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Die Hauptstadt

Roman. Ausgezeichnet mit dem Deutschen Buchpreis 2017

(12)

Der große europäische Roman | Deutscher Buchpreis 2017

In Brüssel laufen die Fäden zusammen – und ein Schwein durch die Straßen.

Fenia Xenopoulou, Beamtin in der Generaldirektion Kultur der Europäischen Kommission, steht vor einer schwierigen Aufgabe. Sie soll das Image der Kommission aufpolieren. Aber wie? Sie beauftragt den Referenten Martin Susman, eine Idee zu entwickeln. Die Idee nimmt Gestalt an – die Gestalt eines Gespensts aus der Geschichte, das für Unruhe in den EU-Institutionen sorgt. David de Vriend dämmert in einem Altenheim gegenüber dem Brüsseler Friedhof seinem Tod entgegen. Als Kind ist er von einem Deportationszug gesprungen, der seine Eltern in den Tod führte. Nun soll er bezeugen, was er im Begriff ist zu vergessen. Auch Kommissar Brunfaut steht vor einer schwierigen Aufgabe. Er muss aus politischen Gründen einen Mordfall auf sich beruhen lassen; »zu den Akten legen« wäre zu viel gesagt, denn die sind unauffindbar. Und Alois Erhart, Emeritus der Volkswirtschaft, soll in einem Think-Tank der Kommission vor den Denkbeauftragten aller Länder Worte sprechen, die seine letzten sein könnten.


In seinem neuen Roman spannt Robert Menasse einen weiten Bogen zwischen den Zeiten, den Nationen, dem Unausweichlichen und der Ironie des Schicksals, zwischen kleinlicher Bürokratie und großen Gefühlen.

Und was macht Brüssel? Es sucht einen Namen – für das Schwein, das durch die Straßen läuft. Und David de Vriend bekommt ein Begräbnis, das stillschweigend zum Begräbnis einer ganzen Epoche wird: der Epoche der Scham.

Rezension
"Robert Menasse ist Erzähler und Polemiker, kühler Geschichtsdenker ebenso wie visionärer Schwärmer, der, bevor er abhebt, sich der Fakten vergewissert. Und er ist ein Verführer, der kraft seiner Sprache Überzeugungsarbeit leistet."
Anton Thuswaldner, Salzburger Nachrichten 18.05.2017
Portrait
Robert Menasse wurde am 21. Juni 1954 in Wien geboren. Menasse studierte in Wien, Salzburg und Messina Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaft und promovierte 1980. Von 1981 bis 1988 arbeitete er an der Universität Sao Paulo in Brasilien als Assistent am Institut für Literaturtheorie. Seither ist der Schriftsteller und Essayist als freier Publizist tätig. 1990 wurde Robert Menasse als erster mit dem "Heimito-von-Doderer-Preis" ausgezeichnet. Der Schriftsteller, der auch als Übersetzer aus dem brasilianischen Portugiesisch arbeitet, lebt in Wien und Amsterdam. 2002 wurde er mit dem "Friedrich-Hölderlin-Preis", dem "Marie-Luise-Kaschnitz-Preis" und dem "Lion-Feuchtwanger-Preis" sowie 2003 mit dem "Erich-Fried-Preis" ausgezeichnet. 2012 wurde Robert Menasse der "Donauland-Sachbuchpreis" verliehen und 2013 der "Heinrich-Mann-Preis" für Essayistik. Im Jahr 2014 erhielt er den "Max Frisch-Preis".
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Beschreibung

Produktdetails


Einband gebundene Ausgabe
Seitenzahl 459
Erscheinungsdatum 11.09.2017
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-518-42758-3
Verlag Suhrkamp Verlag AG
Maße (L/B/H) 205/128/32 mm
Gewicht 524
Auflage 5
Verkaufsrang 2
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24,70
inkl. gesetzl. MwSt.
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Buchhändler-Empfehlungen

„sehr großes Lesevergnügen“

Edith Berger, Thalia-Buchhandlung Graz

Die Europawahlen waren vorbei, die Ressortverteilung stand an. Jeder Mitgliedstaat hat ein Anrecht auf einen Kommissar-Posten. Der Kommissionspräsident weist zu...... "Martin Susman war erst kurz im Amt gewesen, und er las noch die heimischen Zeitungen - ein typischer Anfängerfehler-, als Empörung in Österreich ausbrach, weil, wie in Die Europawahlen waren vorbei, die Ressortverteilung stand an. Jeder Mitgliedstaat hat ein Anrecht auf einen Kommissar-Posten. Der Kommissionspräsident weist zu...... "Martin Susman war erst kurz im Amt gewesen, und er las noch die heimischen Zeitungen - ein typischer Anfängerfehler-, als Empörung in Österreich ausbrach, weil, wie in den Blättern zu lesen war, den Österreichern mit der Kultur gedroht wurde: ........man protestierte, die österreichischen Zeitungen machten Stimmung und sie konnten sich auf die Entrüstungsbereitschaft ihrer Leser verlassen: "Uns droht die Kultur!" Oder: "Österreich soll mit Kultur abgespeist werden!"
Martin Susman erinnert sich noch gut an seine Anfangszeit in Brüssel. Mittlerweile hat er sich gut eingewöhnt und eingearbeitet. Die anfängliche Euphorie ist verschwunden. Nun hat er von Fenia Xenopoulou, Beamtin in der Generaldirektion Kultur eine schwierige Aufgabe zugewiesen bekommen. Er soll ein Projekt entwickeln um das Image der EU-Kommission aufzupolieren.
"Die Hauptstadt" von Robert Menasse ist ein höchst vergnügliches, intelligentes Leseerlebnis

„Eine lustige Geschichte aus Brüssel“

Kathrin Honauer, Thalia-Buchhandlung Linz, Zentrale

Die EU-Kommission hat an Beliebtheit verloren. Es muss etwas getan werden um dies zu ändern. Am Beginn vom Ende steht eine gute Idee die sich alsbald zur internen Katastrophe entwickelt.
Die Mitarbeiter, die eigentlich gemeinsam arbeiten und an einem Strang ziehen sollten, konzentrieren sich doch mehr auf das Erreichen der eigenen
Die EU-Kommission hat an Beliebtheit verloren. Es muss etwas getan werden um dies zu ändern. Am Beginn vom Ende steht eine gute Idee die sich alsbald zur internen Katastrophe entwickelt.
Die Mitarbeiter, die eigentlich gemeinsam arbeiten und an einem Strang ziehen sollten, konzentrieren sich doch mehr auf das Erreichen der eigenen Ziele.

Zur gleichen Zeit läuft ein Schwein frei in Brüssel herum und hält die Bewohner als auch die Medien auf Trab, die sich auf die Geschichte stürzen als gäbe es keine wichtigeren Themen die es wert sind dass darüber berichtet wird.

Ein toller Roman - sehr witzig und zugleich auch sehr tragisch.

Kundenbewertungen


Durchschnitt
12 Bewertungen
Übersicht
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Ein Schwein geht um in Europa
von einer Kundin/einem Kunden am 14.10.2017

Robert Menasse hat mit seinem Buch den etwas in den Hintergrund gerückten Zeitgeist getroffen. Durch müßige Diskussionen über Afd, Flüchtlinge und "besorgte Bürger" ist das große Projekt der Nachwendezeit - ein vereinigtes Europa - leider zunehmend in den Hintergrund gerückt. In diesem zu Recht hochbewerteten Roman wird das Projekt... Robert Menasse hat mit seinem Buch den etwas in den Hintergrund gerückten Zeitgeist getroffen. Durch müßige Diskussionen über Afd, Flüchtlinge und "besorgte Bürger" ist das große Projekt der Nachwendezeit - ein vereinigtes Europa - leider zunehmend in den Hintergrund gerückt. In diesem zu Recht hochbewerteten Roman wird das Projekt Europa aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet. Sehr symbolisch lässt Menasse daher auch gleich ein Schwein durch Europas inoffizielle Hauptstadt Brüssel mäandern und so verschiedenste Gruppen und Einzelpersonen verunsichern. Dies dient als Anstoß für mehrere Handlungsstränge, in denen es immer um die Beziehung von Person, Nation und EU geht. Die handlungstragenden Personen sind sehr eindrücklich, ganz unterschiedlich und erfrischend unprätentiös. Auch wenn am Ende der große Knalleffekt ausbleibt, enttäuscht der Roman in keinster Weise, sondern stellt eines ganz klar in den Fokus: Europa ist ein Friedensprojekt und Frieden ist nicht selbstverständlich.

Hat Ihnen diese Empfehlung geholfen?
Gebt dem Schwein doch bitte endlich einen Namen!
von einer Kundin/einem Kunden am 09.10.2017

Alles fängt mit einem Schwein an. Ein Schwein rennt durch Brüssel. Wie beiläufig läuft es vorbei an geschichtsträchtigen Gebäuden, voll besuchten Waffelständen und beeinträchtigt ganz nebenbei noch den turbulenten Brüsseler Verkehr. Unser Schwein wird Zeuge eines grausamen Verbrechens, beobachtet das Davontragen der Leiche, sieht das Heranrücken der Brüsseler Polizei, allen voran... Alles fängt mit einem Schwein an. Ein Schwein rennt durch Brüssel. Wie beiläufig läuft es vorbei an geschichtsträchtigen Gebäuden, voll besuchten Waffelständen und beeinträchtigt ganz nebenbei noch den turbulenten Brüsseler Verkehr. Unser Schwein wird Zeuge eines grausamen Verbrechens, beobachtet das Davontragen der Leiche, sieht das Heranrücken der Brüsseler Polizei, allen voran Kommissar Brunfaut. Doch unser Schwein will all das nicht sehen, will nicht Zeuge davon werden und so wendet es sich schnell ab, dreht sich um und setzt seinen Weg fort, weiter durch die verregnete Brüsseler Innenstadt. Und so kommt es, dass unser Schwein auf Xenia Xenopoulou trifft, Abteilung Kulutrressort der Europäischen Kommission, deren Aufgabe es ist, das angeschlagene Image der Kommission aufzubessern. Es trifft auf Martin Susman, der genau diese Aufgabe für Xenia erfüllen soll und dafür weit in die Vergangenheit zurückreisen möchte, bis hin zu den dunkelsten Stunden der deutschen Geschichte. Es trifft auf David de Vriend, der als Kind von einem Deportationszug gesprungen ist und nun sein Leben in einem Altersheim fristet. Und es trifft auf Elois Erhart, der seine Vision der Europäischen Union gegenüber allen Zweiflern entschlossen zu verteidigen weiß, denn er ist sich ganz sicher: was die Europäische Union braucht, ist eine gemeinsame Hauptstadt und was würde sich dafür besser eignen, als der dunkelste Ort der europäischen Geschichte: Auschwitz. Doch unser Schwein will von all dem nichts wissen, es läuft weiter, weiter durch die verregnete Stadt und stellt deren Bürger schließlich vor die eine entscheidende Frage: Was macht ein Schwein in Brüssel? Und, noch viel wichtiger, wie soll es denn nun heißen, unser Brüsseler Schwein? Es ist ein kühnes Unterfangen, dem sich Menasse hier verpflichtet, nämlich nichts Geringerem als dem Literarisieren eines über-bürokratiesierten Themas wie der Europäischen Union. Und dennoch ist es ein Unterfangen, welches er auf außerordentliche Weise zu meistern weiß. Menasse gelingt es, das Innenleben der Europäischen Unionen auf treffende (und gleichzeitig erschreckende Weise) darzustellen, er kreiert ein europäisches Panorama und schafft es, die Problematik der Europäischen Union, den Prozess der Gesetzgebung und Interessenverwaltung, anhand einfacher Beispiel (und wieder grüßt uns unser Schwein) darzustellen. Zugegeben in Menasse?s Roman muss man sich erst einmal einlesen. Die vielen parallelen Handlungsstränge und die unterschiedlichen Protagonisten verlangen dem Leser durchaus einiges ab und es braucht eine ganze Weile, bis man ansatzweise versteht, was hier eigentlich vor sich geht. Aber dieser Ausbau des Romans, diese Vielzahl von unterschiedlichen Gegebenheiten, kann von Menasse nur gewollt sein. Denn ist die EU nicht genau das? Unterschiedliche Organe, alle nebeneinander bestehend, die eigenständig wirken und doch irgendwie miteinander zusammenhängen. Genau wie auch die Protagonisten irgendwie miteinander zusammenhängen, in Kontakt stehen, wenn es auch nur die Friedhofsbank ist, auf der sie sich für einen kurzen Moment begegnen. Menasse?s Europa konstituiert sich aus Einzelgängern, die nur durch kurze Berührungspunkte verbunden sind, statt Solidarität findet man das Streben nach beruflichem Aufstieg und das Durchsetzen von Einzelinteressen. So macht es auf den ersten Blick den Eindruck, als hätten all diese Protagonisten nur eines gemeinsam: das Brüsseler Schwein, dem sie alle auf ihrem Weg begegnet sind. Und schon sind wir wieder bei Menasse?s all umfassender Metapher, dem Schwein in den Straßen von Brüssel. Ein Schwein, welches alle Menschen unterschiedlich wahrnehmen: mal ist es klein und rund, mal aggressiv mit einem großen Kopf, mal flieht es schnell um die nächstgelegene Ecke. Es braucht nicht viel, um zu erkennen, dass das Schwein nicht nur ein Schwein, sondern gleichzeitig ein Symbol ist. Ein Symbol für die Europäische Union als Ganzes. Und so ist die Frage, nach einem passenden Namen für das Brüsseler Schwein, eigentlich eine ganz andere: Es ist die Frage, nach einem passenden Namen für die Europäische Union, nach einer Entscheidung, was die EU denn nun eigentlich sein will, ein Staatenbund oder eine Art europäischer Bundesstaat. Es ist die Frage, wie denn damit umgegangen werden soll, wenn für den Namen des Schweins irgendwann der Vorschlag ?Mohamed? auf dem Tisch liegt. Ist es richtig, wie es in Menasse?s Roman der Fall ist, sich dann zu entscheiden, doch nicht mehr am Namensgebungsprozess teilnehmen zu wollen? Ergo, ist es richtig, angesichts des gegenwärtigen Flüchtlingsproblem die Mauern höher zu bauen, die Grenzen fester ziehen zu wollen? Die Frage nach einem Namen für das Brüssler Schwein ist somit nicht mehr und nicht weniger, ist keine geringere Frage, als die nach der grundlegenden Ausrichtung der Europäischen Union. Nicht zuletzt ist Menasse?s Roman ein Appell an uns alle. Ein Appell an die Gemeinschaft, die Europäische Gemeinschaft, innezuhalten und zu reflektieren und aus der Geschichte, unserer Geschichte, zu lernen und uns der Verantwortung zu stellen. Es ist ein Appell an unser Gewissen, uns der historischen Bedeutung der Europäischen Union, gerade in Zeiten wie diesen, bewusst zu werden und uns nicht verleiten zu lassen, von inhaltlosen Parolen und dem Streben nach Einzelinteressen. Stattdessen braucht es Mut und den Wille zur Einheit und Einigung, um dem Schwein endlich, endlich, einen Namen geben zu können. Einen Namen, mit dem alle zufrieden sind, der alle einschließt und für eine gemeinsame Zukunft steht. In diesem Sinne: Gebt dem Schwein doch bitte endlich einen Namen!

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Die Hauptstadt
von miss.mesmerized am 16.09.2017

Eine neue Sau wird durchs Dorf getrieben – oder so ähnlich. Ein Schwein, Mitten in Brüssel, der europäischen Hauptstadt. Die Gemüter sind erregt, die Gazetten stürzen sich auf das Thema. Derweil plagen die Beamten der Europäischen Kommission ganz andere Sorgen als Schweine auf Brüssels Straßen. Schweineohren sind interessant, aber... Eine neue Sau wird durchs Dorf getrieben – oder so ähnlich. Ein Schwein, Mitten in Brüssel, der europäischen Hauptstadt. Die Gemüter sind erregt, die Gazetten stürzen sich auf das Thema. Derweil plagen die Beamten der Europäischen Kommission ganz andere Sorgen als Schweine auf Brüssels Straßen. Schweineohren sind interessant, aber nur, weil man damit auf dem chinesischen Markt Geld verdienen kann und aktuell die Nationalstaaten im Alleingang mit dem asiatischen Riesen verhandeln und sich gegenseitig reihenweise ausbooten und schaden. Ist das im Sinne der EU? Die könnte etwas für ihr Image tun, da kommt Fenia Xenopoulou das Big Jubilee Project gerade recht. Außerdem könnte das ihr Sprungbrett in ein wichtiges Ressort sein, Kultur ist mehr so das Abstellgleis. Apropos Gleis, als Kind ist David de Vries von einem Zug gesprungen, einem Deportationszug nach Auschwitz, der ihn in den sicheren Tod befördern sollte. Sein Leben lang war er Zeuge dessen, was Hass und Nationalstolz verursachen können, doch jetzt kann er sich kaum mehr erinnern, was er zehn Sekunden zuvor noch gedacht hat. Sein geistiges Erbe droht zu verfallen. Ähnlich verfällt auch der Körper von Kommissar Brunfaut, der eigentlich einen Mord aufklären will, den es aber plötzlich nicht mehr gegeben haben soll und der ihm einen unplanmäßigen Urlaub einbringt. Sie alle haben das Schwein gesehen, wie viele andere in der Hauptstadt der derzeit unpopulären Union, ein Schwein, über das alle reden und das die Leute in der Suche nach einem Namen zusammenführt und so wenigstens in einem Thema vereint. Es ist nicht einfach, Robert Menasses Roman auf den Punkt zu bringen. Sehr viele Figuren, sehr viele Einzelhandlungsstränge, viel Geschichte und Politik – aber vielleicht ist es doch ganz einfach: es lebe die EU. Was wie ein chaotisches Kaleidoskop undurchdringlich scheint, schillert jedoch und entsteht in jeder Sekunde neu und kann bestaunt und bewundert werden. Die Menschen sind es, die das gemeinsame Europa entstehen lassen und die Vielfalt ausmachen. Die Figuren sind durchdacht und vielschichtig kreiert. Die Karrieristin, der brave Beamte, der leidenschaftliche Volkswirt – es mangelt nicht an Stereotypen, jedoch bleiben sie dabei nicht stehen, sie haben Brüche und zeigen Facetten, die sie aus der Schablone herauslösen und zu Individuen werden lassen. Ihre Wege kreuzen und überschneiden sich, lösen sich dann wieder und oftmals bleiben die Begegnungen unentdeckt. Ein buntes Treiben geradezu, genau wie man es in Brüssel auch erleben kann. Zweifelsohne ist der Roman ein Lobgesang auf die nachnationale Staatengemeinschaft, auch wenn die Mitarbeiter der Kommission weniger an der großen politischen Idee als an dem persönlichen Weiterkommen interessiert zu sein scheinen. Geradezu ad absurdum wird dies durch die Figur Alois Erharts geführt, der ein rauschendes Plädoyer auf eine neue europäische Hauptstadt singt, die aus Ruinen auferstehen müsse und daher nur an dem Ort entstehen könne, an dem die größte Niederlage Europas zu beklagen war: in Auschwitz. Leider verstirbt kurz danach der letzte Überlebende der Tragödie. Ein Humor, der begeistern kann, wenn man über eine gewisse Morbidität hinwegsieht, die sich durch das ganze Buch zieht. Menasse versteht sein Handwerk und setzt seine Sprachfertigkeit gekonnt ein, nein, er steht sogar über dem gängigen literarischen Diskurs und kann sich eine Eröffnung mit „Wer hat den Senf erfunden?“ erlauben. Dass „Die Hauptstadt“ auf der Shortlist des Deutschen Buchpreis 2017 gelandet ist, ist keine große Überraschung. Thematisch am Puls der Zeit – das Schwein soll hier nochmals ganz am Ende eine grenzwertige politisch relevante Rolle spielen und den Verdruss der Bürger zu einer unsäglichen Klimax führen – und doch leicht und unterhaltsam. Es macht tatsächlich wieder Lust auf das europäische Miteinander, das Europa von Menschen, die hier bei Menasse auch äußert menschlich sein dürfen.

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