Zahlreiche NS-Kriegsverbrecher, unter ihnen Josef Mengele, Adolf Eichmann und Erich Priebke, entzogen sich der drohenden Strafverfolgung nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes durch Flucht nach Übersee. Als Fluchthelfer dienten vor allem internationale Organisationen wie das Rote Kreuz, das vielen ehemaligen Nationalsozialisten neue Identitäten beschaffte. Aber auch kirchliche Kreise spielten eine entscheidende Rolle bei der Flucht von Kriegsverbrechern nach Südamerika oder in arabische Staaten. Präzise zeichnet Gerald Steinacher die Fluchtwege von NS-Tätern nach, insbesondere die von den US-amerikanischen Geheimdiensten als „Rattenlinie“ bezeichnete Fluchtroute über Südtirol nach Rom oder Genua und von dort weiter nach Übersee. Er hinterfragt die Beteiligung der katholischen, aber auch der evangelischen Kirche sowie humanitärer Organisationen und beschreibt die vielfältigen Beziehungsgeflechte, auf die ehemalige Nationalsozialisten auf ihrer Flucht zurückgreifen konnten. Der Band trägt so entscheidend dazu bei, eines der dunklen Kapitel der europäischen Nachkriegsgeschichte zu beleuchten.
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5.0/5.0
Katja Kaygin
aus Hamburg / Oberhausen
5/5
11.03.2021
Buch (Taschenbuch)
Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar
Dieses Buch ist die gekürzte Fassung der Habilitationsschrift des Autors Dr. Gerald Steinacher zum Thema, wie Nazis über die sogenannten Rattenlinien ins Ausland flüchten konnten.
Der erste Teil des Buches führt in das Chaos der Nachkriegsjahre in Italien ein und erst beim Lesen wurde mir so richtig bewußt, was dies hieß: Kriegsverbrecher waren gemeinsam mit Vertriebenen, Kollaborateuren, Antikommunisten, Deserteuren, Kriegsgefangenen, Soldaten und Verschleppten auf der Flucht. Ein totales Chaos in dem sich Millionen Flüchtlinge befanden und das den Nazi-Flüchtlingen Tor und Tür öffnete. So wurden Genua und Rom zur Drehscheibe für die Auswanderung von Deutschen und Österreichern nach Argentinien. Italien war möglichst bestrebt, den Auswanderwilligen keine Steine in den Weg zu legen, um das Chaos im Land zu verringern. Und das Schlepper- und Schmugglerwesen blühte, denn die Fluchthilfe wurde vom Herbst 1945 bis Sommer 1946 quasi zu einem Nebenerwerb der Alpengrenzregion Südtirol.
Äußerst interessant ist in dem Zusammenhang auch der Status des Grenzlandes Südtirol, der in dem Buch näher erläutert wird. Mit Kriegsende war weiterhin ungewiß, wohin Südtirol gehörte und die Optanten für Deutschland galten als staatenlose Volksdeutsche und hatten somit ein Anrecht auf einen Reisepass des Roten Kreuzes. Da niemand die wahren Identitäten nachhalten konnte, kam es zu vielen Falschbeurkundungen. Und weiterhin gab es keine direkte Kontrolle einer allierten Militärregierung in Südtirol, was eben die Fluchtmöglichkeiten erleichterte.
Und auch der Vatikan war in die Fluchthilfe von Nazis verstrickt. 1948 arbeiteten z.B. das State Department und die CIA mit dem Vatikan und der NCWC Hand in Hand, um einen Wahlsieg der italienischen Kommunisten bei den Parlamentswahlen zu verhindern. (S. 126) Und eine Eintrittskarte für einen sicheren Fluchtweg nach Italien war eine christliche Taufe der Nazi Verbrecher, denn nur Getauften wurde zur Ausreise verholfen wurde. Hochinteressant sind auch die weiteren Kapitel über die Rattenlinien, das Unternehmen Bernhard (eine großangelegte Operation der SS zur Fälschung englischer Pfundnoten) und das Auswanderziel Argentinien.
Ein absolut bestechend gut recherchiertes und ungemein spannendes Buch. Wer wirklich etwas hinzu lernen will, der sollte dieses Buch unbedingt lesen. Dem Autoren möchte ich für die Mühe und Akribie danken, die er hierfür aufgewandt hat.
Mario Pf.
aus Oberösterreich
5/5
15.09.2008
Buch (Taschenbuch)
Auf den Spuren der Rattenlinien
In der Diskussion um die Flucht prominenter Nazi-Kriegsverbrecher wie Josef Mengele oder Adolf Eichmann ist schon viel spekuliert worden, nicht zuletzt durch Frederick Forsysths im Zusammenarbeit mit Simon Wiesenthal entstandenen Thriller "Die Akte Odessa". Darin spielt der Bestsellerautor von "Der Schakal" mit der Theorie von einer Organisation der ehemaligen SS-Angehörigen, welche nach Kriegsende vielen Nazi-Größen die Flucht aus Europa ermöglicht haben soll und sich der Errichtung eines Vierten Reiches verschrieben hat. Doch "Die Wirklichkeit war komplizierter, das Netz der Fluchtwege war weit verzweigt, es gab kein straff gesteuertes System von Fluchtorganisation" (S. 7) stellt Univ.-Doz. Dr. Gerald Steinacher klar und verweist den Odessa-Mythos dorthin, wohin er gehört, in das Reich der nicht ganz unspannenden Fiktion.
Die komplexe Realität der Dr. Steinacher in "Nazis auf der Flucht Wie Kriegsverbrecher über Italien nach Übersee entkamen" nachspürt ist jene, dass in den Nachkriegsjahren viele Kriegsverbrecher und prominenter Nationalsozialisten über Südtirol nach Italien entkommen konnten und dort mit neuen Identitäten, in der Masse der Flüchtlinge durch passive und aktive Hilfe diverser Hilfsstellen und Behörden nach Übersee entkommen konnten. Diese Rattenlinien, wie sie die Geheimdienste bezeichneten, waren selbigen alles andere als unbekannt und auch US-Geheimdienste hatten bei der Evakuierung von potentiellen Informanten und Wissenschaftlern ihre Hände im Spiel, etwas das in US-Archiven auch gut nachverfolgen lässt. In den Vereinigten Staaten ist der wissenschaftliche Diskurs über Geheimdienstaktivitäten in der Nachkriegszeit jedoch weit ausgeprägter und auch in Sachen Nazi-Fluchthilfe gibt es dort größeres Interesse an einer Aufklärung. Somit überrascht es nicht, dass Dr. Steinachers Buch, eines der wenigen europäischen zum Thema ist und darunter das erste, welches die besondere Rolle Südtirols einer genaueren Untersuchung unterzieht, die sich wirklich lohnt.
"Die 'Odessa' und andere Verschwörungstheorien rund um geheime, zentral gesteuerte und allmächtige NS-Fluchtorganisationen haben als Erklärung ausgedient auch wenn sie sich noch lange hartnäckig in den Köpfen vieler halten werden." (S. 16) Es bleibt zu hoffen, dass dieser Wunsch eines Tages Realität wird und man nicht mehr versucht ist diese komplexen Zusammenhänge und Verflechtungen im Sinne einer Verschwörungstheorie zu vereinfachen, die Akteure zu homogenisieren und dem ganzen mit der Erfindung einer Geheimgesellschaft, welche die Weltherrschaft und eine Widererrichtung des Deutschen Reichs anstrebt, die Krone aufzusetzen. Die wahren Motive der Justiz-Flüchtlinge und ihrer Helfer lagen zwischen reinem Selbstschutz, Kameradschaft und staatlichen Interessen, Informanten, Spione und Experten rekrutieren zu können.
Mit Nazis auf der Flucht hat Gerald Steinacher einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung dieses bedeutenden, doch gerne vergessenen Teils der Nachkriegsgeschichte geleistet. Sein Werk beleuchtet mit reichen Quellenzitaten und Fotokopien von Original-Reisedokumenten die Rollen des Vatikans, des Roten Kreuzes, der agierenden Geheimdienste und die Bedeutung Südtirols. Der Leser ist verblüfft und schockiert zugleich, wenn er immer tiefer in den Sumpf der braunen Fluchthelfer mit ihren teils weißen Westen eingeführt wird und unweigerlich stellt sich ihm die Frage der Moral, wie man solches Handeln überhaupt vor sich selbst rechtfertigen konnte.
Fazit:
Faszinierende und zugleich belehrende Lektüre, welche die ODESSA endgültig in das Reich der Mythen verweist und einen wichtigen Beitrag zur seriösen wissenschaftlichen Aufarbeitung der Fluchthilfe für Kriegsverbrecher darstellt.
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