Fünf junge Sanitätsoffiziere, unter ihnen Jakob aus Estland, werden 1911 an die russisch-chinesische Grenze entsandt. Dort sollen sie einer Pestepidemie Einhalt gebieten - und stoßen auf das Grauen der Seuche, auf politische Zwänge und auf Entscheidungen, die ihr Leben unwiderruflich verändern. Pflicht, Angst und die Liebe zu einer Frau fordern ihren Preis.
Zweiundzwanzig Jahre später begegnen sich zwei von ihnen wieder. Der eine ist für die medizinische Versorgung eines Gefängnisses verantwortlich, der andere sitzt dort ein: ein kommunistischer Agitator, gezeichnet von Haft, Ideologie und Vergangenheit. Zwischen ihnen stehen unausgesprochene Schuld, alte Loyalitäten und die Frage, was von den einstigen Überzeugungen geblieben ist.
Rein Raud verwebt Elemente seiner Familiengeschichte mit der Geschichte Estlands und zeichnet ein eindringliches Panorama von Unterdrückung und Freiheitsdrang, von politischer Verblendung und persönlicher Verantwortung - und von der Macht der Liebe, die ebenso retten wie zerstören kann.
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Eine Leseempfehlung
Bellis-Perennis aus Wien am 01.05.2026
Bewertungsnummer: 3125461
Bewertet: eBook (ePUB)
Der estnische Autor Rein Raud verwebt Teile seiner eigenen Familiengeschichte zu einem interessanten historischen Roman.
Worum geht‘s?
Vordergründig um die Eindämmung einer Epidemie an der russisch-chinesischen Grenze. Doch wenn man den fünf abkommandierten Sanitätsoffizieren folgt, geht es um mehr, als das Ausbreiten der Pest zu verhindern.
Doch zunächst begleiten wir die fünf Soldaten, darunter Jakob aus Estland, 1911 an die russisch-chinesische Grenze. Schon allein die Anreise in die Mandschurei mit dem Zug liest sich wie ein Abenteuer.
Die jungen Sanitätsoffiziere folgen genau den Befehlen ihres Vorgesetzten. So arbeiten sie sich entlang der Bahnlinie von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf weiter. Nicht alle Dorfbewohner heißen die Männer in ihren Schutzanzügen willkommen. So werden einige Leichen versteckt bzw. die Soldaten bedroht.
Die Unterhaltungen während der Bahnfahrt in ihrem Komfortabteil drehen sich um ihre Heimat, Schnaps und Sex.
„Aber die Gesellschaft von gefälligen Mädchen konnte er sich absolut nicht vorstellen, denn ein gewisses Dingsbums hängt doch nicht an den Männern, um es einfach irgendwo hineinzustopfen.“ (S. 8)
Eigentümlich ist nur, dass Solomjatin, der immer, wenn das Gespräch auf seine Herkunft kommt, schnell das Thema wechselt. Hat er etwas zu verbergen?
So eilen die Tage und Wochen dahin, bis sie in Harbin der Einladung von Herrn Mögling, einem Eisenbahndirektor, folge leisten. Diese Einladung wird die fünf Sanitätsoffiziere Folgen haben, denn eine junge Frau wird von nun an das Abteil mit ihnen teilen.
Zweiundzwanzig Jahre später begegnen sich zwei von ihnen wieder. Der eine, Jakob, inzwischen verheiratet und Vater, ist für die medizinische Versorgung der Gefangenen im Patarei-Gefängnisses in Tallin (bis 1918 hieß die Stadt Reval) verantwortlich, der andere, sitzt dort unter dem Namen Kameratow ein. Solomjatin gilt als gefährlicher kommunistischer Agitator, weshalb er seine Strafe in Einzelhaft verbringen muss. Nicht nur zwischen ihm und Jakob, steht eine unausgesprochene Schuld, sondern auch Siina, eine an TBC erkrankte Gefangene hat Grund, Kameratow/Solomjatin zu hassen ...
Meine Meinung:
Wie schon eingangs erwähnt, hat Rein Raud für diesen historischen Roman auf Teile der Lebenserinnerungen seines Großvaters zurückgegriffen. Dabei fließt auch die Geschichte Estlands zwischen 1900 und 1933 ein, das mehrmals Anstrengungen unternommen hat, aus dem Zarenreich zu entkommen.
Interessant sind Jakobs Gedanken zu lesen, die zu Beginn der medizinischen Ausbildung ziemlich idealistisch sind. Gleichzeitig hat er eine ziemliche Wut auf Solomjatin entwickelt, der geneigte Leser ahnt, warum. Als Ehemann und Vater, muss Jakob jeden Job annehmen, der ein regelmäßiges Einkommen und eine Wohnung bietet. Weil ihm die eine oder andere Prüfung fehlt, um als Zivilfeldscher oder gar als Arzt zu arbeiten, kann er nicht allzu wählerisch sein. Auch für seine Ehefrau ist dieser Zustand nicht befriedigend. Erst als er seine Ideale über Bord wirft, keimt für die kleine Familie ein Hoffnungsschimmer auf.
„Vergebung und Gerechtigkeit müssen nicht unbedingt Gegensätze sein.“ (S. 241)
Autor Rein Rauds historischer Roman hat mir sehr gut gefallen, weil er neben den der Elemente seiner eigenen Familiengeschichte auch die Geschichte Estlands verquickt, die reich an Unterdrückung und Freiheitsdrang, von politischer Verblendung und persönlicher Verantwortung ist. Diese Verantwortung, als junge Sanitätsoffizier an die äußerste Grenze des Zarenreiches zur Seuchenbekämpfung eingesetzt zu werden, hat vor allem Jakob ernst genommen. Schade finde ich, dass ich über die Jahre dazwischen nicht allzu viel erfahren habe. Was ist aus den anderen (außer Solmojatin, dessen Schicksal wir nun kennen) geworden?
Der Schreibstil ist ruhig. Man nimmt den Personen ihre Handlungen ab. Das schließt auch die beiden Frauen im Gefängnis ein.
Das Baltikum mit seinen Staaten Estland, Lettland und Litauen ist seit einigen Jahren ein beliebtes Reiseziel. Ich selb habe Tallinn anlässlich eines Kongresses besucht. Die mittelalterliche Stadt sowie ihre äußerst freundlichen Bewohnerinnen und Bewohner haben mich sehr beeindruckt. Ein Grund, nochmals nach Estland zu reisen, bzw. sich mit der Geschichte des Baltikums zu beschäftigen.
Fazit:
Gerne gebe ich diesem historischen Roman, der sich an der Familiengeschichte von Rein Rauds orientiert, 4 Sterne und eine Leseempfehlung.
Kein Buch für zwischendurch
Bewertung aus Bad Münstereifel am 18.03.2026
Bewertungsnummer: 3081752
Bewertet: eBook (ePUB)
Bevor die Pest sich noch weiter ausbreitet, werden Fachmänner in die entlegensten Dörfer Russlands geschickt. Sie sollen dafür sorgen, dass die Leichen, welche auf den Straßen liegen, verbrannt werden. Sie kommen mit dem Zug und die sogenannten Pestzüge sind damals in aller Munde. Nicht alle Bewohner der betroffenen Dörfer heißen die Männer willkommen.
„Pestzug“ hat mich zunächst ein wenig verwirrt. Als mir aber klar wurde, dass der Autor bei den Kapiteln auch zwischen Zeit und Ort wechselte, konnte ich seinen Gedanken sehr gut folgen. Er beschreibt sehr anschaulich, wie mit dem „Schwarzen Tod“ umgegangen wurde. Die jungen Sanitätsoffiziere folgten genau den Befehlen ihrer Vorgesetzten. Die Unterhaltungen während der Bahnfahrt drehten sich um ihre Heimat und der Tatsache, dass plötzlich ein junge Frau das Abteil mit ihnen teilt.
Auch wenn das Buch meine volle Konzentration beanspruchte und ich immer mal wieder Abschnitte zweimal lesen musste, es gefiel mir gut. Das Leben der Männer führte mir recht deutlich vor Augen, welchem Zwang sie unterworfen waren. Nein, es ist kein oberflächlicher Roman sondern ein Buch, das die Lebensumstände der Menschen im Osten Europas beschreibt.
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