In "Die jungen Jahre" setzt der große südafrikanische Romancier J.M. Coetzee seine mit "Der Junge" begonne Autobiographie fort. "Im richtigen Leben, so scheint es, kann er nur eins richtig: unglücklich sein", lautet das Fazit den jungen Studenten. Anfang der 60er Jahre kann er der Enge und politischen Situation Südafrikas in seine Traumstadt entrinnen: London. Doch obwohl er als Mathematiker rasch eine Stelle als Programmierer bei IBM findet, gelingt es ihm nicht, heimisch zu werden. Er fühlt sich als Außenseiter und Büromensch, während er sich insgeheim danach sehnt, daß der Dichter in ihm zum Ausbruch kommt oder wenigstens eine schöne Frau ihm ihre Liebe schenkt und ihn so zu unvergänglichen Versen inspiriert.
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Der Dichter, der nicht zu schreiben beginnt
Sandra von Siebenthal aus Romanshorn am 26.05.2017
Bewertungsnummer: 1022390
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
John wächst im politisch immer schwierigeren Südafrika, in Kapstadt, auf und studiert Mathematik. Er ist sich sicher, dass er zum Dichter berufen ist, nur gelingt das mit dem Schreiben nicht ganz, da die Umstände nicht stimmen. Er wähnt sich am falschen Ort und vor allem von der Muse der richtigen Frau, die für ihn bestimmt ist und die in ihm die Kreativität entzünden wird ungeküsst.
Um beides zu ändern bricht John nach London auf, wo er eine Stelle als Programmierer bei IBM annimmt. Neben der Arbeit sucht er nach Frauen und nach literarischen Vorbildern, an denen er sich festhalten und wachsen könnte beides klappt nicht wie gewünscht und auch der Arbeitsalltag setzt ihm mehr und mehr zu.
Unter dem schattenlosen Neonlicht fühlt er sich im Innersten bedroht. Dem Gebäude, ein charakterloser Würfel aus Beton und Glas, entströmt offenbar ein Gas, geruchlos, farblos, das in sein Blut gelangt und ihn betäubt. IBM, das kann er beschwören, ist dabei, ihn umzubringen, ihn in einen Zombie zu verwandeln.
John ist ein Suchender er sucht seinen Platz im Leben und den Weg dahin, seiner Bestimmung zu folgen und Künstler zu sein. Dabei ist er verblüffend passiv, hofft grundsätzlich, dass die Entscheidungen von anderen getroffen werden und wenn dem so ist, fügt er sich auch ohne besseres Wissen oder rechte Überzeugung hinein. So hält er Beziehungen zu Frauen aufrecht, die ihm nichts bedeuten, ihn im Gegenteil bedrücken. Er fängt nicht zu schreiben an, trotzdem er überzeugt ist, Dichter zu sein, da er auch dazu erst jemanden braucht, der ihm die Initialzündung gibt. Dass er auf diese Weise immer unglücklicher wird, liegt auf der Hand, er analysiert diesen Zug denn auch selber:
"Im richtigen Leben, so scheint es, kann er nur eins richtig: unglücklich sein. Im Unglücklichsein ist er immer noch Klassenbester. Für das Unglück, das er auf sich ziehen und ertragen kann, scheint es keine Grenzen zu geben."
und findet darin etwas Gutes (frei nach dem Motto ich erkläre mir meine Welt, wie sie mir am besten passt:
Ein Dichter kann nur unglücklich sein, nur aus dem Unglück entspringt gute Kunst dessen ist sich John sicher. Bei allem Unglück driftet John nie ins Selbstmitleid ab, der Stil des Romans bleibt schonungslos offen, das Leben wird auf einer sehr rationalen Ebene durchdacht, gelebt und abgehandelt.
M. Coetzee ist mit Die jungen Jahren ein wunderbarer Roman gelungen, der autobiographische Züge trägt, Künstlerroman und Zeitzeugnis gleichermassen ist. Aus der Sicht des Protagonisten erfährt der Leser mehr über die Zustände in Afrika in den 1960er Jahren, erfährt, was es heisst, als Ausländer im vom Klassendenken beherrschten London Fuss fassen zu wollen. Er ist Zeuge der vielen Fragen und Überlegungen, die im Kopf des Protagonisten herumwirbeln und sein eigenes Leben und (Nicht-)Schreiben sowie auch die Welt um sich sehr klar und differenziert analysieren. Das Ganze verpackt Coetzee in eine wunderbar poetische, fliessende Sprache.
Fazit:
Erzählkunst auf ganz hohem Niveau. Coetzee entführt den Leser in die Welt eines Künstlers und lässt Zeitgeschichte lebendig werden. Sehr empfehlenswert.
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