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BuchhändlerInnen im Portrait

Meine Lieblingsbuchhändler

Lukas Bärwald
aus der Thalia-Buchhandlung in St. Pölten

Gesamte Empfehlungen 105 (ansehen)

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Alter:
38 Jahre
Abteilung:
Belletristik / eReading
Funktion:
Buchhändler
Lieblingsautoren:
John Dickson Carr, Reif Larsen, Chris Ware, Michael Chabon, Lemony Snicket, Sasa Stanisic
Im Beruf seit:
Dezember 2011
Das beste Buch aller Zeiten:
John Dickson Carr: Der verschlossene Raum & Chris Ware: Jimmy Corrigan - The smartest Kid on Earth

Meine Favoriten

2.

Dunkle Stadt Bohane

von Kevin Barry

mehr

3.

Nathalie küsst

von David Foenkinos

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4.

Gräser der Nacht

von Patrick Modiano

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8.

Building Stories

von Chris Ware

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9.

Vor dem Fest

von Saša Stanišić

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Meine Empfehlungen

Drei Männer und die Liebe

Lukas Bärwald aus der Thalia-Buchhandlung in St. Pölten , am 22.05.2020

Manche AutorInnen schreiben gerne über Aufsehenerregendes: Die größte aller Lieben, der schrecklichste aller Morde, die phantastischste aller Welten… Richard Russo hingegen zelebriert das Alltägliche. Bei ihm stehen Menschen mit ihren Freuden, Sorgen und Träumen im Mittelpunkt, die sich tatsächlich wie aus der Nachbarschaft gegriffen anfühlen. Dass er sich darin zu einem Meister entwickelt hat, bewies er mit „Diese gottverdammten Träume“, für den er mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet wurde.

In seinem neuen Roman erzählt er von der Freundschaft dreier Männer über den Verlauf von vier Jahrzehnten. So unterschiedlich wie Lincoln, Teddy und Mack charakterlich auch sein mögen, wenn es um Eines geht, sind sie sich einig: Um die Liebe keiner Frau lohnt es sich mehr zu kämpfen, als um die von Jacy Calloway. Als das College zu Ende geht und sich ihre Lebenswege durch den Vietnamkrieg, ein anderes Studium oder Heirat zu trennen drohen, beschließen sie, zu viert ein letztes Wochenende in New England zu verbringen. Doch die scheinbare Idylle mündet darin, dass Jacy spurlos verschwindet und der Verlust sich wie ein Keil für 40 Jahre zwischen die drei Männer schiebt.

In der Gegenwart ist das gleiche Haus von damals wieder der Schauplatz des langersehnten Wiedersehens und reihum stellen sie sich die Frage, ob man selbst und die Anderen immer noch der selbe ist, was wurde aus den damaligen Vorstellungen und Träumen und wer hat sich wie stark verändert?
Aus wechselnden Perspektiven das Buch vom Erwachsen werden, Kind und Vater zugleich sein, angestrebten und abgelehnten Vorbildern und dem, was für jeden Einzelnen das Streben nach Glück bedeuten kann. Neben den verschiedenen Facetten dieser außergewöhnlich gealterten Männerfreundschaft wird das Rätsel um Jacys Verschwinden zum zweiten kriminalistischen Handlungsfaden, der sich im Finale auf eine Weise auflöst, der zugleich angemessen und befriedigend ist, ohne klassischen Erzählklischees zu entsprechen.

Wer sich eine Mixtur aus John Irving, Graham Norton und Michael Chabon vorstellen kann, soll dies hier bitte tun und bei gefallen höchst gern diesen fabelhaft schnörkellos und elegant geschriebenen Roman lesen – manchmal kann eben auch Alltägliches fantastisch sein.

Jenseits der Erwartungen - Richard Russo
Jenseits der Erwartungen
von Richard Russo
(11)
Buch (gebundene Ausgabe)
22,70

Sich erinnern zu vergessen

Lukas Bärwald aus der Thalia-Buchhandlung in St. Pölten , am 14.05.2020

1966 veröffentlichte Marvel mit Black Panther den ersten US-Comic über einen Superhelden mit afroamerikanischen Wurzeln. Exakt ein halbes Jahrzehnt später übernahm Ta-Nehisi Coates den Job als Autor der Serie. Er gehört zu den angesehensten Journalisten Amerikas und setzt sich in seinem Schaffen mit sozialen und politischen Themen rund um das Verhältnis zwischen Schwarzen und Weißen auseinander. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass er seinen ersten Roman zur Zeit der Sklaverei in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts spielen lässt.

Hiram Walker wird hineingeboren in ein Leben in Unfreiheit: Sein Mutter eine schwarze Sklavin, sein Vater der Besitzer der Tabakplantage und der Menschen darauf. Bald fällt auf, dass der Junge über das perfekte Gedächtnis zu verfügen scheint und außergewöhnlich intelligent ist. Doch obwohl alle Ereignisse, Begegnungen und Erniedrigungen seines Lebens unvergesslich in ihm eingebrannt sind, kann er sich an Eines nicht erinnern – das Bild seiner Mutter, die früh gestorben ist.
Das Sehnen nach dem Aufgehoben- und Behütetsein ist eines der Leitmotive und Schlüsselelemente des Buches, das viele der Figuren antreibt oder gar am Leben hält. Hirams Weg führt ihn als jungen Erwachsenen nach einer immer wieder harsch zurückgeworfenen Flucht zum „Underground“. Einem geheimen Netzwerk aus Schwarzen wie Weißen, die in gefährlichen Missionen Sklaven aus ihrer Gefangenschaft zu befreien versuchten.
An dieser Stelle sei als passende Ergänzungslektüre der mit dem Pulitzer Preis ausgestattete Roman „Underground Railroad“ von Colson Whitehead empfohlen, der die Geschichte einer jungen Frau erzählt, die über mehrere Jahre hin weg versucht, in den Norden der USA und damit ihre Freiheit zu flüchten.

Ta-Nehisi Coates verwendet eine schwingend melodiöse Sprache, die den Rhythmus der gesungenen Lieder am Feld und die Schmerzen der ausgeteilten Schläge gleichermaßen spürbar macht und diese Poesie die Schrecken der Geschehnisse noch stärker kontrastiert.
Über einen Zeitraum von mehreren Jahren erzählt er über die Reise seines Protagonisten von Liebe und Hoffnung, Ängsten und Qual und dem allumfassenden Suchen aller Menschen nach Zusammengehörigkeit, Angenommenwerden und Familie.

Ein besonderer Roman mit nachhaltig im Gedächtnis bleibenden Figuren und einem gesellschaftspolitischen Thema, das auch nach knapp zwei Jahrhunderten nur wenig seines Schreckens verloren hat.

Der Wassertänzer - Ta-Nehisi Coates
Der Wassertänzer
von Ta-Nehisi Coates
(23)
Buch (gebundene Ausgabe)
24,70

Kopfkino

Lukas Bärwald aus der Thalia-Buchhandlung in St. Pölten , am 05.05.2020

Einen Comic der drei Fragezeichen zu erschaffen und die Welt von Rocky Beach so in konkrete Bilder zu gießen, ist wahrlich keine risikofreie Aufgabe: Bei den über 200 Fällen wurden Justus, Peter und Bob niemals erkennbar abgebildet und so ist die Freiheit der eigenen Vorstellung den Generationen von Fans besonders heilig.

Christopher Tauber wagt sich bereits zum dritten Mal an diese Aufgabe und liefert diesmal das bis dato stärkste Resultat ab. Die Geschichte um die Beschwörung und spätere Entführung dreier wahrsagender Schlangen aus dem Haus einer Hexe schafft den Spagat zwischen nostalgischer Reminiszenz an Klassikerfolgen à la „Die singende Schlange“ oder „Der magische Kreis“ auf der einen Seite und neue Ideen mit charakterstarken Figuren auf der anderen.

Besonders beeindruckt jedoch das visuelle Konzept: Während die Alltagssequenzen mit klassischen, geraden Panellayouts und naturalistischen Farben arbeiten, wechselt der Stil, sobald (scheinbar) paranormale Elemente in die Welt einbrechen. Die einzelnen Bilder werden nicht in abgeschlossenen Rahmen dargestellt, sondern fließen in großen, spektakulären Szenen über die gesamte Seite. An Mike Mignola erinnernd, dominieren tiefe, starke Schatten, Details treten in die Hintergrund während Goldgelb als farbliches Leitmotiv all jene übernatürlichen Szenen zusammenhält.

Für langjährige Fans der Serie sind in Details oder Schauplätzen immer wieder Anspielungen an frühere Fälle wie das Mermaid Hotel aus „Der heimliche Hehler“. Auf diese Weise gelingt es Christopher Tauber den Blick der Leser vom puren Lesen der Texte in die Tiefe der Bilder zu führen und belohnt auch mehrmalige Lektüre, bei der man immer wieder neue Easter Eggs entdecken kann.

Am Endes des Tages ist es natürlich persönliche Einstellungssache, ob man sich und sein eigenes Kopfkino der Vorstellung eines Künstlers aussetzen und dabei vielleicht riskieren möchte, dass sich diese Bilder vor die eigenen inneren Bilder schieben. Wenn man sich jedoch dazu entschließt, ist „Das Ritual der Schlangen“ definitiv zu empfehlen.

Die drei ??? Das Ritual der Schlangen (drei Fragezeichen) - Christopher Tauber, Calle Claus
Die drei ??? Das Ritual der Schlangen (drei Fragezeichen)
von Christopher Tauber
(6)
eBook (PDF)
12,99

About a boy meets Sister Act

Lukas Bärwald aus der Thalia-Buchhandlung in St. Pölten , am 30.04.2020

„Nett“ ist ja so ein Wort, mit dem man eher ungern beschrieben werden möchte. Eigentlich doch positiv behaftet, schwingt bei „nett“ immer so ein Gefühl von Oberflächlichkeit und Belächeln mit. Und trotzdem: „Pandatage“ von James Gould-Bourn liest sich wirklich nett.

Hier geht es nicht um schwerwiegende Literatur, ständig wechselnde Erzählperspektiven oder innovative Sprache, sondern eine schnörkellos erzählte, berührende Tragikomödie rund um Vater und Sohn.
Dannys Frau ist vor einem halben Jahr bei einem Autounfall gestorben. Ihr Sohn überlebt am Beifahrersitz – und verstummt. Psychologen wie Logopäden arbeiten mit ihm, doch Will schweigt, und das schon seit sechs Monaten. Als Danny dann auch noch seinen Job verliert, scheint die einzige Hoffnung für ihn in einem zerschlissenen Pandakostüm zu ruhen: Jeden Tag stellt er sich verkleidet in den Park und tanzt, oder versucht etwas in der Art, was ihm wie tanzen vorkommt. Wo der finanzielle Lohn noch sehr zu wünschen übrig lässt, läuft ihm eines Tages sein Sohn über den Weg – und plötzlich beginnt er mit dem Panda zu reden.

Irgendwo zwischen Nick Hornbys „About a boy“ und „Sister Act 2“ entsteht eine kurzweilige Geschichte über Verlust und Vertrauen, Hoffnung und Angst. In seinem Debütroman erfindet der britische Autor das Rad nicht neu und viele der Wendungen der Handlung kommt nicht unbedingt überraschend, aber trotzdem sind die Figuren sympathisch und schrullig, emotionale Momente wechseln sich mit humorvollen ab und das Buch durchzieht ein konstantes wohliges Gefühl. So ein Stück weit die literarische Variante eines Lieblingspullovers, der vielleicht nicht mehr ganz perfekt und auf dem letzten modischen Stand ist, aber dafür umso vertrauter und gemütlicher sich anfühlt.
Wirklich nett eben.

Pandatage - James Gould-Bourn
Pandatage
von James Gould-Bourn
(102)
Buch (gebundene Ausgabe)
20,60

Ein Sprung ins kalte Wasser

Lukas Bärwald aus der Thalia-Buchhandlung in St. Pölten , am 05.03.2020

Wenn AutorInnen von ihrem altbekannten Muster abweichen und sich literarisch in ungewohnte Gewässer vorwagen, kommt das oftmals nicht ganz so gut an: Der durch seine provençalischen Wohlfühlkrimis berühmt gewordene Martin Walker probierte sich mit „Germany 2064“ an einem dystopischen Gesellschaftsroman, während Thriller-Bestsellerautor Bernhard Aichner ins Genre der Liebesromane mit „Kaschmirgefühl“ wechselte. Diese und vergleichbare Experimente floppten zwar nie total, jedoch begleitete sie häufig die öffentliche Meinung, dass die SchriftstellerInnen doch lieber bei ihren typischen Stoffen bleiben sollten.
Katharina Hartwell wagt genau so ein Experiment: Während ihre beiden ausgezeichneten vorherigen Romane „Das fremde Meer“ und „Der Dieb in der Nacht“ ins Fach der gehobenen Belletristik fielen, wechselt sie mit „Der König der Krähen“ in den Bereich der Jugend-Fantasy. Dass so ein Wechsel von der Standard- in die Jugendliteratur jedoch keinen Verlust in der literarischen Qualität bedeuten muss, beweist sie hier eindrucksvoll.

Der erste der auf drei Teile angelegten Reihe eröffnet die Welt des Inselreichs und seiner Protagonisten Edda. Sie und ihr Bruder wurden als junge Kinder auf dem Marktplatz eines kleinen Fischerdorfes an der Küste gefunden – Herkunft und ursprüngliche Familie vollkommen ungeklärt. Aufgenommen und groß gezogen wurden sie von einem Mann, der einige Zeit vorher seinen eigenen Sohn verloren hatte. Seit einiger Zeit schon verschwindet jedes Jahr ein Kind auf ungeklärte Weise und wird weder tot noch lebendig je wiedergefunden. Als die beiden Geschwister den gleichen unheilvollen Traum um eine bedrohliche, menschenartige Figur mit schwarzschillernden Krähenschwingen haben, steht das drohende Unheil schon am Horizont. Und kurz darauf verschwindet Eddas Bruder tatsächlich auf spurlose Weise, sodass für sie feststeht: Sie muss raus aufs Meer, in die weite, unbekannte Welt der zahllosen Inseln, von denen die meisten Bewohner Colms lediglich in leise geflüsterten Gerüchten sprechen.

Der Auftakt der Silbermeer-Saga unterscheidet sich vom Großteil der üblichen Fantasy sowohl im Setting als auch im Ton: Die Welt ist frei von Zwergen, Elfen, Orks und Drachen und fühlt sich eher immer wieder in seinen Namen, Orten und Wesen von der nordischen Mythologie inspiriert (und schließlich ist der Name Edda auch Titel einer berühmten skandinavischen Helden- und Göttersagensammlung). Auf der anderen Seite finden sich in diesem ersten Band auch fast keinerlei kämpferische Auseinandersetzungen und selbst phantastisch-magische Elemente tauchen erst spät und nur sehr spärlich auf.
Was dadurch jedoch viel Raum erhält ist die Entwicklung der Hauptfigur und der Welt um sie herum, worin die eindeutige Stärke dieses Romans liegt. Jede Insel samt ihren BewohnerInnen erhält ihren eigenen Charakter, folgt ihren individuellen Regeln und baut so nach und nach eine facettenreich faszinierende Welt mit sich anbahnenden Konflikten, alten unerzählten Geschichten und verborgenen Geheimnissen.

Und wenn man’s recht bedenkt, geht der Katharina Hartwells literarischer Sprung in vielleicht doch kein ganz so kaltes Wasser. Denn auch in ihren zwei ersten Büchern gab es hier und da leise Momente, wo die Welt des Phantastischen sich einen Weg in unsere Realität bahnte.
Unabhängig davon ist ihr der Beginn dieser Trilogie ausgesprochen gut gelungen und wer an Fantasy abseits der ausgetretenen Pfade und außergewöhnlicher, poetischer Sprache interessiert ist, dem sei dieser Schmöker sehr ans Herz gelegt.

Die Silbermeer-Saga - Der König der Krähen - Katharina Hartwell
Die Silbermeer-Saga - Der König der Krähen
von Katharina Hartwell
(53)
Buch (gebundene Ausgabe)
20,60

Wo die Flammen schlagen

Lukas Bärwald aus der Thalia-Buchhandlung in St. Pölten , am 14.02.2020

Bücher haben oftmals drei Chancen, um von ihrem Publikum wahrgenommen zu werden: Ein ansprechendes Cover, eine/n namhafte/n Autor/in oder sie wurden in einem großen Verlag veröffentlicht, der sich bereits eine Reputation und wartende Zielgruppe erarbeitet hat. Nichts von alledem trifft im amerikanischen Original auf diesen Debütroman zu, trotzdem entwickelte er sich zu einem bemerkenswerten Überraschungserfolg. Wie konnte es dazu kommen?

„Je tiefer das Wasser“ ist das ein faszinierend abgründig schimmerndes Portrait einer an allen Ecken und Enden zerbrechenden Familie. Katya Apekina verwendet verschiedene Textformen und Stile, um jeder einzelnen Figur einen individuellen Ton zu verleihen und sie dadurch umso eindringlicher bei den LeserInnen nachklingen zu lassen.
Aber von Anfang an: Die 17- und 14-jährigen Schwestern Edie und Mae werden nach dem Selbstmordversuch ihrer psychotischen Mutter in die Obhut ihres Vaters übergeben. Einem prominenten Schriftsteller mit notorischem Menschenverschleiß, der kurz nach der Geburt seiner zweiten Tochter die Familie verlies.
Von diesem Punkt an entwickelt sich der Roman zu einer Suche aller Beteiligten nach Glück oder dem, was sie für ihre persönliche Form von Glück halten. Während sich die Schwestern auf unterschiedliche Weise an die Bruchstücke ihrer Familie klammern, ist ihr Vater bereit alle zwischenmenschlichen Beziehungen für seinen nächsten großen Roman zu opfern. Um die drei Hauptfiguren gruppieren sich Freunde, Geliebte und fernere Verwandte, die ihre Perspektive auf die schon Jahrzehnte im Zerfall befindliche Familie schildern.

Die junge amerikanische Autorin mit russischen Wurzeln zieht ihr Publikum immer tiefer in den düsterer und destruktiver werdenden Sog aus Liebe, Hoffnung, Neid und Missbrauch. Alle sehnen sich nach Erfüllung: durch Kunst, Sexualität, Freiheit oder Geborgenheit. Dabei bewegen sie sich in einem ständig rasanter werdenden Tanz umeinander, bei dem am Ende fast alle ihren Halt verlieren und sich an einem neuen Platz im Leben wiederfinden.

Apekina ist ein bemerkenswertes psychologisches Familiendrama gelungen, das mit seiner bildstarken Sprache und den kraftvollen Charakteren einen Sog entwickelt, der immer weiter Tempo aufnimmt. Keine der Figuren ist einfach, niemand ist seelisch unbeschädigt und selbst eine klassische Identifikationsfigur wird man lange suchen müssen.
Ein unbequem-widerständiges Buch, das bewusst viele Leerstellen lässt, die gerade beim Lesen den Reiz ausmachen, sie selbst mit potenziellen Antworten zu füllen.

Je tiefer das Wasser - Katya Apekina
Je tiefer das Wasser
von Katya Apekina
(79)
Buch (gebundene Ausgabe)
24,70

Von der Perfektion des einen Satzes

Lukas Bärwald aus der Thalia-Buchhandlung in St. Pölten , am 13.02.2020

Manchmal braucht es nur einen einzigen Satz, um begeistert zu sein: „Holdner hat sicherheitshalber seine Maske aufgesetzt, aber der Junge konnte ihn nicht sehen.“ In 13 Worten wird eine Szene mit zwei Figuren geschaffen, ihr Abhängigkeitsverhältnis erklärt und mit den schlichten Begriffen „sicherheitshalber“ und „Maske“ ein psychischer Abgrund eröffnet, der offensichtlich nicht zum ersten Mal ein Opfer gefunden hat.

Aber der Autor ist ja auch nicht irgendwer: Jan Costin Wagners Romane wurden mehrfach ausgezeichnet, vertont und verfilmt und in mehr als zehn Sprachen übersetzt. Sein neues Buch ist kein Kriminalroman im klassischen Sinn, sondern vielmehr ein psychologisches Drama, das schon fast mehr zufällig rund um die Geschehnisse einer Kindesentführung gruppiert ist. Die Sprache hat ihren ganz eigenen, changierenden Ton; ist mal ruppig und verknappt, mal melodisch rhythmisiert, aber stets mit einer sehr eigenen Poetik, die den Charakteren der verschiedenen Figuren entspricht.
Der Grund für diesen unsteten Stil ist erzählerisch begründet, da alle zwei bis drei Seiten die Erzählperspektive wechselt: Den Tätern, Opfern, Ermittlern und Randfiguren wird immer wieder abwechselnd für zwei bis drei Seiten das Wort übergeben und so entsteht nach und nach ein Psychogramm eines Menschennetzwerks, verbunden durch das Verschwinden eines Jungen. Wagner zeichnet jede dieser Figuren gleichberechtigt mit ihren individuellen Hoffnungen und Traumata, verleiht ihnen Antrieb und Tiefe. Immer wieder erinnert das Buch dabei an Hideo Yokoyamas ebenso fast schon psychoanalytisches Polizeidrama „64“.

„Sommer bei Nacht“ ist deklariert als Auftakt einer neuen Reihe und so werden einige Handlungsfäden angedeutet und nicht zu Ende geführt, die vermutlich in den kommenden Bänden wieder aufgegriffen werden. Speziell die inneren Dämonen der beiden Ermittler scheinen zwischen den großen Handlungsmomenten hier und da durch, werden jedoch weder gelöst noch näher erklärt. Sie existieren, treiben die Figuren um und lassen sie menschlich abseits von einfachen Zuordnungen von Gut und Böse erscheinen.

Solche moralischen Leerstellen im Buch zwingen die LeserInnen dazu, ein eigenes Urteil über die Figuren zu fällen, die eigene emotionale Befangenheit zu hinterfragen. Jan Costin Wagner ist ein Dürrenmatt des 21. Jahrhunderts, der mit seinen Büchern mehr als nur klassisch unterhält, der mit menschlichen Abgründen des Alltags schockiert und das alles in einen literarischen Sog verwandelt, der einen die Seiten nur schwer aus der Hand legen lässt.

Sommer bei Nacht - Jan Costin Wagner
Sommer bei Nacht
von Jan Costin Wagner
(25)
Buch (gebundene Ausgabe)
20,60

Von der Freude am Frost

Lukas Bärwald aus der Thalia-Buchhandlung in St. Pölten , am 08.02.2020

Die Winter der vergangenen Jahren waren bei uns ja eher mau: wenig Kälte, kaum Schnee. Wenn man sich jedoch sehnen sollte nach dem Gefühl von tauben Fingern, zugigen Gassen und Zimmern, in denen der Frost ständig in den Ecken sitzt, ist man beim neuen Buch von Niklas Natt och Dag bestens aufgehoben.

Und mehr noch: In seinem Stockholm des Jahres 1794 sind die Legionen von Ratten, niemals weichenden Läusen und brennenden Kotbergen in allen Straßen das deutlich kleinere Übel. Denn in dieser Welt wandeln Figuren zwischen Verzweifelung, Sadismus und Wahnsinn. Und wenn einmal einem von ihnen ein Funke Glück in den Schoß zu fallen scheint, kann man annähernd sicher sein, dass dies nur benutzt wird, um ihm eine noch größere Fallhöhe zu verschaffen, aus der er kurz darauf dann in einen noch tragischeren Abgrund stürzen kann.
In Kurzform: Ein Buch zum Frieren und Fürchten und ein stilles Halleluja aussprechen, dass man nicht in diese Zeit geboren wurde.

Aber von Anfang an. Nach den Ereignissen des mit dem schwedischen Krimipreis ausgezeichneten Vorgängers „1793“ stehen zuerst einmal nicht Winge und Cardell als Ermittler im Mittelpunkt. Stattdessen verschlägt es den jungen Adligen Erik Drei Rosen auf eine entfernte Karibikinsel, wo er die Bekanntschaft mit dem charismatischen Tycho Ceton macht, der schon vor längerer Zeit von Schweden nach Saint-Barthélemy übersiedelte und dort gegen alle Widerstände sich für die Rechte der Sklaven einsetzt. Nach der Rückkehr der beiden Blutsbrüder nach Stockholm beginnt jedoch der Roman, Fahrt aufzunehmen. Als Erik am Morgen nach seiner Hochzeitsnacht benebelt aufwacht, findet er die Liebe seines Lebens in mehr Fetzen als zusammenhängenden Teil in ihrem gemeinsamen Bett.
Hier betreten die ungleichen Ermittler erstmals die Bühne, da die offizielle Erklärung für diese erschreckende Gräueltat nicht stimmig zu sein scheint. Was sich von hier aus entspinnt ist eine Mischung aus dicht gestricktem Thriller, politischen Intrigen bei Hofe und einem Sog aus Lust, Missbrauch und Gewalt, der einem immer wieder den Atem stocken lässt.

Der zweite Teil der Buchreihe ließe sich durchaus auch separat lesen, jedoch steigert das Vorwissen des Vorgängers die Freude beim Lesen und Zusammenhänge ziehen doch noch einmal deutlich, da einzelne Hauptfiguren von „1793“ auch hier wieder zentral zum Einsatz kommen. Und so ist dieses Buch auch viel stärker auf eine weitere Fortsetzung getrimmt als es beim ersten der Fall war. Erhalten geblieben sind die wechselnden Erzählperspektiven und Unterteilung des Buches in Großkapitel, die den einzelnen Jahreszeiten folgen.

Mit „1794“ ist dem schwedischen Autor erneut ein mehr als packender Roman gelungen, der die üblichen Gattungsgrenzen verwischt und eine Spannung entwickelt, die dieses Buch zu einem klassischen Pageturner macht. Faszinierend abgründige Figuren, düster schillernde Handlungsschauplätze und ein durch und durch beunruhigender Bösewicht machen es einem schwer, diesen 500 Seiten-Schmöker leicht zur Seite zu legen.

1794 - Niklas Natt och Dag
1794
von Niklas Natt och Dag
(157)
Buch (Paperback)
17,90

 
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