Seit dem Ende des Krieges im ehemaligen Jugoslawien wurden dem Internationalen Komitee des Roten Kreuzes mehr als 30.000 Menschen als vermisst gemeldet. Bis heute konnten nur etwa 15.000 Personen identifiziert werden. Das ist der Hintergrund der Geschichte, die Anna Kim in ihrem zweiten Buch erzählt: die Suche eines Kosovaren nach seiner verschwundenen Frau und das allmähliche Eindringen der Ich-Erzählerin in die komplexen Zusammenhänge hinter diesem traumatisierenden Ereignis. Sie lernt nicht nur das alltägliche Leben in den albanisch-serbischen Konfliktzonen des Kosovo kennen, die schockierende Arbeit der Archäologen und forensischen Mediziner und Anthropologen, die Fragebögen zur Erhebung der 'Ante-Mortem-Daten' des Roten Kreuzes – es öffnen sich vor allem die Dimensionen von Erinnerung und Erinnerungsverlust, von unterbrochenen Biografien, von 'gefrorener Zeit'. In diesem außergewöhnlichen Buch setzt Anna Kim die Arbeit ihres Debütbandes Die Bilderspur an den Themen ›Fremde‹, ›Fremdheit‹, ›gebrochene Lebensläufe‹ mit bedrückender Aktualität fort. Aber nicht nur die Zeitgeschichte ist es, was sie interessiert, sondern die sprachliche Abbildbarkeit eines unverständlichen Schreckens, die Frage nach den richtigen Wörtern und Sätzen für das ›ganz Andere‹.
Kundinnen und Kunden meinen
5.0/5.0
Anna Wieland
aus Innsbruck
5/5
17.11.2010
Buch (Gebundene Ausgabe)
Packend und berührend
Für den Roman, der hier vorgestellt werden soll, gibt es einen realen Hintergrund: Seit dem Ende des Krieges im ehemaligen Jugoslawien wurden dem Internationalen Komitee des Roten Kreuzes mehr als 30.000 Menschen als vermisst gemeldet. Bis heute konnten nur etwa 15.000 Personen identifiziert werden. Auf diese Tatsache baut Anna Kim ihr gründlich recherchiertes Buch auf.
Es gibt eine Ich- Erzählerin, eine junge Frau. Sie heißt Nora und arbeitet beim Roten Kreuz in Wien. Ihre Aufgabe ist es, die Daten der Vermissten aufzunehmen. Eines Tages steht Luan vor ihr, ein junger Kosovo- Albaner, der seine Frau Fahrie sucht. Luan muss einen sogenannten Ante- Mortem- Fragebogen ausfüllen, den Nora mit ihm gemeinsam durchgeht. Da werden ebenso banale wie intime Fragen gestellt: Wie sah sie aus, was trug sie, welche Gewohnheiten hatte sie ? Luan hat manchmal Mühe, seine Frau, die er vor sieben Jahren zum letzten Mal gesehen hat, genau vor Augen zu haben. Und hier deuten sich schon zwei große Themen des Buches an: Es geht um Erinnern und allmähliches Vergessen, es geht um Identität: Was bleibt von einem Menschen? Woraus setzt sich das Selbst zusammen? Ist ein Mensch wirklich das, was aus einem Ante- Mortem- Fragebogen hervorgeht? Zwischen Nora und Luan entwickelt sich eine Liebesbeziehung. Doch die Affäre muss streng geheim bleiben und folgt strengen Regeln. Das schlechte Gewissen begleitet die beiden ständig. Schließlich bekommt Luan einen Anruf: Fahrie wurde gefunden. Sie ist tot. Sie lag in einem Massengrab in der Nähe von Pristine. Er bittet Nora, ihn in seine Heimat zu begleiten. Nora willigt ein und kommt in eine archaische Gesellschaft, die voller Regeln und Verbote ist. Alles ist genau festgelegt, Bräuche und Konventionen haben Gesetzesstatus. Diese Rituale und Gesetze bilden ein steifes Korsett, aber auch einen festen Halt und Kraft in den Zeiten des Grauens.
Anna Kim hat ein sehr berührendes und kunstvoll komponiertes Buch geschrieben, ein politsches und aktuelles und gleichzeitig setzt sie sich mit großen Themen auseinander: Liebe, Trauer, Schuld, das Selbst, Heimat und Fremdheit. Und sie tut das in einer sehr zarten, poetischen und doch sachlich- kühlen Sprache. Sie hat eine angemessene Form gefunden, das Unsagbare sagbar zu machen.
Anna Kim wurde 1977 in Südkorea geboren und kam 1979 nach Europa. Sie studierte Philosophie und Theaterwissenschaft und sie lebt in Wien.
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