Im hunderttürmigen Bosparan kann ein steiler Aufstieg einen tiefen Fall bedeuten - ein Risiko, das die Patrizierin Sahina billigend in Kauf nimmt, um Ruhm und Ehre zu erringen. Auch das Sklavenmädchen Puella versucht die Karten im Spiel um die Macht neu zu mischen, doch ihr Leben liegt in der Hand eines skrupellosen Mannes und selbst der kleinste Fehltritt kann jederzeit ihr Ende bedeuten. In der umkämpften Provinz Garetia steht die Legionärin Eiria fernab vom Glanz der Capitale auf verlorenem Posten und droht zwischen den Intrigen der Mächtigen aufgerieben zu werden. Während das Imperium im Niedergang begriffen ist, wird der Kampf der drei ungleichen Frauen um ihre Bestimmung über das Schicksal eines ganzen Volkes entscheiden.
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Bewertung
4/5
03.09.2026
eBook (ePUB)
"Die Creatura Legionis" – Wenn Götter und Legionen um die Herrschaft ringen
Es ist ein seltenes Vergnügen, ein Buch in die Hand zu nehmen, das von der ersten Seite an seinen eigenen, unverwechselbaren Ton findet. Judith C. Vogts "Herr der Legionen" ist ein solches Buch. Es beginnt nicht mit einer weitläufigen Vorstellung einer Fantasy-Welt, sondern mit einer einzigen, atmosphärisch dichten Szene: einer Sklavin, die auf dem Transport nach Bosparan durch einen Spalt im Wagen die Silhouette der gewaltigen Stadt erblickt. Dieses Bild – die Sehnsucht nach Freiheit, verdichtet in einem einzigen Wort, das auf der Zunge zergeht – ist ein meisterhafter Einstieg. Man ist sofort drin, in dieser düsteren, antik-römischen Welt, und man will nicht mehr heraus.
Wie viele gute Historienepen lebt auch dieser Roman von seiner packenden Mischung aus militärischer Strenge, politischer Intrige und einer ordentlichen Portion Magie. Die Handlung entfaltet sich auf zwei Schauplätzen: Im fernen, von Orks und magischen Kreaturen verseuchten Barbaricum kämpft die Legio V Shinxiria ums Überleben, während in der Metropole Bosparan die Patrizierin Sahina von den Venetern ein Netz aus Intrigen spinnt, um Einfluss auf den Horas zu gewinnen. Diese parallelen Handlungsstränge sind klug miteinander verwoben und lassen den Leser stets im Ungewissen, wann und wie sie sich kreuzen werden.
Vogts große Stärke liegt in der Erschaffung einer glaubwürdigen, fast schon greifbaren Welt. Bosparan ist nicht einfach eine Fantasy-Stadt, sie ist ein pulsierendes, stinkendes, prachtvolles und grausames Abbild des antiken Roms – mit all seinen Schattenseiten. Die Legion ist nicht nur eine Armee, sie ist ein Organismus, eine "Creatura Legionis", wie es im Buch so treffend heißt. Die militärischen Abläufe, die Hierarchien, der Drill – all das ist so präzise recherchiert und geschildert, dass man meint, den Staub der Marschrouten zu schmecken und den Schmerz der Peitschenhiebe zu spüren.
Die Figuren sind keine flachen Helden, sondern vielschichtige, oft zerrissene Charaktere. Besonders die Legionärin Eiria Punina und die junge Sklavin Puella sind großartige Figuren. Eiria, eine hartgesottene Kämpferin, die sich ihren Weg durch die männlich dominierte Legion bahnt und dennoch ihre Menschlichkeit nicht verliert. Puella, die aus Angst und Unterdrückung erwacht und lernt, ihre magischen Kräfte für sich zu nutzen. Ihre Entwicklungen sind nachvollziehbar und packend, und man fiebert mit ihnen mit, wenn sie gegen übermächtige Feinde, korrupte Vorgesetzte und ihre eigenen Dämonen ankämpfen.
Das Buch ist temporeich, spannungsgeladen und – und das ist das Entscheidende – es ist hervorragend geschrieben. Die Dialoge sind lebendig, die Beschreibungen detailreich, ohne zu erdrücken, die Handlung flüssig und kurzweilig. Ich habe es, wie der Leser, der mir diese Aufgabe stellte, sehr flüssig lesen können und wurde bestens unterhalten. Eine meiner Lieblingsszenen ist die Ankunft der Legion am Nullmeilenstein Bosparans – ein triumphal-morbider Triumphzug, der die ganze Ambivalenz dieses Imperiums einfängt: die Größe und gleichzeitig die grausame Brutalität seiner Macht.
Ein kleiner Wermutstropfen ist die Tatsache, dass es sich um den Auftakt eines Zweiteilers handelt. Das Ende bleibt offen, was beim Lesen eines so dicken Wälzers (320 Seiten) durchaus unbefriedigend sein kann. Zudem setzt das Buch einige Kenntnisse der Welt von "Das Schwarze Auge" voraus, was den Zugang für völlige Fantasy-Neulinge etwas erschweren könnte. Dem hilft zwar ein 7-Seiten langes Dramatis personae & Glossar am Ende des Buchesm was erneut den Lesefluss verlangsamen dürfte.
Dennoch: "Herr der Legionen" ist ein kleines Meisterwerk des deutschen Fantasyschaffens. Es ist ein Buch, das man nicht mehr aus der Hand legen möchte. Mich hat es an die großen Historienepen wie "Gladiator" oder die Serie "Rom" erinnert – und tatsächlich könnte ich mir eine bildgewaltige Verfilmung als Serie sehr gut vorstellen. Mit seinen politischen Ränken, den blutigen Schlachten und den magischen Elementen hätte es das Zeug zu einem packenden Fernseherlebnis.
Meine Bewertung: 4 von 5 Sternen.
Den fehlenden fünften Stern gibt es nicht, weil das offene Ende und die leichte Abhängigkeit vom Rollenspiel-Hintergrund den Gesamteindruck für ein breites Publikum etwas schmälern. Dennoch ist dies ein Buch, das ich uneingeschränkt allen Fantasy-Fans empfehlen kann, die Lust auf eine düstere, erwachsene und intellektuell anspruchsvolle Geschichte haben.
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