, vom Glück wie den Abgründen der Liebe und des Zusammenlebens, vom Scheitern und den (Un)Möglichkeiten der Lebensgestaltung in jenen Jahre. Es ist ein sehr genaues Bild, das Ingrid Maria Lang mit ihrer Sprache für uns zeichnet. Was für ein Reichtum an Metaphern und Vergleichen, oft liebevoll, manchmal brutal, ohne dabei jemals kitschig zu werden! Gleich im Prolog sehe ich ein Paddelboot, „grün und rot wie eine Melonenspalte“. Eine sexuelle Annäherung wird mit „er. schlabbert jetzt mit der Zunge über meinen Hals“ beschrieben. Zahlreiche Austriazismen, der subtile Humor wie auch gröbere Spötteleien machten der Rezensentin das Lesen zum Vergnügen. Darüber hinaus war ich als Kind jener Zeit vom Spiel der Autorin mit Songs, Literaturzitaten und Filmtiteln (alle Quellen sind im Anhang aufgelistet!) angetan, weil sich darunter eigene Erinnerungen an ein luzides Hören, Sehen, Fühlen mischten. Aus den Seiten riecht es nach Schweiß, Lavendel, Chlorwasser, Nikotin, Weinbrand und ausgekochten Schweinsfüßen, es dampft das pure Leben als Mischung aus Anmut und Grobschlächtigkeit. Denn: „Manchmal bist du Hammer, manchmal. Amboss“ im Wechsel zwischen „Sweet little Thirteen“ und „Kinderland ist abgebrannt“. Ein wundervolles Debüt, eine neue, eigene Stimme. Große Leseempfehlung!Monika Vasik, podium 163/164 "unsterblich", 2012 „In allen Facetten gelungen Ingrid Maria Langs Roman „Wassermoleküle“ ist die fesselnde Geschichte eines heranwachsenden Mädchens, das sich in einer auseinanderbrechenden und verändernden Welt zurechtfinden lernen muss. Eingebettet in einer lyrischen Sprache entführt sie den Leser in das Milieu einer Kleinstadt am Fluss, dringt tief in die Psyche ihrer Figuren ein, zeigt ihre Stärken und Schwächen, entwirft ein vielschichtiges Bild einer Jahrzehnte zurückliegenden Welt, so lebendig wie die Lieder, die sie zitiert. Ein in allen Facetten gelungenes Debut einer österreichischen Autorin.“ Georg Elterlein„…Und nun spielt mir dieser Tage der Zufall einen Roman mit dem seltsamen Titel "Wassermoleküle" in die Hände: angefangen zu blättern, dann angefangen zu lesen und dann nicht mehr aufgehört. Ohne großes Getön und schmucke Vorankündigungen ist dieser Roman aufgetaucht, der mit jeder Zeile daran erinnert, wie anschmiegsam weich Sprache sein kann, wenn man damit umzugehen versteht…“ Sibylle Schmitz