Diese Arbeit nimmt mit neuen theoretischen Mitteln ein traditionsreiches Thema wieder auf: die Entstehung des Staates und der ersten Klassengesellschaften. Neu ist die Perspektive: die Entstehung staatlich organisierter Gesellschaften wird als soziale Evolution begriffen. Die zentrale These lautet, daß die in den Mythen vollzogene Moralisierung des Rechts die staatliche Organisation der Gesellschaft ermöglicht. Sie wird anhand eines reichen ethnographischen Materials entfaltet: die evolutionäre Durchsetzung dieser epochemachenden Innovation wird mit dem Krisenmechanismus neolithischer Produktionsweisen und der begrenzten Steuerungskapazität rituell gebundener Entscheidungsprozesse erklärt.
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20.01.2021
Buch (Taschenbuch)
Eder und sein Versuch über eine Theorie evolutionistischer Soziologie
Klaus Eder, Schüler von Habermas, macht sich hier eine anspruchsvolle Baustelle auf: die Konstruktion einer soziokulturellen Evolution. Nun könne man glauben, Evolution meine hier nur ein entwicklungstheoretisches Analogon zur biologischen Evolutionstheorie, aber nein, Eder greift diese (heuristisch) mit einer so g. doppelten Begriffsstrategie auf: „Die Sprache einer soziologischen Systemtheorie ist angemessen dafür, die Logik und die Mechanismen der Erzeugung und Steigerung von Komplexitäten zu erfassen.“
Leider habe ich hier nur 500 Wörter Platz, sodass ich nicht tiefer einsteigen kann, was schade ist, weil besonders die Frage der Berechtigung der o. g. These, evolutionstheoretische Begriffe für soziologische bzw. sozio-genetische Prozesse zu verwenden, zu analysieren ist. Daher bleibt an dieser Stelle besser meine Kritik am Buche nachgerade eines aufmerksamen Lesens:
Formal beginnt Eder zwar gut mit der Kernhypothese bzw. Programmatik, wird aber dann zu kompakt in den Ausführungen. Der Leser weiß kaum noch These und Urteil voneinander zu trennen, was ist Beschreibung, was ist Erklärung. Es ist ein Mangel an Darstellungen zu verzeichnen. Für dieses kleine Buch wird ein viel zu großes Begriffsarsenal ohne adäquate Explikation und vor allem unsystematische Kategorisierung aufgeboten: Sprachfähigkeit, Diffusion, Technik, Religion, Moral, Macht, Geld, Interaktion, Adaption, Herrscher-Richter, Recht, Institution, Selbststeuerung, Lernfähigkeit...). Man kann auch die Priorisierungen nur erahnen. Für eine seriöse Analogie hätte ich mir zudem mehr als nur abstrakte Metaphorik gewünscht. Z.B. werden Substitution und Adaption unter Selektion subsumiert. Ist das wirklich korrekt?
Zum Inhalt kann man nicht viel sagen, außer dass es jedem Leser selbst überlassen sei, sich den Begriff der Evolution nicht nur in der Natur sondern auch in der Kultur vorzustellen. Ich glaube, wer das tut, sollte auch „Meme“ als die Gene der Kultur anerkennen. Natürlich ist es schwierig zu sagen, ob die Gattungsgeschichte eine Fortschrittsgeschichte ist, oder ein bloß evolutionäres Ergebnis („stichtagsbezogen“) hinsichtlich „Selektionsdruckes“ und Adaption.
Einer der Schlüsselbegriffe scheint die Lernfähigkeit zu sein. Aber genau hier sehe ich eben ein antievolutionistisches Konzept. Mal davon abgesehen, dass Lernfähigkeit noch lange nicht Lernwille bedeutet, erscheint doch aber die Vernunft ein Mittel, Erlerntes „sinnvoll“ (wie auch immer geartet, wie auch immer durchgesetzt, z.B. diskursiv als Konsens) anzuwenden, unabhängig also von exogenen Faktoren, die Selektions- und Anpassungsdruck erzeugen. Evolution ist der Zufall, dass bei einer veränderten Umwelt, veränderten Lebensbedingungen die dazu anpassungsfähige Veranlagung eines Organismus (geno- oder phänotypisch) sein Überleben möglich macht. Eder lässt hingegen Organisationsprinzipien substituieren. Hier formt aber nicht selten ein Geist, nicht die Natur. Der Faschismus z.B. war kein Zufall, sondern intendiert. Und hat Nietzsche nicht schon in seiner Götzen-Dämmerung darauf hingewiesen, dass Darwin den Geist vergessen hätte?
Fazit: Es ist prekär sich eines naturwissenschaftlichen Begriffsarsenals zu bedienen, um sozilogische Theorien zu entwickeln. Starre Designatoren sowie Defintionen geraten in "Selektionsdruck" und werden metaphorisiert. Das führt am Ende zu Paradoxien des Textes und kommt zu keinen gehaltvollen Erkenntnissen. Die Absentia des Geistes ist m. M. die stärkste Kritik am vorgelegten Modell!
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