Im April 1978 beschließt Roland Barthes, einen Roman zu schreiben, kommt aber über Stichworte nicht hinaus. Die Erfahrung dieses Scheiterns macht er in den folgenden Jahren zum Thema der theoretischen Arbeit: Er widmet dem Übergang »vom Schreiben-Wollen zum Schreiben-Können« zwei Vorlesungen am Collège de France. Darin geht er der Frage nach, wie aus verstreuten Ideen ein Textkontinuum entsteht, das einen »Realitätseffekt« erzeugt. Er behandelt aber auch, am Beispiel von Proust, Flaubert und Tolstoi, den Prozeß des Schreibens sowie die »diätetischen Regeln«, denen sich die Autoren unterwerfen – die Einsamkeit, die Nacht, die Stimulanzien …
Kundinnen und Kunden meinen
4.0/5.0
Zitronenblau
4/5
27.10.2012
Buch (Taschenbuch)
Schriftsteller = der Mensch des Zwischenraums
Roland Barthes Vorlesungsband gehört ungefähr zur Romantheorie: besser zu einer Roman-Praxis.
Schon in der ersten Sitzung nennt er eine conditio sine qua non des Romanschreibens: Dieses Prinzip ist ein allgemeiner Grundsatz: Das Unerträgliche ist die Verdrängung des Subjekts welche Risiken die Subjektivität auch enthalten mag. Schon allein dieser Satz macht eine Tür zu einem Diskurs auf, den wir hier aber nicht vertiefen werden. Nur soviel sei gesagt, dass Barthes im Subjekt die Möglichkeit des Imaginierens verankert: Ort der Phantasie, folgerecht meint er: Was ich Roman nenne, ist also vorläufig ein Phantasieobjekt, das nicht Gegenstand irgendeiner (wissenschaftlichen, historischen, sozilogischen) Metasprache sein will. Der Franzose wird nun aber erst einmal nicht weiter auf den Roman als solchen eingehen, sondern das Haiko heranziehen daher irritiert der Titel des Buches natürlich auf den ersten Blick. Doch abgesehen von der Analyse des Haikos geht es Barthes um einen zentralen Aspekt: die Imago bzw. das Bild: die Plötzlichkeit des Festhaltens (vgl. Photographie) aber (um es poetisch auszudrücken) geschwängert vom Zauber der Klarheit (der Erkenntnis), dass etwas... Daher wundert es nicht im Geringsten, dass Barthes in einer Schlusssitzung Das Notierenswerte überführt in Das Leben in der Form des Satzes unter Einbeziehung der aquinatischen Quidditas (Washeit, dass etwas...), das Epiphanische, Affekthafte. Das Erscheinen der Aufzeichnung ist das Auftauchen eines Satzes > Trieb, Genießen des Notierens > Genuß daran, einen Satz hervorzubringen.
Ein starkes Signal ist, dass er den Schreiber auch als Leser sieht (s. 3 Arten der Lust: Volupia, Pothos, Schreiblust). Hier nun vermisst der Franzose den Raum des Schreibens und illuminiert die konstitutiven Bereiche: Umgebung, Tageszeit und der Schreibtisch als Lebensmittelpunkt, Nahrung, Krankheit (vielleicht auch als Motiv?), Familie bzw. Liebe und Tod des Autors, Praxis des Schreibens und Askese, Formen des Schreibens (s. u. das totale Buch), Blockaden. Auch der Roman selber wird nun ins Licht gezogen, jedoch mit keinem niedrigeren Anspruch als das Schreiben des so g. Totalen Buches (Projekt Mallarmés), woraufhin ich nur sagen kann: lese den Joyceschen Finnegans Wake oder aber den Versuch der novela total La casa verde (Das grüne Haus) von Mario Vargas Llosa. An dieser Stelle muss man Barthes allerdings eine leicht pseudoprofessorable Haltung zuweisen, nämlich dort, wo er besonders auf Mallarmés Nichts eingeht und schreibt: siehe dazu die Rolle Hegels in seinem Denken das voraussetzt diesen Großmeister allen Denkens wenigstens stellenweise studiert zu haben, da kann man nicht einfach mal so dazu sehen...!
Ferner geht Barthes auf diesen Drang ein. Man arbeitet an dem Werk wie ein Besessener, um es zu beenden sobald es fertig ist, beginnt man ein anderes, unter den gleichen trügerischen Bedingungen [...].
Und es kristallisiert sich am Ende Barthes existenzialistische Einstellung zum Schreiben heraus: [...] was ich unter Vorbereitung des Romans verstehe: nämlich den Roman als Werk der Liebe, als Werk, mit dem man eine gewisse Liebe zur Welt ausdrückt.
Kurze Frage zu unserer Seite
Vielen Dank für Ihr Feedback
Wir nutzen Ihr Feedback, um unsere Produktseiten zu verbessern. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir Ihnen keine Rückmeldung geben können. Falls Sie Kontakt mit uns aufnehmen möchten, können Sie sich aber gerne an unseren Kund*innenservice wenden.