Thalia-BuchhändlerInnen im Portrait: Dr. Ralf ROTHER | 362 Rezensionen
Meine Filiale

BuchhändlerInnen im Portrait

Meine Lieblingsbuchhändler

Dr. Ralf ROTHER
aus der Thalia-Buchhandlung in Wien

Gesamte Empfehlungen 362 (ansehen)

Es ist ein Problem aufgetreten. Bitte laden Sie die Seite neu und versuchen es noch einmal.


Alter:
60 Jahre
Abteilung:
Kochen + Natur
Funktion:
Themenleiter
Lieblingsautoren:
Jacques Derrida, Maurice Blanchot, Franz Kafka, Walter Benjamin, Werner Hamacher, Avital Ronell, Gayatri Chakravorty Spivak, Roland Barthes, Herman Melville, Martin Heidegger, Peter Fenves, Samuel Beckett, Georges Didi-Huberman, Giorgio Agamben
Im Beruf seit:
Oktober 2004
Das beste Buch aller Zeiten:
"Worstward ho. Aufs Schlimmste zu" von Samuel Beckett

Meine Favoriten

Meine Empfehlungen

Präzise, ausführlich und sorgfältig

Dr. Ralf ROTHER aus der Thalia-Buchhandlung in Wien , am 06.08.2020

Francois Raffoul dürfte im deutschsprachigen Raum recht unbekannt sein. Bis jetzt wurde keines seiner Bücher übersetzt.
Seine Promotion legte er in der Philosophie an der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales (Paris) über Martin Heidegger ab, bevor er an die State University of New York (Stony Brook) und dann an die LSU wechselte. Sein Forschungsschwerpunkt liegt derzeit im Bereich der europäischen Philosophie insbesondere in dem der französischen Philosophie.
Francois Raffoul hat einige Bücher (Monographien, Sammelbände und Aufsätze) zu Heidegger, Nancy, Derrida, Levinas und Lacan verfasst. In seinem neuen Buch "Thinking the Event" geht Francois Raffoul der Diskussion um das Ereignis nach und konzentriert sich dabei in der Hauptsache auf Arbeiten von Heidegger, Levinas, Nancy, Marion und Derrida. In seinen Ausführungen ist Francois Raffoul präzise, ausführlich und sorgfältig.
Eine vergleichbare Untersuchung zur Frage des Ereignisses, die diese Diskussion zusammenführt, habe ich bislang nicht gelesen. Anmerken möchte ich jedoch, dass ich mir in der Untersuchung von Francois Raffoul etwas von der Radikalität seiner behandelten Autoren gewünscht hätte.

Thinking the Event - Francois Raffoul
Thinking the Event
von Francois Raffoul
(2)
Buch (gebundene Ausgabe)
111,99

Krisen und Skandale

Dr. Ralf ROTHER aus der Thalia-Buchhandlung in Wien , am 30.07.2020

Volker Reinhardt ist in Freiburg als Professur für die Geschichtswissenschaften tätig und gilt als Experte für die italienische Renaissance. In dem umfangreichen Werk "Die Macht der Schönheit" widmet er sich ausführlich der - irgendwie einfach klingenden, dennoch komplizierten - Frage "Was ist Italien?"
Die Beantwortung der Frage würde man gemeinhin einem Politikwissenschaftler oder einer Politikwissenschaftlerin überlassen. Die Politikwissenschaft würde vermutlich - wie auch Volker Reinhardt - mit dem Aufstieg der Stadtstaaten und ihren Rivalitäten beginnen. Die Erzählung würde dann auch von der Entstehung des Königreichs Italien berichten, von der Zeit des Faschismus und der Nachkriegszeit der heutigen Republik Italien mit ihrer Einbindung in die Europäische Union.
Vielleicht wäre aber mit dem Abriss der politischen Abläufe und Institutionalisierungen noch nichts über Italien gesagt. So greift Volker Reinhardt sicherlich zurecht auf den Fundus der italienischen Kunst- und Kulturgeschichte zurück, um sich der Beantwortung der Frage "Was ist Italien?" zu widmen. Damit nähert man sich natürlich dem an, was unter die Begriffe der Nationalästhetik bzw. Kultur- oder Mentalitätsgeschichte fassen kann.
Volker Reinhardt erzählt eindrucksvoll vom Aufschwung der bildnerischen und gestalterischen Kunst sowie ihren Verwicklungen mit den politisch Mächtigen und ihrer Dienstbarkeit und Korrumpierbarkeit angesichts ökonomischer und politischer Machtverhältnisse. Dabei kommt er nicht nur auf die Bildhauerei, Malerei und Architektur zu sprechen, sondern auch auf die Musik, die Mode, auf Autos, den Fußball und den Film. Ausgelassen werden bei dem Spektakel aber auch nicht die Mafia, Berlusconi, Salvini und diverse andere Skandale.
So zeigt sich, dass es Volker Reinhardt mit dem Buchtitel "Die Macht der Schönheit" weder um die Erbaulichkeit noch um die Erhabenheit der schönen Kunst geht, geschweige um eine ästhetische Erziehung der Menschen hin zu einer Nation. Aber es geht ihm um das Ineinandergreifen von Kunst, Kultur, Technik, Politik und Ökonomie, das das hervorbrachte, was wir Italien nennen. Dabei zeigt Volker Reinhardt, dass die "Italianità" sich einer Abfolge politischer und sozialer Krisen verdankt. Der Skandal, die Intrige, die Staatskrise ist in Italien nicht die Ausnahme, sondern der ästhetische Wesenszug Italiens.

Die Macht der Schönheit - Volker Reinhardt
Die Macht der Schönheit
von Volker Reinhardt
(2)
Buch (gebundene Ausgabe)
39,10

Mit der Wucht der Sprache

Dr. Ralf ROTHER aus der Thalia-Buchhandlung in Wien , am 23.07.2020

John Burnsides Bücher sind keine leichte Kost. Ihnen haftet etwas Unverdauliches an. Seine Romane und Erzählungen werden als schwermütig, wortgewaltig, kraftvoll, wüst und dunkel beschrieben.
Das Buch "Lügen über meinen Vater" ist der erste Band seines autobiografischen Projekts. Das Projekt - wie alle Bücher von John Burnside - wurde häufig mit Ehrfurcht und Bewunderung besprochen. Zumeist wurde in dem Zusammenhang betont, dass John Burnside seine schriftstellerische Tätigkeit quasi zu einem therapeutischen Verfahren machte, um Herkunft und Zustand zu erkunden. Und es mag sein, dass ihm das Schreiben zu einer Stütze im Leben wurde: Das Schreiben als ein reflexiver Prozess, der den Klienten oder die Klientin - wie in einer psychoanalytischen Kur - aus Kindheitstraumen und familiären Neurosenzüchtungen herausführen soll.
Jedoch muss ich zugeben, dass mich diese Art von Erbaulichkeit wenig interessiert. Allerdings fand ich die Morbidität und Mortalität im Roman erstaunlich. Dieser Entzug des Daseins kommt geradezu mit Wucht daher. Vielleicht ist es der reflexive Ton im Bericht über die Destruktivität des Vaters - mit dem sich der Erzähler aus seine traumatische Familienkonstellation herauswinden möchte -, der einen Sog auf Leser und Leserinnen ausübt. Es ist aber die Frage, ob man sich in den Strudel von Trauma und Therapie begibt.

Lügen über meinen Vater - John Burnside
Lügen über meinen Vater
von John Burnside
(10)
Buch (Taschenbuch)
10,90

Die Destruktion der Gesetze durch das Recht

Dr. Ralf ROTHER aus der Thalia-Buchhandlung in Wien , am 19.07.2020

Das Buch „Nach dem Gesetz“ von Laurent de Sutter ist zwar erst jetzt im Juni 2020 erschienen, aber in der Originalausgabe wurde es schon im Februar 2018 im Pariser Verlag „Les PUF“ publiziert und erhielt nicht die Beachtung, die es – wie ich meine – verdient.
Laurent de Sutter ist Professor für Rechtstheorie an der Vrije Universiteit Brussel, an der „Faculty of Law and Criminology“, und gehört dort zu der Forschungsgruppe „Contextual Research in Law (CORE)“. Wie sein Forschungsbereich nahelegt, beschäftigen ihn weniger rechtswissenschaftliche, sondern vielmehr rechtsphilosophische und rechtssoziologische Fragen.
Vor seiner Professur arbeitete er in Forschungsprojekten u.a. mit Serge Gurtwirth, Isabelle Stengers, Bruno Latour und Peter Goodrich zusammen. Publizistisch ist er mit Arbeiten von, zu oder über Slavoj Žižek, Gilles Deleuze, Clément Rosset, Louis Althusser, Jacques Rancière und Alain Badiou aufgefallen. Intellektuell bewegt er sich in den Lektüren von Jean-Francois Lyotard, Jacques Derrida, Giorgio Agamben, Jean-Luc Nancy, Philippe Lacoue-Labarthe und Vincent Descombes.
Das Buch „Nach dem Gesetz“ ist bei weitem kein Buch, das sich damit begnügt die Prinzipien des Gesetzes bzw. des Rechts einem Kulturvergleich zu unterwerfen, auch wenn Laurent de Sutter in zehn Kapiteln Gesetzeskategorien unterschiedlicher Kultur- und Ideenräume erläutert: dazu gehören die der griechischen und römischen Antike und des Judentums, jene aus Persien, Indien, China, Japan und Ägypten. Vielmehr geht er dem Verhältnis zwischen dem Gesetz und dem Recht nach. In dieser Beziehung fällt auf, dass im Zuge der Menschheitsgeschichte zusehends jeglicher Aspekt und Bereich, der dem Zugriff des Menschen unterworfen wurde, unter der Herrschaft des Gesetzes fiel. Alles Sein auf Erden fiel unter die Ordnung und den Regeln des Gesetzes. Für alles gibt es Verfahren, Vorschriften, Gebote, Anordnungen, Regel, Auflagen usw. Und dennoch scheint diese Vorherrschaft des Gesetzes einige wesentliche Aspekte vergessen lassen: wie etwa die Differenz von Gesetz und Recht und seine unterschiedlichen Erscheinungsweisen in verschiedenen Kultur- und Ideenräumen. So scheint diese totalitäre Dominanz des Gesetzes mit einem Vergessen seiner selbst zusammenzugehen. Laurent de Sutter zeigt, wie das Gesetz sich als Recht und Rechtsatz durchsetzt, um sich aus seinem eigenen Horizont zu entfernen.
Auszugehen ist, dass das Gesetz ein ontologischer Operator ist. Das Gesetz bewerten, ordnet, regelt, sortiert und beschreibt das Reelle. Es gibt in diesem Sinne kein Gesetz und keine Polizei ohne Ontologie, ohne eine Welt, in der Seiendes vorkommt. So bewegt sich das Gesetz von Beginn an in einem paradoxen Zirkel. Indem das Gesetz „Werte der Ordnung, der Vernunft, der Kohärenz, der Macht und Sicherheit zelebriert“, setzt es sich unmittelbar seiner Angst aus, dass sich etwas dem „legitimen Zustand der Dinge“ entziehen kann. Diese Angst zu versagen, ist dem Gesetz eingeschrieben. So fürchtet sich das Gesetz weniger vor dem, was es nicht erfassen kann, sondern vielmehr vor sich selbst. Und dennoch ist das Gesetz ohne Sanktionen undenkbar wie unwirksam. Es muss das sanktionieren, was sich ihm widersetzt oder entzieht. Das bedeutet jedoch auch, dass sich das Gesetz nur in der Sanktion, im Moment seines Scheiterns verwirklicht.
So zeigt sich, dass das Gesetz weit mehr ist als ein Rechtsapparat, der mit Vorschriften und Sanktionen Macht- und Ordnungsräume einer Gesellschaft herstellt, um deren Sicherheit zu garantieren. Das Gesetz ist vor allem immer auch ein ontologischer Operator, der Trennungen zwischen Sein und Nichtsein, zwischen Ordnung und Nichtordnung einführt. Das Gesetz ist damit stets ein Wissen an der Grenze seines Wissens zu sein. Es unterliegt mithin seinen Zweifeln, seiner Unsicherheit, seiner Angst und seiner Furcht. Stets unterwirft es sich, sich selbst zu vergewissern, was nie gelingt.
„Nach dem Gesetz gibt es das Recht“. Was für Laurent de Sutter heißt, dass das Recht revolutionär ist. Es verharrt nicht in der Ontologie des Gesetzes. Rechte können gefordert werden und werden permanent neu erfunden, um den „neuen Modalitäten der Transformation des Seienden“ anzupassen. „Das Recht arbeitet sich am exzessiven Aspekt [des] Werdens ab“, womöglich mit dem Wissen, nicht im Recht zu verharren und aufs Recht zu beharren. Mit einem Recht, das das Gesetz überwinden kann, gibt es die Chance eines Zusammenlebens jenseits der ontologischen Tyrannei des Gesetzes.

Nach dem Gesetz - Laurent de Sutter
Nach dem Gesetz
von Laurent de Sutter
(2)
Buch (gebundene Ausgabe)
25,70

Protokoll eines Lebens unter Rassismus

Dr. Ralf ROTHER aus der Thalia-Buchhandlung in Wien , am 18.07.2020

Das Buch ist keinesfalls ein Buch, das beruhigt. Das will das Buch auch nicht.
Die autobiografischen Schilderungen aus dem Leben der queeren afroamerikanerin Patrisse Khan-Cullors berichten vom alltäglichen Rassismus in den USA, der segregierend, brutal und mörderisch ist. Ihre Aufzeichnungen geben recht anschaulich die flächendeckende Struktur des US-amerikanischen Rassismus detailliert wieder, von dem die nicht-weiße Bevölkerung der USA weitgehend und jeden Tag betroffen ist.
Wenn man bedenkt, dass Oluale Kossula, jener Mann, der mit dem letzten US-amerikanischen Sklavenschiff aus Afrika verschleppt wurde, erst 1935 verstarb. Wenn man bedenkt, dass der amtierende US-amerikanische Präsident seine erste öffentliche Wahlkampfveranstaltung im Jahr 2020 für Ende Juni in Tulsa plante und als Datum den Juneteenth-Gedenktag wählte, wodurch die Gedenkveranstaltung zu den Massakern von Tulsa verschoben werden musste.
An einer Stelle im Buch heißt es: "Ein Mann, der offen für Bigotterie, weiße Vorherrschaft und Frauenfeindlichkeit wirbt, steht kurz davor, eine der mächtigsten Ämter der Welt zu übernehmen."
Patrisse Khan-Cullors gehört zu den MitbegründerInnen der Black Lives Matter Bewegung, die 2013 anlässlich der rassistischen Polizeigewalt und Tötungen durch Polizisten gegründet wurde. Das Buch schrieb sie zusammen mit der Schriftstellerin und Journalistin Asha Bandele.
Das Buch ist ein politisches Buch und in dem Sinne ein politisches Buch, wie es auf Missstände, Ungerechtigkeiten und Verbrechen hinweist.
Und zum Glück gibt es jene Menschen wie Patrisse Khan-Cullors und ihren MitstreiterInnen, trotz der Gewalt, der sie ausgesetzt sind.

#BlackLivesMatter - Patrisse Khan-Cullors, Asha bandele
#BlackLivesMatter
von Patrisse Khan-Cullors
(6)
Buch (gebundene Ausgabe)
20,60

Gezeigtes und Erfundenes

Dr. Ralf ROTHER aus der Thalia-Buchhandlung in Wien , am 14.07.2020

Zum Glück finden sich vereinzelte Verlage immer wieder bereit, sogenannte „Klassiker“ der Literatur erneut aufzulegen bzw. zu übersetzen. Obwohl diese „Klassiker“ zum Teil immensen Einfluss auf ihre Leser und Leserinnen hatten, verschwinden sie ständig aus den Verlagsprogrammen wie aus den Regalen der Buchhandlungen.
Ein Verlag, der sich – neben einigen anderen – bemüht, dem entgegenzuwirken, ist der Matthes & Seitz Verlag. Stets erstaunt er aufs Neue mit seinen Grabungen in der Literaturgeschichte.
Diesmal ist es Antonin Artaud, dem er sich widmet, dessen Buch „Heliogabal oder der Anarchist auf dem Thron“ nun nach 40 Jahren wieder publiziert wird.
Mit seinen theoretischen Schriften zum Theater (Stichworte: Theater der Grausamkeit, Theater und sein Double, Mimesis, Atem, Schrei, Inszenierung) gewann Antonin Artaud beträchtlichen Einfluss auf die Theater- und Filmpraxis, aber auch auf die Literatur und Philosophie. Zu seinen bekannten Lesern und Leserinnen gehörten Paulhan, Gide, Dubuffet, Barrault, Balthus, Derrida, Deleuze, Guattari, Foucault, Fassbinder, Kane, Sontag, Brook, Shepard, Rihm, Zorn u.a.
Vielleicht kann sich der eine oder die andere noch an die Artaud-Ausstellung im Mumok im Jahr 2002 in Wien erinnern.
Das Buch „Heliogabal oder der Anarchist auf dem Thron“ handelt vom römischen Kaiser Heliogabal (auch: Elagabal), dessen Hang zum sexuellen Laster, zur Dekadenz und Brutalität in die Geschichtsbücher einging. Seine Herrschaft war geprägt von Korruption, Intrigen und politischen Morden. Als ein weiterer Skandal seiner Herrschaft galt seine Religionspolitik, die orientalische Kulte und Bräuche in Rom zu etablieren versuchte. Letztlich fiel er selbst einem politischen Komplott zum Opfer, wurde ermordet, geschändet und in den Tiber geworfen.
In seinem essayistischen Roman stellte Antonin Artaud die abgründigen Grausamkeiten in den Mittelpunkt seiner Ausführungen, die sich um den römischen Kaiser ranken: samt den sexuellen „Perversionen“ und politischen Brutalitäten.
Jean Paulhan bemerkt zum Buch: „Ob es nun wahr ist oder nicht was hat […] das zu interessieren, wenn es denn schön ist und in diesem Buch die Vorstellung eines Wahren und eines Höheren Wirklichen zu finden sind – die Daten sind wahr, alle geschichtlichen Ereignisse, deren Ausgangspunkt wahr ist, sind interpretiert, viele Einzelheiten erfunden; […] es gibt Überspitzungen und Übertreibungen in den Bildern, maßlose Behauptungen; aber so kommt es zu einer Atmosphäre panischer Verwirrung, die dem Rationalen den Boden unter den Füßen wegzieht, in welcher der Geist aber in voller Montur vorankommt.“

Heliogabal - Antonin Artaud
Heliogabal
von Antonin Artaud
(2)
Buch (Paperback)
10,30

Mit Vorbehalt

Dr. Ralf ROTHER aus der Thalia-Buchhandlung in Wien , am 06.07.2020

Agambens Buch "Homo Sacer. Die souveräne Macht und das nackte Leben" erschien im Jahr 2002 in deutscher Übersetzung. Obwohl er sich in Italien, Frankreich und in den USA schon längst mit seinen Arbeiten zu Benjamin und Heidegger einem Namen gemacht hat, wurde er im deutschsprachigen Raum erst mit seinem Homo sacer-Projekt rezipiert. Mittlerweile ist der letzte Band der doch umfangreichen Homo sacer-Reihe erschienen, die nun neun Bücher umfasst. Wenn am Beginn Agambens Auseinandersetzung mit der Lager- und Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten und seine Neuinterpretation der Biopolitik in Anknüpfung an Foucault und Arendt im Zentrum stand, so hat er sich im letzten Buch der Reihe im wesentlichen mit der Grundstruktur beschäftigt, der sich diese Politik der Ausgrenzung und Vernichtung verdankt.
Wie in vielen anderen seiner Bücher beeindruckt Agamben mit seiner Belesenheit, die auch selten zitierte Werke antiker und mittelalterliche Autoren und Autorinnen berücksichtigt. Im Mittelpunkt seiner Analyse steht jedoch eine detaillierte Auslegung der Werke von Aristoteles und Heidegger. Für Agamben scheint es festzustehen, dass die griechische Philosophie - insbesondere die von Aristoteles - die Weichen gestellt hat, die unser biopolitisches Denken prägen: Dabei konzentriert er sich bei seinen Aristoteles-Analysen auf die Begriffspaare bios / zoe und Potentialität / Aktualität.
Ausgangspunkt der umfangreichen Untersuchung sind aber die Körper der Sklaven, die unmittelbar und in brutaler Weise von jener dichotomische Spaltung betroffenen waren. So galt die Tätigkeit des Herrn als produktiv, schöpferisch und ein Werk herstellend, während die körperliche Tätigkeit der Sklaven als eine Tätigkeit ohne Werk verstanden wurde. Agamben versteht es diese dichotomische Spaltung der Arbeit als die Matrix unseres Wirtschaftslebens aufzuzeigen. Dabei zieht er einen Interpretationsbogen von der antiken Sklavenhaltung bis zum Ausnahmezustand produzierenden Staat und zu den durch ihn bedingten brutalen Ausbeutungsverhältnissen im Liberalismus der sogenannten freien Marktwirtschaft.
Ich muss zugeben, dass ich schon seit einigen Jahren gegenüber Agambens Arbeiten auf Distanz gehe, auch wenn ich sie schon seit den 1990er Jahren mit "intellektuellem Vergnügen" lese. Eher stimme ich Derridas und Nancys Vorbehalten gegenüber Agambens Versuchen zu, in allen politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen die wirkungsmächtige biopolitische Matrix werken zu sehen.

Der Gebrauch der Körper - Giorgio Agamben
Der Gebrauch der Körper
von Giorgio Agamben
(3)
Buch (gebundene Ausgabe)
25,70

Wie das Kochen, so die Küche, so das Buch. Großartig!

Dr. Ralf ROTHER aus der Thalia-Buchhandlung in Wien , am 03.07.2020

Ferran Adrià hat sein neues Buch herausgegeben. Für alle, die es nicht wissen: Er war der Chefkoch des legendären Restaurant elBulli im katalonischen Spanien, das er zusammen mit seinem Bruder Albert Adrià betrieb. Schon vor einigen Jahren wurde es geschlossen, wohl budgetären Gründen, aber auch um - wie es hieß - mit einem neuen Konzept zu starten.
Das neue Buch geht aufs Ganze und beginnt mit der Frage aller kulinarischen Fragen: "What is Cooking?"
Die Küche des Restaurants war für seine naturwissenschaftliche und konzeptionelle Herangehensweise bekannt und berüchtigt. Es revolutionierte die Küche weltweit, wie zuvor nur Bocuse es mit der Nouvelle Cuisine schaffte.
Wie das Kochen, so die Küche, so das Buch. Großartig!

What is Cooking - Ferran Adrià
What is Cooking
von Ferran Adrià
(2)
Buch (gebundene Ausgabe)
85,99

Die Biografie der legendären Band Joy Division

Dr. Ralf ROTHER aus der Thalia-Buchhandlung in Wien , am 26.06.2020

Diejenigen, die sich mit britischer Rock- und Pop-, vor allem mit Punkmusik beschäftigen, ist der Autor Jon Savage ein Begriff. Er ist mittlerweile mit einigen Publikationen in Erscheinung getreten. Das neuste Buch von ihm ist eine Biografie der Punk bzw. Postpunk-Band Joy Division und trägt den schönen Titel „Sengendes Licht, die Sonne und alles andere“.
Gewiss, Jon Savage kann aus dem Vollen schöpfen. Seit Jahrzehnten hat er quasi seine Feldforschungen betrieben und Interviews geführt und gesammelt. So breitet er seine Forschung zur Oral History der Band Joy Division zusammengepuzzelt aus unzähligen Interviews aus.
Dabei beginnt er mit Geschichte der Stadt Manchester, mit der Geschichte ihrer Menschen, den Arbeits- und Lebensbedingungen ihrer Bewohner und Bewohnerinnen. Von dieser urbanen Geschichte aus fängt Jon Savage an die Entwicklung der Musik der Stadt und ihrer Bands zu beschreiben.
Detailliert führt das Stückwerk der Interviews von den Gründungsmomenten der Band Joy Division zu ihrem Abgang. Wie in einem Bühnenstück tauchen in dem Cluster all die Protagonisten dieser Zeit auf: Sex Pistols, The Clash, The Slits, Buzzcocks, Iggy Pop und die unendlich vielen anderen Bands.

Sengendes Licht, die Sonne und alles andere - Jon Savage
Sengendes Licht, die Sonne und alles andere
von Jon Savage
(3)
Buch (gebundene Ausgabe)
20,60

Ein charmanter Krimi über das Verschwinden

Dr. Ralf ROTHER aus der Thalia-Buchhandlung in Wien , am 24.06.2020

Ich gebe zu, dass ich keinen besonderen Hang zu Kriminalliteratur habe. Und dennoch möchte ich das Buch empfehlen, da es mehr ist als ein Krimi. Es ist gut geschrieben, behandelt auf seine Art das Sterben, das Verschwinden und das Vergessen und besitzt in seiner lakonisch-ironischen Ausdrucksweise einen wunderbaren Charme.

Aufzeichnungen eines Serienmörders - Young-ha Kim
Aufzeichnungen eines Serienmörders
von Young-ha Kim
(4)
Buch (gebundene Ausgabe)
20,60

 
zurück