Gormenghast - das mächtige, labyrinthische Schloß, der Stammsitz der Grafen Groan, gehört zwar keiner Zeit an und keinem bestimmten Ort, doch so, wie Mervyn Peake seine phantastische Geschichte erzählt, bleibt weiter nichts unbestimmt ... Im Gegenteil: jede Szene wird grell ausgeleuchtet, wird geradezu furchterregend nahegerückt. Bewohnt wird das Schloß von erstaunlichen Figuren mit ausgesprochenen Mittelstandsallüren, die der Autor so dicht heranführt, daß man sie beinahe berühren könnte. Und den fetten Swelter zu berühren, die massige Lady Gertrude oder den spinnenhaften Mister Flay, das wäre in der Tat ein Schock. Ein Fantasyroman voll schillernder Figuren und einem labyrinthischen Schauplatz, der skurriler nicht sein könnte. Mervyn Peakes zeitloses Meisterwerk ist das Vorbild für viele moderne Fantasyautoren. »Gormenghast« ist von der Hand eines Zauberers geschrieben.
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Lasst Euch gefangennehmen von dieser Geschichte
Anno Tukk am 07.10.2023
Bewertungsnummer: 2038476
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Gormenghast! ... Ich weiß gar nicht, wo ich da so richtig anfangen soll. Mit einem kurzen Anriss des Inhalts vielleicht? Okay ... das ist gar nicht sooo leicht: Eigentlich dreht sich der Roman um das Leben der Groans, einer gräflichen Familie in einer nicht näher bestimmten Zeit. Die Groans sind gefangen in einem Netz voller absurder, sinnfreier Rituale, die es seit Urzeiten zu erfüllen gilt. Die Menge Ihrer Angestellten ist nicht nur unüberschaubar, sondern die meisten ... ach ... was sage ich ... ALLE Figuren sind auch noch äußerst skurril und völligst überzeichnet. Einer von ihnen verfolgt ganz eigene Pläne und schreckt dabei vor nichts zurück: Steerpike, der Küchenjunge.
Der Leser verfolgt hier eine Entwicklung, die mit der Geburt des gräflichen Erben Titus beginnt und sich dann über dessen Kindheit erstreckt. Eine Zeit, in der Steerpike sich in das Leben der Groans wühlt, wie ein Wurm in einen faulen Apfel. Aber der junge Graf und der Küchenjunge sind nur bedingt die Hauptfiguren. Man verfolgt hier viele (Lebens- und Todes-) Geschichten, die alle ineinandergreifen und die den Kosmos von Gormenghast bilden.
Überhaupt: Gormenghast! Da haben wir noch einen Hauptdarsteller. Gormenghast ist der Lebensraum der Groans. Das riesige alte Schloss auf dem Hügel über einem fast verfallenen Dorf, umgeben von Wald und Nebel. Und "riesig" ist hier wortwörtlich zu nehmen. Gormenghast ist ein Labyrinth, eine Unzahl von verwinkelten Räumen und Sälen, Fluren, Treppen, Türmen, Terrassen und Dächern, Geheimgängen und Kellern. Ganze Bereiche sind in Vergessenheit geraten, spinnwebenverhangen, verrottet und voller dunkler Schatten. Was für eine unglaubliche Kulisse für Steerpike, Titus und all die anderen Bewohner dieses Stein gewordenen Irrsinns. Noch heute beflügelt das Schloss meine Phantasie. Ich habe Gormenghast zum ersten Mal in meiner Jugend gelesen (lang ist es her) und ehrlich gesagt war es hauptsächlich die Beschreibung dieses uralten, geheimnisvollen und halb verfallenen Gemäuers im Klappentext, die mich zum Lesen bewogen hat.
Verschwurbelt, absurd und außergewöhnlich sind nicht nur das Schloss und die Protagonisten, sondern auch die unglaublich blumige und ausschweifende Sprache, in der Mervyn Peake dieses grelle Szenario beschreibt. Darauf muss man sich tatsächlich einlassen können und diese Art wird ganz sicher nicht jedermanns Geschmack treffen. Ich persönlich habe es absolut geliebt, mit Peake als Reiseführer durch dieses alte Gemäuer zu ziehen und mir die Geschichten erzählen zu lassen, jeden Stein zusammen mit ihm umzudrehen und die mehrfach verdrehten Gemüter seiner Darsteller zu beleuchten. Das gehört mit zu meinen schönsten Bucherlebnissen überhaupt.
Meine Schwester allerdings hat es nicht einmal bis zur Hälfte durch den ersten Band geschafft. Sie fand es einfach nur anstrengend. Seid also gewarnt.
Die komplette Gormenghast-Reihe besteht aus 4 Bänden:
1. Der junge Titus
2. Im Schloss
3. Der letzte Lord Groan
4. Titus erwacht
Eigentlich sollten es viel mehr Bände werden, aber Mervyn Peake hat seine Vision leider nicht vollenden können. Die Bände 1 und 2 waren bereits fertiggestellt und können meiner Meinung nach für sich stehen. Die Bände 3 und 4 wurden nach dem Tod von Peake durch dessen Sohn aus Fragmenten zusammengefasst und zur Vervollständigung der Geschichte veröffentlicht. Band 4 sogar mit einem Abstand von vielen Jahren zu den ersten 3 Bänden. Ich möchte hier nicht spoilern, aber es ist tatsächlich so, dass nach den ersten zwei Bänden ein Schnitt erfolgt. Das Szenario und die Sprache ändern sich. Ihr werdet wissen, was ich meine, wenn Ihr so weit gekommen seid.
Ich hoffe, den ein oder anderen neugierig gemacht zu haben :)
Wenn man sich einfach hineinziehen lässt in diesen Kosmos, dann ist das ein ganz wunderbares Leseerlebnis. Es ist schwierig, die Gormenghast Bücher in irgendeine Schublade zu stecken. Sie sind dunkle Fantasie, Krimi, Coming-of-age-Story und noch Einiges mehr. Fangt einfach mal an und lasst Euch gefangennehmen.
Ein Virtuose des Phantastischen
Daniel Buess aus Basel am 24.09.2010
Bewertungsnummer: 683148
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Mervyn Peakes "Gormenghast" gehört zweifellos zu den grossen Werken der Fantasy-Literatur. Allerdings kann man Peake nur mit Vorbehalt in die Fantasy-Ecke stellen: seine schillernde Phantastik erinnert eher an Walter de la Mare und Salvador Dali als an Tolkien. Peake, geboren 1911, wuchs in China als Sohn eines englischen Missionsarztes auf und wurde Maler und Illustrator. Auch als Schriftsteller machte er sich einen Namen; er schrieb Gedichte, Erzählungen, Theaterstücke und Hörspiele. Seine Kindheit in China, einer uralten und fremdartigen Kultur mit unverständlichen Ritualen und Regeln, hinterliess Spuren in seinem ganzen Werk. Mit der Arbeit an "Gormenghast" begann er 1941, als er ins Militär eintrat. Kurz nach dem Krieg besuchte er im Auftrag der Alliierten das Konzentrationslager Bergen Belsen, um die Greueltaten der Nazis zu dokumentieren, eine Erfahrung, die sein Menschenbild sicherlich geprägt hat. Physische und psychische Deformierungen und Schrecknisse mischen sich in Peakes Phantasiewelt mit der kauzigen Prüderie des englischen Mittelstandes. In den Fünfziger Jahre erkrankte Peake an Parkinson. Er starb 1968. Sein riesiges Roman-Projekt (ursprünglich auf 10 Bände angelegt) blieb unvollendet.
Im deutschen Sprachraum wird Mervyn Peake kurioserweise immer noch als Geheimtip gehandelt, wohingegen er in England und Amerika längst Kultstatus geniesst. Klett Cotta hat nun die ersten beiden Bände der Gormenghast-Trilogie neu herausgebracht. Ein Wink mit dem Zaunpfahl.
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