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Lesendes Federvieh aus München

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Meine Bewertungen

Intensiver, sprachgewaltiger Roman über Abschied, Verzweiflung und Trauer

Lesendes Federvieh aus München , am 23.06.2019

Mit der Krankheit der Mutter kehrt auch Valeries zuvor scheinbar spurlos verschwundene Bruder Robert zurück und sitzt ähnlich einer Fata Morgana auf dem Sofa. Äußerlich könnten Valerie und Robert anders nicht sein, die mit den hellen blonden Haaren, er dunkel mit dem italienischen Erbgut des Vaters und doch müssen sich die beiden Halbgeschwister gemeinsam den drängenden Fragen stellen, wie es weitergeht. Wie geht man mit dem näherrückenden Abschied um? Während es der Mutter immer schlechter geht, versuchen Valerie und Robert einander Halt zu geben und die zwischen ihnen entstandene Distanz zu überwinden, doch die Nähe zwischen ihnen hat viele Gesichter, die von zärtlich und tröstlich bis hin zu wild und gefährlich reichen.

Mareike Fallwickls "Dunkelgrün fast schwarz" hat mich mit der überraschenden Intensität und der sprachlichen Wortgewalt vollkommen umgehauen, weshalb ich auf der Leipziger Buchmesse einen genaueren Blick auf den Stand der Frankfurter Verlagsanstalt geworfen habe und prompt einen weiteren vielversprechenden Titel entdeckt habe: "hell/dunkel" von der jungen Autorin Julia Rothenburg, in dessen Mittelpunkt das ungleiche Geschwisterpaar Valerie und Robert steht, das im Zuge des Sterbens ihrer Mutter versucht erneut zueinanderzufinden und das Ungeheuerliche zu verarbeiten. Dabei wird die alles andere als perfekte Mutter-Tochter-Sohn-Beziehung mitsamt ihrer Schattenseiten eindringlich thematisiert, wie auch Valeries Gefühl des Alleingelassenwerdens als Robert auszog, das nun zwischen den beiden steht. Erzählt wird die Geschichte abwechselnd aus den Perspektiven der beiden Halbgeschwister, wobei auf jederlei Kennzeichnung der direkten Rede mittels Anführungsstriche verzichtet wird, was zunächst einen befremdlichen, seltsam distanzierten Eindruck erweckt, im weiteren Verlauf jedoch zu der starken Sogwirkung des Romans beiträgt. Sie hell er dunkel, so werden Valerie und Robert von Außenstehenden beschrieben, was aufgrund ihrer Äußerlichkeiten infolge unterschiedlicher Väter womöglich zutreffen mag, innerlich jedoch ist das Verhältnis umgekehrt bis die beiden sich in ihrer Trauer ob des offensichtlich nahenden Todes ihrer Mutter zunehmend annähern, einander Halt geben und in ihrer ohnmachtsähnlichen Hilflosigkeit zugleich in tiefe Abgründe abrutschen. Es ist ein sprachgewaltiger, intensiver Roman von Abschied, Trauer, Verzweiflung, dessen einziger Schönheitsfehler sich in einem Tabubruch zeigt, der in meinen Augen überflüssig war. Allerdings war diese Entgleisung zugleich jener Wendepunkt an dem ich entsetzt erkennen musste, wie sehr mich die fesselnde Geschichte in ihren Bann gezogen hat, wie sehr ich mich von der Sprache, den Gedanken der beiden und dem Sog aus tiefer Traurigkeit und Verzweiflung habe einlullen und hineinziehen lassen, sodass ich sogar begonnen habe ihre Taten zu verstehen und vor meinem inneren moralisch denkenden Ich zu rechtfertigen. Nur um darauf schockiert festzustellen, was ich da eigentlich gerade tat.

Doch genau wegen dieser aufrichtigen Darstellung der ungewöhnlichen Geschwister-Beziehung in der scharfkantigen Sprache mitsamt der zarten, tröstenden Momente und den wilden, verletzenden bis verstörenden Szenen ist diese Geschichte von Verzweiflung und Trauer so unfassbar authentisch, intensiv und bewegend.

Hell/dunkel - Julia Rothenburg
Hell/dunkel
von Julia Rothenburg
(1)
Buch (gebundene Ausgabe)
20,60

Genialer Humor, liebenswürdige Charaktere und charmanter Hamburger Esprit

Lesendes Federvieh aus München , am 23.06.2019

Nach einigen Beziehungspleiten hat Nele nun endgültig die Nase voll und will sich ganz auf ihre neue Arbeit bei der angesagten Hamburger PR-Agentur konzentrieren. Dort betreut sie gemeinsam mit einem der beiden Inhaber die Imagekampagne für den zur Wahl als Politiker kandidierenden Politiker Rüdiger Hofmann-Klasing, dessen Umfragewerte sehr zu wünschen übrig lassen - scheinbar nicht ohne Grund, wie Nele bald erfahren muss. Doch auch in ihrer Familie geht es turbulent zu, ihre Eltern haben großartige Neuigkeiten und ihr jüngerer Bruder Lenny, der das Down-Syndrom hat, möchte selbstständiger sein und in eine eigene Wohnung ziehen, wofür er ausgerechnet Nele als seine Komplizin auswählt, um hinter dem Rücken der Eltern zu recherchieren. Als wäre das nicht schon Chaos genug, stellt Nele fest, dass Claas ihr Herz ordentlich ins Stolpern bringt und bald mehr als nur der nette Chef für sie ist. Aber ihre Karriere steht an erster Stelle und deshalb ist Claas tabu oder etwa nicht?

Es gibt nur wenige Autoren, dessen neuestes Werk man blind kaufen kann ohne zuvor einen Blick auf den Klappentext geworfen zu haben, weil sich bereits beim Lesen des Namens ein vorfreudiges Gefühl einstellt, das großartige Unterhaltung verspricht. Seit ich letztes Jahr "Wenn's einfach wär, würd's jeder machen" gelesen habe, gehört Petra Hülsmann eindeutig dazu, weshalb ich mich riesig auf ihren neuen Roman "Meistens kommt es anders, wenn man denkt" gefreut habe. Es bedurfte nur weniger Worte und schon war ich gänzlich im Geschehen und habe mit einem breiten Grinsen auf den Lippen die amüsante Kennlernszene von Nele, ihrem Chef Claas und dessen Hund Sally gelesen, die allerhand Trubel und Gefühlschaos in Bewegung setzen sollte. Nele - die im vorherigen Buch schon einige Gastauftritte hatte - hat mit ihren 28 Jahren einige schlechte Erfahrungen in der Liebe gemacht, denn ihre bisherigen Partner haben sie betrogen, verlassen oder gleich beides zusammen. Dass dieser Umstand an Neles Selbstbewusstsein kratzt und sie an der Liebe zweifelt, ist natürlich verständlich, auch wenn schon nach den ersten Kapiteln klar wird, was für ein toller, liebenswürdiger und vor allem herzensguter Mensch Nele ist, die sich scheinbar bisher einfach nur die falschen Männer ausgesucht hat, die sie eindeutig nicht zu schätzen wussten. Doch mit Claas tritt nun ein ganz anderes Kaliber von Mann in ihr Leben, der Neles Augen in vielerlei Hinsicht öffnet und sich von der Chef-Angestellten-Sache nicht beirren lässt, was für allerhand herrlich amüsante, romantische und teils auch frustrierend zu lesende Szenen sorgt. Nele beharrt nämlich vehement auf dem Standpunkt, dass ihre Karriere in der Agentur an erster Stelle steht, wovon sie sich nicht einmal von der Liebe abbringen lassen will, die jedoch ihre ganz eigenen Pläne hat. Im Mittelpunkt der Geschichte steht jedoch eigentlich jemand ganz anderes: Neles jüngerer Bruder Lenny, der das Down-Syndrom hat und nach seiner letzten erfolgreichen wenn auch zwischenzeitlich lebensbedrohlichen Operation zur Behebung des seltenen angeborenen Herzfehlers nun mit seinen 20 Jahren all das nachholen möchte, was er verpasst hat. Angefangen damit in eine eigene Wohnung zu ziehen und als Tierpfleger zu arbeiten, wobei er nicht versteht, wieso ihm wegen eines zusätzlichen Chromosoms so viele Steine in den Weg gelegt werden und er nicht einfach wie jeder andere Mensch leben und arbeiten kann. "Mein Vater sagte immer, Lenny würde für viele Dinge in seinem Leben nicht die kürzeste oder praktischste Route nehmen, sondern die landschaftlich schönste, auf der man am meisten zu sehen bekam." Diese treffenden, wunderschönen Worte sind mir noch lange im Kopf herumgegeistert, wie auch die zahlreichen geschickt eingewobenen Denkanstöße zum Thema Umgang mit Menschen mit Behinderung, die der Erzählung neben der unterhaltsamen, mitreißenden Liebesgeschichte eine tiefere, nachdenkliche Komponente verleihen.

Mit ihrem genialem Humor, den liebenswürdigen Charakteren und jeder Menge sympathischem Hamburger Esprit hat Petra Hülsmann eine weitere bezaubernde Geschichte geschaffen, in welcher die Themen Familie und der Umgang mit Menschen mit Behinderung eine tragende Rolle spielen.

Meistens kommt es anders, wenn man denkt - Petra Hülsmann
Meistens kommt es anders, wenn man denkt
von Petra Hülsmann
(50)
Buch (Taschenbuch)
12,40

Mütter - ungeschminkt und echt

Lesendes Federvieh aus München , am 19.06.2019

Eine Gruppe junger Mütter trifft sich jede Woche, um sich auszutauschen und ihre Sorgen und Nöte zu besprechen. Spontan beschließen sie sich für einen Abend eine kleine Babyauszeit zu nehmen und zusammen in einer Bar zu feiern. Doch was so fröhlich und ausgelassen beginnt, entpuppt sich bald als Katastrophe, denn genau an diesem Abend verschwindet Winnies Baby Midas. Die verzweifelte Suche beginnt...

Als ich den Titel "Die Mutter" gesehen und den Klappentext gelesen hatte, dachte ich "wow, das könnte interessant werden." Genau das wurde es dann auch, denn es ist wohl für jede Mutter die absolute Horrorvorstellung, dass ihr Kind plötzlich verschwindet. Doch genau diesen Albtraum durchlebt Winnie, deren Sohn Midas spurlos verschwindet. Aimee Molloy beschreibt die Suche nach Midas mitreißend und spannend. Sie legt immer neue Spuren, so dass ich mehrere Personen gleichzeitig im Verdacht hatte etwas mit der Sache zu tun zu haben. Doch manchmal waren es fast zu viele Informationen, es wirkte auf mich so als ob es die Autorin besonders gut meinte mit ihren Wendungen. Weniger wäre vielleicht mehr gewesen. Dafür gab es dann ein fulminantes und rasantes Ende.

Große Klasse und zwar ausnahmslos war ihre Gesellschaftskritik zum Thema Mütter allgemein und besonders in Amerika. Ich habe selbst Kinder und kann deshalb sehr gut nachvollziehen, welchen Spagat Mütter zwischen Beruf und Kinderbetreuung bewerkstelligen müssen. Dazu noch der Druck zwischen den Müttern untereinander, welches Kind alles schneller und besser kann, das kann ganz schön stressig werden. All das hat die Autorin lebendig, realitätsnah und durch ihre Protagonistinnen super beschrieben. Die übereifrige Francie, der vor lauter alles richtig machen zu müssen, alles über den Kopf zu wachsen droht und auf der anderen Seite Colette, die nach außen hin einfach perfekt erscheint. Was es bedeutet, viel zu schnell wieder in den beruflichen Alltag einsteigen zu müssen, sieht man bei Nell. Diese Verknüpfung mit dem Entführungsfall Baby Midas verleiht der Geschichte nochmal eine ganz besondere Intensität, die zum Nachdenken anregt. Ich bin jedenfalls sehr froh, in Europa zu leben, wo es Mutterschutz, Erziehungsgeld, Elternzeit usw. gibt.

Insgesamt habe ich dieses Buch sehr gerne gelesen, es ist fesselnd, locker und flüssig geschrieben. Die Autorin spricht das Thema Mutterschaft mit all seinen Facetten an und verpackt es in einen fesselnden Kriminalfall.

Fazit: Mütter - ungeschminkt und echt

Die Mutter - Aimee Molloy
Die Mutter
von Aimee Molloy
(4)
Buch (Paperback)
13,40

Mitreißende Liebesgeschichte mit grandiosen Charakteren

Lesendes Federvieh aus München , am 18.06.2019

Nachdem ihr Exfreund in der noch gemeinsamen Wohnung mit einer neuen Frau an seiner Seite auftaucht, sieht Tiffy den Zeitpunkt gekommen endlich auszuziehen. In ihrem Job als Lektorin in einem Kreativverlag verdient sie jedoch weniger als den Mindestlohn, sodass sie sich nur eine günstige Bleibe leisten kann. Leon braucht indes dringend Geld, um die Anwaltskosten seines Bruders zu übernehmen. Obwohl die beiden sich nie begegnet sind, schließen sie in ihrer beider Not einen erfinderischen Deal: Sie teilen sich die Wohnung, denn während Tiffy tagsüber arbeitet, schiebt Leon als Palliativpfleger Nachtschichten. Festgelegte Uhrzeiten und eindeutige Absprachen sorgen dafür, dass die beiden nie zeitgleich in der Wohnung sind und doch wird aus zwei Fremden bald mehr.

Die Idee, die sich hinter "Love to share" verbirgt, finde ich ungeheuer spannend, weshalb ich das Buch unbedingt lesen wollte. Zwei Menschen leben in ein und derselben Wohnung, obwohl sie sich zuvor nie begegnet sind. Die beiden kennen sich nicht und schlafen doch im gleichen Bett, zu unterschiedlichen Uhrzeiten zwar, aber trotzdem. Das erfordert in meinen Augen schon eine große Menge an Vertrauen, einen Mangel an vernünftigen Alternativen und nicht zuletzt eine gesunde Prise Naivität, schließlich könnte man sich den größten Messie oder gar Serienkiller in die Wohnung holen. Doch Tiffy und Leon wagen das Experiment, das beste Beispiel für "Not macht erfinderisch", und sorgen dadurch für jede Menge Lesespaß mit flippigen Charakteren und berührenden Momenten. Tiffys Einzug gleicht der ausgedehnten Explosion einer Farbbombe, denn ihre Vorliebe für bunte Farben äußert sich nicht nur in ihrer immensen Anzahl an Kleidungsstücken, die erst einmal untergebracht werden wollen, sondern setzt sich in zahlreichem knallbunten Interieur fort, das sie über die ganze Wohnung verteilt. Die Essex-Frau, wie Leon sie anfänglich amüsanterweise in Gedanken nennt, ist definitiv nicht zu übersehen und mischt Leons Leben wie ein farbenfroher Wirbelwind gehörig auf. Auf den ersten Seiten mag sie vielleicht einen oberflächlich plumpen Eindruck erwecken, da sie ihrem Exfreund auch zwei Monate nach der Trennung noch hinterhertrauert als wäre es gestern gewesen, und in ihrem schlechtbezahlten Job im Lektorat eines Kreativbuchverlages, den sie jedoch über alles liebt, nicht gerade mit Effizienz glänzt. Der Nacht für Nacht als Palliativpfleger arbeitende Leon, der nebenbei die Anwaltskosten für seinen unschuldig inhaftierten Bruder Richie stämmen muss, scheint dabei das genau Gegenteil zu sein. Mit einer Notiz auf einem Post-it neben einem Teller voller selbstgebackener Haferkekse beginnt jedoch eine ungewöhnliche Freundschaft zwischen ihnen, zweier Menschen, die sich nie zuvor begegnet sind und einander anhand ihrer Lebensgewohnheiten und Marotten sowie ihren zahlreichen Nachrichten auf kleinen gelben Zetteln kennenlernen. Auf amüsante Nachrichten über den seltsamen Nachbar aus Wohnung Nr. 5 oder die Fuchsfamilie folgen ernste, nachdenkliche, in denen Tiffy Leon von ihren Besuchen bei der Psychologin erzählt, die ihr dabei hilft den emotionalen Missbrauch ihres Exfreundes samt der widerkehrenden Flashbacks zu verarbeiten. Im Gegenzug erzählt Leon von seiner Suche nach Johnny, der großen Liebe seines strickenden und häkelnden Patienten Mr. Prior, und seinem Bruder Richie. Angenehmerweise handelt sich hierbei nicht um einen reinen Brief- beziehungsweise Zettelroman, da der Großteil der Handlung normal aus den wechselnden Perspektiven von Tiffy und Leon erzählt wird. Allerdings war der abgehackte, beinahe schon unvollendete Schreibstil von letzterem zunächst etwas gewöhnungsbedürftig zu lesen, was nach einigen Seiten glücklicherweise aber nicht mehr groß auffiel. Neben der herzerwärmenden Geschichte zweier Fremder aus denen Freunde und Vertraute werden, waren besonders die zahlreichen liebevoll ausgearbeiteten charmeversprühenden Nebencharaktere mit ihren eigenen kleinen Handlungssträngen meine persönlichen Highlights. Dazu gehören beispielsweise die schrullige Häkelmodendesignerin Katherin, Tiffys Arbeitskollegin Rachel mit dem losen Mundwerk und ihren genialen Kommentaren und das ungleiche Gespann Tiffys bester Freunde Gerty und Mo, sie hochkarätige Anwältin, er Psychologe wie auch Leons altkluge, schlagfertige Leukämiepatientin Holly und Richie, der sich trotz des ihm widerfahrenen Unrechts nicht aufgibt.

Unter dem hübschen Cover von "Love to share" verbirgt sich eine mitreißende Liebesgeschichte mit Tiefe, die mit einem aberwitzigen aus der Not heraus geborenen Plan und einem Post-it begann und neben dem Handlungsverlauf besonders durch ihre schrulligen, liebenswürdigen Charaktere für tolle Lesestunden sorgt.

Love to share - Liebe ist die halbe Miete - Beth O'Leary
Love to share - Liebe ist die halbe Miete
von Beth O'Leary
(80)
eBook
9,99

Schon jetzt eines meiner diesjährigen Lesehighlights

Lesendes Federvieh aus München , am 16.06.2019

Zach versteckt sich mit seinen Klassenkameraden und der Lehrerin im Wandschrank, wo es heiß, stickig und eng ist. Draußen sind zahlreiche Schüsse zu hören und Zach ahnt, dass diese PLOP-Geräusche nichts Gutes zu bedeuten haben. Als er schließlich von der Polizei gerettet wird, ist nichts mehr wie es vorher war, denn Zachs Bruder Andy hat den Amoklauf nicht überlebt. Jedes Familienmitglied versucht mit der Trauer anders umzugehen und doch droht sie an diesem schrecklichen Verlust zunehmend zu zerbrechen. Der kleine Zach ist es schließlich, der wieder Hoffnung in die Leben der Menschen bringt, die er liebt.

"Alles still auf einmal" gehört zweifelsohne zu den Büchern, die mich dieses Jahr am meisten berührt haben, und wird auch darüber hinaus einen Platz im Regal meiner absoluten Lieblingsbücher finden. Es bedurfte nur weniger Worte dieses einfühlsamen Schreibstils, der gerade wegen der besonderen Erzählperspektive unter die Haut und mitten ins Herz geht, und schon hat mich die eindringliche, aufwühlende Geschichte in ihren Bann gezogen. Erzählt wird sie aus der Sicht des sechsjährigen Zach, der den Amoklauf im Wandschrank des Klassenzimmers hautnah miterlebt und bei dem schrecklichen Unglück nicht nur seinen älteren Bruder Andy, sondern auch ein stückweit seine kindliche Unbeschwertheit verliert. Auf einmal sieht er sich mit einem Strudel an unterschiedlichen für ihn teils unerklärlichen Gefühlen konfrontiert und muss auf schmerzhafte Art und Weise lernen was Verlust, Zurückweisung und Einsamkeit bedeuten. Während der Vater sich in seine Arbeit flüchtet, um den andauernden lautstarken Auseinandersetzungen mit seiner Frau zu entgehen, die nach ihrem Zusammenbruch nur noch darauf fixiert ist die Eltern des Amokschützen für dessen Taten zur Rechenschaft zu ziehen, zieht Zach sich in sein Geheimversteck in Andys Schrank zurück. Es ist der Ort, an dem er sich seinem Bruder Andy, der ihn zeitlebens häufig schlecht behandelt hat, am nächsten fühlt, wo er ihm sagen kann, was er wirklich über die durchwegs positiven Worte auf der Beerdigung denkt, wo er ihm seine Lieblingsbuchreihe vorliest und wo er zunehmend realisiert, dass sich unter Andys Wutausbrüchen etwas ganz anders verbarg. Gerade durch Zachs scharfe Beobachtungsgabe, die Wahrnehmung der leisester Stimmungsschwankungen seines Gegenübers, sein Herz aus Gold und seine kindlich ungefilterte Sichtweise auf die Ereignisse ist die Geschichte schmerzhaft traurig und aufwühlend. Denn als außenstehender Betrachter ist man frustrierend machtlos und kann nichts gegen die Ohnmacht des Vaters oder den Wahnsinn der Mutter unternehmen, die zunehmend für das Auseinanderbrechen der Familie sorgen und über ihre Trauer vollkommen vergessen, wie sehr ihr sechsjähriger Sohn seine Eltern braucht, denn auch er hat seinen Bruder verloren.

"Alles still auf einmal" erzählt die unglaublich aufwühlende und noch lange nachhallende Geschichte einer Familie, die nach dem schrecklichen Todes ihres ältesten Sohns bei einem Amoklauf versucht mit der Trauer umzugehen und mit ihrem Leben weiterzumachen. Gerade durch den Verzicht auf unnötig brutale Szenen und das Fokussieren auf die Gefühle und Gedanken des sechsjährigen Zach gewinnt diese Erzählung an ergreifender Eindringlichkeit und unnachahmlicher Intensität - eines meiner absoluten Lesehighlights 2019.

Alles still auf einmal - Rhiannon Navin
Alles still auf einmal
von Rhiannon Navin
(25)
Buch (Paperback)
16,40

Unglückliche Zufälle treffen auf vermeidbares Drama

Lesendes Federvieh aus München , am 15.06.2019

Taylor Jensen verliert an ein und demselben Tag ihren Traumjob, kann gerade noch dabei zusehen wie sich zwei Diebe mit ihrem heißgeliebten Auto davonmachen und erwischt ihren langjährigen Freund inflagranti mit der Nachbarin. Völlig verzweifelt stürmt sie aus der ehemals gemeinsamen Wohnung uns läuft dabei Daniel Grant, ihrem besten Freund aus Schultagen, in die Arme, der ihr ein eben freigewordenes Zimmer in seiner WG anbietet. Eigentlich hat sie von Männern nun gestrichen die Nase voll, aber als Dan ihr versichert, er stehe auf Männer, nimmt sie das Angebot dankbar an. Doch sie hat nicht mit der Anziehung gerechnet, die sie auf einmal in der Nähe ihres durchtrainierten scheinbar herzensguten besten Freund empfindet.

Wie gefühlt alle aktuell erscheinenden Bücher des LYX-Verlages hat auch dieses hier wieder ein unglaublich schönes Cover, was mit der Grund war, dass ich es unbedingt lesen wollte. Allerdings konnte mich "Up All Night" nicht so begeistern, wie ich es mir erhofft hatte. Bereits zu Beginn der Geschichte waren es mir ein paar Zufälle zu viel. Denn zu einer Kündigung, einem gestohlenen Auto und dem Fremdgeherwischen ihres langjährigen Freundes, der ein aufgehendes Sternchen am Musikhimmel ist, sodass ganz Social-Media die Trennung mitbekommt, gesellt sich das Aufeinandertreffen mit ihrem ehemals besten Freund Daniel aus der Highschool. Der hat sich nicht nur zu einem unverschämt gutaussehenden Muskelpaket entwickelt, sondern auch noch ein Zimmer in der WG frei. Noch dazu versichert er Taylor er sei schwul, von ihm habe sie also nichts zu befürchten. Was das angeht, finde ich den Klappentext etwas unglücklich gewählt, denn Dan ist keineswegs homosexuell, er hat von dieser kleinen Notlüge Gebrauch gemacht, damit die unglückliche Taylor ein Dach über dem Kopf hat und er uneigennützigerweise seine Traumfrau seit Kindheitstagen in seiner Nähe weiß. Selbstredend sieht er mittlerweile unverschämt gut aus, hat beinahe schon den Körper eines Bodybuilders, was eingehend beschrieben wird, sodass in Taylor Gefühle aufkeimen, die sie zuvor nicht für ihren besten Freund empfunden hat. Er selbst liebt sie seit Kindheitstagen mit einer Intensität, die während den zehn Jahren Funkstille nicht abgebbt ist. Somit ist eigentlich schon auf den ersten Seiten klar, dass die beiden füreinander bestimmt sind und zusammengehören, doch war es zu Schulzeiten die Friendzone, so steht nun Dans angebliche Homosexualität einer Beziehung im Wege. Ab einem gewissen Punkt kann somit auch der angenehm leichte und amüsant zu lesende Schreibstil nicht mehr darüber hinwegtäuschen, dass die Geschichte durch das ewige Hin und Her zwischen den beiden unnötigerweise in die Länge gezogen wird. Auf einen Schritt vorwärts folgen immer zwei zurück, weil die beiden einfach nicht ehrlich miteinander reden. Deshalb hat mir dabei oftmals die Tiefe gefehlt, die in meinen Augen verloren geht, weil sich alles um Taylor und ihre Gefühle dreht. Von Beginn an ist es Dan, der zurückstecken muss und Taylor dennoch wie ein treudoofer Hund hinterherläuft. Das zeigt sich auch in der Erzählweise, denn der Großteil der Handlung wird aus der Perspektive von Taylor erzählt, wohingegen man Dans Sichtweise nur in vereinzelt eingestreuten Kapiteln kennenlernt. An einer Stelle ist dabei meiner Meinung nach ein kleines Malheur passiert, denn inmitten eines Absatzes von Kapitel 22 springt die Perspektive von Taylor zu Dan und auf der nächsten Seite wieder zurück, was ein wenig verwirrend war. Meine Lieblingsperson in dieser Geschichte war allerdings eine ganz andere: Die engelsgleiche Grace, die neben Taylor, Dan und seiner Schwester Addison in der WG wohnt. Die begeisterte Landschaftsarchitektin war mir mit ihrer herzlichen, wenn auch zunächst zurückhaltenden Art sehr sympathisch, weshalb ich mich natürlich riesig freuen würde mehr über sie zu lesen. Zunächst steht jedoch Addison in "Next To You" im Vordergrund, wo es heftig zwischen ihr und dem Hauptdarsteller des Hottie-Dienstags, Drake O'Hara, knistert.

Trotz einiger Kritikpunke ist "Up All Night" eine durchaus lesenswerte, kurzweilige Lektüre zum Abschalten, die in meinen Augen jedoch eher zu den aktuell schwächeren Romanen im Genre New Adult gehört.

Up All Night - April Dawson
Up All Night
von April Dawson
(67)
Buch (Paperback)
13,30

Wie Schweizer Schokolade - fluffig und süchtigmachend

Lesendes Federvieh aus München , am 15.06.2019

Berti Fischer fällt aus allen Wolken. Ihr Ehemann Heinrich teilt ihr einfach so mit, dass er ausziehen wolle. Doch nach einigen Nachforschungen entdeckt Berti, dass sie nicht die einzige Frau in seinem Leben ist und war. Sie sinnt auf Rache, doch werden ihr die anderen Frauen helfen? Wenn ja, dann hat Heinrich wirklich ein Problem...

"Das Heinrich-Problem" ist ein herrlich, amüsanter Roman, der mich von der ersten bis zur letzten Seite begeistern konnte. Flott und absolut mitreißend geschrieben erlebt man als Leser zusammen mit Berti, was ihr Ehemann doch für ein besonderes Früchtchen ist.

Alexandra Holenstein hat mit der nicht mehr ganz taufrischen Berti eine sympathische Protagonistin geschaffen, der ich am liebsten sofort geholfen hätte, Heinrich in die Schranken zu weisen. Und genau das macht für mich dieses Buch auch so lesenswert, denn es wirkt so authentisch und real - als ob Berti eine gute Freundin wäre.

Herrlich bis ins kleinste Detail mit all ihren Marotten ausgearbeitete Charaktere, allen voran natürlich das Prachtexemplar Heinrich, lassen die Geschichte lebendig werden. Seite um Seite erschließt sich dem Leser nun auf kurzweilige und absolut humorvolle Art und Weise Heinrichs Problem. Ich musste oft schmunzeln, so witzig war das. Auch konnte ich eine gewisse Schadenfreude nicht ganz vermeiden. Diese leichte, aber feine Lektüre zeichnet sich auch durch eine durchdachte und schlüssige Handlung aus, deren Ende alles perfekt abrundet. Nachdem ich das Buch fertiggelesen hatte, war ich fast ein bisschen traurig, dass ich mich aus Zürich und Ascona wieder verabschieden musste, aber vielleicht gibt es ja noch eine Fortsetzung...

Fazit: Wie Schweizer Schokolade - fluffig und süchtigmachend.

Das Heinrich-Problem - Alexandra Holenstein
Das Heinrich-Problem
von Alexandra Holenstein
(14)
Buch (Taschenbuch)
10,30

Flotter, kurzweiliger Trip nach La Gomera

Lesendes Federvieh aus München , am 02.06.2019

Die erfolgreiche Reisebloggerin Maya hat schon fast die ganze Welt gesehen. Auf einem ihrer Reisen lernt sie Tobi kennen, mit dem sie eine kurze, folgenreiche Affäre hat. Als sie bemerkt, dass sie schwanger ist, ist er bereits weitergereist. Sie setzt alle Hebel und Wege in Bewegung, um ihn zu finden. Doch als sie hört, dass er sich ausgerechnet auf La Gomera aufhält, der Insel auf der ihre Adoptivmutter Karoline lebt, muss sie sich zwingen dorthin zu reisen. Vor ein paar Jahren erfuhr sie durch einen Zufall, dass Karoline gar nicht ihre leibliche Mutter ist. Was nun, wenn sie ihr auf der Insel begegnet...

"Der Wind nimmt uns mit" ist ein erfrischender Roman, der es mir leicht machte aus dem Alltag abzutauchen und mit Maya nach La Gomera zu reisen. Flott und locker geschrieben weht die Geschichte durch die Seiten wie ein angenehmer Sommerwind. Durch die ausführlichen Landschafts- und Ortsbeschreibungen hatte ich die Schönheit der Insel bildhaft vor Augen. Was für eine tolle Kulisse für diese fluffige, kurzweilige Geschichte.

Mayas Erlebnisse auf dieser wunderschönen kanarischen Insel sind witzig, emotional und absolut lebendig geschrieben. Dazu authentisch skizzierte Charaktere, zum Teil herrlich schräge Typen, so wie man sich Aussteiger eben so vorstellt. Liebenswert und zugleich etwas schrullig.
Sehr schön fand ich auch wie Katharina Herzog das Rätsel um die tatsächlichen Eltern Mayas auflöste. Immer wieder springt sie zwischen Maya im heute und Karoline in der Vergangenheit hin und her, bis sich am Ende der Knoten auflöst. Das gibt der Handlung einen gewissen Kick, denn man will ja immer gleich wissen, wie es weitergeht.

Mir hat dieser Feel-Good-Roman sehr gut gefallen, es ist genau die richtige Lektüre für zwischendurch und um einfach die Seele baumeln zu lassen. Am liebsten hätte ich gleich eine Reise nach La Gomera gebucht...

Fazit: Flotter, kurzweiliger Trip nach La Gomera

Der Wind nimmt uns mit - Katharina Herzog
Der Wind nimmt uns mit
von Katharina Herzog
(62)
Buch (Paperback)
13,40

Anspruchsvolles, sehr gut recherchiertes Thrillerdebüt

Lesendes Federvieh aus München , am 02.06.2019

Julia beginnt eine Ausbildung zur Polizistin. Eines Tages lernt sie den attraktiven Nick kennen. Nach ihrer ersten gemeinsamen Nacht entdeckt sie fassungslos, dass er ein Hakenkreuz-Tatoo auf dem Rücken trägt. Sofort sucht sie nach seinem Ausweis und sieht schwarz auf weiß, was sie schon vermutet hatte, er hat ihr auch noch einen falschen Namen genannt. Sie versucht herauszufinden, warum er das tat. Durch ihre Recherchen gerät sie immer tiefer in ein Geheimnis, das auch ihre eigene Vergangenheit betrifft.

Mit "Westwall" ist Benedikt Gollhardt ein spannender, sehr lesenswerter Thriller gelungen, der aktueller nicht sein könnte. Das Buch beginnt zunächst - abgesehen vom Prolog - relativ ruhig. Man begleitet zunächst Julia bei ihrer Polizeiausbildung und ihren Besuchen bei Wolfgang, ihrem pflegebedürftigen Vater. Doch Seite um Seite nimmt die Geschichte an Fahrt auf. Immer mehr unvorhersehbare Wendungen führen den Leser auf falsche Fährten und lassen die Spannung unaufhaltsam ansteigen. Die gut recherchierten Fakten über den Westwall, einen alten Verteidigungswall aus dem Zweiten Weltkrieg, bilden die ideale Atmosphäre und Kulisse für diesen mitreißenden Thriller. Die Charaktere sind sehr gut und echt ausgearbeitet, ihre Entwicklung und Verstrickungen ins braune Milieu wirken absolut authentisch. Interessant sind dabei auch die Einblicke in den Verfassungsschutz, die Ermittlungsbehörden und in die rechte Szene. Die Handlung ist logisch aufgebaut, plausibel und faszinierend bis zum Schluss. Auch die Informationen und Erläuterungen zum Thema Westwall im Anhang finde ich sehr interessant, sie runden das Buch perfekt ab.

Fazit: Ein anspruchsvolles, sehr gut recherchiertes Thrillerdebüt

Westwall - Benedikt Gollhardt
Westwall
von Benedikt Gollhardt
(49)
Buch (Paperback)
15,50

Spannendes Stück Zeitgeschichte in ungewöhnlicher Form

Lesendes Federvieh aus München , am 02.06.2019

Während der Amtszeit von Barack Obama gingen täglich Zehntausende Briefe in der Korrespondenzabteilung, wo ein eigens darauf spezialisiertes Team die Briefe thematisch sortierte, Antwortschreiben aufsetzte und besonders berührende Briefe auswählte, die für die 10LADs infrage kommen. Dabei handelt es sich um die Mappe der zehn für den Präsidenten ausgewählten repräsentativen Schreiben, denn Barack Obama bestand darauf täglich zehn Briefe zu lesen, um zu wissen, was die Menschen in dem Land berührt, für das er verantwortlich ist. Zu Wort kommen Obama-Anhänger wie auch politische Gegner, Menschen, die in dem ersten farbigen Präsidenten ein großes Vorbild sehen, Kriegsveteranen, aber auch Schulkinder, die ihm ihre Hausaufgaben zur Korrektur schicken. Themen wie soziale Gerechtigkeit und Folgen der Finanzkrisen finden sich unter den Briefen genauso wie neue Start-Up-Ideen und tragische Geschichten über die Folgen des Terrorismus.

Michelle Obamas Biografie "Becoming" hat mich in ihrer Aufrichtigkeit, Menschlichkeit und ihrem fortwährenden Glauben das Richtige zu tun, derart beeindruckt, dass ich mich zunehmend mehr für die Familie Obama interessiere, die auch über ihre Amtszeit hinaus eine große Anzahl an Menschen über die Landesgrenzen hinaus inspirieren. "Briefe an Obama" behandelt nun den Aspekt, der mich schon in Michelles Biografie sehr neugierig gemacht hat: Die Briefe, die Barack Obama während seiner Amtszeit jeden Abend gelesen hat, um den Stimmen des Volkes Beachtung zu schenken. Dieses Buch enthält eine nach Jahren und Zeiträumen gestaffelte Briefauswahl, die auf eindrückliche Art und Weise die Lage einer Nation im Wandel widerspiegelt, denn die Briefe sind vielfältig wie die Bevölkerung Amerikas. Es finden sich wortgewaltige, berührende, wütende, Poesie versprühende, witzige, intelligente, ängstliche, mutige, dankbare und erschütternde Briefe, die in ihrer inhaltlichen wie sprachlichen Diversität eins gemeinsam haben: Hinter jedem Brief steht ein Mensch, der von etwas schreibt, das ihn bewegt, das ihm wichtig ist und das er für wichtig erachtet es seinen Präsidenten wissen zu lassen. Indem Barack Obama sich täglich Zeit für zehn ausgewählte Briefe nimmt, verschafft er den Stimmen seiner Bevölkerung Gehör und mehr als einmal gaben diese einen emotionalen Anstoß für politische Entscheidungen, was eindrücklich zeigt, dass auch ein einzelner Mensch inmitten von Millionen etwas bewirken kann wenn er seine Stimme erhebt und für seine Werte, Hoffnungen und Träume einsteht. "Die Stimmen der Briefschreiber bildeten einen nie verstummenden Hintergrundchor, wie Popsongs, die man einfach nicht aus dem Kopf bekam. Melodien, die eine Kultur definierten." (S. 317) Zwischendurch sind die Briefauswahlen gespickt mit interessanten Hintergründen, wie etwa zur Entstehung des Briefsystems, den Mitarbeitern in der Korrespondenzabteilung und der geheimen Superkraft, die das "Team Kleine Leute" innehatte oder gar persönlichen Gesprächen mit Briefschreibern, sodass man eine kleine willkommene Verschnaufpause von den teils sehr intensiven Geschichten bekommt und zugleich einen Einblick in den Obama-Mythos bekommt. In der eigens für die Briefe eingerichteten Korrespondenzabteilung waren 50 fest angestellte, 36 Praktikanten und 300 in wechselnden Schichten arbeitende Freiwillige dafür zuständig die Flut von täglich etwa 10.000 eintreffenden Briefen zu bewältigen, sodass jeder Praktikant mindestens 300 Schreiben am Tag lesen und diese thematisch codieren musste, um die Antworten entsprechend anzupassen. Die Mitarbeiter verstehen sich dabei selbst als Anwälte der Briefschreiber, deren Aufgabe es ist, dafür zu sorgen, dass die Worte ihrer Mandanten, ihre Ängste und Beweggründe wahrgenommen werden und Beachtung finden, auch wenn sie es nicht in die Auswahl der 10LADs für den Präsidenten schafften. "Dieser Stapel, jener Stapel, noch ein Stapel da hinten, ziehen Sie sich etwas aus der Mitte raus, wenn Sie wollen. Der Ton war salopp und dringlich, ganz Amerika redete durcheinander. Ungefiltert. Die Handschrift, die Tinte, die Wahl des Briefkopfs - jeder Brief war ein realer Gegenstand von einem realen Menschen, und jetzt, wo man ihn in den Händen hielt, war man dafür verantwortlich." (S. 92) Illegale Einwanderer, die sich jahrelang mit wechselnden Wohnorten und Jobs durchgeschlagen haben, fürchten die Abschiebung, trauernde Familienmitglieder drängen auf besserer Unterstützung beispielsweise im Gesundheitssystem, in der militärischen Suizidprävention oder in der Handhabung mit Waffenverkauf, um anderen Familien das gleiche Leid zu ersparen und zahlreiche Mitglieder der LGBTQ-Community danken Obama für seinen selbstlosen Einsatz zur gleichgeschlechtlichen Ehe. Doch auch Kritiker kommen zu Wort, bemängeln Obamas Durchsetzungskraft, seine Positionierung zur Waffengewalt, echauffieren sich in Hasstiraden über ungerechte Bonizahlungen an Höchstverdiener oder seine offene Einstellung Minderheiten gegenüber. Manchmal hätte ich mir jedoch gewünscht, dass man thematisch mehr auf den Inhalt der einzelnen Briefe eingeht, was durch die Gespräche mit den Briefschreibern nur ansatzweise anklang. Obwohl der Patriotismus in diesem Ausmaße uns in Deutschland fremd vorkommen mag, beginnt man mit jedem Brief mehr das starke Nationalitätsgefühl der Amerikaner und ihren Glauben an ihren Präsidenten zu verstehen, die im Wahlkampf für einen vollkommen fremden Menschen Klinkenputzen gehen, weil sie an diese Person und deren Vision glauben, was ich absurd wie beeindruckend zugleich finde. Barack Obama ist eine großartige Persönlichkeit und kämpfte mit unerschüttlichem Einsatz dafür Amerika in vielerlei Hinsicht offener zu gestalten, die Meinungen anderer zu respektieren und für ein breiteres Verständnis füreinander zu sorgen. Umso schmerzhafter war es die letzten Kapitel des Buches zu lesen, die sich unaufhaltsam dem Wahlsieg Donald Trumps nähern und aufzeigen, welchen Verlust Amerika mit dieser Wahlentscheidung tatsächlich erleidet. Auch heute erreichen den ehemaligen Präsidenten noch 5.000 Briefe wöchentlich, denn genau seine natürliche Liebenswürdigkeit und Nahbarkeit, machen ihn zu der Vertrauensperson, an die sich die Menschen Amerikas immer noch in ihren dunkelsten Stunden mit ihren Sorgen und Hilferufen wenden, weil sie wissen, dass sie von ihm gehört werden und ihre Meinungen wichtig sind.

"Briefe an Obama" ist ein eindringliches, bewegendes und aufrüttelndes Portrait einer Nation in der Zeit großen Wandels, das die lauten und leisen Stimmen der Bevölkerung ungefiltert widergibt und so einen Einblick in die tatsächlichen Errungenschaften der Präsidentschaft Barack Obamas gibt. Es ist ein gelungener Versuch Obama und seine täglichen zehn Briefe zu entmystifizieren, wobei man einen tiefen Einblick in die Maschinerie der Korrespondenzabteilung, den Menschen dahinter und ein wichtiges Stück Zeitgeschichte bekommt.

Briefe an Obama - Jeanne Marie Laskas
Briefe an Obama
von Jeanne Marie Laskas
(5)
Buch (gebundene Ausgabe)
22,70

 
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