»Ich lebe im - Vielleicht/ Bin eine stumme Frage ...«
Die so schreibt, ist eine poetische Maskenspielerin, eine, die in ihrem ungewöhnlichen Leben viel gefragt und noch mehr gewagt hat: Emmy Ball-Hennings (1885-1948). Aus der kleinbürgerlichen Enge Flensburgs treibt ihre »Weglaufsucht« sie mit Wandertheatern durch Deutschland, auf die Bühnen europäischer Varietes und Cabarets, in die Abgründe von Drogen, Prostitution und Gefängnis, in die schrille Berliner und Münchner Vorkriegsboheme. 1915 emigriert sie mit Hugo Ball nach Zürich und begründet mit ihm das »Cabaret Voltaire« - die Keimzelle des Dadaismus. Irrlichtert durch die politisch-journalistische Emigrantenszene um Ball und Ernst Bloch in Bern, begegnet 1920 Hermann Hesse, dem Freund fürs Leben. Die Namen ihrer Freundinnen und Gefährten lesen sich wie eine Enzyklopädie der europäischen Avantgarde.
Bärbel Reetz hat sich auf Spurensuche gemacht und Einblick in bisher unbekannte Briefe und Aufzeichnungen genommen. Mit ihrer Biographie wirft sie ein neues Licht auf das ungewöhnliche Leben der Emmy Ball-Hennings.
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tommason
aus Sachsen
5/5
09.08.2016
Buch (Taschenbuch)
Bärbel Reetz Emmy Ball-Henning…
Bärbel Reetz Emmy Ball-Hennings Leben im Vielleicht Bärbel Reetz, geb. 1942, Studium der Germanistik und Anglistik, lebt als Autorin und freie Journalistin in Berlin. Ihre Arbeiten wurden mehrfach mit Preisen ausgezeichnet. Emmy Ball-Hennings, (ihr)Leben im Vielleicht, ist vielleicht eines der größten Werke der Autorin, denn es ist ihr gelungen, eine materialreiche aber auch eine materialarme Biografie über eine ungewöhnliche Frau zu verfassen, die eben durch ihr Leben im Vielleicht sehr viel aber doch nicht immer „Stichhaltiges“ hinterlassen hat. Aber, um es vornweg zu nehmen, die versuchten Deutungen der Autorin, die Spiegelungen der Hinweise, dass „Vielleicht“, sind Bärbel Reetz vortrefflich gelungen. Vielleicht war Emmy Hennings, geboren am 17. Januar als Emma Maria Cordsen in Flensburg, zu viel Muse und Geliebte, hätte ihre Talente nicht so großzügig und für viel zu wenig verschenken dürfen, hätte sich manche Peinlichkeit ersparen können, wäre vielleicht nie im Gefängnis gelandet, hätte vielleicht nie auf den Strich gehen müssen! Vielleicht! Doch immerhin, vielleicht gerade deshalb, weil sie …, wurde aus dem Dienstmädchen eine Theaterschauspielerin, eine Kabarettistin und Avantgarde-Künstlerin und sogar eine Poetin und Schriftstellerin, die, vielleicht zu sehr und vor allem zu lange im Schatten ihrer teilweise berühmten „Männerbekanntschaften“ gestanden hat. Nun ist Bärbel Reetz die Biographie dieses ungewöhnlichen Frauenschicksals, anders will ich das Leben der „Emsi“, wie sie manchmal liebevoll genannt wurde, sehr gelungen. Das Buch zieht zudem weite Bögen, holt weit aus, um den Leser dann immer wieder direkt am Leben der Protagonistin teilnehmen zu lassen. Und Reetz erzählt nebenher und interessant von der Berliner und Münchner Boheme, von seinerzeit bekanntgewordenen Avantgarde-Künstlern, erzählt vom Leben des Tingeltangel, der Drogensucht Emmys, bis zu den Tagen, an denen Hugo Ball ins leben von Emmy tritt. Mit Hugo Ball, als er in Emmys Leben trat, sich in sie verliebte, löste eine gewaltige Wende in Emmy aus. Er führte sie nicht nur in die Gründerzeit des Dadaismus in Zürich, er nahm sie auch praktisch mit und er lies Emmy vor allem und an allem selbst teilhaben. Und, er brachte wohl auch als Erster Mann etwas Ordnung in Emmys Leben. Gerade zur rechten Zeit. Annemarie, Emmys Tochter, die bislang ohne mütterliche Regung! bei ihrer Großmutter aufgewachsen war, trat unabwendbar in Emmys Leben ein. Emmys Mutter war gestorben und das Kind musste nun von Emmy versorgt werden. Wieder half Ball und er war wohl sein Lebtag lang mehr mit Annemarie verbunden als ihre Mutter selbst. Und Reetz kann, oder muss, den Bogen noch weiter schlagen und führt den Leser aus dem Dada in Zürich ins Tessin. Und als Emmy und insbesondere Hugo auf Hermann Hesse treffen, ist an sich ein weiteres Kapitel in der Biographie aufgeschlagen. Eine ausgezeichnete Lektüre, offen und manchmal fast unglaublich, was sich dichtgedrängt auf den rund 320 Seiten abspielt. Die wunderbare Erzählweise der Autorin nimmt den Leser gefangen und ganz nebenbei erfährt man sehr viel Kunstgeschichtliches aus einer aufregenden Zeit. Sehr empfehlenswert! Es gibt aus meiner Sicht nur einen Mangel, und zwar handelt es sich um den Einband des Taschenbuches. Dieser ist so straff und hart, dass es bisweilen die Finger schmerzte beim lesen. Viele Grüße
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