Die Kernzelle von Andorra findet sich in Max Frischs Tagebuch als Eintragung des Jahres 1946. Andorra ist der Name für ein Modell: Es zeigt den Prozess einer Bewusstseinsveränderung, abgehandelt an der Figur des jungen Andri, den die Umwelt so lange zum Anderssein zwingt, bis er es als sein Schicksal annimmt. Dieses Schicksal heißt in Max Frischs Stück »Judsein«. Das Schauspiel erschien als Buchausgabe zuerst 1961.
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Themen die nie alt werden
Bewertung aus Bremen am 20.01.2026
Bewertungsnummer: 2985692
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Die Geschichte erzählt von dem imaginären Ort Andorra. Die Menschen, die dort leben, meinen gute Menschen zu sein, „Alle Andorrer sind gute Menschen“. Auch Andri wohnt in diesem Ort, bei seinen Pflegeeltern, dem Lehrer und seiner Frau. Der Lehrer hat ihn als Baby mit in den Ort gebracht und den Bewohnern von Andorra erzählt, er habe ihn aus dem Nachbarort vor den Schwarzen (Die Bösen, die Armee, die Soldaten) gerettet, die Juden umbringen. In Wahrheit handelt es sich dabei um das leibliche Kind des Lehrers und einer Senora aus dem Nachbarort. Andri hat immer wieder mit Vorurteilen zu kämpfen, je älter er wird, desto schlimmer wird es. Bis er dann selber fest daran glaubt, und meint die vorverurteilten Charaktereigenschaften eines Juden an sich festzustellen.
Inzwischen ist er erwachsen, 20 Jahre alt und möchte Tischler werden. Außerdem hat er ein Verhältnis mit Barblin, der Tochter des Lehrers und seiner Frau. Andri hält um die Hand von Barblin an, doch der Lehrer verweigert sie ihm. Deshalb ist Andri am Boden zerstört, denn er kennt die Wahrheit nicht, das Barblin und er Halbgeschwister sind. Er glaubt seine Juden-Herkunft sei der Grund.
Als die Situation sich zuspitzt, und sogar ein Mord im Ort passiert, will der Lehrer Andri unbedingt als seinen Sohn akzeptieren, auch bei den Dorfbewohnern. Er will die Wahrheit erzählen und verbreiten, doch es wird ihm nicht mehr geglaubt. Es ist zu spät …
Andorra ist als Theaterstück in zwölf Bildern geschrieben. Es hat mir gefallen ein Buch als Theaterstück zu lesen. Die Inszenierung konnte ich mir bildhaft vorstellen.
Nur die Zeitsprünge waren etwas irritierend.
Themen wie Ausgrenzung, Fremdenfeindlichkeit, Rassenvorurteile, so wie auch Vorurteile im allgemeinen sind hier sehr gut beschrieben. Die Geschichte macht nachdenklich, wie schnell jemand von der Gesellschaft verurteilt wird, wenn er nicht in eine bestimmte Schublade passt, dann muss man eben eine andere Schublade finden …
Der Schreibstil ist flüssig und leicht zu lesen. Ich empfehle diese Lektüre gerne weiter.
Eine spektakuläre verstörende Kreation der Kritik
FrancisKafka aus LInz Österreich am 28.11.2024
Bewertungsnummer: 2352012
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Ich bin selbst Schauspieler und verköpere Andri, ein Jude gefunden an der Grenze aufgezogen in Andorra. Andorra, ein schönes Land, aber ein armes Land. Ein friedliches Land aber ein schwaches Land, predigt der Pater. Andorra ist das Heimatland der Weißen, der reinen, frommen und "judfreundlichen". Die anderen, die hinter der Grenze wohnen sind die bösen, barbarischen, antisemitischen schwarzen. Und obwohl die weißen doch die guten sind brökelt ihre Fassade und die rote Erde kommt unter der geweißelten Mauer hervor. Sie sehen in Andri nicht mehr als einen Jud, lassen ihn nicht Tischler sondern Verkäufer werden, er liebt doch Geld, schlagen ihn zusammen, er ist doch so feig. Andris Leben besteht aus Vorurteile und Diskriminierung, wenn er also doch kein Jude wäre, wer wäre er dann?
Andorra ist ein niemals endender Geburtskanal, die lang ersehnte Geburt, ein geschockt traumatisierendes aber wild klatschendes Publikum. Verstrickt geschrieben hat Max Frisch ein Wunder kreiert. Erst das immer wieder lesen beweist; Frisch schreibt nichts ohne Hintergedanken alles ist in sich verzweigt.
Das Stück ist aktueller den je: der ansteigender Antisemitismus (der Nazi Rosenkranz im Parlament) und eine gerngenutzte neue Taktik der Rechte: Hier hast du es marganiliesierte Gruppe gut, den die bösen nicht westlichen Länder würden dich viel schlecht. So wie die Andorraner lenken Rechte mit diesen Geschichten von ihren eigenen diskrimmienierenden Strukturen ab.
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