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BuchhändlerInnen im Portrait

Lukas Bärwald
aus der Thalia-Buchhandlung in St. Pölten

Gesamte Empfehlungen 98 (ansehen)


Alter:
37 Jahre
Abteilung:
Belletristik / eReading
Funktion:
Buchhändler
Lieblingsautoren:
John Dickson Carr, Reif Larsen, Chris Ware, Michael Chabon, Lemony Snicket, Sasa Stanisic
Im Beruf seit:
Dezember 2011
Das beste Buch aller Zeiten:
John Dickson Carr: Der verschlossene Raum & Chris Ware: Jimmy Corrigan - The smartest Kid on Earth

Meine Favoriten

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Under the dome, the walking dead purge.

Lukas Bärwald aus der Thalia-Buchhandlung in St. Pölten , am 30.09.2019

Kennen Sie dieses Gefühl: Sie öffnen einen Packung Stapelchips und obwohl Sie wissen, dass Sie keine kulinarische Kunst erwartet und Sie sich obendrein am nächsten Tag tendenziell überfressen fühlen werden – Sie können trotzdem nicht aufhören, die Stapelchips, einen nach dem anderen, zu verschlingen.

In etwa so liest sich „Psychose“, der Auftaktband von Blake Crouchs „Wayward Pines-Trilogie“. Es ist kein literarisches Meisterwerk, hat manchmal auch augenscheinliche sprachliche Schwächen und lotet in seinem Genre auch keine bisher unbetretenen Pfade aus. Trotz allem hat es die Qualität vieler Dan Brown-Romane, indem man den Text so leicht und flockig dahinlesen kann und obendrein die Handlung packend genug ist, dass man nicht so einfach aufhören kann zu lesen.

Aber warum geht es eigentlich? Ethan Burke wurde in das verschlafene Städtchen Wayward Pines geschickt, um im Fall der beiden vor einem Jahr verschwundenen FBI-Agenten zu ermitteln. Doch zu Beginn der Geschichte hat er nach einem Autounfall das Bewusstsein und dazu jegliche Erinnerung an sein bisheriges Leben verloren. Orientierungslos irrt er zwischen Krankenhaus, Sheriffstation, Hotel und Diner hin und her und von Stunde zu Stunde häuft sich in ihm der Verdacht an, dass entweder in dieser Stadt nicht alles mit Rechten zugeht – oder er ist wahnsinnig geworden. Der Autor spielt hier sehr unterhaltsam mit den LeserInnen, da man sich sehr lang nicht so ganz sicher ist, ob den BewohnerInnen des Örtchens oder dem Protagonisten zu trauen ist.

Nachdem die erste Hälfte des Romans eher aus Aufdeckung und Ermittlung besteht, erhöht der zweite Teil das Tempo beträchtlich und wird zu einer actiongeladenen Verfolgungsjagd, die mitunter an filmische Vorlagen wie „The Purge“ oder Fitzeks „Achtnacht“ erinnert.
Am Ende dieses ersten Teils der Trilogie steht eine Offenbarung, die der Stadt, ihrer BewohnerInnen und den Köpfen hinter dem „Projekt“ eine neue Wendung verleiht – allerdings auch eine Wendung, die man im aktuellen Jahrzehnt immer mal wieder gelesen oder -sehen hat.
„Psychose“ liest sich kurzweilig und unterhaltsam und gewinnt zwar mit Sicherheit keine Innovationspreise, eignet sich aber durchaus als Lesehäppchen für Zwischendurch, das leicht schmeckt und nicht belastet.

Psychose - Blake Crouch
Psychose
von Blake Crouch
(5)
Buch (Klappenbroschur)
10,30

Polizeipräfektur D kehrt zurück

Lukas Bärwald aus der Thalia-Buchhandlung in St. Pölten , am 23.09.2019

Im Frühjahr 2018 erschien Hideo Yokoyamas Ausnahmeroman „64“, mit dem er auch gleich den Deutschen Krimi-Preis International gewann. Sein neues Buch „2“ erzählt weitere, in sich abgeschlossene Geschichten aus der selben Polizeipräfektur.

In der ersten der beiden Novellen hat es Inspektor Futawatari mit einem hochrangigen Polizeibeamten zu tun, der aus unerklärlichen Gründen nicht wie vereinbart sich aus seiner Position in den Ruhestand begeben will. Im Hintergrund scheint es dabei um einen alten, ungeklärten Fall gehen, der immer persönlichere Züge annimmt.
Im Mittelpunkt des zweiten Teils steht Abteilungsleiterin Tomoko Nanao, die es anfänglich nur mit einer jungen Polizistin zu tun hat, die eines Tages nicht zum Dienst erscheint. Daraus entspinnt sich ein Geflecht aus Vermutungen und Beschuldigungen, falschem Stolz und den Geschlechterkonflikten innerhalb der Präfektur.

Die Stärke von „2“ liegt wie auch im ersten Roman des Autors in der sprachlichen und psychologischen Qualität: In Yokoyamas Texten geht es nicht um spektakulär-atemberaubende Mordserien und verstörende Serienkiller. Stattdessen schildert er anhand des Mikrokosmos eines Polizeiapparates das Miteinander innerhalb der japanischen Gesellschaft. Konzepte wie Ehre, Disziplin und Zugehörigkeit besitzen einen außerordentlichen Stellenwert und so ist das Verhältnis der verschiedenen Figuren zueinander innerhalb der Hierarchien und Geschlechterverhältnisse ständig angespannt und bestimmt von Konflikten, die sich stets nur unterhalb der Oberfläche abspielen dürfen, damit niemand Gefahr läuft, sein Gesicht zu verlieren. Und obwohl die die Vorkommnisse innerhalb des Verwaltungsapparats einer Polizeipräfektur auf den ersten Blick denkbar unaufregend wirken können, besitzt Yokoyama die Fähigkeit, faszinierende wie facettenreiche Geschichten zu erzählen, die an Spannung die allermeisten Schocker Thriller in den Schatten stellen.

2 (Zwei) - Hideo Yokoyama
2 (Zwei)
von Hideo Yokoyama
(2)
Buch (gebundene Ausgabe)
16,50

Von erzähltem Leben und lebendigem Erzählen

Lukas Bärwald aus der Thalia-Buchhandlung in St. Pölten , am 07.09.2019

Wer bist du? Wo kommst du her? Wo ist dein Zuhause?
Fragen, die einem ein Leben hindurch immer wieder gestellt werden und manchmal leicht, manchmal schwerer zu beantworten sein scheinen. Saša Stanišić gibt keine verbindlichen Antworten, er erzählt einfach. Dabei gibt nicht Chronologie der Biografie seiner Familie die Reihenfolge vor, sondern er lässt sich stattdessen treiben von verstreuten Erinnerungen und sich auftuenden Assoziationen.

Aufgewachsen in Jugoslawien, mit 15 Jahren vor Jugoslawien nach Deutschland geflohen. Die Sprache gelernt, sich verliebt, sowohl in Wörter als auch Frauen, Freunde gefunden, verloren, erfolgreich geworden, Kind bekommen. So kann eine rudimentäre Lebensgeschichte aussehen, aber dem Preisträger der Leipziger Buchmesse geht es nicht um scheinbare Fakten, sondern Geschichten: Und so erzählt er entlang wichtiger Menschen, Themen und Orte kreuz und quer durch seine Biografie, lässt Familienstammbäume und Nachbarschaften entstehen, nur um gleich wieder zu hinterfragen, ob all dem wirklich so war oder nur eine (von ihm selbst) erfundene Geschichte.
Aus diesen mäandernden Geschichten entsteht ein erzähltes Leben oder aber ein Leben, das Erzählungen hervorbringt.

Eine der zentralen Figuren des Buches ist seine Großmutter, die in der Gegenwart einer der letzten Eckpfeiler der Familie in Bosnien ist. Gegen Ende ihres Lebens verliert sie immer mehr die Hoheit über die Zeitleiste ihres Lebens: Menschen, Orte und Jahre vermischen sich. Was vor Jahrzehnten war, scheint heute zu sein und heute ist oft sehr weit weg. Und so wirkt es nur folgerichtig, dass der einzige Weg, um aus diesem in Unordnung geratenen Leben wieder etwas Ganzes zu machen ist, eine Geschichte zu erzählen.

Saša Stanišić erzählt genau dieses Kapitel, welches gleichzeitig auch das Buch abschließt, auf außergewöhnliche und zugleich formal wie inhaltlich stimmige Weise: „Der Drachenhort“ ist eine Liebeserklärung an Großmutter und slawische Mythologie sowie eine Hommage an die Rollenspielabenteuer aus der Jugend des Autors zugleich. Denn hier entscheiden die LeserInnen selbst über den Fortlauf der Handlung. Am Ende jedes längeren Textabschnittes wird man vor die Entscheidung gestellt, wie der Protagonist handeln soll. Dementsprechend setzt sich der Text auf unterschiedlichen Seiten fort und es kommt zu verschiedenen Enden der Odyssee von Großmutter und Enkel.

„Herkunft“ begeistert wie sein herausragender Roman „Vor dem Fest“ mit einem poetisch-innovativen, dabei aber immer leichtfüßigen Stil, der niemals kopflastigem Bildungsprotz daherkommt. Teil Fakt, Teil Fiktion ist dieses Buch ein außergewöhnlich Beispiel für die fließende Grenze zwischen Literatur und Realität, Erinnerung und Erdachtem. Eine definitiver Höhepunkt der literarischen Produktion von 2019.

„Ich muss los“, sage ich.
„Quatsch, niemand muss heute irgendwohin“.
„Welcher Tag ist heute?“
Großmutter sagt: „Alle Tage.“

Herkunft - Sasa Stanisic
Herkunft
von Sasa Stanisic
(33)
Buch (gebundene Ausgabe)
22,70

Gefangen im Todesspiel

Lukas Bärwald aus der Thalia-Buchhandlung in St. Pölten , am 24.08.2019

Eine Frau schreit, verfolgt von einem vermummter Mann, ein Schuss fällt, Stille.
Der Erzähler beobachtet diese nächtliche Szenerie wie aus einem Schleier heraus, denn er ist gerade zu Bewusstsein gekommen und hat jegliche Erinnerung an sein vorheriges Leben verloren.
Am Ende dieses an sich schon verwirrenden Tages wird ein Mensch gewaltsam ums Leben gekommen sein, doch als der Protagonist am nächsten Morgen aufwacht – hat sich nichts verändert und er durchlebt den gleichen Tag ein weiteres Mal.

Acht mal lässt Stuart Turton seine Hauptfigur den selben Tag wieder und wieder durchleben, jeden Tag im Körper eines anderen Menschen. Doch egal was er unternimmt, ganz gleich wie radikal er in den Ablauf dieses Tages eingreift, der Tod von Evelyn Hardcastle scheint unaufhaltsam zu sein.
Doch nicht jeder Wirtskörper lässt sich von ihm so widerstandslos übernehmen und so muss er mitunter hart ankämpfen, um in ihnen immer noch er selbst zu bleiben und sich nicht von ihren Charaktereigenschaften zu stark beeinflussen zu lassen. Es beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, die sich immer wieder dem Zeitpunkt des Mordes nähert, nur um dann wieder auf Null zurück zu springen. Gleichzeitig ein Ringen mit den Lücken des eigenen Gedächtnisses: Was hat ihn eigentlich hierher gebracht, wie kann er diesem Kreislauf entfliehen und wer ist er selbst unter diesen acht Masken?

Der Debütroman des englischen Reisejournalisten ist ein ungewöhnlich komplex und im positiven Sinne verworrenes Erzählkonstrukt, dessen Elemente an Agatha Christies „Mord im Orientexpress“, „Und täglich grüßt das Murmeltier“ und David Levithans „Letztendlich sind wir dem Universum egal“ erinnern.
Wo in vielen Krimis und Thrillern die Sprache selbst nur als Transportmittel der Handlung dient, bedient sich der Autor einer kunstvollen, stimmungsreichen Sprache, die vor allem dann überzeugt, wenn es ihm gelingt, jeden der acht verschiedene Wirte unterschiedlich klingen zu lassen.

„Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle“ ist kein Buch zum Abschalten und genüsslich berieseln lassen. Hier ist Aufmerksamkeit, Mitdenken und ein gewisser Hang zum Um die Ecke-Denken gefragt. Wer dazu jedoch bereit ist, wird mit einem äußerst kurzweiligen Kriminalroman belohnt, der sich weit abseits der üblichen Pfade bewegt – nicht zuletzt Fans der TV-Serie „Dark“ sehr empfohlen.

Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle - Stuart Turton
Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle
von Stuart Turton
(140)
eBook
18,99

Der Sommer, als alles anders wurde

Lukas Bärwald aus der Thalia-Buchhandlung in St. Pölten , am 22.08.2019

1980er Jahre im Norden Norwegens: Ein Grand Hotel vor malerischer Berglandschaft, geprägt vom Glanz vergangener Jahrzehnte und der stillen Eleganz seiner gleichfalls in die Jahre gekommenen Besitzer. Mittendrin Sedd, 13-jähriger Enkel der Hotelleitung, mit kaum vorhandener Erinnerung an seine davongelaufene Mutter und gar nicht vorhandenem Wissen über seinen konsequent totgeschwiegenen Vater. Was von ihm einzig bleibt, ist das Erbe seiner dunklen Hautfarbe, durch die der Junge zum offensichtlichen Außenseiter zwischen Schnee, Geröll und Bergseen wird.

In Erik Fosnes Hansens neuem Roman geht es für beide, den jugendlichen Protagonisten und sein luxuriöses Zuhause, um den Anbruch einer neuen Zeit: Während durch die Ankunft neuer Gäste samt ihrer anfangs anstrengender, aber Sedd widerwillig immer mehr ans Herz wachsender Tochter ein neuer Schritt in seiner Entwicklung ansteht, sieht sich das Hotel mit schwindenden Besucherzahlen, wachsenden Rechnungen und der inneren Haltung des Großvaters konfrontiert, alles so handhaben zu wollen, wie es immer war und der Frage, wie lang so etwas noch gut gehen kann.

„Ein Hummerleben“ lebt von der geschliffenen Sprache, die einen fließend durch den Roman führt, ohne jemals zu banal oder zu verkopft zu werden. Die Anzahl der Figuren ist zwar verhältnismäßig überschaubar, dafür ist jede von ihnen ein tatsächlich individueller Charakter mit eigenem Antrieb und mehr als nur eine einzelne Funktion, um Sedd auf seinem Weg weiter zu bringen. Trotz der immer konkreter werdenden Gefahr des Hotelbankrotts wird das Buch von einem sehr leichten, unbeschwerten Ton getragen, der die Lektüre zu einer seiner genüsslichen und kurzweiligen Angelegenheit macht.
Im atemlosen Finale jedoch kippt diese Stimmung und vieles, was an Irritationen, Fragen und Konflikten bis dahin nur zwischen den Zeilen hier und da mal durchschimmerte, kommt katastrophal ans Tageslicht. Man bleibt überrascht und zugleich mit einem Gefühl zurück, von diesen unerwarteten Geschehnissen überrumpelt worden zu sein. Doch erkennt man nach und nach, dass immer wieder warnenden Vorzeichen da waren, die jenseits der sommerlich leichten Oberfläche lauerten.

Ein sehr flüssig zu lesender Roman über das Erwachsenwerden, die Suche nach den eigenen Wurzeln und den Menschen, die einem auf dem Weg durch das Leben zur Seite stehen.

Ein Hummerleben - Erik Fosnes Hansen
Ein Hummerleben
von Erik Fosnes Hansen
(21)
Buch (gebundene Ausgabe)
24,70

Das Geheimnis der zusätzlichen Zahnbürste

Lukas Bärwald aus der Thalia-Buchhandlung in St. Pölten , am 20.08.2019

Baltasar Matzbach ist schwierig: Nach einer technischen Erfindung und einem bodenlos einfältigen, aber nachhaltig einträglich geschriebenem Schlager muss er sich um das liebe Geld nicht mehr kümmern und hat nun Zeit und Muße, um sich als „Universaldilettant“ von seinen spontanen Einfällen und Leidenschaften treiben zu lassen – schön für ihn, schwerst anstrengend für seine Umwelt.

Eines Morgens wacht der selbsternannte und hoch verkaterte Privatdetektiv auf, um in seinem Badezimmer eine zweite, unbekannte Zahnbürste vorzufinden. Wem gehört sie, wie ist sie dort hingekommen und warum kann er sich an die Ereignisse der vergangenen Nacht nicht erinnern? Und so kommt der Erzähler mit ins Boot: Freund bzw. Opfer der vergnüglich-bissigen Schmähungen Matzbachs und seines Zeichens Schriftsteller. Er soll ihm nun beistehen auf der Jagd nach der Wahrheit hinter der zweifachen Zahnbürste.
Was wie eine verschroben-humorige Schnitzeljagd beginnt, entwickelt sich nach und nach zu einem immer düster werdenden Geflecht aus Bestechung, Mord und Kriegsverbrechen.

Diese Mischung aus mitunter bedrückender Spannung und den zahlreichen ironischen Spitzen, die Matzbach und seine Entourage zur großen Unterhaltung beim Lesen untereinander abfeuern, verleiht diesem Roman einen einzigartigen Ton im oftmals ideenlos wirkenden Krimigenre. „Mord am Millionenhügel“ ist der erste von bislang zehn Bänden um den herrlich schrulligen Baltasar Matzbach. Wer sie schon kennt oder ein Fan von Hörspielen ist, dem sei Gisbert Haefs großartige und mit dem gleichen Humor und Sprachwitz verfasste Kriminalhörspielsammlung „Vier Fälle für das Triumvirat“ ans Ohr gelegt.

Mord am Millionenhügel / Baltasar Matzbach Bd.1 - Gisbert Haefs
Mord am Millionenhügel / Baltasar Matzbach Bd.1
von Gisbert Haefs
(1)
Buch (Taschenbuch)
9,80

"Ich vermisse dich mehr, als dass ich mich an dich erinnere"

Lukas Bärwald aus der Thalia-Buchhandlung in St. Pölten , am 26.07.2019

Im Jahr 2002 erschien die Verfilmung von Frida Kahlos Leben mit Selma Hayek in der Hauptrolle. Eine der zentralen Szenen dabei ist der Verkehrsunfall, durch den die Malerin lange Zeit ans Bett gefesselt sein wird: Während der Bus mit Wucht gegen eine Hausmauer prallt, verlangsamen sich die gezeigten Geschehnisse in Zeitlupe. Es herrscht Chaos im Bus, Fahrgäste werden umgeworfen, Dinge zerbrechen – doch dieser Moment von Leid und Zerstörung wird kontrastiert mit dem schneeflockengleich durch die Luft tanzendem Blattgold eines mitfahrenden Künstlers. Schrecken und Schönheit vereint und sich gegenseitig verstärkend.
Auf gleiche Art und Weise lässt Ocean Vuong seinen Protagonisten einen langen Brief an seine Mutter schreiben, in der er ihr von eben jener Schönheit und jenen Schrecken erzählt, die ihn letztendlich zu dem Menschen gemacht haben, der er heute ist.

Sie sind eine Familie der Gebrochenen: Die Großmutter gezeichnet durch den Horror des Vietnamkriegs, in dem sie trotz allem ihre Liebe zu einem amerikanischen Soldaten findet; die Mutter, die ihren Traum vom Geld und Glück in den USA als Analphabetin in einem Nagelstudio früh aufgeben muss und er selbst, gefangen zwischen den psychotisch aggressiven Anfällen seiner Mutter, seiner ungestillten Sehnsucht nach Schönheit, Erfüllung der ersten großen Liebe zu einem anderen Jungen.

Der Autor gehört zu den wichtigsten Stimmen der jungen amerikanischen Lyrik dieses Jahrzehnts und bringt auch eben jene besondere Sprachsensibilität in seinem Debütroman mit. Ähnlich wie in Max Porters im Frühjahr 2019 erschienenen „Lanny“ oder Paul Beattys „Slumberland“ liest sich dieses Buch durch die enorme Dichte an poetisch berührenden Sprachbildern, ungehörten Metaphern und einem schier nicht versiegen wollenden Schatz an bedrückend schönen Bildern fast mehr wie eine lyrische Ballade als ein klassischer Roman.

Doch diese besondere Stärke des Romans kann auch bisweilen ihr Fallstrick sein: Dadurch, dass die Flut an außergewöhnlichen Gedanken und Gefühlen, verpackt in ungewohnte, weil vorhandene Klischees vermeidende Sprache quasi niemals abreißt, kann es schwer fallen, diesem konstanten Strom immer folgen zu können. Immer wieder beschäftigt und berührt ein Gedanke einer einzelnen Zeile und während die Augen bereits die nachfolgenden Absätze lesen, ist der Kopf eigentlich immer noch mit diesem bereits vergangenen Gedanken beschäftigt.
So wird sich dieses nachhaltig empfehlenswerte Buch unter anderem besonders gut als Gemeinschaftslektüre in beispielsweise einem Lesekreis eignen, wo man immer wieder bewusst das Gas raus nimmt und sich die Zeit nimmt, einzelne Momente des Romans wirken zu lassen. Für sich allein gelesen, treibt die Handlung einen stetig vorwärts und so könnte die Gefahr bestehen, dass manche der zahlreichen Glanzpunkte kaum wahrgenommen vorüberziehen, weil sie eben so häufig und intensiv auf einen zuströmen.

„Auf Erden sind wir kurz grandios“ ist ein einzigartiger Roman über die Utopie des Amerikanischen Traums und was dieser den Menschen vermittelt, anstreben zu wollen. Ein Buch über Sehnsucht, Scheitern und Schönheit, Ängste, Hoffnungen und Figuren, die sich oftmals in sich selbst eingeschlossen wiederfinden.
Für die Lektüre bleibt zuletzt der Tipp, sich für dieses scheinbar schlanke Buch Zeit zu nehmen und immer wieder aus dem Fluss der Handlung auszusteigen, um einzelnen Ideen und Bildern nachzufühlen – denn diese sind oft so außergewöhnlich, dass es schade wäre sie zu überfliegen.

„Auf Vietnamesisch ist der Ausdruck für jemanden vermissen und sich an ihn erinnern derselbe: nho. Manchmal, wenn du mich am Telefon fragst: Con nho me không?, zucke ich zusammen, im Glauben, du meintest: Erinnerst du dich an mich?
Ich vermisse dich mehr, als dass ich mich an dich erinnere.“

Auf Erden sind wir kurz grandios - Ocean Vuong
Auf Erden sind wir kurz grandios
von Ocean Vuong
(66)
Buch (gebundene Ausgabe)
22,70

Unterwegs mit 33 1/3rpm

Lukas Bärwald aus der Thalia-Buchhandlung in St. Pölten , am 01.07.2019

„Ich brauchte eine beliebige Erzählung vom Weh schwarzer Menschen über viele Generationen, die den weißen Lesern und allen, die weiß zu sein begehrten, versicherte, das alles gut ausgehen würde, trotz der erdrückenden Beweislast, dass niemals irgendetwas gut ausging.“

Was DJ Darky, seines Zeichens selbsternannter Jukebox-Sommelier braucht, ist die eine Sache, was wir zu lesen bekommen, eine gänzlich andere. Denn anstelle einer tragisch-anklagenden „Erzählung vom Weh schwarzer Menschen“ ist dieser Roman eine pointen- und hakenreiche Suche eines Mannes auf der Suche nach seinem Glück, seinem Vorbild und irgendwo auch so etwas, was seiner eigenen Identität entspricht. Dabei pulsiert und wummert dieser Roman mit der gleichen unwiderstehlichen Intensität, wie der Protagonist seine Beats mixt und die tanzenden Körper zum vibrieren bringt.

Aber von Anfang an: Wir nähern uns dem Ende der 1980er Jahre und DJ Darky mit dem außergewöhnlichen Talent, niemals auch nur einen einzigen Geräuschschnipsel zu vergessen, den er je gehört hat, fabriziert nach langen Versuchen den perfekten Beat. Das einzige, was ihm jetzt noch fehlt, um sein Meisterwerk zu legitimieren, ist die offizielle Absegnung durch sein musikalisches Idol – dessen einzig verfolgbare Spur jedoch nach Berlin führt. Und so reist der durch sein eigenes Leben mäandernde Protagonist dorthin, kurz bevor die Mauer fallen wird.
Was folgt, ist eine sprachliche virtuose Mischung aus rotem Faden und aneinander gereihten Vignetten aus dem eifrig mäandernden Musik-, Liebes- und Privatleben der Hauptfigur, garniert mit Stasi-Offizieren, Musikfanatikern, Neonazis und Shakespeare, alles in einem Hals-über-Kopf-Tempo und stets abseits von dem, was gemeinhin als „politisch korrekt“ angenommen wird.

Ähnlich wie in Michael Chabons Jazzroman „Telegraph Avenue“ ist dieses Buch mit einem eingeschriebenen Soundtrack ausgestattet, der es einem erlaubt, parallel zur Lektüre Auszüge aus der legendäre Bestückung der Jukebox des titelgebenden Clubs Slumberland zu hören.
Wem Paul Beattys Pulitzer-prämiertes Buch „Der Verräter“ oder sein Debüt „Schlechter tanzen“ gefallen hat, kann hier gefahrenlos zugreifen und wird einer Hauptfigur begegnen, die denen seiner Vorgängerromane durchaus verwandt zu sein scheint.

Slumberland - Paul Beatty
Slumberland
von Paul Beatty
(1)
Buch (Taschenbuch)
10,30

Gefangen in Freiheit

Lukas Bärwald aus der Thalia-Buchhandlung in St. Pölten , am 12.06.2019

„Dieser Roman ist fiktiv, alle Charaktere sind erfunden“, heißt es im Nachwort des Autors. Doch eben jene Fiktionalität, die es Colson Whitehead erlaubt, seinen literarischen Blick auf Menschen und Geschichte in Worte zu kleiden und in eine Dramaturgie einzubetten, ist zutiefst eingebettet Rassismus, Gewalt und Angst historischer Realität der 1960er Jahre Amerikas.

Im Jahr 2017 gewann sein herausragender Vorgängerroman „Underground Railroad“ den Pulitzer Preis. Darin beschrieb er auf eindringliche Weise die mehrjährige Flucht einer jungen Sklavin zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Die Sklaverei haben die USA zur Zeit der „Nickel Boys“ zwar schon hinter sich gelassen, doch hat sich der Rassenwahn neue Bahnen gebildet:
Elwood ist 16 Jahre alt, zurückhaltend und riskiert auch, unter seinen Freunden als Streber anzuecken, solange er dadurch die Chance erhält, aufs College gehen zu können. Doch kurz bevor dieser Traum Realität werden kann, gerät er in die Mühlen des Zufalls und wird fälschlicherweise als scheinbarer Autodieb in die „Besserungsanstalt“.

In der streng nach Hautfarben getrennten Nickel Academy landen Jugendliche, die straffällig wurden, Jungen, die die Frau oder Tochter des falschen Mannes zu lang angeschaut hatten und ähnliche Schicksale, bei denen die Willkür des staatlichen Systems dem Lebensweg eines jungen Menschen eine neue Richtung verleihen wollte. Innerhalb von durchschnittlich zwei Jahren sollen die Nickel Boys durch eingetrichterten Gehorsam und psychische wie körperliche Züchtigung in sozialverträgliche Mitglieder der Gesellschaft verwandelt werden – so der offiziell nach außen kommunizierte Plan.

Was Elwood in seiner Zeit dort jedoch begegnet, ist der kontinuierliche Versuch seitens der Anstaltsleitung und Betreuer, die Jungen systematisch zu brechen. Isolationshaft, Ausbeutung und körperlicher Missbrauch stehen an der Tagesordnung und wenn jemand eines Tages in sein altes Leben entlassen wird, ist er in den seltensten Fällen immer noch der intakte Mensch, als der er die Nickel Academy betrat.
Dem tief verwurzelten Rassismus stellt Colson Whitehead aufblitzende Begegnungen und Momente entgegen, in denen die Sehnsucht nach Zusammenhalt und Fürsorge spürbar werden. Sein Protagonisten wird angetrieben von seiner Hoffnung auf ein besseres „Danach“, einer Rückkehr in ein Leben in Freiheit und seinem durch Martin Luther King inspirierten Streben nach einer besseren Welt abseits von Schwarz und Weiß.

„Die Nickel Boys“ ist fokussiertes Gesellschaftsportrait, zeithistorisches Drama und gleichermaßen von aktueller Relevanz. Gewalt, Hass und Unterdrückung werden von Elwoods Hoffnungen und Whiteheads virtuos gefühlvoller und bildstarker Sprache konterkariert. Wem „Underground Railroad“ gefallen hat, sei dieser außergewöhnliche Roman sehr ans Herz gelegt.

Die Nickel Boys - Colson Whitehead
Die Nickel Boys
von Colson Whitehead
(112)
Buch (gebundene Ausgabe)
23,70

 
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