Thalia-BuchhändlerInnen im Portrait: Lukas Bärwald | 115 Rezensionen
Meine Filiale

BuchhändlerInnen im Portrait

Meine Lieblingsbuchhändler

Lukas Bärwald
aus der Thalia-Buchhandlung in St. Pölten

Gesamte Empfehlungen 115 (ansehen)

Es ist ein Problem aufgetreten. Bitte laden Sie die Seite neu und versuchen es noch einmal.


Alter:
38 Jahre
Abteilung:
Belletristik / eReading
Funktion:
Buchhändler
Lieblingsautoren:
John Dickson Carr, Reif Larsen, Chris Ware, Michael Chabon, Lemony Snicket, Sasa Stanisic
Im Beruf seit:
Dezember 2011
Das beste Buch aller Zeiten:
John Dickson Carr: Der verschlossene Raum & Chris Ware: Jimmy Corrigan - The smartest Kid on Earth

Meine Favoriten

2.

Dunkle Stadt Bohane

von Kevin Barry

mehr

3.

Nathalie küsst

von David Foenkinos

mehr

4.

Gräser der Nacht

von Patrick Modiano

mehr

8.

Building Stories

von Chris Ware

mehr

9.

Vor dem Fest

von Saša Stanišić

mehr

Meine Empfehlungen

Als Peter Pan doch erwachsen wurde

Lukas Bärwald aus der Thalia-Buchhandlung in St. Pölten , am 20.10.2020

Das war kein kleines Wagnis. Seit der Geburtsstunde der drei Fragezeichen vor mehr als fünf Jahrzehnten gehörte es zum marketingstrategischen Kern der Serie, dass die Hauptfiguren nicht altern dürfen und keine grundlegenden charakterlichen Veränderungen durchmachen. So bleiben sie auch für nachfolgende Generationen von Hör- und LeserInnen unverändert als Identifikationsfigur bestehen. Außerdem hatte die Reihe „sauber“ zu bleiben: Sex, Drugs & Rock’n’Roll, blieben den Jungs ebenso verwehrt wie härtere Gewaltverbrechen oder gar Morde.

Wie auch immer es Zeichnerin Hanna Wenzel und Autor Christopher Tauber gelungen ist: sie haben den über ein halbes Jahrhundert lang in Zement gegossenen Status quo auf den Kopf gestellt. Denn in ihrem 200 Seiten langen Comic treffen Justus, Peter und Bob nach langen Jahren der Funkstille aufeinander – tief in der Midlife-Crisis, mit drohenden Scheidungen oder einer sich anbahnenden Drogenabhängigkeit.
Schon die FSK-Warnung spricht Bände: Erst ab 16 Jahren wurde „Rocky Beach“ freigegeben. Denn der außergewöhnliche Spielraum, den Wenzel und Tauber bekamen, wurde hinlänglich ausgenutzt und alles, was zuvor Serien-Tabu war, wird hier in vollen Zügen ausgelebt. Alles beginnt mit dem zweiten Detektiv, der als Versicherungsdetektiv in seine alte Heimat zurückkehrt und schon bald mit einem Betrugsfall, korrupten Polizisten und einem fingierten Selbstmord zu tun hat. Genau so wie seines, hat auch das Leben seiner ehemaligen Kollegen unerwartete Wege eingeschlagen. Während Bob als beziehungsunfähiger Drehbuchautor an seiner Krimiserie im schillernden Hollywood schreibt, lebt Justus zutiefst in sich zurückgezogen als Buchhändler immer noch in Rocky Beach.

Hanna Wenzels Zeichenstil passt zum Noir-Gefühl der Geschichte, denn ihre Schwarz-Weiß-Illustrationen bestechen durch schwere Schatten, atmosphärisch eingesetztes Licht und düstere Kulissen; vor allen Dingen der eher malerisch, fast schon impressionistisch wirkende Stil der Rückblenden gehört zu den Highlights dieses Buchs, während die Figuren für den „reifen“ Anspruch der Handlung visuell etwas zu lieblich und glatt daherkommen.

Wo die Freude über den Mut des Verlags zu so einem doch eher gewagteren Experiment groß ist und viel an diesem Comic funktioniert, gibt es jedoch auch einige negative Aspekte: Zum Einen gelingt es dem Lettering nicht immer, den Blick der LeserInnen klar über die Seite zu lenken und dabei unmissverständlich klar zu machen, wer was in welchem Tom sagt. Zum Anderen sind die Charaktere der drei Protagonisten so stark verändert aber zugleich auch wenig auserzählt, dass man am Ende das Gefühl hat, dass es abseits von etwas nostalgischer Staffage auch eine Geschichte um drei beliebige entfremdete, erwachsen gewordene Freunde geht, die in ihrer alten Heimat mit einem düsteren Netz aus Verstrickungen und menschlichen Abgründen konfrontiert sind. Die Nebenfiguren strotzen nicht gerade vor Facetten und bis auf einen, dafür umso berührenderen Moment rund um den dement gewordenen Onkel Titus, wirken die Gastauftritte berühmter Begleiter der drei Fragezeichen beliebig und bleiben kaum im Gedächtnis.

„Rocky Beach“ war ein Wagnis, weil vielen Fans die Vorstellung der erwachsen gewordenen Detektive schwer-/missfällt und lange unangetastete Regeln gebrochen wurden. Es las sich erfrischend und wie ein überfälliger Exorzismus der Nostalgie, doch gibt es einige sowohl handwerkliche als auch erzählerische Schwächen. Trotz allem bleibt dieses Buch eine definitive Empfehlung, speziell für all die Kassettenkinder und langjährigen Leser- und HörerInnen der Jungs aus dem kalifornischen Küstenstädtchen.

Rocky Beach - Christopher Tauber
Rocky Beach
von Christopher Tauber
(6)
Buch (gebundene Ausgabe)
25,70

Die letzte Fahrt

Lukas Bärwald aus der Thalia-Buchhandlung in St. Pölten , am 19.10.2020

Romane über Züge mochte ich schon immer: Agatha Christies „Mord im Orientexpress“ war das erste Buch, das ich gleich zweimal nacheinander gelesen habe, „Die Karte meiner Träume“ von Reif Larsen gehört für mich zu den Büchern für die einsame Insel und Jean-Philippe Blondels „6 Uhr 41“ ist einer der unterhaltsamsten Liebesromane des letzten Jahrzehnts.

So überrascht es dann auch nicht weiter, dass „Was dir bleibt“ zu den besten Büchern gehört, die ich in diesem Jahr gelesen habe – spielt der Roman doch größtenteils in Zügen.
Aber von Anfang an: Die 76-jährige Gladys bricht unvermittelt aus ihrem Alltag aus und verschwindet; hinterlässt ihre immer wieder von Suizidgedanken begleitete Tochter und eine Spur aus Zugfahrten, die sie scheinbar ziellos kreuz und quer durch die Wälder Nordkanadas führt. Auf ihre Fährte begibt sich ein, lange Zeit anonym bleibender, Erzähler, der die Stationen sowohl ihrer Reise als auch ihrer Lebensgeschichte nach und nach aufdeckt.

Ähnlich wie bei ihrem herausragenden Vorgänger „Niemals ohne sie“ schildert die kanadische Autorin die Geschichte eines Lebens, ohne jemals laut oder effektheischend zu werden. Sie konzentriert sich auf eine vielschichtige und charismatische Hauptfigur, die ebenso offen wie geheimnisvoll ist, mit der man sich gerne auf die Reise begibt, um schritt- oder hier vielleicht besser fahrtweise mehr über sie zu erfahren. Sauciers Sprache ist leise und poetisch ohne je verkopft zu sein, liest sich flüssig und beeindruckt gerade durch das, was sie alles weglässt.

Als Motor des Buchs fungiert die Frage, warum Gladys von Heute auf Morgen plötzlich verschwindet, ohne jemandem aus ihrem näheren Umfeld einzuweihen. Stattdessen finden sich Menschen, Fremde, denen sie in den Zügen begegnete und aus denen sie Freunde machte. Etwas trieb sie auf dieser großen, vielleicht letzten Reise an – doch was war es?

Ein berührender Roman, der die Kraft hat, einen ehrlich mitzunehmen – emotional und in den Zügen, die er durchquert.

Was dir bleibt - Jocelyne Saucier
Was dir bleibt
von Jocelyne Saucier
(14)
Buch (gebundene Ausgabe)
22,90

Wer wagt, gewinnt

Lukas Bärwald aus der Thalia-Buchhandlung in St. Pölten , am 06.10.2020

Gleich vorneweg: Was dieses Buch angeht, bin ich zutiefst befangen. „Bohane“, Kevin Barrys vorheriger Roman gehört für mich zu den zehn besten Büchern, die ich im vergangenen Jahrzehnt gelesen hab. Warum wir nun mehr als fünf Jahre auf einen Nachfolger haben warten müssen, erklärt sich vielleicht aus der besonderen zeitlichen Konstellation zum Thema dieses Buch. Denn der Protagonist ist niemand anderes als Beatles-Legende John Lennon – und der feiert 2020 sowohl seinen 80. Geburts- als auch seinen 40. Todestag.

Berühmte Persönlichkeiten, deren Charakter, Stil und sprachliche Besonderheiten weithin bekannt sind, als literarische Figuren zu verwenden, ist ein heikles Spiel: Wenn das, was man liest, zu verfremdet scheint oder dem eigenen Bild der Person nicht entspricht, kann es leicht zu einem Bruch zwischen LeserIn und Buch kommen. Hoch gepokert also… aber von Kevin Barry meisterhaft umgesetzt und großartig zu lesen.
Er schildert Lennons Reise durch das Jahr 1978. Einige Jahre zuvor hat er an der Westküste Irlands eine karge Felseninsel erworben und auf genau die möchte er mit Hilfe eines einheimischen Chauffeurs flüchten: vor der Öffentlichkeit, den Paparazzi und letzten Endes auch vor sich selbst. Auf seinem Weg trifft er in der Abgeschiedenheit irischer Küstendörfer auf Menschen unterschiedlichsten Schlags, die ihm Einblick in ihr Leben gewähren, seinen Geschichten zuhören und mit ihm das Glas heben, um zu feiern oder um zu vergessen.

„Beatlebone“ liest sich wie ein wochenlanger LSD-Trip oder eine aus dem Ufer geratene Traumreise: Die Ödnis der Landschaft und mitunter wortkargen BewohnerInnen werden kontrastiert mit dem ständigen Einprasseln von Sinneseindrücken; einem Rausch von Geräuschen, Gerüchen, Farben und Gefühlen. Der irische Autor gießt diese sinnliche Flutwelle in eine ebenso spektakuläre Sprache und vermittelt so eindrucksvoll das Empfinden und Seelenleben Lennons.
Das eigentliche Vorhaben des Sängers ist die Schöpfung seines musikalischen Meisterwerks. Ein Album jenseits gängiger Konventionen der Pop-Musik und der Erwartungen der Öffentlichkeit an ihn – und das, obwohl er nun schon mehrere Jahre keinen einzigen Song mehr hat komponieren können. Kevin Barry nimmt das Motiv auf und fügt in der Mitte des Romans ein Kapitel ein, in dem er selbst als Autor des Buchs davon schreibt, wie schwierig es ist, diesen Roman zu verfassen über einen Musiker und dessen Schwierigkeiten sein Album zu schreiben.

Neben Ocean Vuong und Szczepan Twardoch gehört Barry zu einer neuen Generation von AutorInnen, die dem 21. Jahrhundert eine neue Art der Poesie entgegenstellen und ihre Geschichten sprachlich innovativ und kunstvoll erzählen, ohne sich in überverkopften Konstrukten zu verrennen, die nurmehr für literaturwissenschaftliche Schmetterlingsfänger zu verstehen sind.
Beatlebone: ein großes Wagnis, große Literatur.

Beatlebone - Kevin Barry
Beatlebone
von Kevin Barry
(3)
Buch (gebundene Ausgabe)
20,60

In Ruinen

Lukas Bärwald aus der Thalia-Buchhandlung in St. Pölten , am 28.09.2020

Einst hatte er ein ganzes Reich unter sich: Jakub Shapiro war Boxer, Mörder, gefürchtetes Gesicht der jüdischen Unterwelt. Doch dieses Reich liegt seit dem Angriff der Deutschen in Trümmern; aus dem stets furchtlos nach vorne gewandten Kämpfer wurde ein Flüchtling, der im Chaos des Warschauer Ghettos um sein Leben ringt und sich von einem Versteck ins nächste rettet.

Abwechselnd lässt Szczepan Twardoch zwei Stimmen zu Wort kommen: Ryfka, die Geliebte und David, den Sohn des Protagonisten. In ihren Erzählungen setzt sich nach und nach collageartig ein Bild von Schrecken, Angst und Hoffnung, dem Krieg zwischen Armeen im Großen und menschlichen Abgründen im Kleinen zusammen.
„‚Jemand muss Warschau verteidigen…’, sagte er schließlich. Das ist meine Stadt.’“ Doch wie weit ist jeder Einzelne von ihnen bereit über seine eigenen körperlichen wie moralischen Grenzen zu gehen, um das zu beschützen, was ihm am meisten am Herzen liegt? Zwischen 1939 und 1945 spannt dieser Roman ein bedrückendes Panorama auf und begleitet seinen zentrale Figuren bis an die Punkte, wo sie für sich ein Ende oder einen neuen Anfang finden. Der polnische Ausnahmeautor kontrastiert dabei die düsteren Abgründe der Geschehnisse die er schildert mit einer poetisch kunstvollen Sprache, in die er sie verpackt. Beides verstärkt einander und wird im späteren Verlauf des Romans immer weiter ins Extrem getrieben, bis alles seinen Höhepunkt im abschließenden, gleichermaßen schockierenden wie berührenden Kapitel des Buches findet.

„Das schwarze Königreich“ setzt zwar direkt dort an, wo das zwei Jahre zuvor erschienene „Der Boxer“ endete, jedoch baut Twardoch genügend Rückblenden und zusätzliche Erläuterungen ein, um das neue Buch ohne zwingende Vorkenntnisse lesbar zu halten – allerdings sei literarisch der Vorgänger mehr als empfohlen, ganz gleich, ob vor- oder nachher gelesen.

Reiche die untergehen, Menschen, die sich in ihren Ruinen bewegen und alle hoffen, dass es für sie ein besseres Morgen geben wird – düster und eindrucksvoll.

Das schwarze Königreich - Szczepan Twardoch
Das schwarze Königreich
von Szczepan Twardoch
(4)
Buch (gebundene Ausgabe)
24,70

Wie immer - nur anders

Lukas Bärwald aus der Thalia-Buchhandlung in St. Pölten , am 15.09.2020

Dystopien, Dystopien, Dystopien: Seit mehr als einem Jahrzehnt gehören sie zu den literarischen Trends schlechthin. Egal ob „Die Tribute von Panem“, „Der Circle“, „Der Report der Magd“, „GRM“ oder „QualityLand“, die Schreckensszenarien für unsere mögliche Zukunft sind als Buch, Serie oder Computerspiel schwer in Mode – Heinrich Steinfest ist angetreten, um dem etwas entgegen zu setzen.

Denn sein neuer Roman ist eine soziale Utopie, voll mit Hoffnung, Vertrauen und Zuversicht auf eine bessere Zukunft. Aber zurück auf Start: Paul Klee (ja, wie der Maler) war einige Jahre Chauffeur bei einem ehemaligen Politiker, bis ihm etwas widerfährt, was den ProtagonistInnen aus Steinfest-Romanen gerne widerfährt; mit Ende 30 ist er in eine schicksalhaft traumatisierende Begebenheit verwickelt, die sein Leben von Grund auf verändern wird. Einige Zeit später wird er Hotelier, verliebt sich in seine Immobilienmaklerin und wird zu einem erfolgreichen Vertreter von Entschleunigung und bewusstem Genuss – bis ein russischer Forschungssatellit aus den 1950er Jahren in den umliegenden Wald stürzt.

„Der Chauffeur“ gliedert sich nahtlos ein in die Reihe der vergangenen Romane des in Wien aufgewachsenen Schriftstellers. Charismatische Hauptfiguren, die mit einer scheinbar untilgbaren Schuld auf ihren Schultern zu kämpfen haben, ein Leben, das plötzlich auf den Kopf gestellt wird und dabei Steinfests große Lust zu fabulieren, mit Sprache ungewöhnliche Bilder lustvoll zu malen und dabei wunderbar kurzweilig zu unterhalten. Gleichzeitig kann einen aber auch hier und da das Gefühl beschleichen, dass man manche Erzählmuster vielleicht schon etwas zu oft bei ihm gelesen hat – wobei man es trotz allem immer wieder gerne tut.

Man sollte als langjähriger Fan also keine übermäßige Innovation erwarten, wohl aber einen (eben falls wie immer) außergewöhnlich kurzweiligen Roman, der mit Humor, Spannung und einer ordentlichen Portion Hoffnung und Mut zum Happy End aufwarten kann – lang leben die Utopien.

Der Chauffeur - Heinrich Steinfest
Der Chauffeur
von Heinrich Steinfest
(10)
Buch (gebundene Ausgabe)
22,70

Zwischenmenschliches

Lukas Bärwald aus der Thalia-Buchhandlung in St. Pölten , am 05.09.2020

Es geht um Liebe, Hass, Sehnsucht, Isolation, Wahn und Freundschaft: In Sally Rooneys herausragendem zweiten Roman wird gelebt bis das Herz bricht und wieder zu schlagen beginnt.

Über den Verlauf von vier Jahren, zwischen dem Ende von High School und College, schildert sie das außergewöhnliche Miteinander von Marianne und Connell. Kein Liebesroman im klassischen Sinne, vielmehr ein psychologisches Drama im Rahmen einer jahrelangen On-Off-Beziehung. Gegensätze und Gemeinsamkeiten halten sich bei ihnen die Waage: Seine Mutter ist die Putzfrau ihrer Familie, beide sind gleichermaßen hoch intelligent und sensibel, doch während Connell auf Grund seines sportlichen Talents und guten Aussehens überall beliebt und angesehen ist, fühlen sich Mariannes MitschülerInnen von ihr ständig ungewollt provoziert und machen sie zur vollkommenen Außenseiterin – wären da nicht die wenigen und daher umso wertvolleren Begegnungen mit Connell im Haus ihrer Eltern.

Beide werden im Verlauf der folgenden Jahre Glück und Schmerz, Depression und Momente des Aufgehobenseins erfahren. Auch wenn mitunter mehrere Monate vergehen, in denen sie getrennt voneinander sind oder auch Beziehungen mit anderen Menschen eingehen, kreisen sie wie Erde und Mond untrennbar umeinander, kommen sich näher, entfernen sich.

Die gefeierte irische Jungautorin gibt dem Roman von Beginn an einen heutzutage in der Literatur höchst selten gewordenen Ton: Sie erzählt im Präsens. Das mag im ersten Moment wenig spektakulär klingen, doch verleiht es der Erzählung einen unglaublichen Sog und eine besondere Unmittelbar- und Eindringlichkeit. Dieser Eindruck wird noch mehr verstärkt, da sie sich auf den knapp 300 Seiten vollkommen auf ihre ProtagonistInnen fokussiert. Manche Menschen begleiten sie auf ihrem Weg, tauchen hier und da vielleicht sogar wiederholt auf, doch stets bleibt die innere Entwicklung von Marianne und Connell im Mittelpunkt.

Ein eindrücklicher und zutiefst emotionaler Roman ohne Klischees und Plattitüden: So kann ein moderner Liebesroman im 21. Jahrhundert klingen.

Normale Menschen - Sally Rooney
Normale Menschen
von Sally Rooney
(42)
Buch (gebundene Ausgabe)
20,60

Forrest Gump goes Gammelhai

Lukas Bärwald aus der Thalia-Buchhandlung in St. Pölten , am 27.08.2020

„Manchmal wünschte ich mir, ich wäre so ein Pinsel wie du. Ganz ehrlich! So wie du. So einfach, so simpel. Alles so einfach. Ein einfaches Leben. Alles schwarz und weiß. Alles grad oder krumm. […] Das Rezept für Glück ist nämlich Genügsamkeit.“
Für Kalmann Òdinnsson gibt es kein Grau, keine Lüge, keine Verstellung. Er ist, wie er ist und die Welt für ihn genau so, wie sie sich ihm präsentiert. Er mag etwas langsamer im Kopf sein als andere Menschen, manchmal sehr sensibel und verletzlich, manchmal unendlich frustriert und wütend auf sich selbst, aber stets mit klarem Herz – eine isländischer Forrest Gump.

Als er eines Tages in einer endlosen Schneeebene um sich blickt, steht er inmitten einer riesigen Blutlache und ist sich nicht mehr ganz sicher, ob es sich um sein eigenes oder das Blut eines Anderen handelt und wie er eigentlich dort hingekommen ist. Gleichzeitig ist der reichste Bewohner des Fischerdörfchens Raufarhövn verschwunden, einer weniger als 200 Menschen fassenden Gemeinde. Dort ist Kalmanns Zuhause, auch wenn seine Mutter mittlerweile einige Autostunden entfernt als Krankenschwester in einer größeren Stadt lebt und sein Großvater in einem Pflegeheim zwischen verwirrten und klareren Momenten sein Leben verbringt.

Joachim B. Schmidt erzählt die Geschichte eines vom Aussterben bedrohten Dorfes rund um die Jagd seiner BewohnerInnen nach Glück und der Sehnsucht, einen Platz im Leben zu finden, an dem man sich angekommen fühlen kann. Und das aus der außergewöhnlichen Perspektive eines erwachsenen Ich-Erzählers, der sich selbst und seine Umgebung in allen Momenten für bare Münze nimmt, keinen doppelten Boden kennt oder vermutet. Das führt zu vielen humorvollen, berühren und philosophischen Momenten, wenn dieser kindlich naive Blick offenbart, wie man auch ganz einfach das Leben sehen und nehmen könnte.

Diesem Buch ein einzelnes Genre zuzuordnen, fällt eher schwer: Der Schweizer Autor mischt Elemente aus Krimi, Familiengeschichte und Adoleszenzroman zu einer abwechslungsreichen und sich sehr kurzweilig lesenden Mixtur, die ihren besonderen Charme und Blickwinkel durch die außergewöhnliche Figur des Erzählers erhält. „Darf ich vorstellen: Kalmann. Der Sheriff von Raufarhöfn.“

Kalmann - Joachim B. Schmidt
Kalmann
von Joachim B. Schmidt
(127)
Buch (gebundene Ausgabe)
22,90

Treffen sich zwei im Gefängnis

Lukas Bärwald aus der Thalia-Buchhandlung in St. Pölten , am 27.07.2020

„Ich habe sehr wenig Vorstellungskraft, ich muss mich immer an Menschen halten, die ich liebe“, sagte Jean-Paul Dubois im Rahmen der Verleihung des Prix Goncourt für diesen Roman. Und so liest sich dieses Buch auch wie eine Reportage aus dem Inneren, eine Schilderung von schicksalhaften Ereignissen aus den Biografien von Menschen, die ihr oftmals ihr Leben abseits der üblichen Pfade beschreiten, oder um mit dem Titel zu sprechen, die die Welt ihre eigene Weise bewohnen.

Und wo ließe sich solch eine Reportage aus dem Inneren besser erzählen als an einem Ort, der ganz in sich abgeschlossen ist und kaum Einwirkung von außen zulässt: einem Gefängnis. Dort sitzt der ehemalige Hausmeister Paul Hansen seine zweijährige Haftstrafe ab. Zeit und Zelle teilt er mit Patrick Horton, einem leicht erregbaren Auftragsmörder einer Biker Gang, der jedoch zugleich eine tief sitzende Angst vor Mäusen und dem Verlust seiner Haare hat. Aus den abwechselnden Erzählungen dieser beiden Männer setzt sich Stück für Stück das Puzzle ihrer Leben zusammen. Die scheiternde Liebesgeschichte von Pauls Eltern, einem dänischstämmigen Pastoren und einer revolutionsbereiten französischen Kinobetreiberin nimmt größeren Raum ein, ebenso Pauls eigene Liebe zur ungezügelt lebenden Pilotin Winona und seiner Hündin Nouk.
Dabei durchzieht einen Großteil des Romans die Frage, was ihm diese zwei Jahre in Montreal hinter Gittern eingebracht hat und hinter welcher Tat er trotz allem so sehr steht, dass er nicht bereit ist, ihre Falschheit einzusehen, auch wenn er dafür auf vorzeitige Haftentlassung verzichten muss.

Die Art, wie Jean-Paul Dubois diesen Roman erzählt, erinnert an ein Blättern durch ein Fotoalbum, bei dem hier und da Anekdoten erzählt, Freude und Schmerz erinnert werden und sich ein Gefühl entwickelt, das immer wieder zwischen Humor, Glück und Melancholie changiert. Seine Figuren fühlen sich außergewöhnlich und alltäglich zugleich an, seine Sprache erinnert mitunter an eine Mischung aus Patrick Modiano und Jocelyne Saucier.
„Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise“ ist keine umfassende, in einem großen Finale mündende Romanbiografie wie gerne bei John Irving zu lesen, sondern ist eine Sammlung aus berührenden Geschichten unterschiedlicher Tonart, die von Menschen erzählen, die ihren Sehnsüchten folgen und sich, mal mehr, mal weniger, dabei verlieren oder gewinnen. Das funktioniert, weil der Autor über Menschen schreibt, die er liebt – und das spürt man.

Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise - Jean-Paul Dubois
Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise
von Jean-Paul Dubois
(13)
eBook (ePUB)
19,99

Für und Wider

Lukas Bärwald aus der Thalia-Buchhandlung in St. Pölten , am 25.07.2020

Wenn jemand fünf Jahrzehnte seines Lebens allein danach gestaltet, sich vorzubereiten auf den Moment, in dem der Mann der großen Liebe seiner Jugend stirbt, kann das gleichermaßen als Akt nicht enden wollender Liebe oder auch als Wahn angesehen werden.
In García Márquez’ zum Klassiker avancierten Roman schildert er die Geschichte von Florentino Ariza, dem das Schicksal die Karte als ewig unglücklich sehnendem Verehrer von Fermina Daza zuspielt. Zwar führt er in den über 50 Jahren seines Wartens immer wieder kurzweilige und auch leidenschaftliche Beziehungen zu anderen Frauen, doch löscht keine jemals die Erinnerung an das Glück seiner Jugend aus.

Vom Ende des 19. bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts spielt das Geschehen rund um einen kolumbianischen Küstenort, wo sich die Schicksale der drei Hauptfiguren über ein halbes Jahrhundert lang miteinander verflechten. Die Erzählperspektive wechselt dabei immer zwischen den ProtagonstInnen, wodurch ein immer tieferer Einblick in das Seelenleben des Liebesdreiecks entsteht und die eigentlichen Beweggründe nach und nach zum Vorschein treten.

Herausragend und nachhaltig im Gedächtnis bleibt „Die Liebe in Zeiten der Cholera“ durch die sprachliche Poesie des kolumbianischen Nobelpreisträgers: Wie der auch in der Handlung immer wieder bedeutungsschwangere Fluss strömt die Erzählung ohne jemals ins Stocken zu Geraten. García Márquez erschafft lyrische Bilder für die Emotionen seiner Hauptfiguren, gibt philosophisch-poetische Gedanken über das Leben und die Liebe und erzählt mit einer Leichtigkeit, die nur wenigen der so genannten KlassikerautorInnen zu Eigen ist.

Jedoch: Aus dem kritischen Blickwinkel und der Sensibilisierung des 21. Jahrhunderts betracht, vermittelt dieses 1985 erschienene Buch ein Konzept von Weiblichkeit und Geschlechterbeziehungen, das, noch wohlwollend bezeichnet, als nicht wirklich fortschrittlich zu bezeichnen ist. Der Roman fokussiert sich fast ausschließlich auf die Motivationen und Sehnsüchte der Männer, es existieren so gut wie keine Szenen, in denen sich zwei oder mehrere weibliche Figuren begegnen und selbst wenn drehen sich jegliche Unterhaltungen um die sie umgarnenden oder patriarchalisch bestimmen wollenden Männer.
Eine der letzten Affären des mittlerweile knapp 70 Jahre alten Florentino Ariza ist die 14-jährige América Vicuña (, die zudem noch entfernt mit ihm verwandt ist). Weder wird das Verhältnis der beiden problematisiert, noch der tragische Tod des nun ihrerseits unglücklich verliebten Mädchens vom Protagonisten ernsthaft moralisch hinterfragt.
So bleibt am Ende des Tages auf der einen Seite ein poetischer, berührender und leidenschaftlich verfasster Roman und auf der anderen Seite eine Hauptfigur, die wie eine idealisiert romantische Wunschvorstellung eines gealterten Mannes wirkt: Heroisch wartet er die Jahrzehnte über auf seine eine, wahre Liebe und trotz mangelnder Attraktivität verfallen ihm jegliche Frauen bis hin zu Prostituierten, die für ihn ihren goldenen Schwur brechen, niemals ohne Geld mit einem Mann zu schlafen. Er schlägt wiederholt moralisch über die Stränge, doch gelangt erlangt gesellschaftliches Ansehen und die Erfüllung seiner Träume.

Wenn diese Irritation vom Nobelpreisträger in den Text bewusst angelegt sein sollte, ist das ein weiteres Argument für die herausragende Stellung dieses Romans, wenn nicht, lohnt es sich ebenfalls definitiv dieses Buch vor dem Hintergrund zu lesen, welches Frauenbild es präsentiert und wie es unter heutigen Gesichtspunkten einzustufen ist.

Die Liebe in den Zeiten der Cholera - Gabriel García Márquez
Die Liebe in den Zeiten der Cholera
von Gabriel García Márquez
(5)
Buch (Taschenbuch)
13,40

Vom Tango, Fußball und gefährlichen Frauen

Lukas Bärwald aus der Thalia-Buchhandlung in St. Pölten , am 07.07.2020

Das Jahr 1917 leitete in Argentinien die Epoche des Tango Canción ein, der sich durch seine sozialkritischen Texte auszeichnete. Darin wurde oft der von seiner Geliebten verlassene Mann besungen, der sich mit Alkohol und Glücksspiel seelisch wie finanziell zu Grunde richtet. Wie passend, dass sich Andrés Rivarola, seines Zeichens arbeitsloser Journalist und anstrebender Autor von Tangotexten, in einer nicht ganz unähnlichen Situation wiederfindet.

Schauplatz ist Buenos Aires, das Jahr 1933. Trotz politischer Unruhen, der panischen Angst vor den Auswüchsen des Kommunismus und dem Klammergriff von Korruption und Polizeigewalt treffen sich die Einwohner in den Bars, Nachtclubs und auf den Pferdebahnen der Stadt, lassen sich von der allgegenwärtigen Musik treiben und lassen sich von ihren Fußballhelden ablenken. Doch der berühmteste von ihnen ist von der Bildfläche verschwunden und so wird Rivarola vom mehr als zwielichtigen Vereinsboss beauftragt, seinen Star ausfindig zu machen – koste es, was es wolle und mit der Androhung zerschmetterter Kniescheiben im Falle eines Fehlschlags.

Von da aus entwickelt sich der erste ins Deutsche übersetzte Roman von Martín Caparrós zu einer Mischung Noir, Politintrige und Gesellschaftsroman der 1930er Jahre Argentiniens. Und wie es sich für eine anständige Noir-Geschichte gehört, begegnet auch dem sich in immer ärger werdende Verstrickungen wiederfindende Journalist einer gleichermaßen geheimnisvollen wie unwiderstehlichen Dame, die all sein Tun und Denken in Besitz nimmt.
Als roter Faden spinnt sich durch die Handlung die Sehnsucht Rivarolas danach, selbst den Text für einen Tango zu schreiben, der die Menschen bewegt und ihm erlaubt, über seine eigenen im Chaos im steckenden Gefühle zu sprechen.

„Väterland“ ist ein thematisch wie stilistisch musikalischer Roman, der durch eine faszinierende Phase der argentinischen Geschichte führt, die eine Vielzahl charismatischer Figuren bevölkert und zwischen Schwermütig- und Leichtigkeit immer wieder hin- und herwechselt. Ein argentinisches Zitat lautet: „Wenn Du Tango tanzt, dann musst Du alles geben, kannst Du es nicht, dann tanze nicht“ – Caparrós kann und so sei er sowohl Krimi- als auch Weltliteratur-Fans ans Herz gelegt.

Väterland - Martín Caparrós
Väterland
von Martín Caparrós
(4)
Buch (gebundene Ausgabe)
22,70

 
zurück