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j.h. aus Berlin

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THE STORY OF JOHN NIGHTLY - Eine fiktive Musikerbiographie von faszinierender Kraft

j.h. aus Berlin , am 06.10.2019

London 1966. Der talentierte 18-jährige Songwriter kommt mit einer vor kurzem gepressten Single in ein Verlagshaus. Die Musik findet beim Verleger Gefallen - vor allem wegen des guten Aussehens von John Nightly. Schon bald steht dieser am Anfang einer kometenhaften Karriere, deren Schattenseiten sich nach im Wortsinn rauschhaften Jahren offenbaren und Nightly aus dem Rampenlicht fliehen lassen ...

Tot Taylor (*1955) - bekannt als Komponist, Songwriter, Galerist und Plattenproduzent - legte nach 10-jähriger Arbeit mit THE STORY OF JOHN NIGHTLY 2017 sein Romandebüt vor. Und es scheint in all der den genresprengenden Roman bestimmenden Fabulierlust unglaublich, dass die authentisch gezeichnete Gestalt John Nightly fiktiv und damit die vorliegende "Biographie" ein Fake ist. "Dies ist London. Swinging oder auch Stinkig London, je nach Blickwinkel. Wenn man mit einem Blick zufrieden ist. Denn um es zu begreifen - es wirklich zu erfassen, London genau jetzt, in genau diesem Augenblick -, musst du es wirklich erfahren. Hier sein. Denn hier sein heißt glücklich sein. Das Glück ist überall. Auf dem Kopfsteinpflaster der Straßen und Höfe, in den Läden die in sind, in den abgefahrenen Schaufenstern. ... Doch London ist nicht bloß das Wirtschaftszentrum der Welt; es ist jetzt auch das kulturelle Zentrum. Angesagt, cool. In London spielt die Musik. London ist 'das Ding', der Zeitgeist, der Gedankengang, der Groove. Das, was du haben musst, was du packen oder schnallen oder checken musst. Um es wirklich zu begreifen. Wirklich. Um wirklich weiterzukommen." (S. 14) So ersteht das legendäre Swinging London der 1960-er vor dem Auge des Lesers, der eigene Erinnerungen an jene Jahre reflektieren kann. Die Story ist bevölkert von zahlreichen Personen der Zeit- und Popgeschichte - und mitten im Geschehen John Nightly, der fiktive Held. Dazwischen befinden sich Erkenntnisse ("Marginalien") zur Astrologie, zum Gartenbau oder den Schönheiten Cornwalls - ebenso im Stil der jeweiligen Zeit (1966-2017) gefakte Interviews. Die abschließende Chronik von John Nightly (1948-2017) beinhaltet Personen und Ereignisse zwischen 300 (v. Chr.) bis 2016, die die Personen der Geschichte beeinflusst haben könnten. Als mit THE STORY OF JOHN NIGHTLY vergleichbare Pseudo-Chronik wäre Rob Reiners filmische Fake-Dokumentation THIS IS THE SPINAL TAPE (1984) zu nennen.

Der HEYNE-Verlag veröffentlichte den faszinierenden Roman nun in der ENCORE-Reihe. Die Übersetzung des Mammut-Werkes übernahm ein Team von gleich 8 Übersetzern: Ingo Herze, Bernd Gockel, Kristof Hahn, Stephan Glietsch, Philip Bradatsch, Alexander Wagner, Harriet Fricke und Norbert Jakober.

THE STORY OF JOHN NIGHTLY ist mit über 900 Seiten und teils schwer überschaubaren Handlungsverläufen (sofern man eine fortlaufende Handlung überhaupt zu erkennen vermag) sicherlich keine einfache Lektüre. Für Kenner der britischen Pop-Historie ab den 1960-er Jahren ist das Buch in jedem Falle empfehlenswert und unvergesslich gleichermaßen.

The Story of John Nightly - Tot Taylor
The Story of John Nightly
von Tot Taylor
(1)
Buch (gebundene Ausgabe)
28,80

DER KELLER - Geheimnisvolle Frauenmorde vor malerischer Landschaft

j.h. aus Berlin , am 06.10.2019

Die junge Berliner Lehrerin Hannah fliegt spontan allein nach Florenz, um ihre schwerkranke Mutter im toskanischen Ferienhaus der Familie vielleicht ein letztes Mal zu besuchen. Doch Hannah kommt nie an: Im Flugzeug war sie von einem geheimnisvollen Fremden angesprochen worden, der die junge Frau zu einem spontanen Abendessen in seinen Palazzo eingeladen hatte. Nur sehr lustlos beginnen deutsche und italienische Polizei auf Bitten der Familie zu ermitteln ...

Sabine Thiesler (*1957) legt mit DER KELLER einen weiteren in der malerischen Landschaft der Toskana angesiedelten Thriller vor, der den Leser bis zur letzten Seite fesselt - auch wenn die finalen Kapitel etwas künstlich in die Länge gezogen erscheinen.

Der im HEYNE-Verlag erschienene Thriller wird die Anhänger der Autorin fesseln.

Der Keller - Sabine Thiesler
Der Keller
von Sabine Thiesler
(11)
Buch (gebundene Ausgabe)
20,60

THE MAN WHO LOVED ISLANDS - Das schwer überschaubare Finale der Schottland-Trilogie

j.h. aus Berlin , am 06.10.2019

In der tristen Enge der schottischen Kleinstadt Kilmarnock wollten 1982 vier ungleiche Jugendliche ihren Traum von der Unsterblichkeit in die Tat umsetzen und gründeten in Unkenntnis der Härten des Musikbusiness die Band THE MIRACULOUS VESPAS. Und tatsächlich schien 1984 mit einem Smash-Hit im Rahmen des umjubelten Brit-Pop eine internationale Karriere möglich. Doch sich bekämpfende Familienclans und Gangster spielen auch in der tiefen schottischen Provinz eine Rolle ...

Mit THE MAN WHO LOVED ISLANDS knüpft David F. Ross (*1964) an die Story von THE RISE AND FALL OF THE MIRACULOUS VESPAS (deutsch: Schottenrock) an, in dem er eine skurille Geschichte über Musik und das Erwachsenwerden in den 1980er Jahren erzählte. 30 Jahre nach dem grandios gescheiterten letzten Auftritt der zur Kultband avancierten MIRACULUS VESPAS plant der umtriebige Manager Max Mojo einen erneuten Auftritt als Höhepunkt eines einzigartigen Musikfestivals auf Ibiza ...

Mit THE LAST DAYS OF DISCO (deutsch: Schottendisco) legte David F. Ross (*1964) vor vier Jahren einen melancholisch-warmherzigen Roman über eine Jugend in der schottischen Provinz im Jahr 1982 vor, der sich mit Problemen der Pubertät ebenso beschäftigte wie mit der rücksichtslosen Politik Margaret Thatchers zu jener Zeit. THE RISE AND FALL OF THE MIRACULOUS VESPAS stellte trotz einiger erneut auftretender Protagonisten keine direkte Fortsetzung dar. Das nun vorliegende Finale THE MAN WHO LOVED ISLANDS beweist eine umfassende Kenntnis der Popkultur von den 1980er Jahren bis in die Gegenwart. Doch mit ständig wechselnden Zeitebenen und zahlreichen neuen Protagonisten fällt der Einstieg in die Story ebenso schwer wie das Verständnis des Geschehens. Leider wurde hier auch auf eine Übersicht der Protagonisten verzichtet, die sich bei den vorhergehenden Bänden auf der Cover-Innenseite befand.

Der HEYNE-Verlag legt unter dem Titel SCHOTTEN DICHT das im schottischen Original bereits 2017 erschienene Buch in der HARDCORE-Reihe in sehr guter deutscher Übersetzung von Daniel Müller vor. Durch die gelegentlich zu verwirrende Handlung vermag David F. Ross mit seinem dritten Buch nicht wirklich zu überzeugen. In Unkenntnis der Vorläufer "Schottenrock" und "Schottendisco" bleibt der Roman sicher völlig unverständlich.

Schotten dicht - David F. Ross
Schotten dicht
von David F. Ross
(1)
Buch (Paperback)
16,50

THE WAREHOUSE - Packender Roman über einen nahezu allmächtigen Onlinestore

j.h. aus Berlin , am 20.09.2019

Die USA in naher Zukunft. Ein Online-Store mit dem treffenden Namen CLOUD hat nahezu die Macht übernommen. Blitzschnell werden die bestellten Waren mit Drohnen zugestellt - der traditionelle Handel hat jede Bedeutung verloren. Und auch Teile der staatlichen Organisation hat das Management bereits in effizienter Weise übernommen. Unterdessen sind Teile der Erde durch den Klimawandel zu unbewohnbaren Territorien geworden. Paxton - ein am Dumping von CLOUD gescheiterter Kleinunternehmer - und die in geheimer Mission arbeitende Celia lernen sich nach einem Einstellungstest kennen. Gleichzeitig beginnen beide ihre Arbeit in einer Mother-Cloud, die den Mitarbeitern neben einer Wohnmöglichkeit auch eine durch codierte Uhren gewährleistete Totalüberwachung bringt. Beide verfolgen mit ihrer Tätigkeit bei CLOUD ganz unterschiedliche Ziele ...

Der politische Journalist Rob Hart legte mit THE WAREHOUSE 2019 seinen ersten Roman vor, der in seiner Intention mehreren Zukunft-Paranoia-Werken folgt und angesichts der steigenden Macht von Internet-Giganten zu zahlreichen Überlegungen Anlass gibt. Die Handlung wird abwechselnd aus den Perspektiven von Paxton und Celia erzählt - unterbrochen von Blog-Statements des todkranken CLOUD-Patriarchen Gibson Wells. Die zunächst in der Anspielung auf bereits gegenwärtige Vorbilder faszinierende Handlung flacht in der zweiten Hälfte allerdings etwas ab - insbesondere durch die völlig unglaubhafte Übertreibung. Wer den Film SOYLENT GREEN kennt, wird - ohne hier jetzt zu spoilern - auch diesen als zitiertes Vorbild erkennen.

Der HEYNE-Verlag veröffentlichte den etwas überambitionierten Roman in sehr guter Übersetzung von Dr. Bernhard Kleinschmidt. Ein lesenswerter Roman mit Thriller-Elementen, der am Ende nicht vollständig zu überzeugen vermag.

Der Store - Rob Hart
Der Store
von Rob Hart
(33)
Buch (gebundene Ausgabe)
22,70

VERNICHTUNG - David Lagercrantz durchaus eigenständiges Finale der Millennium-Reihe

j.h. aus Berlin , am 06.09.2019

Ein offensichtlich nicht aus Schweden stammender Obdachloser wird tot in Stockholm aufgefunden - scheinbar gestorben an einer Überdosis Medikamente in Verbindung mit Alkohol. Merkwürdigerweise hat er die Telefonnummer des Starjournalisten Mikael Blomkvist bei sich. Ein Grund für Blomkvist, sich für den nur auf den ersten Blick eindeutigen Todesfall zu interessieren. Unterdessen scheitert Lisbeth Salander in Moskau mit einem Attentat auf ihre verhasste Schwester, die gleichfalls Lisbeth nach dem Leben trachtet. Schon bald wird die begabte Hackerin auf Blomkvists Bitte eine Spur finden, die zu einer dramatisch geendeten Mount-Everest-Besteigung 10 Jahre zuvor führt ...

Der engagierte Journalist Stieg Larsson (1954-2004), der sich selbst als Kommunist bezeichnete, hat den überragenden Erfolg seiner neben der Tätigkeit für das antifaschistische Magazin EXPO entstandenen und ursprünglich auf 10 Bände angelegten "Millennium-Trilogie" nicht mehr erlebt. Die ab 2005 postum veröffentlichten Kriminalromane (deutsche Titel: VERBLENDUNG, VERDAMMNIS, VERGEBUNG) wurden weltweit bisher in 63 Millionen Exemplaren verkauft. Daran hatten die erfolgreichen Verfilmungen einen erheblichen Anteil. Für den vierten Band hinterließ Larsson ein 200-seitiges Manuskript, das wegen seit Jahren schwelender Erbschaftsstreitigkeiten zwischen Larssons Erben (Vater und Bruder) und dessen Lebensgefährtin Eva Gabrielsson nicht zur Verfügung stand. Die im Auftrag der Erben von David Lagercrantz (*1962) geschriebene Fortsetzung DET SOM INTE DÖDAR OSS (Was uns nicht umbringt, deutscher Titel: Verschwörung) wurde am 27. August 2015 in 26 Ländern veröffentlicht und war heiß umstritten. Zwei Jahre später legte Lagercrantz mit MANNEN SOM SÖKTE SIN SKUGGA (Der Mann, der seinen Schatten sucht) eine weitere Fortschreibung der Millennium-Reihe vor, die deutlich mehr Eigenständigkeit zeigte. Auch wenn häufig auf Personen der vorhergehenden Bände Bezug genommen wurde, bleibt das Werk auch ohne deren Kenntnis verständlich. Mit fanatischen Islamisten und in den fatalen Traditionen der Herrenmenschen-Ideologie folgenden genetischen Forschungen bis in die jüngere Vergangenheit packte Lagercrantz gleich zwei heiße Eisen an und setzte den Roman damit einer gewissen Überfrachtung aus. Dabei entwickelt er die Hauptfiguren Mikael Blomkvist und Lisbeth Salander nicht nennenswert weiter. Gleiches gilt für den laut Lagarcrantz Äußerung im Dezember 2018 definitiv letzten Band, der nun unter dem Titel HON SOM MASTE DÖ (Sie, die sterben muss) vorliegt. Am Rande wird hier das Phänomen der "russischen Trollfabriken" und deren Einfluss auf Wahlen und öffentliche Meinung recht klischeehaft abgearbeitet. Es mag an der durch die persönliche Sozialisation andere Sicht liegen, dass die schwedische Gesellschaft bei Langercrantz nicht so hoffnungslos düster wie bei dem engagierten Linken Larsson erscheint. Der Autor versucht nicht, den teils hektischen Reportagen-Stil des Workaholics Larsson zu kopieren und setzt zahlreiche eigene Akzente.

Die deutsche Übersetzung von Susanne Dahmann erschien im HEYNE Verlag unter dem Titel VERNICHTUNG. Der Roman bietet zweifellos spannende Unterhaltung, entfernt sich inhaltlich allerdings merklich noch weiter von seinen Vorläufern - womit weitere Fortschreibungen auch wenig wünschenswert wären ...

Vernichtung - David Lagercrantz
Vernichtung
von David Lagercrantz
(13)
Buch (gebundene Ausgabe)
22,70

DOPESICK - Erschütternder Einblick in ein aktuelles amerikanisches Problem

j.h. aus Berlin , am 06.09.2019

Allein im Jahr 2018 sind in den USA täglich um 250 Menschen an Opioiden gestorben. Die nahezu unglaubliche Zahl illustriert ein trotz seiner Relevanz viel zu wenig bekanntes Problem. Denn die meisten später Süchtigen bekamen diese Schmerzmittel legal vom Arzt ihres Vertrauens verordnet - für Diagnosen, bei denen weniger radikale und Sucht erzeugende Mittel ausgereicht hätten. Doch die Ärzte wiederum wurden und werden durch Zugaben der Pharmaindustrie zu genau diesen Verordnungen und langfristigen Folgerezepten motiviert. Passend dazu wurde erst vor wenigen Tagen der Pharmakonzern Johnson & Johnson von einem Gericht im US-Bundesstaat Oklahoma zu 572 Millionen Dollar Schadensersatz verurteilt, da in den Marketingkampagnen süchtig machende Schmerzmittel verharmlost wurden.

Die US-amerikanische Bestsellerautorin Betty Macy wurde 2012 auf die Heroinepidemie in den Südstaaten aufmerksam und erkannte bald, dass zahlreiche Süchtige und an einer Überdosis Verstorbene als "Einstiegsdroge" legal erhältliche Schmerzmittel wie Oxycodon, Vicodin oder Fentanyl genutzt hatten, die nach einer Operation oder einer Sportverletzung verschrieben wurden. Vielfach brachte sogar eine Überdosis genau dieser Mittel den Tod. Die Autorin reiste durch die USA und sprach mit Süchtigen oder Hinterbliebenen über die in den Abgrund führenden Lebenswege. Dabei konzentrierte die Autorin ihre Recherchen besonders auf das Appalachen-Gebiet, das nach weitgehender Einstellung der Kohleförderung seit längerem zur sozialen Problemregion geworden ist. Kein Wunder also, dass ganze Familien von Opioiden abhängig sind und sich entsprechende Todesfälle häufen. Betty Macys sehr persönliche Schilderungen tragischer Lebenswege teils unter 20-jähriger gehen dabei ganz besonders unter die Haut: "Als Bisch zu Hause ankam, traf er zwei Rettungssanitäter in seinem Vorgarten an. Sein Sohn Eddie besuchte die Oberstufe der Highschool, spielte Fußball, bekam ordentliche Zensuren und hatte vor, eine örtliche Kochschule zu besuchen. Eddie hatte kürzlich darüber geklagt, dass es ihm nicht gut ginge, aber sein Vater wäre nie auf den Gedanken gekommen, dass er an schweren Entzugserscheinungen litt. Er hatte Eddie in Verdacht, getrunken und vielleicht auch Pott geraucht zu haben, aber Pillen hatte er nie in Betracht gezogen. ... Er fragte die Rettungssanitäter, was sein Sohn genommen hatte. 'Oxy', antwortete einer von ihnen. 'Was zum Teufel ist denn Oxy?', wollte Bisch wissen. Als Ed Bisch zum ersten Mal von OxyContin hörte, war sein Sohn bereits daran gestorben." (S. 82 f.) Ausführlich stellt die Autorin auch den Aufstieg der Firma Purdue dar, die genau mit diesem Mittel durch aggressives Marketing zum großen Player wurde und - vergleichbar mit den langjährigen Argumenten der Tabak-Konzerne - jegliche Mitverantwortung für die um sich greifende Sucht von sich wies.

Der HEYNE-Verlag veröffentlichte das in den USA bereits vor 1 Jahr erschienene Buch in deutscher Übersetzung durch Andrea Kunstmann in der HARDCORE-Reihe. Dabei wird das Werk durch ein kurzes Nachwort "Opioid-Abhängigkeit - eine Gefahr auch in Deutschland" ergänzt (Mai 2019), in dem Prof. Dr. Christoph Stein (Charité Berlin) an beunruhigenden Zahlen zeigt, dass auch in Deutschland der Verbrauch opiodhaltiger Schmerzmittel in den letzten Jahren in beunruhigendem Maße gestiegen ist - ohne dass die mediale Öffentlichkeit das bisher wirklich zur Kenntnis genommen hat.

Ein erschütterndes Buch, das auch hierzulande zum Nachdenken anregen sollte!

Dopesick - Beth Macy
Dopesick
von Beth Macy
(3)
Buch (gebundene Ausgabe)
22,70

WIR UND DIE RUSSEN - Egon Krenz zeitgeschichtlich interessante Background-Einblicke

j.h. aus Berlin , am 20.07.2019

"Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen!" Dieser ebenso pathetische wie naive Slogan hat die DDR nicht nur während der Aufbaujahre begleitet. Doch schon bald nach dem Antritt Michail Gorbatschows als neuer erster Mann im Kreml verschwand die Losung. Angesichts von Glasnost und Perestroika wollte die DDR-Führung nun nichts mehr lernen und kreierte statt dessen das Bild des "Sozialismus in den Farben der DDR". Dem vorausgegangen war eine schon länger währende Entfremdung, über die einiges vermutet wurde - deren wahre Hintergründe jedoch nie tatsächlich erforscht wurden. Die offizielle Nachwende-Geschichtsschreibung gefiel sich darin, das Bild greiser DDR-Politbürokraten zu zeichnen, denen mit Gorbatschow eine fehlerfreie Lichtgestalt gegenüberstand. Doch dieses Bild wird den wahren Hintergründen absolut nicht gerecht.

Egon Krenz (*1937), im Herbst 1989 für kurze Zeit Nachfolger Erich Honeckers, zeichnet in seinem Buch "Wir und die Russen" aus eigener Kenntnis das Bild einer über Jahre aufgebauten Entfremdung, die bereits vor dem Antritt Gorbatschows ihren Anfang nahm. Dabei wird der Untertitel "Die Beziehungen zwischen Berlin und Moskau im Herbst '89" dem Buch nur im Ansatz gerecht. Sicher nehmen der Besuch Gorbatschows zur Feier des 40. Jahrestages der DDR und die Reaktionen Moskaus auf die Grenzöffnung einen zentralen Bereich ein - doch das Buch greift deutlich weiter. Und gerade die Ereignisse in den Jahren 1985 bis 1988 sind für den Leser deutlich interessanter - da bisher kaum bekannt. Und die Ereignisse dieser Zeit - mit zahlreichen Quellenangaben belegt - lassen den gefeierten Gorbatschow mitunter reichlich zwielichtig erscheinen. "Nachdem ich mich seit vielen Jahren mit den inneren Ursachen des Niedergangs der DDR beschäftigt habe, versuche ich mit diesem Buch das Dreiecksverhältnis UdSSR, DDR und BRD in den Auseinandersetzungen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu beleuchten, wie ich es in meinen Funktionen erlebt habe. Gerade weil ich vieles aus eigenem Erleben und nicht vom Hörensagen kenne, folge ich nicht jenen, die die DDR von Anfang an nur als Schacherobjekt zwischen der UdSSR und den USA sehen wollen. Was in der Endphase der DDR zweifellos so war, trifft keineswegs auf alle DDR-Jahre und jede sowjetische Führung zu." (S. 22)

In 27 nicht chronologischen Kapiteln analysiert Egon Krenz die zunehmenden Spannungen im Verhältnis der DDR-Führung zu Moskau, wobei bis heute unbekannte Hintergründe beispielsweise zu Erich Honeckers mehrfach verschobenem BRD-Besuch oder zur Verbesserung der Beziehungen zu China einige Ereignisse in einem anderen Licht erscheinen lassen. Neben einem detaillierten Personenregister listen die letzten Seiten des Buches auch 243 im Text gesetzte Fussnoten auf, in denen Erläuterungen gegeben oder weiterführende Quellen genannt werden. Im Schlusskapitel bezieht Krenz auch deutlich Stellung zum aktuellen Verhältnis zwischen Deutschland und Russland: "Russland wehrt sich. Nicht nur Deutschland hat Interessen. Russland auch. Es will gleichberechtigt behandelt werden. Ohne Druck, ohne deutsche Überheblichkeit, ohne oberlehrerhafte Belehrung. In der Propagandasprache der NATO heißt das aber, Russland sei eine Bedrohung. Russland sei aggressiv. Es habe 'imperiale Ambitionen'. Doch bevor die Krim wieder zu Russland kam, hatten EU und NATO die Ukraine in antirussische Stellung gebracht. Haben grundlegende russische Sicherheitsinteressen verletzt. Die Rhetorik der NATO ist die gleiche, wie sie es vor 1990 war: Von Russland geht Gefahr aus! Der Westen hatte an Verhandlungen mit Gorbatschow und Jelzin Gefallen gefunden. Das waren bequeme Partner, die es mit russischen Interessen und mit Prinzipien nicht so genau nahmen. Gorbatschow war so vertrauensselig, dass er 'vergaß' , vereinbarte Absprachen auch vertraglich zu fixieren, was die NATO skrupellos ausnutzte und in Richtung russische Grenze marschieren ließ." (S. 283)

Muss die Geschichte nun neu geschrieben werden? Sicher nicht - jedoch in einigen Facetten bedarf die Darstellung einer besseren Differenzierung als jene bequem-verlogene Schwarz-Weiß-Zeichnung, die von der "Aufarbeitungs-Maschinerie" verbreitet wird und deren Ziel einzig in der Dämonisierung der DDR zu liegen scheint. Und dazu liefert das in der edition ost (Eulenspiegelverlagsgruppe) erschienene neue Buch von Egon Krenz zahlreiche Diskussionsansätze!

Wir und die Russen - Egon Krenz
Wir und die Russen
von Egon Krenz
(2)
Buch (Taschenbuch)
17,50

FILMJAHR 2018/19 - Ärgerliche Entwertung eines unverzichtbaren Nachschlagewerkes

j.h. aus Berlin , am 05.07.2019

Seit 1995 erscheinen jährlich die Nachtragsbände zum LEXIKON DES INTERNATIONALEN FILMS - anfangs im Rowohlt-Verlag und seit vielen Jahren nun im Schüren-Verlag. Zum bisherigen Anspruch der Reihe hier noch einmal ein Zitat vom Backcover der Ausgabe 2017: "Eine Kurzkritik für jeden Film, der 2017 im Kino, im Fernsehen und auf DVD/Blu-ray gezeigt wurde - insgesamt nahezu 2000 Besprechungen."

Die aktuelle Ausgabe kommt nun leider ganz anders daher: Was soll die Umbenennung in "Filmjahr 2018/2019" bedeuten? Die enthaltenen Filme wurden 2018 erstaufgeführt - und somit wird dem Leser eine zwangsläufig nicht vorhandene Tagesaktualität vorgegaukelt. Dass die Beschriftung des Buchrückens völlig anders gestaltet wurde, sieht im Regal neben den Vorgänger-Bänden nicht wirklich gut aus - und neue Kunden werden kaum zu gewinnen sein, da die Jahresbände nur in Kombination Sinn machen. Und nun zum neuen Anspruch: "Das komplette Kino-Angebot und das Wichtigste aus dem Fernsehen und dem Heimkino mit Kurzkritiken und vielen Bildern - insgesamt mehr als 1500 Besprechungen." Wer legt hier nun nach seinem ganz persönlichen Geschmack fest, was DAS WICHTIGSTE ist? Nach meinem Eindruck sind es die seitenweise vorgestellten Polizeiruf- und Tatort-Folgen eigentlich nicht. Hinzu kommt, dass nun - dem Vorbild bunter Fernseh-Illustrierter folgend - krampfhaft für jeden enthaltenen Film eine Bewertung zwischen 1 und 5 Sterne zu sehen ist - die häufig erwartungsgemäß tendenziös ausfällt. Die frühere Markierung besonders sehenswerter Filme war deutlich hilfreicher. In den Stabangaben zu den Filmen wurde auch auf die Angabe der Produktionsfirma verzichtet - eine weitere unverständliche Neuerung. Der eigentliche Lexikon-Anteil kommt nun auf ganzen 220 Seiten daher, die noch mit verzichtbaren Bildern aufgebläht wurden. Die sonstigen essayistischen Beiträge - die in den letzten Jahren schon deutlich mehr Platz einnahmen, wurden hingegen weiter im Umfang gesteigert um "Beiträge aus Filmdienst.de, die bisher nur online zu lesen waren". Und weshalb müssen diese nun nachträglich gedruckt werden - offensichtlich zu Lasten der eigentlich erwarteten Substanz?

Mit der Bewertung "1 Stern" wird das vorliegende Werk ganz bewusst völlig negativ abgestraft - in der Hoffnung, dass sich die verantwortlichen Redakteure für folgende Ausgaben wieder auf die Wurzeln der Reihe besinnen. Sollte das nicht der Fall sein, wird die 2020 erscheinende Ausgabe mit dem Filmjahr 2019 mit Sicherheit die letzte vom Rezensenten erworbene bleiben!

Filmjahr 2018/19
Filmjahr 2018/19
(1)
Buch (Paperback)
25,60

DER EUROPÄISCHE FRÜHLING - Eine bemerkenswert aktuelle Dystopie Europas in naher Zukunft

j.h. aus Berlin , am 27.05.2019

DER EUROPÄISCHE FRÜHLING - soviel sei spoilerfrei vorweg genommen - ist keine Anspielung auf den "Arabischen Frühling". Denn dieser war ja immerhin mit Hoffnungen verbunden, die sich im Rückblick allerdings auch nur sehr eingeschränkt erfüllten und teils durchaus gegenteiliges bewirkten. Jener titelgebende "Europäische Frühling" ist als makaber-geschmacklose künstlerische Performance der Höhepunkt des Romans des hierzulande nun erstmals vorgestellten dänischen Erfolgsautors Kaspar Colling Nielsen (*1974). Jene Performance wird von dem ehemals von linken Punk-Idealen beseelten und nunmehr nur noch geldgierigen Galeristen Stig in einem Dänemark der allernächsten Zukunft veranstaltet, in dessen nahezu unbewohnbar gewordenen Städten Anarchie herrscht. Die Reichen und Schönen haben sich längst auf der Insel Lolland ein eigenes gelobtes Land geschaffen, das von Drohnen gegen Eindringlinge abgeschottet und in jedweder Weise kitschig gestaltet ist. Um mit den nicht integrationswilligen Flüchtlingen fertig zu werden, hat Dänemark in Mosambik Land gekauft und in eine Art Komfort-Lager umgestaltet. Trotz des Aufwandes kann durch die Zwangs-Deportation noch Geld gespart werden. Eine obskure Firma in Lolland - finanziert von einem IT-Milliardär - forscht unterdessen mit Tier-Hybriden an der Unsterblichkeit ...

Es fällt schwer, die ebenso makabre wie auf schwarz-humorige Weise lustige Dystopie über ein Dänemark (oder auch Europa) der allernächsten Zukunft in Worte zu fassen. Die beängstigend lebensnahen Protagonisten könnten - von einigen Übertreibungen abgesehen - auch aus dem Hier und Heute kommen. Politisch durchaus unkorrekt schreckt der Autor vor Pornografie ebensowenig zurück wie vor krassen Geschmacklosigkeiten. Doch auch die größten Übertreibungen können vom wahren Leben eingeholt werden: Die Idee einer Flüchtlingskolonie auf afrikanischem Boden fand den Beifall der dänischen Sozialdemokratie und den Weg in deren Parteiprogramm. In den letzten Kapiteln vor dem kryptischen Ende trägt Kaspar Colling Nielsen allerdings allzu dick auf - vermutlich um die Fiktion etwas deutlicher erscheinen zu lassen.

Der HEYNE-Verlag veröffentlichte den im dänischen Original DET EUROPÆISKE FORÅR bereits 2017 veröffentlichten und zum Bestseller gewordenen Roman nun in hervorragender deutscher Übersetzung von Günther Frauenlob.

Ein durch seine gesellschaftspolitische Brisanz zum Nachdenken anregender Roman, der seit seiner Erstveröffentlichung eher an Aktualität gewonnen zu haben scheint.

Der europäische Frühling - Kaspar Colling Nielsen
Der europäische Frühling
von Kaspar Colling Nielsen
(10)
Buch (gebundene Ausgabe)
22,70

CAPE MAY - Lesenswerter Debütroman über ein junges Paar in den USA der 1950er

j.h. aus Berlin , am 27.05.2019

Kurze Zeit nach ihrem Highschool-Abschluss haben Henry und Effie geheiratet. Im September 1957 verbringen sie ihre Flitterwochen im amerikanischen Ostküsten-Ferienort Cape May, der nach Saisonende verlassen daliegt. Die beiden stammen aus den Südstaaten (Georgia) und haben vor ihrer Ehe noch keine sexuellen Erfahrungen gesammelt. Auch in ihrer einsamen Zweisamkeit bleiben sie in Schüchternheit befangen und beschließen, den Urlaub zu verkürzen. Zufällig begegnen sie der lebenslustigen Clara, die Effie aus früheren Ferientagen in Cape May kennt. Damals wurde sie von der einige Jahre Älteren als Südstaaten-Schönheit verspottet und ist daher über das Wiedersehen wenig erfreut. Doch Clara lädt das junge Paar zu einer ausschweifenden Party ein, deren Auswirkungen das Leben der Eheleute prägen wird ...

Chip Cheek (*1976) legte mit CAPE MAY sein Roman-Debüt vor. Er beschwört glaubwürdig die von unterdrückter Sexualität und Doppelmoral geprägte Atmosphäre der 1950er Jahre wie einst Tennessee Williams in seinen Meisterwerken. Die von Williams gemäß den Tabus der Zeit nur unterschwellig angedeutete Sexualität spielt er sehr explizit aus - ohne jedoch die haarscharfe Grenze zur Pornografie zu überschreiten. Im finalen Kapitel schildert der Autor das weitere Leben des Paars bis in die 1980er im Kurzabriss. "Wir lieben uns, wir mögen uns bloß nicht besonders" (S. 331) sagt dabei Henry über seine Ehe, die wohl nie wirklich aus Liebe entstand und dem Geist der Zeit entsprechend als Zweckbeziehung zum beiderseitigen Nutzen bestehen blieb.

Der BLESSING-Verlag veröffentlichte den im amerikanischen Original 2019 erstmals veröffentlichten Roman in hervorragender Übersetzung von Bernhard Robben. Ein lesenswertes Werk über den amerikanischen Zeitgeist der 1950er Jahre!

Tage in Cape May - Chip Cheek
Tage in Cape May
von Chip Cheek
(24)
Buch (gebundene Ausgabe)
22,70

 
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