Sellars’ Klassiker “Der Empirismus und die Philosophie des Geistes”, der nun erstmals vollständig in deutscher Übersetzung vorliegt, zählt zu den wichtigsten Schriften der analytischen Nachkriegsphilosophie. Mit seiner Kritik am sogenannten “Mythos des Gegegebenen” zielt er auf das Ende einer auf Sinnesdaten basierten Erkenntnistheorie. Sein Vorschlag, Gedanken und Sinneseindrücke als postulierte Entitäten einer Alltagstheorie von Denken und Wahrnehmung zu behandeln, macht seine Schrift zu den Gründungstexten des Konzepts einer Folk-Psychology oder Alltagspsychologie, das gerade in den zurückliegenden Jahren zu einem der Schwerpunktthemen der Philosophie des Geistes avanciert ist. Schließlich deutet er mit seinem Vorschlag einer unterschiedlichen ontologischen Fundierung von alltäglichem und naturwissenschaftlichem Weltbild eine Möglichkeit an, wie sich die sinnlichen Gegenstandsmerkmale, ohne sie zu eliminieren, innerhalb eines naturwissenschaftlichen Weltbildes rekonstruieren lassen. Eine vollständige Bibliographie seiner Arbeiten sowie eine umfassende Auswahlbibliographie von Arbeiten zu Sellars’ theoretischer Philosophie beschließen den Band.
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04.02.2012
Buch (Taschenbuch)
Sellars und der Mythos des Gegebenen
Die elementare Frage der Epistemologie: Wie kann ich mir sicher sein, dass mein Wissen auch Wissen ist? Es geht also darum, das "Wie" des Wissens zu ergründen, vorausgesetzt es handelt sich um Wahrheitsgehalte, die intersubjektiv überprüfbar sind! Denn ich kann der einzige Mensch der Welt sein und muss hierbei keinen Begriff von "Etwas" ohne eine "sinnliche Gewissheit" davon zu haben; ich muss es jedoch wiedererkennen können, das voraussetzt, dass ich 1. eine wie auch immer geartete Repräsentation dieses eigentlich singulären Ereignisses bilden kann, die ich 2. auch erinnere im Falle einer ähnlichen Situation (ich lerne, urteile). Das Problem ist diese "Ähnlichkeit". Denn logisch kann es keine Wiederholung des selben Ereignisses in der Zeit geben, somit ist es logisch auch nicht möglich, sich einen Begriff des Konkreten zu machen, besonders den von Kausalität, dass wenn A dann B. Es braucht notwendige Bedingungen für die sinnvolle Konstitution von Urteilen, nämlich die Bildung von Begriffen und einer logischen Grammatik (für die sinnvolle Verknüpfung der Informationen zu Aussagen, Gründen und Folgen). Begriffe erheischen den Charakter von Allgemeinheit. Nun weiß ich, dass liegt nun einmal an der Induktivität des empirischen Urteils, dass diese Information kein Wissen darstellt, solange ich es privatim bilde und nicht intersubjektiv überprüfen kann. Erst dann, wenn Gedanken intersubjektiv zum Ausdruck gebracht werden, "erkenne" ich an den Reaktionen der "anderen", ob mein Urteil mit dem der anderen übereinstimmt (wenngleich Konvention nicht zwingend Wissen ist!). Sellars setzt diesen intersubjektiven Menschen hier voraus, auch die Tatsache, dass er Sprachvermögen besitzt (d.h. auch Denkvermögen), gleichwohl er den holistischen Ansatz verfolgt, d.h. Wissen erschließt sich wenn überhaupt nur in einer Sprache, nicht in einem Wort oder einem Satz: "Es genügt nicht, daß Bedingungen vorliegen, die angemessen sind, um die Farbe eines Gegenstandes durch Anschauen zu bestimmen. Das Subjekt muss WISSEN, daß Bedingungen dieser Art angemessen SIND. Und während man dazu keine Begriffe haben muß, bevor man sie hat, so kann man doch nur dann über den Begriff des Grünen verfügen, wenn man bereits über einen ganzen Komplex von Begriffen verfügt, von denen 'grün' ein Element ist." Und er will ihn zerstören: den myth of the given: "Der Gedanke, daß Beobachtung [...] durch bestimmte, sich selbst beglaubigende, nichtsprachliche Episoden konstituiert wird, deren Autorität sich auf sprachliche und quasi-sprachliche Vollzüge überträgt [...] ist natürlich das Herz des Mythos des Gegebenen." Er kommt zum Ergebnis: "Nunmehr wird uns nämlich klar, dass es sich nicht etwa so verhält, daß wir über den Begriff von etwas verfügen, weil wir diese Art von Ding erkannt haben. Es verhält sich vielmehr so, daß die Fähigkeit, eine Art Ding zu erkennen, voraussetzt, dass man bereits über den Begriff dieser Art verfügt." Positiv ist, dass Sellars den Begriff der Intentionalität einbringt. Insgesamt ist der Text nicht ganz einfach. So verwendet Sellars Begriffe wie Autorität, Bericht, Festlegung, geht ein auf die "Logik des Erscheinens" (natürlich ist dies auch der rote Faden seiner Kritik am Mythos), aber auch auf die Sprache hinsichtlich der Wissenschaftstheorie und des Alltags, die Bedeutung, den Begriff des Gedankens sowie das Privatsprachenargument.
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