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Polar aus Aachen

Gesamte Bewertungen 271 (ansehen)


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Auf dem Operationstisch

Polar aus Aachen , am 20.01.2009

Dieser Thriller ist nichts für jemanden, der nicht gerne zum Arzt geht und weißen Kitteln misstraut. Abseits der bewährten Serientäter, die Jane Rizzoli jagt, erzählt Tess Gerritsen in Kalten Herzen mitten aus dem Operationssaal, einem Bereich, in dem sie sich bestens auskennt. Und so führt die Autorin uns durch eine Welt, in der Entscheidungen über Leben und Tod gefällt werden, wo jegliche Moral am besten ausgeklammert wird, um Karriere zu machen und das Gewinnstreben zur obersten Maxime erklärt wird. Natürlich gibt es auch da Menschen, die sich einen Rest Mitgefühl bewahrt haben und Fragen stellen, die Kollegen unangenehm sind. Auch wenn gleich zu Beginn. der Plot um russischen Organhandel durchscheint, auf den Gerritsen ein Polizist aufmerksam gemacht haben soll, gelingt es ihr, der angehenden Chirurgin Abby zunehmend eine Schlinge um den Hals zu legen. Das Ganze beginnt, als sie sich entscheidet, einem Jungen zu helfen, der ohne Transplantation sterben würde, und die Erfahrung machen muss, dass man sich besser nicht gegen das eigene Krankenhaus stellen sollte, wenn ein reicher Ehemann auf Rache sind. Die Götter in Weiß sind nicht unangreifbar. Auch sie kann man mit fingierten Prozessen überhäufen. Brenzlig wird es erst wenn die Kollegen einen im Regen stehen lassen. Dem Plot fehlt es mitunter an Spannung, erinnert in ihrer Chefetagenkriminalität an Die Firma von Grisham doch die Innenansicht macht das platte Konstrukt wett. So abschreckend, dass man sich ernsthaft fragt, ob man seinen Spenderausweis noch bei sich tragen will. Als Ersatzteillager ohne Einfluss wandert eine Niere schon mal in den Müll, wenn sich zu gegebener Zeit kein Abnehmer findet, während vielleicht Herz und Leber auf Wanderschaft gehen. Allein der Gedanke, dass mit einem gehandelt wird, macht die Galle schon unbrauchbar.

4 von 7 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.
Kalte Herzen - Tess Gerritsen
Kalte Herzen
von Tess Gerritsen
(21)
Buch (Taschenbuch)
10,30

Unter Schatten

Polar aus Aachen , am 14.12.2008

Selten entgehen Serienhelden einer gewissen Langeweile, weil sie sich Fall für Fall durchs Leben kämpfen und einem zu vertraut werden. Jo Nesbos Harry Hole gehört nicht dazu. Dass verdankt er einem Autor, der ihn nicht nur mit einem schillernden Charakter ausgestattet hat, der sich vielmehr darauf versteht, die Verbrechen so geschickt zu verschlüsseln, dass sie, selbst wenn es an die Aufdeckung geht, überraschende Haken schlagen. Niemand kann ein Ende wie hier so überzeugend vertreten wie Nesbos Harry Hole. Dass er nicht nur vom Alkohol gezeichnet ist, sich Anweisungen seiner Vorgesetzten durch stoisches Überhören zu widersetzen weiß, kennt man aus früheren Romanen. In Der Erlöser verliebt er sich beinah wieder, widersteht der Versuchung jedoch im letzten Moment, weil er einen Schatten zu spüren glaubt. Die persönliche Tragödie geschieht nebenher. Harry Hole schwimmt die ganze Zeit gegen den eigenen Strom an. Er weiß, wenn er sich nicht mehr bewegt, wird er untergehen. Das dunkle Geheimnis einer Vergewaltigung, die am Anfang beschrieben wird, wächst zum bleiernen Gefühl der Erniedrigung an, mit dem sich die Opfer durchs Leben schleppen. Nesbo braucht die Tat nicht auszustellen, um Gewalt an sich zu stilisieren. Er beschreibt sie als ein Verbrechen, von dem man nicht erlöst wird. Dass er die Handlung ausgerechnet ins Milieu der Heilsarmee verlegt, verschafft ihr zusätzliche Brisanz. Unter den scheinbar Gutmütigen toben sich die Abgründe ebenso aus, wie in der normalen Welt. Auch hier geht es um Einfluss, Macht, lässt man sich bestechen. Mit Der Erlöser wirft Jo Nesbo wiederum einen scharfen Blick auf seine Welt. Seine Antwort ist nicht unbedingt konsensfähig, bei weitem nicht Besserwisserisch. Sein Harry Hole ist zu schwach, um sich zum Helden aufzuschwingen. Er lebt von Tag zu Tag. Wie wir mit Nesbo von Fall zu Fall.

0 von 2 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.
Der Erlöser / Harry Hole Bd.6 - Jo Nesbo
Der Erlöser / Harry Hole Bd.6
von Jo Nesbo
(9)
Buch (Taschenbuch)
12,40

Im großen Bogen

Polar aus Aachen , am 08.12.2008

Weit ist die Geschichte gespannt, die Michael Köhlmeier in seinem Roman erzählt. Auch wenn man sich zwischendurch wünscht, er hätte den einen oder anderen Schlenker ausgelassen, um nicht jedes Feld seit der K.u.K-Monarchie zu besetzen und mit seiner Familiengeschichte zu verknüpfen, ist ihm doch ein unterhaltsamer Roman gelungen, der mit glänzenden Passagen aufwartet. Nicht zuletzt wenn ein Nachbarn den Hund des Helden tötet, obwohl er nur auf ihn aufpassen soll, der Besitzer ausrastet, sich rächen will und seinerseits in einen Gewehrlauf stiert, um als Nazi beschimpft zu werden und erniedrigt davonzuschleichen. Köhlmeiers ausgeprägter Hang zur Beschreibung einer glänzenden, von Selbstzweifeln geprägten Musikerexistenz, die detailliert Abgründe wie Triumphe eines solchen Lebens nachzeichnet, fasziniert in ihrer gnadenlosen Spiegelung. Der Begnadete Vater des Helden ist ein Genie und doch zerbricht sein Leben und das seiner Familie fast mit. So tauchen in dem Roman Figuren auf, die allesamt irrlichtern, sich begegnen, kreuzen, verlieren. Mit dem Etikett Künstlerroman ist der Geschichte schwer beizukommen. Eher hastet hier ein Sohn der Vergangenheit hinterher und versucht den Menschen gerecht zu werden, denen er darin begegnet, indem er sie aus der Zeit, den Träumen, dem Scheitern zu verstehen versucht. Nicht zuletzt, um zumindest dem Vater zu verzeihen. Bemerkenswert wie Köhlmeier dabei Fiktion und Fakten verbindet und eine Familie vor uns entsteht. Vom Sterbebett aus - und was sind Erinnerung anders als in ein Sterbebett eingebunden - lässt sich vermutlich leichter, versöhnlicher erzählen.

1 von 2 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.
Abendland - Michael Köhlmeier
Abendland
von Michael Köhlmeier
(8)
Buch (Taschenbuch)
12,30

Vereint

Polar aus Aachen , am 26.11.2008

Dr. Jekyll & Mr. Hyde ist ein Urahn heutiger Psychothriller. Ihm haftet etwas Manisches, ein Fieberzustand, pure Schizophrenie an, wenn der Schuldige erzählt, wie er aus Wissensdurst, Neugier sich auf abseitige Pfade begeben hat, seinem dunklen Charakter mehr und mehr verfiel. Robert Louis Stevenson beweist nicht nur in dieser Geschichte, welch hervorragender Erzähler er ist. Wenn heute von Klassikern gesprochen wird, liegt auf seinem Werk wohl der wenigste Staub. Ohne der Neigung zur Effekthascherei nachzugeben, beschreibt er minutiös den Verfall eines Mannes. Er nähert sich ihm von außen her, wegen eines seltsamen Testaments. Sein Schrecken besteht vor allem in der Frage an uns selbst, was womöglich da in jedem von uns schlummert, und das nur deswegen nicht zu Tage tritt, weil wir uns noch keinen Trank zusammengemixt haben, der es freisetzt. Heutzutage würde die Geschichte in Blut und Schrecken ertränkt werden. Der Schrecken bei Stevenson besteht in der Angst, die der Mensch vor sich selbst hat, in der Unumkehrbarkeit des einmal in Gang gesetzten Prozesses. Wer heute über Psychopathen schreibt, sollte bei Stevenson nachschlagen. Er kommt mit recht wenig aus. Er lässt seine Figuren nur zu Wort kommen.

0 von 1 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.
Der seltsame Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde - Robert Louis Stevenson
Der seltsame Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde
von Robert Louis Stevenson
(7)
Buch (Taschenbuch)
6,20

Zerstörerisch gegen sich selbst

Polar aus Aachen , am 17.11.2008

Eine Tote in einer Fischerhütte, die sich als die engste Mitarbeiterin eines Bergbaumagnaten herausstellt. Asa Larssons Schwarzer Steg entwickelt sich zu Anfang verheißungsvoll. Die Autorin sprengt die Ketten der ersten Romane um die Polizeikommissarin Anna Maria Mella und die Anwältin Rebecka Martinsson und wendet sich dem Wirtschaftsverbrechen zu. Zwei Starke Frauen, von denen eine sich immer wieder in Bredouille bringt, obwohl sie ein sehr auf sich bedachtes Leben führt, geradeso als lege sie es darauf an, verletzt zu werden. Im Mittelpunkt steht Mauri Kallis, der das Verlierersyndrom auf dem Weg nach oben abgestreift hat, um in den Olymp der Reichen aufzusteigen, in dem man nur miteinander umgeht und sich abschottet. Nicht selten wird in diesem Kreis auf den Niedergang einer Aktie gewettet, ein Machtwechsel in der dritten Welt betrieben, um Schürfrechte abzusichern. So führt Asa Larsson ihre Geschichte erstmals über die Grenzen Schwedens nach Afrika und weist die Flecken nach, die ein ungebrochener Aufschwung mit sich bringt. Was in den beiden Vorgängern durch religiöse Verstrickungen zu einer komplexen Persönlichkeitsstruktur vor allem bei Rebecca Martinsson führt, verblasst in diesem Roman. Der schwarze Steg ist vorhersehbar, moralisch abgesichert, die Geschichte der Guten gegen die Bösen und endet, wie der Titel vorgibt, auf einem wackligen Steg. Wer die beiden Vorgänger nicht kennt, mag die Autorin für sich entdecken, wer bereits mehr von Asa Larssons psychologischen Abgründen gelesen hat, wird enttäuscht sein.

0 von 1 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.
Der schwarze Steg - Åsa Larsson
Der schwarze Steg
von Åsa Larsson
(3)
Buch (Taschenbuch)
10,30

Verbunden

Polar aus Aachen , am 23.10.2008

In Zeiten der Chatrooms, der Mails mag ein Gespräch über eine Telefonleitung etwas antiquiert erscheinen. Die Grundlage für freimütige Geständnisse, die nur auf Grund von Anonymität Zustande kommen, ist weiter verfeinert worden, zu einem gesellschaftlichen Phänomen geworden. Bei Baker stellt ein erotischer Kontaktservice die Verbindung zwischen Jim und Abby her. In unseren Zeiten streunen im Netz Nicknames auf der Suche nach Gleichgesinnten umher. Ist die Verbindung erst hergestellt, wachsen die verklemmte wie offene Erotik, der folgenlose Flirt wie die Entblößung, das Geständnis wie die Lüge schnell heran. Niemand kann sich sicher sein, dass der andere die Wahrheit über sich preisgibt. Was einen Reiz ausmacht, herauszufinden, wie weit jemand geht, sich in Widersprüche verstrickt, Vertrauen aufzubauen beginnt. Was bei Baker als Konzert zweier Stimmen beginnt, verschmilzt im Verlauf zum Abbild einer Gesellschaft, die sich weiterhin versteckt, wenn sie sich aus dem Dickicht des Alltags hervortraut. Bakers Anfang der neunziger Jahre erschienener Roman behält auch unter veränderten Vorzeichen den Finger am Puls der Zeit. In ihm geht es um zutiefst menschliche Anliegen: Was darf ich mich trauen, was darf ich nicht, darf ich es vor allem aussprechen, mir selbst eingestehen, indem ich es jemand anderem anvertraue. Das Gefühl einsam zu sein, sich selbst als fremd zu empfinden, weht durch Bakers Geschichte trotz aller marktschreierischer Eingeständnisse. Dass der Autor dies allem mit Humor beizukommen versucht, gehört zu den Stärken seiner verlorenen Stimmen.

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Vox - Nicholson Baker
Vox
von Nicholson Baker
(3)
Buch (Taschenbuch)
8,30

Gute Absichten

Polar aus Aachen , am 23.10.2008

Es gibt Stücke, die verlieren mit den Jahren seit ihrer Ur-Aufführung an Brisanz, ohne dass man sicher sein darf, dass sie diese zu anderen Zeiten wiederfinden werden. Der Besuch der alten Dame mit der klaren Frage nach der Moral ist so klar in Schwarz Weiß geschieden, dem Rachdurst einer gekränkten Frau, dem Gewinnstreben einer zuvor schockierten Gemeinschaft ausgeliefert, dass man sich in unseren Zeiten, die sich in unzählige Bilder, Gründe, in eine Vielzahl an Informationen aufsplittert, zwar nach einer so simplen Wahrheit sehnt, sie jedoch im eigenen Alltag nicht wieder zu finden glaubt. Zwar ist es verwerflich, was die alte Dame unter liberalem Blickwinkel fordert, doch macht das den männlichen Frevel, eine Frau zu schwängern und sitzen zu lassen nicht ungeschehen. Das Dorf hat sich schon viel früher schuldig gemacht und beweist nur einmal mehr, dass Moral nur solange eine Rolle spielt, wie sie nicht eingefordert wird. Nicht erst seitdem sich die Bewohner zum Mord berufen fühlen. Gräbt man tief genug in Dürrenmatts Stück so findet man sicher Manches, was sich aufzuführen lohnt. Doch verstaubt, gefangen im Turm der modernen Klassik, den benotbaren Analysen von Deutschlehrern zum Abschuss freigegeben bleibt es schon.

0 von 1 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.
Der Besuch der alten Dame - Friedrich Dürrenmatt
Der Besuch der alten Dame
von Friedrich Dürrenmatt
(41)
Buch (Taschenbuch)
10,30

Courtage

Polar aus Aachen , am 21.10.2008

Dass ein Haus im Mittelpunkt von Streitereien steht, ist nicht neu. Entweder ringen Erben um den Verkauf oder Käufer um den Erwerb. Dann ist der Makler gefragt, muss auf beide Seiten eingehen, Brücken schlagen, die Parteien beim Notar zur Unterschrift bewegen. Dazu gehört viel psychologisches Fingerspitzengefühl, aber auch Härte. Im Schwanenhaus von Martin Walser hat eine Familie das Schwanenhaus verloren, seinen Wert nicht zu schätzen gewusst. Ist es nur eine gemauerte Festgeldanlage, die sich am Spieltisch einsetzen läßt, um abgerissen zu werden, oder ein Juwel, an dem man sich ergötzen sollte, um es auf alle Zeit hin zu bewahren? Dr. Gottlieb Zürn ist eine typischer Walser-Figur: Im Grunde fest im Leben verankert, ausreichend abgesichert, in sich jedoch zutiefst verunsichert, was er natürlich niemals zugeben würde. Im Verlauf der Handlung wird schnell klar, dass er den Kampf um das Schwanenhaus nur verlieren kann. Und so bricht die kleinbürgerliche Tragödie am Ende über ihn herein. Zürn der hoffnungslose Romantiker, der sich der Welt des Immobilienhandels verschrieben hat, deren Gesetze nie seine waren. Die Konjunktur steckt in der Flaute, ihm fehlte jede Eloquenz, die seine Konkurrenten auszeichnet. Zu empfindsam fürs Geschäft sieht er sich als Dichter des Schönen und Guten. Walsers Helden sind nicht dem Untergang verschrieben, sie werden auch anschließend weiter leben, nur vermögen sie es nicht, ihrem Leben einen Stand zu geben. Ihnen hat Walser im Fliehenden Pferd ein Denkmal gesetzt, Das Schwanhaus fällt dahinter zurück, weil Dr. Zürn eine allzu bemitleidenswerte Person ist, die am Ende getröstet werden muss. Der Kampf ums Schwanhaus ist verloren, ob es noch einen gibt, als Leser glaubt man es kaum.

0 von 1 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.
Walser, M: Schwanenhaus - Martin Walser
Walser, M: Schwanenhaus
von Martin Walser
(1)
Buch (Taschenbuch)
8,80

Diesseits des Vorhangs

Polar aus Aachen , am 21.10.2008

Denkt man an Uwe Johnson fallen einem sofort die Jahrestage ein. Jenes monumentale Werk über das Leben in der DDR und das Überleben im Westen. Schon in dem 1959 erschienen Roman Mutmassungen über Jakob blitzt bereits das schriftstellerische Können Uwe Johnsons auf, das seine späten Jahre prägen wird. Seine Welt setzt sich aus Versatzstücken zusammen, ist als Ganzes nicht zu fassen, muss erforscht, erneut zusammengesetzt werden. Er nähert sich der Wirklichkeit durch die Erinnerungen anderer. In den Mutmassungen verschwindet ein junger Mann und zurück bleiben nur Fragen. Aus den Antworten setzt Johnson nicht nur sein Leben zusammen, er spiegelt auch die DDR wie den Westen, zeigt das Werben der Stasi um Mitarbeiter, erzählt vom Ungarn-Aufstand, zeichnet ein zerrissenes Deutschland nach, durch das sich ein bleierner Vorhang zieht, hinter dem man verschwindet und wieder auftaucht. Nach dem Fall der Mauer, mit dem Abstand der Jahre ist dieses Deutschland nicht wie zu Zeiten der Bundesrepublik aus Sicht zweier Länder zu betrachten, vielmehr als ein in Teilen zerfallenes Land, für das Uwe Johnson ein faszinierendes literarisches Bild gezimmert hat. Und so bleibt selbst Jakobs Tod mysteriös, gleicht einem Puzzle, bei dem vielleicht das ein oder Teil verloren gegangen ist. Der erste Satz: Aber Jakob ist immer quer über die Gleise gegangen, fasst ein Leben zusammen, ein Kapitel deutscher Geschichte. Niemand vermochte wie Johnson so brillant davon zu erzählen

0 von 1 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.
Mutmassungen über Jakob - Uwe Johnson
Mutmassungen über Jakob
von Uwe Johnson
(2)
Buch (Taschenbuch)
10,30

Denn der Haifisch der hat Zähne

Polar aus Aachen , am 20.10.2008

Was für ein Titel. Für drei Groschen eine ganze Oper. Augenzwinkernd erzählt Brecht von Not und Armut und davon, wie man selbst damit Geschäfte macht. Brecht hat bei Shakespeare gelernt: Willst du Missstände anprangern, übertreibe, mach sie komisch, lass deine Schauspieler ein leicht ins Ohr gehendes Lied singen, dann werden die Zuschauer die Botschaft nicht vergessen. Irgendwas bleibt haften. Und so sangen sie nach der Uraufführung das Lied von Mackie Messer. Die Verhältnisse sind wie bei Hofe in Brechts Stücken, sie spielen in den Niederungen. Auch wenn die soziale Schärfe, die Brecht mit der Dreigroschenoper in den 20er Jahren anprangerte, heute einer anderen sozialen Härte gewichen ist, so bleibt doch der tief sitzende menschliche Charakterzug der Korruption, der Gier, der Machterhaltung gepaart mit Schläue. Wer überleben will, muss sich etwas einfallen lassen. Wer die Dreigroschenoper als Bild mit Bettlern inszeniert, dringt nicht zu ihrem Kern vor. Es ist immer das Lachen, das einem im Halse stecken bleibt, damit sich etwas ändert. So ist die Dreigroschenoper modern, obwohl sie zeitweise ins Operettenfach abgeschoben wird. Peachum, Polly, Mackie Messer gehören zum deutschen Wesen wie Faust. Auch wenn sie englische Namen tragen.

1 von 1 Kunden fanden diese Bewertung hilfreich.
Die Dreigroschenoper. edition suhrkamp - Bertholt Brecht
Die Dreigroschenoper. edition suhrkamp
von Bertholt Brecht
(3)
Buch (Taschenbuch)
6,20

 
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