Faszination Bundesliga Seit nunmehr fünfzig Jahren ist die Fußballbundesliga ein wichtiger Bestandteil der Populärkultur, wobei auch wirtschaftliche Interessen eine immer größere Rolle spielen. Nils Havemann nähert sich ihren großen Figuren an - den strahlenden ebenso wie den mediokren - und stellt die Liga vor dem Hintergrund der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland dar.
Durch die Auswertung bislang nicht zugänglicher Dokumente gelingt es Nils Havemann, ein neues Licht auf die Geschichte der Bundesliga zu werfen. So liefert das Buch unter anderem neue Details zum großen Bestechungsskandal 1970/71 und schildert, warum der Streit über die Fernsehrechte bereits ausgebrochen war, lange bevor die Sportschau auf Sendung ging. Zudem kann Havemann erstmals auf der Grundlage belastbarer Quellen Aussagen über die Entwicklung der Spielergehälter treffen. »Samstags um halb vier« bietet tiefe Einblicke in die Entwicklung eines Sports, der für viele zum Religionsersatz wurde und sich häufig auf dem schmalen Grat zwischen Faszination und Fanatismus, zwischen Patriotismus und Rassismus bewegt. Eine spannende Geschichte über die wichtigste Nebensache der Deutschen.
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Mit Vorsicht zu geniessen!
Bewertung aus Berlin am 07.07.2014
Bewertungsnummer: 848639
Bewertet: eBook (ePUB)
Die Bundesliga wird 50 Jahre. Anlass also sich einen Rückblick zu gestatten. Da darf natürlich ein übergreifendes Werk über die Bundesliga nicht fehlen. Havemann hat sich nun daran versucht, ein Standardwerk über die Bundesliga zu verfassen. Ein Werk, in dem er die Bundesliga in ihren historischen Kontext einbetten will und gleichzeitig die Bundesliga als Spiegelbild der Gesellschaft abbilden will.
Und man ist erstaunt: Havemann hat wirklich erstaunliches zu Tage gefördert. Mit einem enormen Aufwand ist es ihm gelungen, Fakten zusammenzutragen, die unter anderem zum Teil stark an alten romantisierten Bildern vom armen, hart arbeitenden westdeutschen Fussballer kratzen. So wird z.B. auch deutlich, dass der nicht über die Alpen ziehende Uwe Seeler über indirekte Zuwendungen vergleichbare Gehälter Einstrich wie seine Pendants in Südeuropa.
Jedoch ergeben sich einige Probleme die den Gesamteindruck des Buches stark trüben. Da ist zum einen die ziemlich verquaste Sprache des Buches, bei der der Autor anscheinend sehr versucht ist, ein hohes Niveau anzustreben. Das erscheint mir über weite Strecken überflüssig und behindert unnötig den Lesefluss. Aber das ist Geschmackssache, darüber lässt sich streiten und ist vielleicht auch meiner begrenzten Intelligenz geschuldet.
Worüber sich allerdings weniger streiten lässt, ist Havemanns Interpretation der Fakten. Nehmen wir z.B. mal den Gegensatz zwischen Gladbach und Bayern München in den 70er Jahren. Diesen hält Havemann für überzogen und meint er wäre konstruiert, nicht zuletzt von den Medien. Mag sein, dass die Medien in diesen Dingen einem eigenen Interesse folgen. Dennoch ist es wohl kaum ein Zufall, dass es unter Linken schick war, für Gladbach zu sein. Die Verbindungen zwischen der CSU und Bayern München sind hinlänglich bekannt. Man denke nur an die Aussagen von Uli Hoeness über Edmund Stoiber. Zumal Bayern damals noch von einem beinharten Antikommunisten wie Franz joseph Strauss regiert wurde. Diese Zusammenhänge kann man nicht einfach so runterspielen sondern sind vielmehr zentraler Bestandteil dieses Konfliktes. Bei Havemann kommen die politischen Verbindungen jedoch nur am Rande vor.
Im gleichen Stil stösst die ewige Kritik am Staat sauer auf. Ständig will Havemann dem Leser eintrichtern, dass allein die Öffentlichen Zuschüsse an die Vereine zu grosser Unvernunft im wirtschaften grführt hat. Zu so grosser Unvernunft, dass einige Vereine (fast) bankrott gingen. Das scheint auf den ersten Blick schlüssig. Sieht man genauer hin, erkennt man jedoch, dass die These nicht haltbar ist. Denn heutzutage sind die Profivereine völlig überschuldet (was Havemann auch schreibt), obwohl der Staat sich weitestgehend aus dem Geschäft Fussball heraushält. Das reimt sich nicht zusammen und ergibt wenig Sinn. Der Kapitalismus hält die Vereine eben nicht zu gesunderem Wirtschaften an. Im Gegenteil: die Verschuldung steigt ständig weiter an. Die vielen untergangenen Ostvereine können davon ein Lied singen. Dieses Beispiel zeigt gut, wie sehr Havemann Opfer seiner eigenen ideologischen Scheuklappen ist.
Ein anderes gutes Beispiel ist die Tatsache, dass Havemann keine Alternativen zur Bundesliga in ihrer heutigen Form sieht. Seiner Meinung nach ist die Marktwirtschaft die überlegene Wirtschaftsordnung und andere Lösungen, wie z.B. eine Gehaltsobergrenze sind unrealistisch. Schaut man jedoch über den Tellerrand hinaus, sieht man, dass es in der Nordamerikanischen Eishockeyliga NHL eine Gehaltsobergrenze gibt und dass sie gut zu funktionieren scheint. Warum sollte das im europäischen Fussball also nicht möglich sein?
Zu guterletzt wiederholt Havemann einige Thesen seines Buches Fussball unter dem Hakenkreuz. Diese Thesen laufen im grossen und ganzen darauf hinaus, dass im Fussball eigentlich keiner Nazi war, sondern alle nur ihren eigenen Vorteil gesehen haben und deswegen mit dem System paktiert haben. Havemann behauptet das bei Herberger (der aber schon VOR 1933 der NSDAP beigetreten war und im Dritten Reich Reichstrainer wurde!!!). Er behauptet das ebenso bei Helmut Schön, der den Jagdflieger Rudel ins Quartier der deutschen Mannschaft während der WM in Argentinien 1978 einlud. Angeblich hätte man sich halt nur gut über den Fussball verstanden. Selbst wenn das so war, kann ich nicht oder nur kaum verstehen, warum man das entschuldigen will. Mag ja sein, dass sie sich gut verstanden haben. Aber Rudel war ein Alt-Nazi und machte keinen Hehl daraus. Was hätte Havemann wohl geschrieben, wenn sich Matthias Sammer als DFB-Sportchef mit Erich Mielke getroffen hätte? Nein, hier neigt Havemann zu sehr starkem Überdifferenzieren und scheint alles irgendwie entschuldigen zu wollen.
Auf der anderen Seite ist Havemann relativ gnadenlos wenn es um die "Linken" geht. Mag ja sein, dass einige Ansichten übertrieben waren (ich spreche hier nur von der parlamentarischen Linken!!), aber man sollte sie zumindest ernst nehmen und nicht alles mit Formulierungen wie kühne Behauptung u.ä. abtun ohne sich damit weiter zu beschäftigen. Überhaupt scheint das Buch auch eine Abrechnung ganz besonders mit den 68ern zu sein. Ständig muss Havemann betonen, dass die Adenauer-Ära keineswegs braun war. Da stellt man sich doch glatt die Frage, wie Globke und Oberländer in dieses Bild passen? Oder all die Nazis die nie belangt wurden.Havemann schreibt, dass jede Gesellschaft gut funktionierende Bürokraten braucht. Das ist schon richtig, entschuldigt aber überhaupt nichts. Ja, man hat damals so gedacht und damit hat die BRD grosse Schuld auf sich geladen. Manchmal sollte man die Dinge einfach bei ihrem Namen nennen.
Zu guter letzt widerspricht sich Havemann ständig, vermutlich aus dem an sich guten Ansatz heraus, man wolle ja schliesslich differenziert betrachten. Aber auch hier überdifferenziert Havemann mehr als ihm und dem Buch guttut. Ausser wenn es um Linke geht, hat Havemann erhebliche Probleme sich zu einem vernünftigen Standpunkt durchzuringen. Selbst das dümmliche Argument wir Fussballer können ja nur kurze Zeit unseren Beruf ausüben fehlt bei Havemann natürlich nicht, um explodierende Gehälter zu verteidigen. Ich frage mich jedoch, ob das wirklich rechtfertigen kann, dass ein Schweinsteiger 13 Millionen Euro im Jahr bekommt, wenn ein durchschnittlicher Arbeitnehmer in seinem ganzen Berufsleben von 40 Jahren ca 1,5 Millionen Euro verdient.
Alles in allem also sicherlich ein Buch mit einem immensen Forschungsaufwand und stellenweise absolut Lesenswert, aber man sollte jeden Satz und jedes Kapitel sehr aufmerksam lesen. Das erfordert auf der anderen Seite eine Menge Vorwissen und das muss man bei diesem Buch leider mitbringen, denn sonst gerät man leicht in Gefahr, Havemanns Thesen zu sehr auf den Leim zu gehen.
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