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BuchhändlerInnen im Portrait

Lisa Tritscher
aus der Thalia-Buchhandlung in Wien

Gesamte Empfehlungen 91 (ansehen)


Lieblingsautoren:
Jack London, David Mitchell, Patrick Rothfuss, Donna Tartt, Thomas Hardy, Daphne du Maurier, Neil Gaiman, Chuck Palahniuk, Stephen Greenblatt
An meinem Beruf gefällt mir:
Millionen Bücher blieben von den Menschen früh'rer Zeiten/Hätten sie nichts aufgeschrieben, könnt' ihr Geist uns nicht begleiten/Und verdammt zu Ignoranten müssten wir durchs Leben schreiten/Alle Bücher sind Garanten für den Fortschritt uns'rer menschlichen Kultur
Im Beruf seit:
2011

Meine Empfehlungen

Sinnerman

Lisa Tritscher aus der Thalia-Buchhandlung in Wien , am 01.10.2017

"Nocturnal Animals" ist ein von der ersten bis zur letzten Sekunde außergewöhnlich intensiver Film. Tom Ford ("A Single Man") schafft es ungewöhnliche Atmosphären zu kreieren und dem Zuschauer nachdrücklich Gefühle wie Beklemmung, Hilflosigkeit oder Erstaunen zu vermitteln.
Seinen zweiten Film hat er auf mehreren Ebenen erzählt: die Geschichte von Susan (Amy Adams), der das von ihrem Ex-Mann Edward (Jake Gyllenhaal) verfasste Manuskript "Nocturnal Animals" in die Hände fällt. Während dem Lesen des Buches - dessen Inhalt in einer weiteren Meta-Ebene gezeigt wird - erinnert sich Susan an Momente aus ihrem Leben mit Edward.

Tom Ford hat in "Nocturnal Animals" mehr oder weniger das Leseverhalten eines Menschen verfilmt: wenn Susan am Morgen nach der nächtlichen Lektüre das Manuskript zur Seite legt, bricht auch für den Zuschauer dieser Erzählstrang ab. Wenn Susan sich tagsüber an den Inhalt des Manuskripts erinnert, erlebt der Zuschauer diesen Flashback mit.
Eine kreative Idee, die mit jedem Leser und mit jedem Buch umgesetzt werden könnte. Tom Ford hat sich dazu entschieden eine rastlose Frau, der der berufliche Erfolg nicht das verheißene Glück gebracht hat, in den Mittelpunkt der Geschichte zu stellen, während das vom ihm ausgewählte Manuskript eine der entsetzlichsten Erzählungen, die man sich vorstellen kann, beinhaltet.

"Nocturnal Animals" ist visuell unglaublich beeindruckend - schon in der allerersten Szene stellt Tom Ford seinen Ideenreichtum und seinen Pionier-Geist unter Beweis. Sein neuer Film wirft viele Fragen auf und beantwortet kaum eine davon - er hat "Nocturnal Animals" offensichtlich eher nach dem Motto "Der Weg ist das Ziel" gedreht. Dass der Film mit seiner für die hier beschriebenen Geschichten unerfindlich ruhigen Erzählweise trotzdem fesselt, berauscht und in erster Linie auf eine beeindruckende Art und Weise verstört, liegt vor allem an den schauspielerischen Leistungen von Jake Gyllenhaal, Aaron Taylor-Johnson und Michael Shannon.
"Nocturnal Animals" fällt definitiv in die Kategorie der Filme, in denen die Abgründe der menschlichen Seele gekonnt in Kunst verwandelt worden sind.

Nocturnal Animals
Nocturnal Animals
(2)
Film (DVD)
8,99

How many seconds in eternity

Lisa Tritscher aus der Thalia-Buchhandlung in Wien , am 22.08.2016

Die 9. Staffel Doctor Who! (Oder für Fans der ersten Stunde noch genauer gesagt: die 35. Staffel Doctor Who) Mit einigen der besten Episoden bis dato!
Diese Glorie fängt mit Episode 3 und 4 an: zwei derart klassische Doctor Who Folgen, dass man Showrunner Steven Moffat als Langzeitfan dafür um den Hals fallen möchte. Seit den 80ern gab es kaum eine Folge, die sich derart an das damals ausreichende, völlig simple Erfolgskonzept Doctor Who gehalten hat: der Doctor stößt auf ein Problem, das von ihm gelöst werden muss; und durch viel „Herumrennen“, seine Cleverness und mithilfe seiner Freunde schafft er es schließlich auch.
Keine unnötigen Side Storys, die uns jetzt schon auf das Staffelfinale vorbereiten; keine überdimensionierte Feindmacht, deren Sieg nur durch ein vom Doctor vollbrachtes Wunder abgewandt werden kann; und vor allem keine dutzenden Bösewichte mit überkomplizierten Plänen.
Fantastisch! Zwei Episoden, „Under the Lake“ und „Before the Flood“, die nahezu völlig aus dem im 21. Jahrhundert für sie bekannt gewordenen Schema fallen!

Die beste Folge erwartet den Zuseher aber mit „Heaven Sent“, der vorletzten Folge dieser Staffel. Hier gibt es zwar kein typisch klassisches Schema, aber etwas bis jetzt völlig Unbekanntes bei Doctor Who: eine herausragende Ein-Mann-Show vom „derzeitigen Doctor“ Peter Capaldi.
„Heaven Sent“ ist eine dieser Folgen wie „Silence in the Library/Forest of the Dead“ (2008), die jeden unvorbereiteten und emotional labilen Zuseher aus der Bahn werfen können und nach denen man nur die Faust gen Moffat schütteln kann. Eine Folge, die zu groß fürs Fernsehen ist; zu intensiv für dieses Format; zu stark für das Niveau, das wir heute von Serien gewohnt sind. "Heaven Sent" ist eine brilliant inszenierte einstündige mentale Folter für den Doctor und uns Zuschauer.
Aber auch das kompositorische Level von Murray Gold erfährt hier wieder einmal eine für mich unmessbare Steigerung. Seit „Silence in the Library/Forest of the Dead“ habe ich keine solch komplexen Werke mehr von ihm wahrgenommen, die die Story durch ihren Einfluss psychologisch noch einige Schritte weiter zum emotionalen Abgrund treiben.

Meiner Ansicht nach auf psychologischem, schauspielerischem und kompositorischem Level die beste Doctor Who Folge. Seit 1963.

1 von 1 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.
Doctor Who - Staffel 9
Doctor Who - Staffel 9
(1)
Film (DVD)
38,99

Mozart nach 15 Jahren in neuer Fassung

Lisa Tritscher aus der Thalia-Buchhandlung in Wien , am 19.01.2016

Die Dreadlocks der Hauptfigur sind verschwunden, ebenso die vampirartige Schminke des Ensembles – stattdessen wartet die Neufassung mit einem Teenager im Jogginganzug, mit (inzwischen fast gewohnt) nicht vorhandenem Bühnenbild und einem VW-Bus auf.
Die visuellen Eindrücke sind es hier die dem Theaterbesucher deutlich vor Augen führen, dass die VBW wieder einmal bemüht waren, eine zeitgerechte Fassung (ähem) auf die Bühne zu bringen. Die CD-Aufnahme dagegen bringt nicht viele Neuerungen, bis auf das obligatorische neue Lied, das Levay und Kunze für die Neufassung schreiben mussten („Wir zwei zusammen“).
ANSCHAUEN sollte man sich dieses Musical also sehr unvoreingenommen.

Getragen wird das ganze Stück von Hauptdarsteller Oedo Kuipers, dem man in jeder Sekunde den nie erwachsen gewordenen Mozart abnimmt. Schauspielerisch ein übergedrehtes Wunderkind, dem niemals Grenzen aufgezeigt worden sind. Stimmlich könnten hier noch einige Grenzen überschritten werden. Kuipers IST Mozart in diesem Stück, singt aber meistens zu brav nach den Noten. Bei „Wir wird man seinen Schatten los?“ hätte ich mir (auch wenn diese Szene eine der eindrucksvollsten des ganzen Stückes ist) etwas mehr Pioniergeist von ihm gewünscht.
Trotzdem ein riesiges Lob an Kuipers und einen nach der ersten Vorstellung tief verankerten Respekt davor wie er uns durch das ganze Stück führt. Die beeindruckendste Szene ist wohl jene, in der er seinem Vater letztendlich gegenübertritt („Stolz“) und für einige Sekunden das erste und einzige Mal erwachsen genug ist um die Hochachtung, die ihm gebührt, auch von Leopold Mozart einzufordern. Das nachfolgende „Warum kannst du mich nicht lieben?“ ist für mich immer wieder der Höhepunkt des Theaterabends bzw. der CD; knapp gefolgt von „Schließ dein Herz in Eisen ein (Reprise)“ und schlussendlich und unausweichlich „Mozarts Tod“.

Thomas Borchert (Leopold Mozart), Mark Seibert (Fürsterzbischof Colloredo) und Ana Milva Gomes (Baronin von Waldstätten) müssen meiner Ansicht nach nicht extra hervorgehoben werden. Ein Trio aus eingespielten Musicalstars, die in Borcherts Fall eine etwas zu routinierte, aber immer noch beeindruckend unterdrückende Vaterfigur; in Seiberts Fall einen fabelhaft nuancierten Widersacher und in Gomes’ Fall eine (wie immer) stimmlich einprägsame Performance, die aber letztendlich nur dazu da zu sein scheint, uns konstant an die Existenz von „Gold von den Sternen“ erinnern zu wollen, spielen.

Viel interessanter sind hier die kleineren Nebenrollen wie etwa Jon Goldsworthy als Graf Arco, der uns mit der Bandbreite seiner ausgebildeten Baritonstimme immer wieder erstaunt. Oder Johannes Glück als Emanuel Schikaneder, der sowas von perfekt in die Rolle des Wiener Unterhalters passt, dass ihm diese Rolle auf den Leib geschneidert zu sein scheint.

Das neue Lied „Wir zwei zusammen“ ist eine sehr kitschige, aber zugleich berührende Hommage an die Beziehung Mozart und Constanze und an die Stimmen Oedo Kuipers‘ und Franziska Schusters (Constanze Weber), die hier traumhaft miteinander harmonieren - in meinen Ohren eine gelungene Erweiterung.
Ansonsten sind die großen „Entdeckungen“ dieser Gesamtaufnahme all die halbvergessenen Lieder, die immens wichtig für das Fortschreiten der Handlung sind, aber trotzdem nicht in die Mozart-Aufnahme 1999 aufgenommen wurden, wie z.B. „Die Wunder sind vorüber“, „Ich bin, ich bin Musik“ „Stolz“ und „Der einfache Weg“.

Einen Stern Abzug bekommt diese CD-Neufassung von mir, weil sie (zum Glück nicht visuell, aber doch) die Familie Weber völlig in den Dreck zieht. Diese Figuren mögen auch bei der letzten Fassung in den 90ern jene gewesen sein, über die man sich in diesem Drama-Musical lustig machen konnte, aber niemals auf diesem bodenlosen Niveau wie bei dieser Neufassung. Ich habe nicht einmal etwas gegen den VW-Bus der Weber’schen mit dem die Unbeständigkeit und Leichtlebigkeit der Familie porträtiert wird, aber ich habe definitiv etwas gegen Figuren, die derart dümmlich dargestellt werden (und am Ende sogar die Todesszene mit Pietätlosigkeit überschatten), dass man sich fragt, ob es bei den VBW mittlerweile Mode ist, Charaktere einzubringen bzw. bestehende Charaktere so zu überdrehen, dass man sich als Zuschauer ständig fragt, was diese Figuren in so einem Musical zu suchen haben - mein einziger schwerwiegender negativer Punkt.

Ansonsten eine Mozart!-Aufnahme, die ambitioniert modern und frisch ist und der man als Levay/Kunze-Fan sehr viel abgewinnen kann.
Ich trauere der Zeit entgegen, wenn Mozart nicht mehr in Wien sein wird.

Mozart!-Das Musical-Gesamt
Mozart!-Das Musical-Gesamt
von Original Cast Wien
(1)
Musik (CD)
26,99

Among those dark satanic mills

Lisa Tritscher aus der Thalia-Buchhandlung in Wien , am 14.11.2015

Der Buchtitel und das Wissen um Kazuo Ishiguro's bevorzugten Literaturschauplatz Großbritannien ließen mich als Fan der britischen Mythologie sofort an die tragische Sage "Bran der Gesegnete" denken, in der es um ebenjenen Riesen geht, der unter dem weißen Hügel Gwynfryn (heute: Tower of London) begraben ist.
Mit sowohl gemächlicher als auch sehr beeindruckender Sprachgewalt erzählt Ishiguro von der Zeit nach König Arthur's Vereinigung von Großbritanniens Stämmen unter einem Banner. Nach seinem Tod droht der friedfertige Einfluss des Königs auf Großbritannien so wie er selbst von diesem Land zu schwinden. Die Briten liegen wieder im Streit mit den Sachsen und alte Wunden von der Zeit des Gemetzels drohen aufzubrechen. Und doch ist das allen Protagonisten nicht gänzlich bewusst, da Ishiguro über alle Geschehnisse der Vergangenheit den Mantel des Vergessens legt. Niemand weiß genau, wer sich was zu schulden gekommen lassen hat und doch herrscht unter allen Bewohnern der Insel Misstrauen.
Schon alleine um Ishiguro's bewährtes Konzept zu ergründen, warum er seine Protagonisten nicht über wichtige Vorgänge in ihrem Umfeld aufklärt, lohnt es sich dieses Buch zu lesen. Und trotz dem Auftauchen mehrerer Sagengestalten bleibt "Der begrabene Riese" am Boden der Tatsachen und schildert uns die Ereignisse aus der Sicht eines alten Ehepaares, das sich auf eine Reise macht - "There is a journey we must go on and no more delay" - in einer unaufgeregten aber dennoch atemberaubenden Geschichte.
Am Schluss überwiegt wie bei allen bisherigen Romanen von Ishiguro mein Unverständnis über seine Faszination für die Frage: wie viel kann ich meinen Protagonisten zumuten ohne sie zu zerbrechen? Gekonnt tief ins Herz schneidend.

Der begrabene Riese - Kazuo Ishiguro
Der begrabene Riese
von Kazuo Ishiguro
(11)
Buch (gebundene Ausgabe)
23,70

Begrab den Diamant an der Biegung des Flusses

Lisa Tritscher aus der Thalia-Buchhandlung in Wien , am 11.10.2015

Ein großes Lob:
"Blood Diamond" hat es fast gänzlich geschafft, sich von Hollywood loszulösen: das Bild des weißen Retters, der hier die Führung aus dem Elend übernehmen will, tritt aufgrund des zu Anfang sehr unsympathischen weißen Protagonisten nur selten hervor und deshalb ist die dazwischen eingestreute Romanze mit der auch nach diversen Schusswechseln immer perfekt aussehenden Journalistin das Einzige, das mich ab und zu seufzen ließ. Aber ansonsten hatte ich an diesem Film nichts auszusetzen. Ach ja: vielleicht nur noch, dass er mir die Welt so gezeigt hat, wie sie in den 90ern in Sierra Leone ausgesehen hat bzw. wie sie heute an anderen Orten aussieht.
Dieser Film traut sich etwas. Er zeigt neben der Geschichte des Fischers Solomon Vandy (Djimon Hounsou ganz großartig und sehr ungewohnt, weil einmal nicht in der Rolle des unnahbaren Kriegers), der sich mit dem Schmuggler Danny Archer (Leo DiCaprio - wirklich, wo bleibt der Oscar?) und der Journalistin Maddy Bowen (Jennifer Connelly) durch den Busch schlägt um einen Diamanten zu finden mit dem er sich die Mittel verschaffen kann seine Familie zu retten auch detailliert die Ausbildung von Solomon's verschlepptem Sohn zum Kindersoldaten. Szenen, bei denen ich mir gedacht habe, wie sie so etwas mit Kindern überhaupt filmen konnten.
Trotz der vielen Handlungsstränge (Diamantensuche, Debatten mit Rebellen und dem um keinen Deut besseren Militär, Wahrheitssuche, Kindersoldaten-Ausbildung, Retten der eigenen Familie, absehbare Lovestory...) hat der Film keine Leerlauf-Stellen, zerbricht auch nicht in Einzelteile und vermag es am Schluss sehr schön alles miteinander zu vereinen beim Beschluss des Kimberley-Prozesses 2003, der es allen teilnehmenden Staaten verbietet mit "Konflikt-Diamanten" zu handeln, an denen das Blut Afrikas klebt.
"Blood Diamond" klagt niemanden außer dem Menschen offen an. Der Film zeigt einfach nur wie es war bzw. ist.

Ein Film, bei dem bis zur gnadenlos herzzereißenden und sich gleichzeitig unaufdringlich ins Geschehen einfügenden Filmmusik von James Newton Howard alles stimmt und bei dem ich mich nur wieder einmal wundern kann, zu welchen Meisterwerken uns solch menschliche Grausamkeiten animieren können.

Was ich mich auch noch frage, ist, was mit all den Fischern in Afrika passiert ist, die keinen großen Diamanten zur Hand hatten um ihre Familie zu retten.

Blood Diamond
Blood Diamond
(4)
Film (DVD)
9,99

Postapokalyptischer Soundtrack

Lisa Tritscher aus der Thalia-Buchhandlung in Wien , am 19.07.2015

Mad Max ist im 21. Jahrhundert gelandet – und doch auch wieder nicht. Denn was Regisseur George Miller hier visuell und Komponist Tom Holkenborg akustisch fabriziert haben geht weit über all meine Vorstellungskraft hinaus. Der Mad Max Fury Road Soundtrack enthält keine großen orchestralen Themen und kaum Leitmotive. Die Zahl der eingesetzten Instrumente wurde aufs Minimum reduziert und die Musik besteht die meiste Zeit nur aus dem Einsatz von Percussions und hat durchgehend viele elektronische Einflüsse. Man hört diesem Soundtrack meiner Meinung nach stark Holkenborg’s Vorliebe für das Komponieren für Videospiel-Soundtrack an.
Was ich hier nicht negativ bewerte – im Gegenteil! Die (visuelle und musikalische) Zukunftsversion in Mad Max Fury Road ist wie die meisten postapokalyptischen Videospiele so fern von jeder humanen Vorstellungsmöglichkeit entfernt, dass dieser – wohl nur für hardcore Soundtrack-Fans ohne den Film funktionierende – Soundtrack im Kino einmal eine grandiose Erholung bietet von Blockbustern, die mit ein und derselben orchestralen Melodie den ganzen Film hindurch zu überleben versuchen.

Trotz all dieser Trümpfe für Tom Holkenborg’s außergewöhnliches Werk muss ich sagen, dass mich der Film das erste Mal erst bei Nr. 7 „Storm is coming“ so richtig in seinen Bann gezogen hat (etwa 20 Min. nach Filmbeginn). In dieser Szene hat sich für mich die ganze Schönheit der weltentrückten Bilder in Verbindung mit der dafür komponierten Musik entfaltet. Anhaltender und sich gleichzeitig ständig verändernder Einsatz von Percussions, hektische Geigenakkorde und schlussendlich beim Einsatz des Chors und dem vollen Volumen der Bläser nun doch eine Art Motiv mit Wiedererkennungswert machen diesen Song zu einem akustischen Erlebnis sondergleichen.

Der nächste (und für mich absolute) Höhepunkt dieses Albums ist „Brothers in Arms“, dass sich musikalisch am besten mit Two Steps from Hells „None shall live“ vergleichen lässt, wobei „Brothers in Arms“ viel mehr Kontinuität besitzt und genau auf Mad Max’ Story zugeschnitten ist, während „None shall live“ in irgendwelchen ungreifbaren Sphären über unseren Köpfen durch die Musiklandschaft webt.
„Brother’s in Arms“ ist ein Lied von solch brachialer Stärke, dass ich jedes Mal beim Anhören wieder vollkommen mitgerissen werde. Ruhige Passagen gibt es nicht, aber trotzdem wird der Zuhörer hier nicht von der Wucht des Liedes zerdrückt oder gar zerschmettert, sondern mitgewirbelt auf einen höllischen Trip, der weiß-wer-auch-immer-wohin führen wird.
Ich kann dieses Lied jetzt nur schön beschreiben, anhören müssen Sie es selber, liebe Soundtrack-Fans!

Eine große Ausnahme von all der Elektronik und den harten Beats findet man bei einer der großen Soundtrack-Errungenschaften in Bezug auf starke Gefühlsausbrüche (aus meiner Ecke des Kinos), die von nur einer simplen, unaufdringlichen Geigenmelodie ausgelöst werden, bei „Many Mothers“, das eines der wenigen – wenn man so will – nicht subtil sondern beabsichtigt gefühlvollen Liedern auf dieser Soundtrack-CD ist. Auch hier sind keine großen orchestralen Einsätze nötig um dem Publikum einen bei Mad Max Fury Road seltenen Moment des zur Ruhe Kommens, Reflektierens und ja, eine der nahezu stillsten Szenen nahe zu bringen. Nur einige wenige Striche auf der Geige und ein, zwei Klavierklänge sind nötig um hier den wahrscheinlich größten Schmerz des Films zu porträtieren.

Doch die wilde Hatz geht weiter: Wenig später folgen nacheinander „Claw Trucks“, „Immortan“ und „Chapter Doof“, die für mich das Dreigestirn des akustischen Action-Showdowns in Mad Max Fury Road bilden. „Claw Trucks“ ist ein sehr brutales, raues Werk, das mit voller Wucht beim Zuhörer einschlägt, während mit „Immortan“ ein für diesen Soundtrack strukturmäßig gesehen sehr ungewöhnliches Lied folgt - da es ein erkennbares Intro hat, einem beim ersten Mal erkennbaren Aufbau folgt und weil es neben starken, volltönenden Passagen auch subtile, fein abgestimmte Klänge enthält, mit denen Tom Holkenborg aber trotzdem nichts vom Weitergang der Handlung verrät, wie es leider viele Soundtrack-Komponisten heutzutage machen, wenn sie die Musik vor dem finalen Höhepunkt an- oder abschwellen lassen. Ein erfrischend anderes Meisterwerk der Sonderklasse.
Und mit „Chapter Doof“ können sich die Fans noch einmal von allem mitreißen lassen, dass ihnen an Mad Max Fury Road so gut gefällt: von dem Adrenalin, dem Extrem, der Extravaganz und ja, dem verrückten Gitarristen, der ganz vorne auf dem Truckkonvoi steht.

Abgeschlossen wird die normale CD-Ausgabe von Mad Max Fury Road mit „Let them up“, einem sehr stimmigen Werk für dieses Ende. Hier wird noch einmal schnell ein eigenes Motiv für das letzte Lied eingeführt, dass wahrhaftig „erhebend“ ist.

Wenn Sie wissen wollen, wie postapokalyptischer Soundtrack klingt, dann besorgen Sie sich diese CD!

Mad Max: Fury Road/OST
Mad Max: Fury Road/OST
von Junkie XL
(1)
Musik (CD)
7,99

The circle must be broken

Lisa Tritscher aus der Thalia-Buchhandlung in Wien , am 08.03.2015

Ein Buch, während dessen Lektüre ich mehrmals das Bedürfnis hatte, es gegen die Wand zu werfen oder - um es auf einfach loszuwerden - im Bus "liegen lassen" wollte, habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Nicht weil es so schlecht ist, sondern weil mir Dave Egger's gesamte Idee so nahe gegangen ist, oder vielmehr weil sie mir nahe IST. Eggers beschreibt hier keineswegs eine dystopische Zukunft, nein, er nimmt die menschlichen Selbstverwirklichungsbedürfnisse und die damit einhergehende heutige Hauptbeschäftigung mit Social Media und führt sie auf den Buchseiten ein paar kleine Schritte weiter.
Die Spannungskurve und die Tiefe der Persönlichkeit der Protagonistin sind für mich fast während der gesamten Lektüre nicht wirklich angestiegen bzw. vertieft worden; gehalten am Buch haben mich aber immer wieder die großen Schockmomente, wenn ein neues Level des Social Media Wahnsinns vorgestellt, verwirklicht und somit erreicht wurde - und nach einiger Überlegung auch von mir verstanden und akzeptiert wurde. Teilweise habe ich mich schon gefragt, wann die Protagonisten zwischen Kundenanfragen beantworten, Produktrezensionen abgeben, Testen neuer Erfindungen, ständigem Kommunizieren mit allen 10 000 Mitarbeitern des Circles, ständigem Kommunzieren mit der Außenwelt und (im Fall der Proganistin) - meiner Meinung nach für den Fortgang des Buches irrelevanten - Outdoor-Aktivitäten auch noch zum Schlafen kommen, aber wie ich selbst weiß, ist das Internet immer Droge und Pushup genug.

"Der Circle" ist für mich sicherlich kein sprachliches Meisterwerk oder bisher nie dagewesenes Gedankenspiel (auch wenn er meiner Meinung nach weder mit Orwell noch mit Huxley verglichen werden kann) und - wofür er gänzlich unschuldig ist - ist er auch noch ein Roman mit einem schlechtem Nebengeschmack, weil der Markt von dystopischen Novellen derzeit ja überflutet ist und ich eigentlich nicht auf dieser Welle mitsurfen wollte. Aber - wie ich oben erwähnt habe - handelt es sich hierbei um keine düstere Zukunftsaussicht in der ein totalitäres Regime sich abmüht, hier und dort aufkeimenden Widerstand zu bekämpfen. Es geht vielmehr um das was ich hier JETZT gerade mache: um die Ausmaße, die die ständige Aufmerksamkeitssucht des Menschen, seine Suche nach Bestätigung und deren Dokumentation haben (können). Hiermit halte ich fest, dass wir uns bereits im Circle befinden.

Ich hatte jetzt trotzdem das Bedürfnis dies hier alles aufzuschreiben, denn ich bin mir sicher, wenn ich dieses Buch in ein paar Jahren noch einmal lese, dass sich meine Sichtweise darauf um einiges verändert haben wird, weil Egger's finale Zukunftsversion in einigen Aspekten wahrsscheinlich schon Dutzende Schritte näher gerückt sein wird.

Der Circle - Dave Eggers
Der Circle
von Dave Eggers
(109)
Buch (gebundene Ausgabe)
23,70

Another Trigger

Lisa Tritscher aus der Thalia-Buchhandlung in Wien , am 25.02.2015

Man muss hier gleich vorneweg sagen: wenn einem als Leser die erste Kurzgeschichte in dieser Sammlung nicht zusagt, dann kann man das Buch getrost aus der Hand legen. Denn besser wird es nicht. Besser kann es nicht werden.
"Trigger Warning" ist keine Sammlung von Geschichten deren Inhalte dem Leser im Gedächtnis bleiben, nein, Neil Gaiman vermittelt hier vorrangig Emotionen, die bei der Beschreibung eines Schauplatzes oder bei der Begegnung mit einer Person zutage treten. "Trigger Warning" ist somit ein sehr passender Titel - "Trigger" bzw. Auslöser, die in uns viele verschiedene Gefühle wachrufen und nur sehr selten Raum für den Inhalt bzw. das Verständnis der Geschichte lassen.
Nach dem Lesen der ersten Geschichte war ich überwältigt und habe mich - wie fast immer bei Gaiman's Büchern - gefragt, was gerade passiert ist. Überwältigendes, verzauberndes Prosa, das mich immer wieder ratlos zurückgelassen hat, mit den Überlegungen, ob uns Neil Gaiman mit diesen Geschichten etwas sagen will, ob er uns zum Spaß verwirren will oder ob er ohne jeden Hintergedanken einfach alles niederschreibt, was ihm gerade in den Sinn kommt.

In "Trigger Warning" befinden sich einige Shortstories, die mit Gaiman's vorangegangenen Büchern verbunden sind, und die sich nach deren Lektüre (mehr oder weniger besser) nachvollziehen lassen (e.g. "The Ocean at the End of the Lane" und "American Gods"). Die Inspirationen für andere Geschichten in "Trigger Warning" hat sich Gaiman wieder in seinem Heimatland geholt: in "The Case of Death and Honey" wird Sherlock Holmes mit seinem bis jetzt ehrsüchtigsten Fall konfrontiert, während "Nothing O'Clock" eine Doctor Who-Shortstory ist, die Gaiman für das 50-jährige Jubiläum 2013 verfasst hat. Auch "The Truth is a Cave in the Black Mountains" und "The Sleeper and the Spindle", die in den vergangenen Jahren als (umwerfend schön!) illustrierte alleinstehende Bücher herausgegeben worden sind, sind hier enthalten.

Bizarr gute Geschichten von denen mir die am besten gefallen haben, die ich am wenigsten verstanden habe. Warum, ist schwer zu beschreiben. Vielleicht ist es gerade Neil Gaiman's Zauber, der uns klar macht, dass wir nicht alles bzw. nichts ganz verstehen können und es trotzdem als Teil des alltäglichen Lebens annehmen können.

Diese gebundene Ausgabe von "Trigger Warning" hat auch noch eine wunderschöne Aufmachung, die das Buch durch den klassisch zweifarbig gehaltenen Einband und die unterschiedlich langen Seiten zu einem stilvollen Gesamtkunstwerk machen, das ich in Zukunft noch sehr oft mit Freude in die Hand nehmen werde.

Empfehlenswert ist "Trigger Warning" für alle, die aufgeschlossen für unorthodoxe Erzählmethoden und abstrakte, ungreifbare Geschichten sind und gerne mal den Sprung ins kalte Wasser wagen. Eine Vorliebe für Großbritannien und ein bisschen Vorwissen über Neil Gaiman können allerdings helfen, die Temperatur ein bisschen zu mildern.


Bitte mehr davon, Neil Gaiman! Dieses Buch ist besser als jede Droge!

Trigger Warning - Neil Gaiman
Trigger Warning
von Neil Gaiman
(1)
Buch (gebundene Ausgabe)
15,99

A pound of flesh

Lisa Tritscher aus der Thalia-Buchhandlung in Wien , am 22.02.2015

Hier ist endlich die Verfilmung eines Dramas von Shakespeare, das nicht an der Unbeholfenheit Shakespeare's Bühnenstücke mit den Ansprüchen des heutigen Fernsehpublikums verschmelzen zu lassen, scheitert! Hier entstehen keine linkischen, peinlichen Szenen, in denen der Protagonist versucht, uns eine fremde Zivilisation sehr unbeholfen schmackhaft zu machen (wie es in anderen Hollywoodfilmen oft der Fall ist). Regisseur und Drehbuchautor Michael Radford war schlau genug nicht den gesamten Text von "Merchant of Venice" sondern immer wieder nur hier eine Original-Rede und dort ein paar originale Sätze zu übernehmen. So geht nichts verloren. Weder an der Umsetzung des düsteren Venedig, noch an der Zeichnung der grundverschiedenen Charaktere, noch an der Sprachgenialität Shakespeare's, die hier an den richtigen Stellen im richtigen Maße eingesetzt wird.
In dieser Verfilmung nimmt man den Frauen sogar das (fast schon obligatorische) Verkleiden als Männer ab, das hier durchaus nachvollzogen werden kann und ohne jede Lächerlichkeit umgesetzt wurde.

Sehr empfehlenswert! Für alle die genug von "Shakespeare in Love"-Kitsch und unbeholfenen Theaterverfilmungen (e.g. "Ein Sommernachtstraum") haben.

Der Kaufmann von Venedig
Der Kaufmann von Venedig
(2)
Film (DVD)
5,99

Geschichten aus einem gefährlichen Königreich

Lisa Tritscher aus der Thalia-Buchhandlung in Wien , am 28.12.2014

Beim Lesen des finnischen Nationalepos "Kalevala" werden dem Leser sogleich viele Parallelen zur Literaturgeschichte offenbar, teilweise durch einzelne Gesten der Protagonisten, teilweise durch ganze Handlungsstrände. Die inhaltlichen Höhepunkte von Tolkiens "Die Kinder Hurins" entstammen beispielsweise gänzlich der Kalevala.

Zwischen diesen spannenden Geschichten über die finnische Entstehungsgeschichte, die sich aufgrund von Tilmann Spreckelsens Nacherzählung sehr entspannt und ohne jegliche Erinnerung an eine früher möglicherweise bestehende Versform lesen lässt, findet der Leser eine weitere Erzählung: die von Elias Lönnrots Suche nach all den hier gesammelten Erzählungen, die bis zum 19. Jhdt. in Finnland nur mündlich überliefert worden waren.

Die "Kalevala" selbst ist in dieser Ausgabe eher eine sehr kurzweilige Erzählung, die man schnell einmal nebenbei lesen kann. Insgesamt handelt es sich hier aber um eine sehr schöne Aufmachung, die das Regal von jedem, der sich mit den Ursprüngen von literarischen Epen beschäftigt, bereichern wird!

1 von 1 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.
Kalevala - Tilman Spreckelsen
Kalevala
von Tilman Spreckelsen
(1)
Buch (gebundene Ausgabe)
25,70

 
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