Knochenarbeit

Knochenarbeit

Roman

Buch (Taschenbuch)

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Beschreibung

Details

Einband

Taschenbuch

Erscheinungsdatum

01.01.2001

Verlag

Blanvalet

Seitenzahl

415

Maße (L/B/H)

18,5/11,5/3,1 cm

Beschreibung

Details

Einband

Taschenbuch

Erscheinungsdatum

01.01.2001

Verlag

Blanvalet

Seitenzahl

415

Maße (L/B/H)

18,5/11,5/3,1 cm

Gewicht

307 g

Originaltitel

Death du Jour

Übersetzt von

Klaus Berr

Sprache

Deutsch

ISBN

978-3-442-35393-4

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4.3

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teils etwas zu detailverliebt, aber trotzdem sehr spannend!!

Klangclone am 21.06.2021

Bewertungsnummer: 548879

Bewertet: Buch (Taschenbuch)

Als die forensische Anthropologin Tempe Brennan an einem eiskalten Märzmorgen zu einem Tatort in St. Jovite, einem kleinen Ort außerhalb von Quebec, gerufen wird, weiß sie, daß ihr nichts Angenehmes bevorsteht. In einem niedergebrannten Haus liegen sieben Leichen: ein verkohltes Paar im Schlafzimmer, eine tote alte Frau, erschossen, ein junges Paar mit tödlichen Stichwunden und zwei Babies, Zwillinge. Beiden Jungen fehlt das Herz. Eine Familientragödie mit anschließender Brandstiftung? Ein Ritualmord? Angesichts des ganz realen Grauens von St. Jovite stürzt sich Tempe Brennan nur allzugern auf den historischen Fall, mit dem sie ein Nonnenorden betraut hat: die Exhumierung und Identifikation von Elisabeth Nicolet, einer Ordensschwester aus dem vergangenen Jahrhundert, die postum heiliggesprochen werden soll. Inzwischen gibt es erste Spuren im Fall von St. Jovite, und sie führen nach North Carolina, zu einer sonderbaren Sekte. Bei den Ermittlungen zusammen mit ihrem alten Verehrer Detective Ryan sticht Tempe offenbar in ein Wespennest, denn auf einmal ist sie selbst in Gefahr: In ihrem Haus wird Feuer gelegt, ihr Kater Birdie entgeht nur knapp einem Brandanschlag, und plötzlich ist auch ihre Schwester Harry, die sich einer spirituellen Gruppe angeschlossen hat, spurlos verschwunden ...
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teils etwas zu detailverliebt, aber trotzdem sehr spannend!!

Klangclone am 21.06.2021
Bewertungsnummer: 548879
Bewertet: Buch (Taschenbuch)

Als die forensische Anthropologin Tempe Brennan an einem eiskalten Märzmorgen zu einem Tatort in St. Jovite, einem kleinen Ort außerhalb von Quebec, gerufen wird, weiß sie, daß ihr nichts Angenehmes bevorsteht. In einem niedergebrannten Haus liegen sieben Leichen: ein verkohltes Paar im Schlafzimmer, eine tote alte Frau, erschossen, ein junges Paar mit tödlichen Stichwunden und zwei Babies, Zwillinge. Beiden Jungen fehlt das Herz. Eine Familientragödie mit anschließender Brandstiftung? Ein Ritualmord? Angesichts des ganz realen Grauens von St. Jovite stürzt sich Tempe Brennan nur allzugern auf den historischen Fall, mit dem sie ein Nonnenorden betraut hat: die Exhumierung und Identifikation von Elisabeth Nicolet, einer Ordensschwester aus dem vergangenen Jahrhundert, die postum heiliggesprochen werden soll. Inzwischen gibt es erste Spuren im Fall von St. Jovite, und sie führen nach North Carolina, zu einer sonderbaren Sekte. Bei den Ermittlungen zusammen mit ihrem alten Verehrer Detective Ryan sticht Tempe offenbar in ein Wespennest, denn auf einmal ist sie selbst in Gefahr: In ihrem Haus wird Feuer gelegt, ihr Kater Birdie entgeht nur knapp einem Brandanschlag, und plötzlich ist auch ihre Schwester Harry, die sich einer spirituellen Gruppe angeschlossen hat, spurlos verschwunden ...

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Kann dem Vorgänger das Wasser reichen

CaWa - die Leseratte aus Hilden am 21.06.2021

Bewertungsnummer: 578543

Bewertet: Buch (Taschenbuch)

Hier ist K.R. eine wirklich durch und durch gute zweite Story um Tempe Brennan gelungen. Überaus detailliert und auch für Laien gut verständlich, bekommt der Leser Einblicke in die forensische Arbeit. Mich hat es fasziniert zu erfahren, mit welcher Akribie Leichenteile untersucht werden können und müssen. Vor allem, wenn diese sich nicht gerade mehr in gut erhaltenem Zustand befinden. Man wird sich bewusst, mit welcher Sorgfalt Knochen geborgen werden müssen, die extrem hohen Temperaturen ausgesetzt waren, damit sie nicht sofort zerfallen. Es ist schon der Wahnsinn, wie es wissenschaftlich möglich ist, selbst nach Wochen den Todeszeitpunkt relativ genau bestimmen zu können. Einfach ein superspannendes Buch.
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Kann dem Vorgänger das Wasser reichen

CaWa - die Leseratte aus Hilden am 21.06.2021
Bewertungsnummer: 578543
Bewertet: Buch (Taschenbuch)

Hier ist K.R. eine wirklich durch und durch gute zweite Story um Tempe Brennan gelungen. Überaus detailliert und auch für Laien gut verständlich, bekommt der Leser Einblicke in die forensische Arbeit. Mich hat es fasziniert zu erfahren, mit welcher Akribie Leichenteile untersucht werden können und müssen. Vor allem, wenn diese sich nicht gerade mehr in gut erhaltenem Zustand befinden. Man wird sich bewusst, mit welcher Sorgfalt Knochen geborgen werden müssen, die extrem hohen Temperaturen ausgesetzt waren, damit sie nicht sofort zerfallen. Es ist schon der Wahnsinn, wie es wissenschaftlich möglich ist, selbst nach Wochen den Todeszeitpunkt relativ genau bestimmen zu können. Einfach ein superspannendes Buch.

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Knochenarbeit

von Kathy Reichs

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Wenn die Leichen an dieser Stelle waren, konnte ich sie nicht finden.
Draußen heulte der Wind. Im Inneren der alten Kirche waren nur das Scharren meiner Kelle und das Brummen eines tragbaren Generators mit Heizlüfter zu hören. Hoch über uns kratzten Zweige an vernagelten Fenstern wie knotige Finger auf Sperrholztafeln.
Die Gruppe stand hinter mir, dicht beieinander, aber ohne sich zu berühren, die Hände fest geballt in den Taschen. Ich hörte, wie sie von einem Fuß auf den anderen traten. Stiefel knirschten auf gefrorener Erde. Niemand sagte etwas. Die Kälte hatte uns zum Schweigen gebracht.
Langsam sickerte ein Erdhäufchen durch das grobe Netz meines Siebes. Der körnige Untergrund war eine angenehme Überraschung gewesen. Eigentlich hatte ich angesichts der gefrorenen Oberfläche mit Dauerfrostboden für die gesamte Tiefe der Ausgrabung gerechnet. Doch in den letzten beiden Wochen war es in Quebec für die Jahreszeit ungewöhnlich warm gewesen, der Schnee war geschmolzen und die Erde getaut. Wieder mal Glück gehabt, Tempe. Obwohl diese Vorahnung des Frühlings kürzlich von einem arktischen Wind davongeblasen worden war, hatte das milde Intermezzo die Erde weich gemacht und das Graben erleichtert. Gut. Letzte Nacht war das Thermometer wieder auf unter minus zehn Grad Celsius gefallen. Nicht gut. Die Erde war zwar nicht wieder gefroren, aber die Luft war eisig. Meine Finger waren so kalt, daß ich sie kaum bewegen konnte.
Es war bereits unser zweiter Graben, aber im Sieb fand sich noch immer nichts außer Kieseln und Steinsplittern. Bei dieser Tiefe hatte ich zwar noch nicht viel erwartet, aber man konnte nie wissen. Eine Exhumierung, bei der alles so lief wie geplant, hatte ich bis jetzt noch nicht erlebt.
Ich drehte mich zu einem Mann in schwarzem Parka und Zipfelmütze um. Er trug lederne, bis unter die Knie geschnürte Stiefel, aus denen zwei Paar über die Schäfte gekrempelte Strümpfe herauslugten. Sein Gesicht hatte die Farbe von Tomatensuppe.
»Nur noch ein paar Zentimeter.« Ich machte eine beschwichtigende Bewegung mit der Hand, als würde ich eine Katze streicheln. Langsam. Ganz langsam arbeiten.
Der Mann nickte und stieß seinen langstieligen Spaten in den flachen Graben. Dabei grunzte er wie die Seles beim Aufschlag.
»Par pouces!« schrie ich und packte die Schaufel. Zentimeter für Zentimeter! Ich wiederholte die flach schneidende Bewegung, die ich ihm schon den ganzen Vormittag gezeigt hatte. »Wir wollen das Erdreich in dünnen Schichten abtragen.« Ich sagte es noch einmal, in langsamem, bemühtem Französisch.
Der Mann war allem Anschein nach nicht meiner Meinung. Vielleicht war es die mühselige Eintönigkeit der Arbeit, vielleicht der Gedanke, Tote auszugraben. Jedenfalls wollte Tomatensuppe es hinter sich haben.
»Bitte, Guy, wollen Sie es nicht noch einmal probieren?« fragte eine männliche Stimme hinter mir.
»Ja, Hochwürden.« Ein Murmeln.
Kopfschüttelnd nahm Guy die Arbeit wieder auf, doch diesmal trug er die Erde in flachen Schichten ab, wie ich es ihm gezeigt hatte, und warf sie gegen das Sieb. Immer auf der Suche nach Hinweisen, daß wir uns endlich einem Grab näherten, wanderte mein Blick vom Sieb zu der Grube.
Wir arbeiteten schon seit Stunden, und hinter mir konnte ich die Anspannung spüren. Ich drehte mich um und warf der Gruppe einen, wie ich hoffte, ermutigenden Blick zu. Meine Lippen waren so steif, daß ich nicht wußte, ob er mir gelang.
Sechs Gesichter starrten mich an, verkniffen vor Kälte und banger Erwartung. Eine kleine Dampfwolke stieg vor jedem hoch und löste sich auf. Sechs Münder lächelten in meine Richtung. Ich spürte, daß heftig gebetet wurde.
Neunzig Minuten später waren wir einen Meter fünfzig tief. Wie schon aus der ersten hatten wir auch aus dieser Grube nur Erde herausgeholt. Ich war mir sicher, daß ich Frostbeulen an jedem Zeh hatte, und Guy hätte wahrscheinlich am liebsten mit einem Schaufelbagger weitergemacht. Zeit für eine Neubesinnung.
»Hochwürden, ich glaube, wir müssen uns die Bestattungsunterlagen noch einmal ansehen.«
Er zögerte einen Augenblick. Dann: »Ja, natürlich. Natürlich. Und ich glaube, Kaffee und Sandwiches könnten wir jetzt alle gut gebrauchen.«
Der Priester ging auf die Flügeltür am anderen Ende der Kirche zu, und die Nonnen folgten ihm, mit gesenktem Kopf vorsichtig über den unebenen Boden trippelnd. Ihre weißen Schleier breiteten sich in genau gleichen Fächern auf den Rücken ihrer schwarzen Wollmäntel aus. Pinguine. Wer hatte das gesagt? Die Blues Brothers.
Ich schaltete die Flutlichtstrahler aus und folgte ihnen. Den Blick ebenfalls gesenkt, staunte ich über die Knochenfragmente, die hier überall in dem Lehmboden eingebettet waren. Klasse. Wir hatten an der einzigen Stelle in der ganzen Kirche gegraben, an der es keine Gräber gab.
Father Ménard stieß einen Flügel auf, und wir traten im Gänsemarsch ans Tageslicht. Man brauchte einen Moment, um sich an die Helligkeit zu gewöhnen. Der Himmel war bleigrau und lag schwer auf den Giebeln und Türmen des Klosters. Ein beißender Wind blies von den Laurentian Mountains herunter und fuhr in Kragen und Schleier.
Unsere kleine Gruppe stemmte sich gegen den Wind und marschierte zu einem Nachbargebäude, aus grauem Stein wie die Kirche, nur etwas kleiner. Wir stiegen die Stufen hoch zu einem reich mit Schnitzwerk verzierten hölzernen Portal und traten durch eine Seitentür ein.
Drinnen war es warm und trocken, angenehm nach der bitteren Kälte. Ich roch Tee und Mottenkugeln und den Bratgeruch von Jahren.
Wortlos zogen die Frauen ihre Stiefel aus, lächelten mich eine nach der anderen an und verschwanden durch eine Tür auf der rechten Seite, während eine winzige Nonne in einem riesigen Skipullover ins Foyer schlurfte. Flauschige braune Rentiere trabten über ihre Brust und verschwanden unter ihrem Schleier. Sie blinzelte mich durch dicke Brillengläser an und streckte die Hand nach meinem Parka aus. Ich zögerte, denn ich befürchtete, sein Gewicht würde sie aus dem Gleichgewicht bringen und sie auf den Fliesenboden schleudern. Doch sie nickte und wedelte beinahe ungeduldig mit den Fingern, und so zog ich die Jacke aus, legte sie ihr über die Arme und fügte Mütze und Handschuhe hinzu. Sie war die älteste Frau, die ich je lebend gesehen hatte.
Ich folgte Father Ménard über einen langen, düsteren Gang in ein kleines Arbeitszimmer. Hier roch es nach altem Papier und Schulkleister. Über einem Schreibtisch hing ein Kruzifix, das so riesig war, daß ich mich fragte, wie man es durch die Tür gebracht hatte. Dunkle Eichentäfelung reichte fast bis zur Decke, von wo aus Statuen auf uns herabstarrten, mit Gesichtern so düster wie das des Mannes auf dem Kruzifix.
Father Ménard setzte sich auf einen der Holzstühle vor dem Schreibtisch und bedeutete mir, auf dem anderen Platz zu nehmen. Das Rascheln seiner Kutte. Das Klimpern seiner Rosenkranzperlen. Einen Augenblick lang war ich wieder in St. Barnabas. Im Büro des Ehrwürdigen Vaters. Wieder mal in Schwierigkeiten. Laß das, Brennan. Du bist über vierzig und Akademikerin. Forensische Anthropologin. Man hat dich hierhergerufen, weil dein Fachwissen gefragt ist.
Der Priester nahm einen ledergebundenen Folianten vom Schreibtisch, schlug ihn bei der mit einem grünen Lesebändchen markierten Seite auf und schob ihn zwischen uns. Er holte tief Luft, spitzte die Lippen und atmete durch die Nase wieder aus.
Der Lageplan war mir inzwischen vertraut. Ein Gitternetz mit regelmäßigen Reihen rechteckiger Felder, einige mit Nummern, andere mit Namen. Stundenlang hatten wir die Zeichnung tags zuvor angestarrt und die Daten und Beschreibung der Gräber mit ihrer Lage auf dem Gitternetz verglichen. Dann waren wir das Gelände abgeschritten und hatten die genaue Stelle markiert.
Élisabeth sollte eigentlich, von der Nordwand aus gerechnet, in der dritten Reihe liegen, im dritten Grab vom westlichen Ende her. Genau neben Mère Aurelie. Aber dort lag sie nicht. Und auch Aurelie war nicht dort, wo sie sein sollte.
Ich deutete auf ein Grab im selben Quadranten, aber einige Reihen weiter unten und ein Stückchen weiter rechts. »Okay, Raphaël scheint hier zu liegen.« Dann weiter die Reihe entlang. »Und Agathe, Véronique, Clément, Marthe und Éléonore. Das sind die Grabstellen aus den 1840ern, richtig?«
»C'est ça.«
Ich schob den Zeigefinger zu dem Teil der Zeichnung, der dem südwestlichen Winkel der Kirche entsprach. »Und das sind die jüngsten Gräber. Die Indizien, die wir gefunden haben, passen zu Ihren Aufzeichnungen.«
»Ja. Das waren die letzten, kurz bevor die Kirche aufgegeben wurde.«
»Sie wurde 1914 geschlossen.«
»1914. Ja. 1914.« Er hatte eine merkwürdige Art, Namen und Begriffe zu wiederholen.
»Élisabeth starb 1888?«
»C'est ça. 1888. Mère Aurelie 1894.«
Es ergab keinen Sinn. Wir hätten an dieser Stelle Hinweise auf die beiden Gräber finden müssen. Von den Gräbern aus den 1840er Jahren waren noch Artefakte vorhanden. Eine Testgrabung in diesem Teil hatte Holz- und Metallteile von Särgen zutage gefördert. In der geschützten Umgebung im Inneren der Kirche und in dieser Art von Erdreich erwartete ich eigentlich relativ gut erhaltene Skelette. Wo waren also Élisabeth und Aurelie?
Die alte Nonne kam mit einem Tablett mit Kaffee und Sandwiches ins Zimmer geschlurft. Dampf aus den Tassen hatte ihr die Brille beschlagen, und so ging sie mit kurzen, schleifenden Schritten, ohne die Füße je richtig vom Boden zu heben.
Father Ménard stand auf, um ihr das Tablett abzunehmen. »Merci, Schwester Bernard. Das ist sehr freundlich. Sehr freundlich.«
Die Nonne nickte und schlurfte davon, ohne sich die Brille abzuwischen. Ich nahm mir eine Tasse und sah der Ordensfrau nach. Ihre Schultern schienen so schmal wie mein Handgelenk.
»Wie alt ist Schwester Bernard?« fragte ich, während ich nach einem belegten Hörnchen griff. Marinierter Lachs und welke Salatblätter.
»Wir sind nicht ganz sicher. Sie war schon hier, als ich als Junge zum ersten Mal hierherkam, vor dem Krieg. Vor dem Zweiten Weltkrieg, meine ich. Dann ging sie als Lehrerin in Missionen in Übersee. Sie war lange in Japan und dann in Kamerun, glaube ich. Erst seit ein paar Wochen ist sie wieder da. Wir glauben, daß sie in den Neunzigern ist.« Er trank einen Schluck Kaffee. Schlürfend. »Sie wurde in einem kleinen Dorf am Saguenay geboren und sagt, daß sie zwölf war, als sie in den Orden eintrat.« Schlürfen. »Zwölf. Die Aufzeichnungen im ländlichen Quebec waren zu der Zeit nicht so gut. Nicht so gut.«
Ich biß in mein Croissant und legte die Finger dann wieder um die Kaffeetasse. Die Wärme tat gut.
»Hochwürden, gibt es noch irgendwelche anderen Aufzeichnungen? Alte Briefe, Dokumente, irgend etwas, das wir uns noch nicht angesehen haben?« Ich wackelte mit den Zehen. Kein Gefühl.
Er deutete auf die Unterlagen auf dem Schreibtisch und zuckte die Achseln. »Das ist alles, was Schwester Julienne mir gegeben hat. Sie ist die Archivarin des Konvents, wie Sie wissen.«
»Ja.«
Schwester Julienne und ich hatten ausführlich miteinander gesprochen und korrespondiert. Sie war es gewesen, die sich wegen des Projekts mit mir in Verbindung gesetzt hatte. Der Fall hatte mich von Anfang an fasziniert. Er war ganz anders als meine übliche forensische Arbeit mit Verstorbenen, die in der Gerichtsmedizin landen. Die Erzdiözese wollte, daß ich die Überreste einer Heiligen exhumierte und untersuchte. Nun ja, eigentlich war sie noch keine richtige Heilige. Aber darauf lief es hinaus. Élisabeth Nicolet war für die Seligsprechung vorgeschlagen worden. Ich sollte ihr Grab finden und nachprüfen, ob die Knochen wirklich die ihren waren. Der Rest war dann Sache des Vatikans.
Schwester Julienne hatte mir versichert, daß zuverlässige Aufzeichnungen vorhanden seien. Alle Gräber in der alten Kirche waren katalogisiert und kartographiert. Das letzte Begräbnis hatte 1911 stattgefunden. 1914 war die Kirche nach einem Feuer aufgegeben und geschlossen worden. Als Ersatz wurde eine größere erbaut, und das alte Gebäude wurde nie mehr benutzt. Geschlossene Grabungsstätte. Gute Dokumentation. Eigentlich ein Kinderspiel.
Aber wo war Élisabeth Nicolet?
»Fragen kann nicht schaden. Vielleicht findet sich ja noch etwas, das Schwester Julienne Ihnen nicht gegeben hat, weil sie es für unwichtig hielt.«
Er wollte etwas erwidern, schien es sich dann aber anders zu überlegen. »Ich bin mir ziemlich sicher, daß sie mir alles gegeben hat, aber ich werde sie trotzdem fragen. Schwester Julienne hat viel Zeit mit der Recherche in dieser Angelegenheit verbracht. Sehr viel Zeit.«
Ich sah ihm nach, wie er durch die Tür verschwand, aß mein erstes Hörnchen auf und dann ein zweites. Gut. Das Gefühl in meinen Zehen kehrte zurück. Während ich an meinem Kaffee nippte, nahm ich einen Brief vom Schreibtisch.
Ich hatte ihn schon einmal gelesen. Vom 4. August 1885. Damals wüteten in Montreal die Pocken. Élisabeth Nicolet hatte an Bischof Edouard Fabre geschrieben und ihn gebeten, für alle Gemeindemitglieder, die nicht infiziert waren, eine Impfung anzuordnen und die Infizierten ins städtische Krankenhaus einzuweisen. Die Handschrift war präzise, das Französisch drollig und altmodisch.
Im Konvent Notre Dame de L'Immaculée Conception war es absolut still. Meine Gedanken schweiften ab. Ich dachte an andere Exhumierungen. Der Polizist in Saint-Gabriel zum Beispiel. Auf jenem Friedhof waren die Särge dreifach übereinandergestapelt gewesen; schließlich hatten wir Monsieur Beaupré vier Gräber von der in den Unterlagen verzeichneten Stelle entfernt gefunden, in unterster, nicht in oberster Position. Und dann der Mann in Winston-Salem, der nicht in seinem eigenen Sarg lag. In dem befand sich eine Frau in einem langen, blumengemusterten Kleid. Worauf der Friedhof ein doppeltes Problem gehabt hatte. Wo war der Verstorbene? Und wer die Leiche in dem Sarg? Die Familie war nie in der Lage gewesen, ihrem Großvater in Polen eine letzte Ruhestätte zu schenken, und die Anwälte hatten sich für einen Kampf gerüstet, als ich den Schauplatz verließ.
Weit weg hörte ich eine Glocke läuten und dann, im Korridor, ein Schlurfen. Die alte Nonne kam wieder ins Zimmer.
»Serviettes«, kreischte sie. Ich schrak hoch und schüttete mir Kaffee auf den Ärmel. Wie konnte eine so zierliche Person eine solche Lautstärke produzieren?
»Merci.« Ich griff nach den Servietten.
Sie ignorierte mich, kam näher und fing an, an meinem Ärmel zu reiben. Ein winziges Hörgerät ragte hinter ihrem rechten Ohr hervor. Ich spürte ihren Atem und sah feine weiße Haare auf ihrem Kinn. Sie roch nach Wolle und Rosenwasser.
»Eh voilà. Waschen Sie es, wenn Sie nach Hause kommen. Mit kaltem Wasser.«
»Ja, Schwester.« Ein Reflex.
Ihr Blick fiel auf den Brief in meiner Hand. Zum Glück war kein Kaffee darauf. Sie beugte sich über das Schreiben.
»Élisabeth Nicolet war eine großartige Frau. Eine Frau Gottes. Eine solche Reinheit. Ein solcher Ernst.« Pureté. Austérité. Ihr Französisch klang, wie ich mir Élisabeths Briefe gesprochen vorstellte.
»Ja, Schwester.« Ich war wieder neun Jahre alt.
»Sie wird eine Heilige.«
»Ja, Schwester. Deswegen versuchen wir ja, ihre Knochen zu finden. Damit sie eine angemessene Behandlung erfahren können.« Ich wußte nicht so recht, was eine angemessene Behandlung für eine Heilige war, aber es klang irgendwie richtig.
Ich zog den Lageplan hervor und zeigte ihn ihr. »Das ist die alte Kirche.« Ich fuhr die Reihe an der Nordwand nach und deutete auf ein Rechteck. »Das ist ihr Grab.«
Die alte Nonne musterte, die Brille nur Millimeter von dem Blatt entfernt, die Zeichnung.
»Dort liegt sie nicht.«
»Wie bitte?«
»Sie liegt nicht dort.« Ein knotiger Finger tippte auf das Rechteck. »Das ist die falsche Stelle.«
In diesem Augenblick kehrte Father Ménard zurück. Eine Erklärung war nicht nötig. Offensichtlich hatte er schon im Korridor gehört, was die alte Frau gesagt hatte. Wahrscheinlich hatte man sie bis Ottawa gehört.
»Das ist die falsche Stelle. Sie suchen an der falschen Stelle.«
»Was meinen Sie damit, Schwester Bernard?«
»Sie suchen an der falschen Stelle«, wiederholte sie. »Sie liegt nicht dort.«
Father Ménard und ich warfen uns einen Blick zu.
»Wo ist sie dann, Schwester?« fragte ich.
Sie beugte sich noch einmal über den Lageplan und tippte dann auf den südöstlichsten Winkel der Kirche. »Da ist sie. Zusammen mit Mère Aurelie.«
»Aber Schwester«
»Man hat sie verlegt. Hat ihnen neue Särge gegeben und sie unter einem speziellen Altar vergraben. Dort.«
Wieder deutete sie auf die südöstliche Ecke.
»Wann?« fragten wir gleichzeitig.
Schwester Bernard schloß die Augen. Die runzligen Lippen bewegten sich in stummer Berechnung.
»1911. Das Jahr, in dem ich als Novizin hierherkam. Ich erinnere mich noch daran, weil ein paar Jahre später die Kirche niederbrannte und geschlossen wurde. Und ich hatte die Aufgabe, den Altar mit Blumen zu schmücken. Ich mochte das gar nicht. Es war unheimlich ganz allein da drin. Aber ich habe es für Gott getan.«
»Was ist mit dem Altar passiert?«
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