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Zoran Drvenkar

Licht und Schatten
Buch (gebundene Ausgabe)
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Inhalt
Es ist der Winter 1704 und der Tod sitzt auf dem Wipfel einer Tanne und wartet geduldig auf die Geburt eines Kindes. Er ist nicht der einzige – ein Raunen wandert um die Welt und die Schatten lauschen mit gespitzten Ohren. Scho…
Es ist der Winter 1704 und der Tod sitzt auf dem Wipfel einer Tanne und wartet geduldig auf die Geburt eines Kindes. Er ist nicht der einzige – ein Raunen wandert um die Welt und die Schatten lauschen mit gespitzten Ohren. Schon in jungen Jahren macht sich Vida auf den Weg, um die Wahrheit zu finden. Sie hört den Ruf der Toten und begegnet ihrer eigenen Zukunft. Mit dreizehn lehren ihre Tanten sie die Mudras der Verbannung und sich ohne Waffen zu verteidigen. Denn Vida wurde geboren, um das Licht auf die Welt zurückzubringen. Aber niemand rechnet damit, dass sie ihren eigenen Weg geht und selbst dem Tod die Stirn bietet.
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12 Fragen an Zoran Drvenkar


Lieber Zoran, wo arbeitest du  am liebsten?

Unter dem Dach in einem Zimmer von zehn Metern Länge und einer Breite von sechs Metern. Wenn ich nach oben schaue, sehe ich sieben Meter über mir die Dachbalken, wenn ich nach vorne schaue, sehe ich zwei Bücherregale und die Weite des Landes; hinter mir wartet ein weiteres Fenster mit einer Treppe, die in das Paradies im unteren Geschoß führt. Hier oben arbeite ich am liebsten, aber der Raum könnte sich in
Irland oder Norwegen befinden, wichtig sind nur seine Maße – wie ich Luft zum Atmen brauche, brauche ich Luft zum Schreiben, um mich im Fluss der Gedanken zu verlieren und Platz für alle Möglichkeiten zu schaffen. Denn alles sollte beim Schreiben möglich sein, sonst fällt es mir schwer, an den Gittern der Realität zu rütteln.


Welches Buch liegt momentan auf deinem Nachttisch?

Der Nachttisch ist ein Sofatisch und auf diesem Tisch stapeln sich an die achtzehn Bücher, die geduldig warten, dass ich sie aufschlage. Ab und zu knurren sie oder rutschen vom Stapel, in der Hoffnung meine Aufmerksamkeit zu wecken. Darunter sind zurzeit zwei Romane von James Carlos Blake und das letzte Buch »The Orenda« von Joseph Boyden, das ich zum zweiten Mal lese. Dann wartet »Der Nebelmann« von Donato Carrisi und Johann Haris Sachbuch über die Ursache von Depressionen »Der Welt nicht mehr verbunden«. Eben beendet habe ich den ersten Roman von Cecilia Ekbäck »Schwarzer Winter«, das neue Buch vom brillanten Patrick DeWitt »French Exit« und Carl-Johan Vallgrens »Kunzelmann & Kunzelmann«.


Was macht für dich eine  gute Geschichte aus?

Wahre, echte Charaktere, die sich nicht davor scheuen der Welt ihr unverhülltes Gesicht zu zeigen, die ehrlich und verlogen sind, die leiden und kämpfen, um ihre Würde zu bewahren. Ich muss an die Charaktere glauben und ihnen vertrauen, sonst sind sie für mich nicht real. Dann ist da die Sprache, die nicht gestelzt daherkommen sollte. Das Lebendige muss aus ihr atmen, ich will spüren, wie sich die Zeit und die Erfahrungen des Schreibenden durch die Sätze schlängeln. Ich brauche auch das sichere Gefühl im Ton des Schriftstellers, der ganz genau weiß, was er tut und es nicht irgendwelchen geschmiedeten Sätzen überlässt, den Leser in seinen Bann zu ziehen. Und schließlich gibt es die Geschichte selbst, die oftmals ihre Wichtigkeit verliert, wenn mich Sprache und Charaktere überzeugen. Aber sollte die Geschichte falsche Wege einschlagen und sich in Unlogik verirren, dann blecke ich die Zähne und pfeffere das Buch an die Wand. 


Wie startest Du in die Arbeit an einer neuen Geschichte?

Zu Beginn gibt es eine Idee, einen Funken, der zu den ersten Seiten führt. Eine Szene entsteht, die kaum was verrät, aber diesen Funken einfängt, den ich dann hege und pflege, immer wieder lese, bis ich mich dann entscheide, aus dieser Idee einen Roman zu machen. Der Funke wird zum Feuer. Dabei sind mir die Charaktere und das gesamte Szenario noch nicht in ihrer Gänze bewusst. Ich bewege mich durch eine Welt, die sich Kapitel für Kapitel selbst neu erschafft. Mit jeder Seite entdecke ich ein unerforschtes Land, taste mich durch Nebel und Dunkelheit und mache Licht, wo auch immer ich hinkomme.
Diese Art des Schreibens macht die Geschichte unberechenbar und mich selbst ungemein unsicher, weil ich mich zwischendurch immer wieder frage, was das soll und wohin es führt. Mit der Zeit beginnt sich der Nebel zu lichten und ich überblicke die Geschichte und genau da beginnt die harte Arbeit – die Fäden zusammenzuführen und die Charaktere zu verbinden, aus dem Chaos des launischen Erzählens wie ein Giacometti des Schreibens die Essenz der Geschichte herauszuholen, das Überflüssige wegzuzupfen und eine Klarheit hineinzubringen.


Die Geschichte von Vida beginnt im Russland des 18. Jh. – hast du einen persönlichen Bezug zu dieser Region, dieser Epoche?

In den letzten Jahren bin ich zum Zeitreisenden geworden, was sehr an der Literatur liegt, die mir in die Finger gekommen ist. Sie prägt und führt mich immer wieder zu neuen Räumen und Zeiten. Russland mogelt sich immer wieder ins Erzählen, wobei die gewählte Epoche eine mathematische Entscheidung gewesen war, weil ich meiner Vida einen Anfang setzen wollte und beim Rückwärtsrechnen auf dem Jahr 1704 gelandet bin – das ist ihr Beginn und von da an erwartet sie die Unendlichkeit. Ich setze mich ungemein gerne mit der Vergangenheit auseinander, versuche die Wurzeln des Geschehens zu verstehen und einen goldenen Faden zu finden, der zum Jetzt führt und zu dem, was ich bin und wie ich es wurde. Das ist für mich ein wenig die Essenz des Schreibens – warum alles in meinem Leben ist, wie es ist, und wie es dazu kam. Es verstehen, es zu durchschauen und davon zu lernen. 


Woher nahmst du die Inspiration für Vidas Welt?

Da war die Anfangsszene, da waren Vidas Eltern und ich spürte die Sehnsucht und die Hoffnung, die sie umschloss. Ich wusste ihre Namen nicht, noch wusste ich zu dem Zeitpunkt, dass es eine Vida geben würde. Und wie ich über ihre Eltern schrieb, spürte ich die Dunkelheit, die sie umschloss, und die Vergangenheit, die sie an diesen trostlosen Ort in Sibirien geführt hatte. Nach der ersten Szene habe ich erstmal nach Luft geschnappt, denn der neue Kosmos stand für mich fest. Ich spürte die Kälte, roch den Schnee und das Feuer und konnte das verlogene Raunen der Dorfbewohner hören. Und ich ahnte die Nähe des Todes, der mich mit ruhigen Augen betrachtete und wusste, dass ich ihm nicht in die Quere kommen würde. Solche Momente sind unheimlich. Ich stehe als Schriftsteller hilflos gegenüber meiner eigenen Geschichte. Natürlich kann ich den Tod vertreiben, natürlich kann ich ihm die Stirn bieten, aber das wäre nicht richtig und ein Betrug an der Geschichte, die ihren eigenen Weg gehen will – durch das Licht und die Dunkelheit. 


Der Buchtitel »Licht und Schatten« lässt eine klare Einteilung der Welt  in Gut und Böse, Schwarz und Weiß vermuten – ist es so einfach? 

Es wäre wunderbar angenehm, wenn es so einfach wäre. Der Titel ist keine Einteilung, er kam erst nachdem das halbe Buch geschrieben war und ich mich entschieden hatte, wohin es geht. Licht und Schatten waren bei mir schon immer Thema und summen wie ein Stromfluss durch alle meine Bücher. Es geht nicht um den Konflikt zwischen Gut und Böse. Den Konflikt habe ich durch das Schreiben meiner anderen Bücher genug durchleuchtet und verstanden. Hier geht es mehr um die Wurzeln des Bösen und um das Verständnis und den Kampfgeist, den man aufbringen sollte, um sich der Dunkelheit zu stellen und ein wenig mehr Licht in das Leben zu bringen. 


Deine Hauptfigur Vida beschreibst du ganz zu Beginn als »Das Mädchen, das geboren werden wollte« – ein Mädchen mit einem starken Willen, ohne Frage. Welche weiteren Eigenschaften würdest du Vida zuschreiben?

Vida treibt das unermüdliche Bestreben an, die Welt zu verstehen und sich jeglichem Widerstand zu stellen. Sie hat einen unersättlichen Hunger nach Wissen, der auch dazu führt, dass sich die Arme vollkommen verläuft und stolpert und fällt. Doch Vida ist nicht jemand, der aufgibt; sie ist jemand, der die Zähne zusammenbeißt und noch einmal den falschen Abzweig nimmt, um herauszufinden, warum sie den falschen Abzweig das erste Mal überhaupt genommen hat. Manchmal ist sie bodenlos stur und manchmal sowas von dickköpfig, dass man sie wie eine Katze auf einen Baum jagen möchte. Und sie wird von einer unerschöpflichen Sehnsucht nach ihrer Mutter angetrieben, von dem tiefen Wunsch ein Zuhause zu finden und in diesem Leben anzukommen.


Was macht für dich eine gute Romanheld*in aus? Wer ist deine liebste Romanheld*in?

Es sind immer die Schwächen, die mich anziehen, und der kleine Wahnsinn, der hinter dem Charakter lauert und ihn unberechenbar macht. Es sind nicht wirklich seine Taten, sondern die Sehnsüchte, die ihn antreiben und zu dem machen, wer er ist. Der Held muss in mir das Verlangen wecken, dass ich ihm zur Seite stehen und ein Schild vor ihn halten will. Ich will seine Gedanken hören, seine Tränen wegwischen und ihn am Ende des Buches gehen lassen mit dem Wissen, dass er selbst nach dem Finale unsterblich bleiben und für immer in der Literatur weiterleben wird. Mein liebster Held ist der Hauptcharakter in dem Roman »Herman« von Lars Saabye Christensen, und meine liebste Heldin findet man fast immer in Tränen aufgelöst in Larry McMurtrys Roman »Moving On«. 


Die Geschichte von Licht und Schatten wird nicht allein aus der Perspektive von Vida erzählt. Du spielst mit verschiedenen  Perspektiven, schreibst unter anderem aus der Perspektive eines Bärenjungen. Wie kamst du auf diese Idee?

Diese Idee ist dem Rhythmus der Geschichte geschuldet, sie ist nicht geplant und würde falsch wirken, wenn sie der Teil eines großen Plans gewesen wäre. Wann immer sich ein Kapitel seinem Ende nähert, weiß ich nicht wirklich, wie es danach weitergeht und an wen der Ball abgegeben wird. Oft folge ich einer Logik, doch größtenteils ist es reiner Instinkt, der mich die Szenerie wechseln und ganz woanders einen Neuanfang antreten lässt. Dadurch bekommen meine anderen Charaktere die Chance ein wenig durchzuatmen, während ich mich ihnen langsam wieder nähere. Der Bär war nicht geplant, wollte aber aus der Erzählung heraus mehr Raum für sich haben. Ich gehorchte brav, wie es jeder Schriftsteller tun sollte, der seine Charaktere liebt.


Inwieweit unterscheidet sich »Licht und Schatten« von deinen bisherigen Büchern?

Der Roman ist ein wenig verwandt mit »Der letzte Engel«, was die Epik angeht, und es ist auch verwandt mit Elementen aus den Kinderbüchern wie »Die Kurzhosengang«. Auch ist eine Spur von dem Bedrohlichen zu finden, das den Ton in meinen Romanen »Still« und »Du« angibt. Nur das in diesem Buch die Zartheit von Vidas Seele das Ruder rumreißt und dem Erzählen eine Welt öffnet, die mir selbst neu war. Es ist ein Buch, das aus der Liebe heraus entstand und mit Verlust, Trauer und Sehnsucht umgeht. Auch wenn alle meine Romane dieses Thema berühren, hat es keines dieser Bücher vorher so sehr auf den Punkt gebracht.


Mit welchem Gefühl sollen deine Leser*Innen Dein  Buch aus der Hand legen?

Glücklich und zufrieden, sehnsüchtig und  wohlwollend und aus tiefstem Herzen bereit,  auch ein wenig Licht in die Dunkelheit zu bringen. Und hoffentlich berührt von meiner Heldin.