Die Veröffentlichung von Darwins Entstehung der Arten war eine Revolution, die nicht nur die wissenschaftliche, sondern auch die gesamte geistige Welt in ihren Grundfesten erschütterte. Die Stellung des Menschen in der Schöpfung mußte danach neu definiert werden. Charles Darwins Autobiographie – 1876 geschrieben, »für meine Kinder und deren Kinder« – zeigt den großen Naturforscher nicht nur von seiner ganz privaten Seite, sondern gibt auch Einblicke in die Entwicklung seines wissenschaftlichen Denkens und die Entstehung seiner Theorien.
Erstmals im Taschenbuch: die vollständige Ausgabe der »Autobiographie« des großen Naturforschers
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Ein wissenschaftlicher Revolutionär
Stefan Heidsiek aus Darmstadt am 20.01.2021
Bewertungsnummer: 768303
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Wer sich heute mit Darwins Theorien befasst, dem stehen staubtrockene Lektüren bevor, die allesamt äußerst informativ und erhellend, allerdings auch wenig unterhaltsam sind. So zumindest meine Annahme, bevor ich in den Besitz von Charles Darwins Autobiographie Mein Leben kam und diese las. Vom Insel Verlag erstmals in vollständiger Ausgabe und als Taschenbuch veröffentlicht, erlaubt es dem geneigten Leser einen Blick auf die ganz private Seite des großen Naturforschers und gibt Einblicke in die Entwicklung seines wissenschaftlichen, aber auch theologischen Denkens. Darwin schrieb das Buch ursprünglich in pädagogischer Absicht, zur Belehrung und Bildung seiner Kinder und Enkelkinder. In gerade mal drei Monaten verfasst, zeichnet es den Weg vom jungen, eher faulen Schüler bis hin zum anerkannten, aber auch umstrittenen Naturforscher nach, der es, trotz jahrelanger, kräftezehrender Krankheit, dank seiner unglaublichen Willenskraft und Arbeitsdisziplin zu einer eindrucksvollen Vielzahl von Veröffentlichungen bringen konnte.
Der eigentliche autobiographische Teil von Mein Leben umfasst dabei ca. 158 Seiten und ist auch gleichzeitig der interessanteste Part des gesamten Buches. Darwin überrascht mit einer flüssig zu lesenden, sympathischen Schreibe, welche überraschend viel Wortwitz enthält und den in meiner Vorstellung so biederen Wissenschaftler in völlig neuem Licht erscheinen lässt. Rückblickend beschönigt er auch eigene Fehler und Irrtümer nicht, wobei er die Bescheidenheit nur so weit gehen lässt, als sie glaubwürdig bleibt. Viele Anekdoten seiner Kindheit und Jugend vervollständigen das Bild Darwins und nehmen auch heutigen Kritikern viele ihrer Argumente. Wieviele theologische Eiferer wissen denn schon, dass Charles Darwin um ein Haar fast selber Pfarrer geworden wäre? Sein Weg vom jungen Lausebengel zur späteren Koryphäe der Wissenschaft ist gekennzeichnet durch die Unterstützung vieler Freunde und Verwandter, welche ihn immer wieder seine Karriere förderten und in den schwierigen Phasen seines Lebens Rückhalt gaben. Unter ihnen waren so bekannte Persönlichkeiten wie Alexander von Humboldt, den Darwin sehr bewunderte. Aber auch seine Gegner spart er nicht aus. Dem berühmt-berüchtigten Streit zwischen ihm und Samuel Butler wird gleich ein ganz eigenes Kapitel im Anhang eingeräumt.
Dieser Anhang liest sich letztendlich ziemlich zäh, wenngleich man als Leser nochmals nähere Informationen zu Darwins' Familie, z.B. seinem Großvater Dr. Erasmus Darwin, vorfindet. Es ist schon eine Ironie der Geschichte, dass dieser fast hundert Jahre zuvor die selben Denkansätze zeigte, um letztendlich aber doch eine völlig andere Theorie als sein Enkel zu vertreten. Da an dieser Stelle vieles aus wissenschaftlichen Abhandlungen anderer Autoren übernommen wurde, wird der Lesefluss durch viel Fachchinesisch erheblich verschlechtert. Zudem wiederholen sich einige Informationen, weshalb ein Lektor an dieser Stelle wohl hätte kürzend eingreifen müssen.
Insgesamt ist Mein Leben von Charles Darwin jedoch eine ungemein informative und lesenswerte Autobiographie, welche neue Facetten des bekannte Naturforschers aufzuzeigen vermag und daher auch jenen zu empfehlen ist, die seine anderen, fachbezogenen Werke bereits kennen. Darwins Theorien waren und sind die gewaltigste wissenschaftliche Revolution seit den Anfängen der Wissenschaft. Und Herausgeber Ernst Mayr hat völlig recht, wenn er im Anhang folgendes sagt: Unsere Ehrerbietung gehört dem Mann, dem wir diese Revolution verdanken Charles Darwin.
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