In systematischer Absicht verfolgen die Autoren die Geschichte des Holismus in der analytischen und der (neo-)strukturalistischen Sprachphilosophie – von Hilbert und Saussure bis hin zu Derrida und Davidson. In der Konsequenz dieser Darlegung kommt es zu einer weitreichenden Revision sowohl des linguistic turn als auch der neueren Versuche, diesen zugunsten verschiedener Spielarten der Philosophie des Geistes zu verabschieden. »In der Welt der Sprache« zu sein heißt, als sprachlich Handelnde inmitten der sozialen und naturalen Welt zu sein, die für die Beteiligten auf eine besondere Weise zugänglich und hierdurch bedeutsam wird.
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18.01.2021
Buch (Taschenbuch)
Postformalistischer semantischer Holismus
Bertram et al verschaffen uns mit dem vorliegenden Buch einen Überblick zur strukturalistischen bzw. neostrukturalistischen Sprachphilosophie. Der Holismus bedeutet, dass die Elemente (z.B. von Zeichen innerhalb semiotischer Systeme, also auch Sprache) durch ihre Strukturbeziehungen vollständig determiniert sind. Sich Bedeutung - wie die eines Satzes - nur aus der Relation zu anderen ergeben kann. Das klingt soweit recht einfach und annehmbar. Problematisch wird, wie sich Sprache (Begriffe) und Bedeutung konstituieren. Bertram et al reißen die wensentlichen Theoriegebäude ab, um in die Problematik der Sprache einzuführen. U.a. begegnet der Leser dem semantischen Strukturalismus von Saussure (Signifikant-Signifikat, parole-langue), der Dynamisierung sprachlicher Strukturen von R. Jakobson (Sprache als "System von Systemen"), der Algebra der Sprache von Hjelmslev, dem formalistischen semantischen Holismus (welt-unabhängiges Sprachsystem), dem semantisch-holistischen Postformalismus (Welthaltigkeit der Sprache) - hier treten auch die wirklich interessanten Theorien auf, nämlich die der Wahrnehmnung, die m.E. mit der Sprache zusammengedacht werden muss (die Autoren nehmen Bezug auf Merleau-Ponty ["être au monde] und seiner Semantikkonstitution in der Artikulation von Wahrnehmungskorrelationen, auch auf Derrida [Zeichen als Spuren von Gegegnständen], auf Davidsons Triangulation und endlich auf McDowells "Geist und Welt" - Erfahrung sei ein irreduzibles Moment der Explikation der menschlichen Weltoffenheit).
Was ist festzuhalten? Postformalismus versteht Sprache nicht als autonome Entität (wenn ich es richtig verstanden habe) außerhalb der Welt, sondern sieht den begrifflichen Gehalt durch Beziehungen der Sprache ZUR WELT konstituiert. Somit soll zum einen einer naturalistischen Reduktion ausgewichen werden, die versucht, das Phänomen der Sprache "materialistisch" ein einem In-der-Welt-Sein zu bestimmen, zum anderen aber auch einem idealistischen Reduktionismus, der Sprache als "idelle Entität" des Geistes (was "naturgemäß" ein Widerspruch wäre) begreifen will. Ich erkenne eine Art Dualisms: der Zugang der Welt ist durch die Sprache gegeben, die ihrerseits die Welt als erfahrbaren Zugang "bedeutet" in einem dynamisch-interdependenten Modell aus Welt-Wahrnehmung und Geist, der das Paradoxon von Semantik trotz Anwesenheit oder Abwesenheit von Welt einhergehen lässt.
Abschließend noch eine Bemerkung zu Derrida. Seine sprachphilosophischen Errungenschaften in allen Ehren, aber 1. erscheint mir hier wieder eine Entfernung von der Welt stattzufinden, denn Aussgen wie "Différance lässt sich somit als eine Kraft (?) verstehen, die für die differentiellen Beziehungen, in denen Zeichen als gebrauchte Zeichengegenstände zueinander stehen, konstituiv sind" sind mehr verwirrend als erhellend, und 2. wird seine Dekonstruktion in der Exegese von Texten all zu oft methodisch (was natürlich nicht ganz richtig ist) angewendet, somit der Hermeneutik ein Schnippchen geschlagen, die den Text - losgelöst von Verfasser, geschichtlicher Einordnung etc. - entsinnt, als würde es Sinn machen in der Dichtung, deren Aufgabe es auch ist, das Spiel mit den Wörtern zu ästhetischen Verknüpfungen zu treiben, deren Unsinn oder Bedeutungsfrage zu evozieren, wobei ich glaube, dass Derridas Dekonstruktionsbegriff - semantischerweise - missdeutet ist.
Das Buch ist freilich sehr empfehlenswert, nicht zuletzt auch als eine aktuelle Zusammenfassung der Sprache als holistisches Phänomen.
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