Berühmt wurde er als Frontmann von Genesis. Aber Peter Gabriel ist mehr als nur ein Popstar.
Mit Genesis wurde er zwar berühmt, aber Peter Gabriel als simplen Popstar zu bezeichnen, würde ihm nicht gerecht werden. Denn der umtriebige Engländer verfolgt seit jeher unterschiedliche, sich überschneidende Karrieren mit der ihm eigenen Akribie und unermüdlichen Neugier. Seit 1975, als er Genesis, die Band, die ihn berühmt gemacht hatte verlies, verbreitete er sein Spektrum: Er wurde außerdem zum namhaftesten Verfechter der World Music, indem er das WOMAD Festival mitbegründete und Solo-Alben mit Musikern aus allen Kontinenten veröffentlichte.
Zu Beginn der Achtziger verwendete er den offiziell ersten Fairlight CMI, einen Synthesizer mit Sampling-Technik, um komplizierte Klanglandschaften zu erschaffen. Außerdem begeisterte er sich schon bald für digitale Aufnahmetechniken. Auch erweckten diverse crossmediale Kollaborateur sein Interesse, und Amnesty International fand in ihm einen unermüdlichen Unterstützer. Zusammen mit Richard Branson forderte er den Zusammenschluss verschiedener politischer Führer zu einer Gruppe, die sich um gemeinschaftliche Lösungen globaler Probleme kümmern soll.
Der Autor Daryl Easlea hat stundenlange Interviews mit Wegbegleitern, Musikern, Helfern und Vertrauten geführt um zum Herzen und zur Seele Peter Gabriels, seiner Musik und seines komplexen Lebens vorzudringen. Viele Fotos aus allen Schaffensphasen bereichern dieses Buch. Das Resultat ist die einzigartige Biografie eines außergewöhnlichen Künstlers.
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"Es gibt keinen Bruder John, sondern nur die andere Hälfte von Raels Persönlichkeit"
Raumzeitreisender aus Ahaus am 22.02.2026
Bewertungsnummer: 3054278
Bewertet: eBook (ePUB)
"Ihn einfach einen Popstar zu nennen, wäre so, als würde man Salvador Dali als simplen Maler abtun. Gabriel ist einer der talentiertesten und rätselhaftesten Künstler, die Großbritannien je hervorgebracht hat."
Peter Gabriel hat Musikgeschichte geschrieben. Das gilt für seine Zeit als Frontmann bei Genesis und auch für die Zeit danach. Als selbstbestimmter kreativer Künstler versteht er es, Kunst und Kommerz voneinander zu trennen. Seine Lebensgeschichte beweist es. Gabriel 1977: "Ich sehnte mich früher ganz schrecklich danach [Erfolg], aber es war eine Erfahrung, die ich nun abhaken kann."
Autor Daryl Easlea gliedert die Biografie in drei Teile. Der erste Teil beinhaltet die Zeit bei Genesis bis zum "Ausstieg aus der Maschinerie" 1975, der zweite Teil die Anfangsjahre als Solokünstler ("sein anderes Ich") bis zu seinem erfolgreichen Album "So" und der dritte Teil die Zeit nach 1986 bis heute, die Zeit der Benefizaktionen.
Das Buch ist umfassend, unterhaltsam und verständlich. Es enthält viel wörtliche Rede, wenngleich der Urheber manchmal schwer erkennbar ist. Der Aufbau erfolgt chronologisch. Am Ende befinden sich Diskografie und Bibliografie; ein Stichwortverzeichnis fehlt. Auf 24 Seiten sind Bilder in schwarz/weiß abgedruckt. Der Fokus liegt auf der Musik von Peter Gabriel.
Die Mitglieder von Genesis haben sich auf der Charterhouse School, einer Privatschule, kennen gelernt. Dieser Umstand einschließlich ihrer Zugehörigkeit zur Mittelschicht wird einige Male zu oft erwähnt, auch wenn die anspruchsvollen Texte vieler ihrer Songs hier ihre Wurzeln haben dürften.
"Peter hatte nicht wirklich viel zu sagen. Er steuerte einen kleinen Flötenteil oder eine Gesangslinie bei. Es war schwierig für ihn, da wir seine Ideen oft nicht beachteten." Manche Aussagen überraschen, so auch diese von Anthony Phillips aus der Anfangszeit.
Dass Vergleiche mit David Bowie gezogen wurden, habe ich persönlich nie so wahrgenommen und auch nicht so gesehen. Beide Künstler sind ausgesprochen kreativ aber dennoch hinsichtlich ihrer Musik und Performance unterschiedlich. Peter Gabriel betont in einem Interview, dass es ihm immer darum ging, Charaktere aus den Texten zum Leben zu erwecken. Bei Bowie seien die Kostüme nicht so wichtig für die Songs an sich.
Eine Biografie über Peter Gabriel wäre unvollständig ohne die Erwähnung von Rael, der ausgehend vom New Yorker Broadway eine surrealistische Irrfahrt unternimmt, um seinen Bruder John zu finden. "The Lamb Lies Down On Broadway" bildet den Höhepunkt und auch das Ende der Band Genesis mit Peter Gabriel.
Es gibt viele Theorien über "The Lamb Lies Down On Broadway" und Raels Pilgerreise. Diese Reise ins Unbewusste, so die Vermutung, spiegelt Gabriels Seelenleben wieder. Es gibt keinen Bruder John, sondern nur die andere Hälfte von Raels [Peters] Persönlichkeit. Nebenbei erfährt man, dass Brian Eno für die Verfremdung von Gabriels Stimme bei "The Grand Parade Of Lifeless Packaging" verantwortlich ist. Gabriels imposante Bühnenpräsenz und seine Verwandlungen fanden mit der Tournee zu "The Lamb Lies Down On Broadway" ihren Abschluss. Gabriel verließ Genesis 1975.
Nach Aussage des Autors verwandelte sich Gabriel in der Folgezeit "vom abgehobenen, theatralischen Kultstar zum pfiffigen, minimalistischen Popstar". In meinen Augen ist er ein Kreativkünstler geblieben, mit Musikstücken (z.B. das dritte Soloalbum "Melt"), die irgendwie (erfrischend) anders waren und jenseits des Mainstreams anzusiedeln sind. Dennoch überraschte er die Musikwelt als erstes mit seinem massenkompatiblen Ohrwurm "Solsbury Hill".
Obwohl seine ersten Soloplatten hörenswert waren, war Gabriel finanziell nicht abgesichert. In einer finanziellen Zwangslage Anfang der 1980er Jahre halfen seine ehemaligen Kollegen von Genesis mit einem Benefizkonzert aus. Der weltweite Durchbruch erfolgte mit dem Album "So". 1987 wurde Gabriel von der britischen Musikindustrie zum besten britischen Interpreten ausgezeichnet.
Es entspricht Gabriels künstlerischer Mentalität, nicht weitere Hits der gleichen Art zu produzieren, sondern neuartige Projekte in Angriff zu nehmen. Das tat er auch, und zwar nicht nur in musikalischer Hinsicht. Im dritten Teil der Biografie werden einige Projekte beschrieben, an denen Gabriel beteiligt war. Hierzu gehörten auch Aktionen für die Einhaltung der Menschenrechte.
Die finanzielle Unabhängigkeit führte auch dazu, dass Gabriel die Real World Studios realisieren konnte und unbekannten Musikern aus fremden Kulturen damit die Chance bot, ihre Musik zu produzieren. 1994 wurde Gabriel bei den BRIT Awards als bester Produzent ausgezeichnet. Ihm selbst wird das musikalische Material nicht ausgehen. Gerüchten zufolge besitzt er annähernd 100 Songs auf Vorrat.
Daryl Easlea beschreibt die vielen musikalischen und zunehmend politischen Projekte, in die Gabriel eingebunden ist. Gabriel sprach sich gegen den Irak-Krieg aus, war mit Nelson Mandela befreundet und wurde für sein Engagement für die Menschenrechte ausgezeichnet. "Es ist eine ziemlich anspruchsvolle Route, die er da eingeschlagen hat. Aber so ist Peter Gabriel."
Aufschlussreich ist das Nachwort, in dem Mitstreiter aus Gabriels Entwicklungsgeschichte sich über ihn äußern. So z.B. Gail Colson: "Er ist ein echter Visionär, der die Welt zu einem besseren Ort machen will und bereit ist, alles dafür zu geben."
Durch das Buch habe ich insbesondere zur Entstehung und Bedeutung der Musik von Genesis und Peter Gabriel eine Menge erfahren. Die Musik steht in dem Buch auch im Mittelpunkt. Mein Bild von Peter Gabriel hat sich durch die Biografie nicht verändert. Er wird präsentiert als der engagierte kreative Künstler, für den ich ihn schon immer gehalten habe. Mehr Licht ins Dunkel kann nur eine Autobiografie bringen.
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