Eine waldige Vorstadtgegend. Ein Jahrzehnt dort. Dann das Jahr. Sieben ferne Freunde. Eine verschwundene Frau. Wer? Wer nicht? Wo? Wo nicht? Der Bahnhofsplatz mit dem Baum, worin die Vögel schlafen. Die Bar der Reisenden. Die Jahreszeiten. Die Pilze. Die Wanderarbeiter. Die Nachbarn. Die Grillen. Kriege, Vulkanausbruch, heiße Quellen. Ein Steinmetz aus dem Mittelalter. Ein kleinlicher Prophet. Das Kind namens Vladimir. Die Fabel vom Lärmmacher, der gesteinigt wird von den Ureinwohnern. Die blaue russische Kirche am Waldrand. Und dann das Wiedersehensfest mit den Freunden in einer Winterrauhnacht kurz vor dem neuen Jahr.
Kundinnen und Kunden meinen
3.5/5.0
EMundWE
aus Österreich
5/5
15.02.2013
Buch (Taschenbuch)
Die Welt (neu) sehen (lernen)
Handkes Schilderungen von seinem 'Jahr in der Niemandsbucht' führen einem die Welt auf eine Weise vor Augen, wie man sie ansonsten zu übersehen geneigt ist. Wunderbar unaufgeregt aber leidenschaftlich! Anregung für eigene Wahrnehmung!
Die Passagen, welche die Reisen der Freunde des Erzählers beschreiben, sind die Schwäche des Buches, das diese im Gesamten aber auszugleichen vermag!
Veronika Fischer
aus Wien
5/5
25.11.2012
Buch (Taschenbuch)
Innere und äußere Leeren
Wer an dem Jahr in der Niemandsbucht keinen Gefallen findet, der muss gezwungen worden sein das Buch zu lesen. Wer bildhafte Sprache für das eigene Kopfkino instrumentalisieren kann, findet hier ein Paradies der Empfindungen, Geschmäcker und vor allem Gerüche vor. Den Holzstrunk, an dem der Erzähler in seinem Jahr in der Niemandsbucht lehnt, den Regen, der ihn immer wieder beim Schreiben unterbricht, die Pilze, die sich dem Suchenden an den unmöglichsten Plätzen zu Sehen geben - man kann sie alle riechen. Aber gerade bei einem so seitenstarken Buch muss man es wirklich wollen.
Wer sich die inneren (der Erzähler erlebt sie, trotz seiner Geschäftigkeit, ständig, scheint sie aber nicht immerzu als solche zu empfinden) und äußeren (sein Drängen in die Einsamkeit) Leeren des Erzählers vorstellen und sich in sie hineinversetzen kann, auch ohne sie plakativ beschrieben zu bekommen, darf sich freuen in "Mein Jahr in der Niemandsbucht" in eben diesen zu baden. Bekommt man das Buch aufgezwungen - sei es auch von sich selbst - droht man eher in ihnen zu ertrinken.
(Für Handke-Neueinsteiger nicht unbedingt zu empfehlen)
Bories vom Berg
aus München
3/5
06.11.2019
Buch (Taschenbuch)
Nichts für «Lesefutterknechte»…
Nichts für «Lesefutterknechte» Im riesigen Œuvre von Peter Handke stellt «Mein Jahr in der Niemandsbucht» mit dem Untertitel «Ein Märchen aus den neuen Zeiten» das Opus magnum dar. Das 1994 erschienene Buch ist autobiografisch geprägt, es beschäftigt sich mit dem mühsamen Selbstfindungsprozess eines Schriftstellers. Handke ist mit dem diesjährigen Nobelpreis geehrt worden «für ein einflussreiches Werk, das mit sprachlichem Einfallsreichtum Randbereiche und die Spezifität menschlicher Erfahrungen ausgelotet hat». Als Enfant terrible der österreichischen Literatur ist er wegen seiner politischen - um ein auf Tolstoi gemünztes Wort von Thomas Mann zu benutzen - «Riesentölpelei», die Balkankriege betreffend, erneut heftig umstritten. Was die Spannung vor der Bekanntgabe der diesmal ja zwei Preisträger anbelangt, hat Dennis Scheck erklärt, er nehme an, «dass sich Reinhard Mey in der Nähe seines Telefons aufgehalten habe», damit süffisant auf die umstrittene Preisvergabe an Bob Dylan anspielend. Rein literarisch ist Peter Handke allerdings unumstritten, er ist geradezu eine Lichtgestalt der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur, von niemandem übertroffen. Der vorliegende, als Märchen deklarierte Band aus der Mitte seiner Schaffenszeit ist ein eindrucksvoller Beleg dafür. Gregor Keuschnig, der fiktive Ich-Erzähler, ist auf der Suche nach seinem Platz in der Welt. «Einmal in meinem Leben habe ich bis jetzt die Verwandlung erfahren», lautet der erste Satz, der verzweifelnde Held befindet sich in einer Lebens- und Schaffenskrise. In der nahen Zukunft 1997 angesiedelt, handelt es sich dabei in erster Hinsicht um ein zu schreibendes Buch, das der nahe Paris in einem Vorort allein wohnende, von seiner Frau verlassene Chronist zu schreiben gedenkt, er hat sich ein Jahr Zeit für diese Klausur über sein verfehltes Leben genommen. Als seine «Niemandsbucht» bezeichnet er das in einem Wald jenseits der Seine-Höhenzüge gelegene Tal, in dem der Österreicher sich vor Jahren ein Haus gekauft hat. In einem breit angelegten Erinnerungsprozess beschreibt der meist im Freien, an verschiedenen Plätzen im Wald sitzende Schriftsteller minutiös seine Suche nach dem Wesen der Dinge und Begebenheiten, dabei einer Ästhetik folgend, die den Prozess der Wahrnehmung als solchen im Fokus hat. Die erhabensten Momente sind für ihn die Augenblicke, in denen er sich mit dem, was er unermüdlich erschaut hat, in stillem Einklang befindet. Im mittleren Teil dieses Buches vom Scheitern werden märchenartig die Geschichten seiner sieben auf der ganzen Welt herumstreunenden Freunde dargestellt, zu denen er auch seinen Sohn zählt. Auf die Kritik seiner Frau an seinem sehr speziellen, anspruchsvollen Schreibstil reagierte er gereizt: «Und wenn ich dann weiterwetterte gegen die Bücher, die keinen Erzähler mehr hätten, sondern einen Conférencier, gegen alle die Lesefutterknechte mit einem so aufbereiteten Stoff, dass daran mehr zu lesen bliebe, meinte sie, neidisch sei ich auch». Die Problematik dieser in sich selbst kreisenden, narrativen Form wird überreich kompensiert durch eine fast unglaubliche sprachliche Präzision, eine üppige, oft verblüffende Wortgewalt. Diese im Kern spröde Beschreibungskunst widmet sich gleichermaßen detailliert und gekonnt der Natur und den Dingen wie auch den Menschen und der Gesellschaft in ihrem Wesen, - Politik, Ökonomie oder Psyche werden dabei rigoros ausgeblendet. Letzteres aber gilt nicht für ihn selbst, als Solipsist beschäftigt er sich unablässig mit sich selbst, mit jeder noch so kleinsten Regung seines depressiv veranlagten Gemüts. Diese Utopie des Erzählens ohne Handlung ist für den Leser ein strenges Exerzitium, in dem der langatmige Umweg das Ziel ist. Also nichts für «Lesefutterknechte», bei denen allein der Plot zählt und nicht eine Sprachkunst, welche die stimmigen Bilder im Kopf sinnlich durch Hören, Fühlen, Riechen und Schmecken zu ergänzen vermag, - fürwahr eine selten anzutreffende narrative Fähigkeit!
Bewertung
aus Bern
1/5
22.10.2011
Buch (Taschenbuch)
looongweilig
Selten ein so langweiliges Buch von Handke gelesen. Irgendwie dümpelt es in bemühenden Nörgeleien herum und die Geschichten seiner Freunde erschienen mir derart öde und nichtssagend, dass ich bald nur noch querlesen konnte. Ich mag seine dünnen Bände aus den 70ern und lese öfter darin seit 40 Jahren. Aber dieses ellenlange Werk war für mich die grösste Qual und ich könnte es niemals jemandem empfehlen. Vertane Zeit.
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