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Mikka Liest aus Hilter am Teutoburger Wald

Gesamte Bewertungen 348 (ansehen)


Meine Bewertungen

Wirklich nur eine Lüge?

Mikka Liest aus Hilter am Teutoburger Wald , am 24.08.2018

“Vier.Zwei.Eins.” ist eines von diesen Büchern, bei deren Lektüre man sich schnell ein Urteil bilden kann: das sind die Guten, das sind die Bösen, das ist die Wahrheit, das ist eine Lüge. Doch dann passiert etwas, das alles über den Haufen wirft: man bildet sich neue Meinungen und neue Urteile – schon schwurbelt die Autorin wieder alles durcheinander, und am Schluss ist alles ganz anders als gedacht.

Ich mag solche Bücher.

Ich finde es auch nicht tragisch, wenn sie nicht hundertprozentig in die üblichen Schemata für ‘Thriller’ oder ‘Krimi’ passen, sondern eher… Ja, was eigentlich sind? Ein Genremix, vielleicht: Thriller verrührt mit Krimi, abgeschmeckt mit ein wenig Gegenwartsliteratur, gewürzt mit einem Hauch Drama.

Damit will ich nicht unbedingt sagen, dass die Spannung zu kurz kommt.

Es ist nur eine andere Art Spannung: eine Spannung der leisen Zwischentöne und der menschlichen Abgründe, und das ganz ohne Serienkiller. Natürlich will man wissen, ob Beth wirklich vergewaltigt wurde oder nicht, ob sie ein Opfer ist oder eine gerissene Psychopathin. Aber vor allem sieht man den Charakteren dabei zu, wie sie an ihre Grenzen kommen und darüber hinausgehen, wie sie ihre Prinzipien verraten oder verteidigen, und vor allem, wie sie miteinander umgehen, wenn so viel Ungesagtes zwischen ihnen steht.

Und ganz ehrlich: im Titel ist die Rede von einer Lüge, aber tatsächlich gibt es hier wohl keinen einzigen Hauptcharakter, der nicht gelogen hat…

Erin Kelly konstruiert diese Geschichte mit viel Geschick und Einfallsreichtum. Vor allem die falschen Fährten legt sie meisterhaft, und im Rückblick lesen sich manche Szenen auf einmal ganz anders.

Manchmal habe ich jedoch im Detail an der Glaubwürdigkeit gezweifelt.

Zum Beispiel haben Laura und Kit ein neues Leben angefangen, als seien sie im Zeugenschutzprogamm, um nicht gefunden zu werden. Sie haben ihre Nachnamen geändert, sich aus allen sozialen Medien gelöscht, andere Jobs angenommen, sind immer und überall auf paranoide Art und Weise übervorsichtig. Aber erstens haben sie immer noch Kontakt zu ihren Familien und leben anscheinend in deren unmittelbarer Nähe – und da ihre Familienmitglieder ihre Namen nicht geändert haben, sollten Laura und Kit ziemlich einfach zu finden sein. Zweitens ist Kit besessen von Sonnenfinsternissen und reist von Ort zu Ort, um sie zu beobachten, man weiß also immer ziemlich genau, wo man ihn zu welchem Zeitpunkt finden kann.

Das hat mich an einigen Stellen empfindlich gestört. Das Buch hat in meinen Augen auch ein paar Passagen, in denen sich die Charaktere zu sehr in etwas verrennen und die Geschichte ins Stocken kommt. Trotz meiner leichten Zweifel, trotz dieser gelegentlichen Längen habe ich die Geschichte jedoch sehr gerne bis zu ihrem Ende verfolgt.

Ich habe immer mitgerätselt, was sich am Schluss als die Wahrheit herausstellen würde.

Das Buch konzentriert sich ganz auf seine Hauptcharaktere. Man bleibt dicht an Kit und Laura dran, erlebt ihre Ängste, Zweifel und Hoffnungen hautnah mit. Und dennoch schafft es die Autorin, da noch Raum für Zweifel zu lassen. Wirklich bis in Letzte vertrauen kann der Leser bis ganz zum Schluss niemandem, denn man kann nicht sicher sein, wer lügt und zu welchem Zweck. Erst im Rückblick weiß man genau, wie alles wirklich abgelaufen ist.

Der Schreibstil gefiel mir ganz gut: flüssig, temporeich, leicht und unterhaltsam zu lesen. Der Autorin gelingt es wunderbar, zwischen Zeiten und Perspektiven hin- und herzuspringen, so dass sich die Wahrheit nach und nach enthüllt.

FAZIT

Laura und Kit sind jung und verliebt und schauen sich zusammen eine Sonnenfinsternis an. Doch im Dämmerlicht sieht Laura etwas, was sie für eine Vergewaltigung hält, und eilt dem Opfer zu Hilfe. Was sie noch nicht ahnen kann: diese Nacht verändert das Leben aller Beteiligten.

Noch 15 Jahre später leben Laura und Kit in Angst. Aber wer ist hier Opfer, wer Täter? Wer sagt die Wahrheit, wer lügt?

Vieles an dem Buch hat mir sehr gut gefallen, besonders das Spiel mit den Erwartungen und Vorstellungen des Lesers, und die Art und Weise, wie sich immer wieder alles komplett ändert. Es hat zwar auch kleine Schwächen, dennoch habe ich es im Großen und Ganzen gerne gelesen.

Vier.Zwei.Eins. - Erin Kelly
Vier.Zwei.Eins.
von Erin Kelly
(123)
Buch (Paperback)
15,50

Psychopath gegen Psychopath

Mikka Liest aus Hilter am Teutoburger Wald , am 09.07.2018

Thrillerautor Andreas Winkelmann schreibt unter seinem Pseudonym "Frank Kodiak" über Thrillerautor Andreas Zordan. Der Vorname ist sicher nicht zufällig gewählt - da fragt man sich als Leser, wie viel des fiktiven Andreas im echten Andreas steckt. (Man kann für dessen Freunde und Familie nur hoffen: wenig bis gar nicht.)

Ich hatte zuvor noch kein Buch des Autors gelesen, weder unter seinem Klarnamen noch unter seinem Pseudonym, und war dementsprechend gespannt. Das erste Kapitel ließ mich jedoch Ungutes erahnen:

Das Buch steigt direkt ein mit einer Folterszene, und das in einer Sprache, die außer dem Schockfaktor wenig zu bieten hat. Ich sah mich das Buch im Geiste schon in den nächsten öffentlichen Bücherschrank stellen. Aber dann stellt sich heraus: Ach so, das ist gar keine Vorschau auf spätere Ereignisse in "Nummer 25" - es ist ein Auszug aus dem neusten Manuskript von Andreas Zordan.

Dem ist klar, dass es Menschen gibt, die seine Bücher abartig und grenzwertig finden, aber das ist ihm schnurzegal. Denn die Leser, die seine Thriller zu Bestsellern machen, wollen genau das: je schockierender, desto besser.

Darin liegt für mich eine der großen Stärken des Thrillers: Andreas Winkelmann hinterfragt das Thrillergenre, insbesondere das Subgenre Hardore, und die Erwartungen der Leser. Das ein oder andere Kapitel endet in genau der Art von Cliffhanger, die mich normalerweise genervt aufstöhnen lässt - voller aufgebauschtem Drama, das ein paar Seiten später in sich zusammenfällt. Aber hier gehört das zum Spiel mit den Erwartungen, und das ist in meinen Augen sehr clever.

Winkelmann ist nicht der erste Autor, der sein eigenes Genre thematisiert und eine düstere Verbindung zwischen Autor und Pseudonym andeutet, das hat Stephen King schon 1989 mit "Stark - The Dark Half" getan. Dennoch ist "Nummer 25" originell und einfallsreich, und als Leser fragt man sich bis zum bitteren Ende:

Ist Andreas Zordan ein Psychopath? Und wenn er einer ist: ist auch der Psychopath, der das Mädchen getötet hat? (Es gibt mehrere Anwärter.) Ich habe meine Meinung im Laufe des Buches mehrfach geändert, denn es gibt einige drastische Wendungen. Der Spannungsbogen steigt auf einem hohen Level ein und lässt dann kaum einmal nach; man weiß nie, aus welcher Ecke die Bedrohung kommt.

Im Mittelpunkt der Geschichte stehen zwei Charaktere: Andreas Zordan und die Journalistin Greta Weiß, die ihn eigentlich nur interviewen will und stattdessen hineinrutscht in eine Mordermittlung auf eigene Faust.

Zordan ist alles andere als sympathisch. Psychopath oder nicht, er ist arrogant, selbstherrlich und aggressiv. Im Mittelteil des Buches fand ich ihn manchmal zu eindimensional, dennoch wollte ich immer wissen, wie es mit ihm weitergeht.

Greta Weiß ist im Gegensatz zu ihm eine Frau, mit der man sich identifizieren kann. Sie ist ehrgeizig und bereit, für eine Story einiges zu tun, vor allem aber ein guter Mensch. Sie will ihre Titelstory, klar - aber sie will auch Gerechtigkeit für das tote Mädchen, und vor allem keine weiteren Opfer. Gelegentlich ist sie für eine Journalistin meines Erachtens allerdings zu naiv.

Der Schreibstil ist schnörkellos und bringt die Dinge auf den Punkt. Für diese Geschichte passt das wunderbar, obwohl mir der Stil normalerweise zu einfach wäre. Interessant fand ich, dass sich der Stil in den Auszügen der Manuskripte von Andreas Zordan tatsächlich von dem im restlichen Buch unterscheidet.

Als Buchbloggerin musste ich mehr als einmal schmunzeln, denn Zordan hält nicht viel von uns:

Zitat:
"Schon gar nicht brauchte er das, was die Leser heutzutage Rezensionen nannten. Flache, inhaltsleere Meinungen, die nichts anderes waren als Selbstdarstellung. Die Mittelmäßigen hielten es nur schwer aus in ihrer Bedeutungslosigkeit."

Na dann.

FAZIT:

Thrillerautor Andreas Zordan findet die Leiche eines Mädchens in seinem Garten. Da sie exakt so hergerichtet wurde, wie er es in seinem letzten Bestseller beschrieb, mit Materialien aus seinem eigenen Schuppen, ruft er nicht die Polizei – die würde ihn sicher als Hauptverdächtigen sehen.

Stattdessen lässt sich der Autor, der davon überzeugt ist, selber ein Psychopath zu sein, auf einen Zweikampf mit seinem mörderischen Stalker ein.

Die Geschichte ist spannend und voller Wendungen, interessant fand ich aber vor allem, wie sich der Autor mit seinem eigenen Genre und dessen Fans auseinander setzt.

Nummer 25 - Frank Kodiak
Nummer 25
von Frank Kodiak
(22)
Buch (Taschenbuch)
10,30

Brillanter Ermittler im Drogenrausch

Mikka Liest aus Hilter am Teutoburger Wald , am 06.07.2018

Ich bin seit einiger Zeit Mitglied in einem Krimilesekreis, der sich einmal im Monat nach Ladenschluss in der örtlichen Buchhandlung trifft.

Wir sind alle langjährige Krimi- und Thrillerfans, von gepflegter britischer Spannung bis hin zum durchgeknallten Serienkiller. Wir kennen die üblichen Kniffe; die unerwarteten Wendungen können uns nicht mehr überraschen; die gängigen Klischees – der alkoholabhängige Ermittler mit Eheproblemen lässt grüßen – entlocken uns allemal ein müdes Lächeln. Wir sind kritsch. Wir hinterfragen alles.

Manchmal sind wir enttäuscht – und ratlos: haben wir uns übersättigt an diesem Genre? Zugegeben, es gibt immer noch Bücher, die uns begeistern. (Zum Glück.) Aber wir sind sehr, sehr wählerisch.

…nun also Andreas Gruber, Todesurteil. Schickes Cover, zweiter Band einer Reihe – dumm gelaufen, da habe ich mich vergriffen, hätte doch der erste Band sein sollen…

Erster Gedanke: ob das klappt, mit dem zweiten Band anzufangen?

Und wie das klappt.

An dieser Stelle könnte ich die Rezension überspringen und direkt zu dem Teil kommen, in dem ich mir die anderen drei Bände der Reihe kaufte, bevor ich diesen hier überhaupt fertig gelesen hatte. Aber damit würde ich es mir etwas zu einfach machen und Maarten S. Sneijder (beziehungsweise seinem Autor) nicht gerecht werden.

Wie Maarten S. Sneijder selbst wahrscheinlich sagen würde: "Sehen Sie diese drei Finger? Also schreiben Sie ihre Rezension in drei knappen, präzisen Sätzen! Schaffen Sie das?"

Nö.

Drei Sätze schaffe ich nicht, aber klar und präzise krieg ich hin. (Oder auch nicht.)

Originalität:

Die Geschichte ist brillant konstruiert, voller wirklich einfallsreicher Wendungen fernab der üblichen Klischees. Immer, wenn man denkt, jetzt hätte man die Geschichte durchschaut, zaubert Andreas Gruber noch ein Ass aus dem Ärmel.

Spannungsbogen:

Fingernägel? Hatte ich mal.

Nein, im Ernst: ich habe den Thriller quasi in einem Rutsch durchgelesen. Die Geschichte steigt schon auf einem hohen Spannungslevel ein und zieht dann in rasantem Tempo noch weiter an. Besonders großartig fand ich, dass der Autor nicht angewiesen ist auf literweise Blut und Ekelfaktor, um Spannung aufzubauen, sondern eine intelligente, komplexe Geschichte erzählt.

Logik / Schlüssigkeit:

Wie gesagt: die Geschichte ist komplex und voller Wendungen – aber sie verzettelt sich nie in Widersprüchen oder schludert mit den Details, die eine Story glaubhaft machen.

Charaktere:

Maarten S. Sneijder.

Ich war schon ewig nicht mehr so hingerissen von einem Charakter. Dabei ist er alles andere als ein umgänglicher Mensch – die Hälfte der Charaktere in diesem Buch halten ihn für ein kolossales [ Zensur ]. Er ist so hochintelligent wie beißend sarkastisch, mithilfe von Drogen versetzt er sich in die Gedankenwelt von Mördern und Psychopathen und schert sich einen Dreck um die üblichen Regeln zwischenmenschlicher Interaktion.

Ich fühlte mich abwechselnd an Hannibal Lecter und Sherlock Holmes erinnert.

Obwohl Sneijder so überlebensgroß ist, kann sich Sabine Nemez als starke, intelligente junge Ermittlerin neben ihm behaupten. Da haben sich zwei Seelenverwandte gefunden, die Chemie zwischen ihnen ist phänomenal – und das meine ich nicht im romantischen Sinne.

Normalerweise entlockt es mir einen Stoßseufzer, wenn die Ermittler in einem Krimi/Thriller sich ständig auf Alleingänge begeben, alle Regeln missachten und am Ende dann doch als Helden des Tages dastehen. Aber bei diesem ungewöhnlichen Team ist dieses Querschießen nur das folgerichtige Resultat ihrer Persönlichkeiten, macht Sinn und hat schlüssige Konsequenzen.

Auch die Nebencharaktere, gerade die Antagonisten, sind wunderbar gelungen.

Schreibstil:

Der Schreibstil ist fantastisch, besonders die Dialoge sind lebendig und haben Biss. Durch Sneijders kompromisslose Persönlichkeit und seine Wirkung auf andere Menschen ist der Stil durchaus auch humorvoll.

FAZIT

Ein kleines Mädchen wird entführt und taucht ein Jahr später wieder auf – mit einer Tätowierung, die ihren ganzen Rücken mit Motiven aus Dantes ‘Inferno’ bedeckt. Profiler Maarten S. Sneijder unterrichtet gerade eine Klasse für hochbegabte Nachwuchsermittler, als er zum Fall hinzugezogen wird. Seine beste Schülerin Sabine Nemez mischt sich auf eigene Faust in die Ermittlungen ein.

Bisher ist dies mein Thriller-Highlight des Jahres.

Maarten S. Sneijder ist ein faszinierender Charakter, der Sherlock Holmes das Wasser reichen kann, und die Geschichte ist unglaublich clever und vielschichtig.

Todesurteil  / Maarten S. Sneijder Bd.2 - Andreas Gruber
Todesurteil / Maarten S. Sneijder Bd.2
von Andreas Gruber
(86)
Hörbuch-Download (MP3)
8,95

Wir sind die Toten. Vergiss uns nicht.

Mikka Liest aus Hilter am Teutoburger Wald , am 25.05.2018

Die junge Polizistin Gemma Monroe ermittelt in einem Mordfall, der nicht nur deswegen ungewöhnlich ist, weil Morde in ihrer kleinen Stadt nicht oft begangen werden.

Der Clown eines herumreisenden Zirkus’ wird mit durchgeschnittener Kehle gefunden. Als die Fingerabdrücke des jungen Mannes routinemäßig überprüft werden, stellt sich Erstaunliches heraus: Erstens ist er für die Polizei von Cedar Valley beileibe kein Unbekannter.

Zweitens ist er vor drei Jahren schon einmal gestorben.

Außerdem kristallisieren sich schon bald Verknüpfungen zu einem weiteren alten Fall heraus, den Gemma niemals klären, aber auch niemals loslassen konnte.

Vor Jahren entdeckte sie auf einem privaten Skiausflug abseits der vielbefahrenen Strecken den Schädel eines Kindes, wonach die vollständigen Skelette zweier Kinder geborgen werden konnten, die bereits vor 30 Jahren verschwunden waren. Der erhoffte Durchbruch in diesem Cold Case blieb indes aus.

Seitdem hört Gemma die Kinder in ihren Träumen flüstern…

Die Spannung glimmt über lange Passagen intensiv, aber eher unterschwellig, womit ich jedoch keineswegs sagen will, dass das Buch langweilig wäre – ganz im Gegenteil! Mir gefiel sehr gut, dass die Spannung eben nicht auf wilder Action und literweise Blut beruht, sondern auf einem komplizierten Netz von persönlichen Verstrickungen und vielfältigen Ermittlungen. Nichts ist, wie es zunächst scheint.

Auch wenn die Handlung verhältnismäßig ruhig verläuft, passen Takt und Tempo doch perfekt zu Atmosphäre und Aufbau des Buches.

Ich war beeindruckt davon, wie gekonnt die Autorin in ihrem Debüt (!!) die komplexen Strukturen der vielschichtigen Handlung handhabt.

Weder verläuft die Ermittlung meines Erachtens übermäßig verworren, noch ist die Auflösung zu schnell vorhersehbar. Tatsächlich habe ich den/die Schuldige(n) (ich will da noch nichts verraten) erst sehr spät in Betracht gezogen, aber es ergibt absolut Sinn, so wie es ist.

Allenfalls geht es am Schluss vielleicht ein wenig zu schnell, ich hätte über manche Entwicklungen gerne noch etwas mehr erfahren! Aber das ist in meinen Augen eine verzeihliche Schwäche – für mich war “Die Totenflüsterin” ein großartiger Erstling, und ich werde weitere Bände auf jeden Fall lesen.

Ein Highlight war für mich der Schreibstil, der mit wunderbarer Sprachmelodie Atmosphäre aufbaut und die Handlungsorte lebendig beschreibt.

Aber auch die Charaktere haben mir sehr gut gefallen: sie sind sehr glaubhaft und authentisch, abseits der üblichen Krimi-Klischees – auch wenn ich am Anfang ein solches Klischee befürchtete! Denn Gemma wird schon bald gezwungen, mit ihrem Kollegen Finn zu arbeiten, den sie nicht ausstehen kann, aber das verläuft nicht so, wie man vielleicht erwarten würde.

Gemma selber ist eine interessante Protagonistin, mit einer ganz eigenen, prägnanten Stimme: Hochschwanger, hochintelligent, mit psychischen Problemen und einem Partner, dem sie nicht mehr vertraut, aber auch einem guten Sinn für Humor.

Ich hatte schnell das Gefühl einer ‘Verbindung’ zu ihr, so dass die Handlung für mich mehr emotionale Wucht bekam.

Ihren Kollegen Finn konnte ich am Anfang nicht ausstehen. Er kam mir sehr überheblich und von sich selbt überzeugt vor, außerdem hat er schnell mal einen frauenfeindlichen Spruch auf den Lippen… Aber sogar Finn entwickelt im Verlauf des Buches mehr Tiefgang, als ich ihm zugetraut hätte.

FAZIT

Ein ‘Cold Case’ und ein brandaktueller Fall: Ein junger Clown stirbt – zum zweiten Mal! –, und es scheint Verbindungen zu einem zweifachen Kindermord vor 30 Jahren zu geben. Leider ist von dieser Verbindung außer der jungen Polizistin Gemma Monroe niemand so recht überzeugt…

“Die Totenflüsterin” ist ein beeindruckender Debütroman: ein clever konstruierter, vielschichtiger Krimi mit einer sehr interessanten Protagonistin und viel Atmosphäre.

Die Totenflüsterin - Emily Littlejohn
Die Totenflüsterin
von Emily Littlejohn
(4)
Buch (Taschenbuch)
10,30

Familiengeheimnis, Buchhändlerfehde und Liebesgeschichte

Mikka Liest aus Hilter am Teutoburger Wald , am 15.05.2018

Dieser Roman ist nicht nur was fürs Herz, sondern einfach maßgeschneidert für Vielleserinnen

Fina Ramsay ist eine Heldin, mit der man als Bücherwurm nur mitfiebern kann.

Bücher sind ihr ein und alles, die eigene Buchhandlung war seit jeher ihr Lebenstraum. Man kann ihren Zorn und ihre Verzweiflung daher nur allzu gut verstehen, als die Kunden reihenweise abwandern in den lieblosen ‘Buch-Supermarkt’ schräg gegenüber.

Aber sie hat nicht vor, sich kampflos geschlagen zu geben, und so schreibt sie dem Filialleiter Liam McClary eine gepfefferte Email nach der anderen, auf die er mit gelassenem Amüsement reagiert – was sie erst recht auf die Palme bringt. Und so witzig das oft ist, desto traurig ist der Grund für den herrlichen Schlagabtausch.

Leider ist es im echten Leben ja oft so, dass die inhabergeführte Kleinbuchhandlung einfach nicht mithalten kann mit den großen Ketten, die zehnmal so viele Bücher vorrätig haben können.

An dieser Stelle ein Appell: gebt kleinen Buchhandlungen eine Chance!

Jedenfalls ist Fina eine großartige Heldin: eine starke Frau, die für ihren Traum kämpft, die aber auch Schwächen hat, die sie menschlich und glaubhaft machen. Die größte davon ist sicher, dass sie sich gemütlich eingerichtet hat in ihrem Leben und weder Spontanität noch Abenteuer in irgendeiner Form zulässt. Außerdem fällt sie manchmal sehr schnell Urteile und lässt dann verbohrt lange nicht davon ab!

Auch ihr Gegenspieler Liam ist ein wunderbarer Charakter, der natürlich nicht vollends Finas Feindbild entspricht. In manchem hat sie allerdings recht: ihm fehlen Finas Herzblut und ihre Leidenschaft für die Literatur. Gerade deswegen sind die beiden aber sehr interessante Protagonisten, die sich gegenseitig dazu bringen, eine große persönliche Entwicklung durchzumachen.

Es geht jedoch nicht nur um den Kleinkrieg zwischen Fina Ramsay und Liam McClary.
Die Geschichte nimmt Fahrt auf und wird spannend, als Fina in den Sachen ihrer Alzheimer-geplagten Großmutter einen rätselhaften, unvollständigen Brief findet. Klar ist nur, es muss ein Geheimnis geben, das die Familien Ramsay und McClary miteinander verbindet – ausgerechnet. 1970 ist in Nordirland irgendetwas passiert, und Fina ist sich sicher: das muss der Grund sein, warum ihre Großmutter immer so unglücklich wirkte…

Fina fasst den Entschluss, das Geheimnis aufzudecken, um ihrer Großmutter für ihren Lebensabend möglicherweise noch etwas Glück zu schenken.

Die Beziehung zwischen Großmutter und Enkelin ist so herzerwärmend wie tragisch, denn immer öfter erkennt die alte Frau Fina gar nicht mehr. Die Autorin nimmt sich des Themas Alzheimer mit viel Feingefühl an, und so gesellt sich zu Spannung (und später Romantik) auch ein gewisser Tiefgang.

Apropos Romantik: die Liebesgeschichte fand ich sogar als bekennender Romantikmuffel richtig schön.

Gerade durch die Mischung zwischen Spannung, Humor und ernsten Themen wird es in meinen Augen nie zu kitschig. Überhaupt fand ich den Schreibstil sehr angenehm, locker-flockig und flüssig zu lesen, dabei aber nicht platt oder klischeehaft.

Sehr interessant und spannend fand ich auch die Einblicke in das Leben in Irland zu Beginn der ‘Troubles’, der gewalttätigen Konflikte des großen Nordirlandkonflikts. (Am Ende des Buches findet man dazu noch weitere Informationen!)
Auch dieser Hintergrund trägt zum Tiefgang der Geschichte bei und rundet die Liebes- und Familiengeschichte ab.

FAZIT
Was als witzige Fehde zwischen zwei Buchhändlern beginnt (Fina: Inhaberin einer unabhängigen Buchhandlung, Liam: Filialleiter einer großen Kette), stellt sich schnell als Geschichte eines Familiengeheimnisses heraus, das zurückführt ins Jahr 1970 in Nordirland – und damit die eskalierende Gewalt des Nordirlandkonflikts.

Trotz des zeitgeschichtlichen Hintergrunds und anderer ernster Themen wie Alzheimer ist “Die Frauen von Ballycastle” auch ein echtes Wohlfühlbuch mit einer schönen Liebesgeschichte.

Die Frauen von Ballycastle - Sandra Binder
Die Frauen von Ballycastle
von Sandra Binder
(6)
eBook
6,99

Genialer Genremix

Mikka Liest aus Hilter am Teutoburger Wald , am 13.05.2018

Was für ein originelles, witziges, böses, intelligentes und absolut grandioses Buch. Was für ein Geniestreich, wenn eine Hautcreme die Apokalypse auslösen kann und der Leser dabei so richtig Spaß hat – und dennoch zum Nachdenken angeregt wird.

Zitat:
»Wissen Sie, wer Sie sind? Wissen Sie, was Sie zu dem macht, der sie sind? Wir sind wie das Schiff des Theseus, wir werden in einem unendlichen Zyklus zerstört und geheilt. Ist ihr Körper dauerhaft? Kein Molekül und keine Zelle entsprechen mehr dem, was Sie bei der Geburt mitbekommen haben. (…) Aber ist das Bewusstsein dauerhaft? Die Erinnerungen branden hoch und schwinden wie Ebbe und Flut. Ihr Bewusstsein hat mehr verloren, als es je wiedergewinnen kann.«

Lasst euch diese tiefsinnige Passage eine Weile auf der Zunge zergehen. Kaum zu glauben, dass aus dem gleichen Buch Sätze wie diese stammen:

Zitat:
»Unsterbliche Supermodel-Lesben sind ein notwendiger Nebeneffekt, und… Meine Güte, klingt das schrecklich, wenn ich es so ausdrücke!«
»Sie sind widerlich«, stellte Lyle fest.

Dan Wells verrät im Nachwort, wie ungemein wichtig ihm “Die Formel” als Buchprojekt war bzw. ist, und das merkt man auch.

Mit seiner ‘Serienkiller’-Trilogie setzte er sich schon über Genre-Grenzen hinweg und beeindruckte mit einer überraschenden und innovativen Mischung aus Horror, Thriller, Urban Fantasy und Jugendbuch – und nun übertrifft er sich in meinen Augen selber mit einem Genre-Mix aus Science Fiction, Humor und Thriller.

Der Humor ist absurd und böse und sicher nicht jedermanns Sache. Der Autor erreicht damit jedoch eine großartige Balance zwischen Science Fiction, die sich mit Bravado selber parodiert (siehe ‘Unsterbliche Supermodel-Lesben’), und bestechend relevanter Sozialkritik. Was er dabei anprangert ist nicht nur die Gier der Pharmaindustrie, sondern auch unser verdrehtes Bild von Schönheit, das in den Medien propagiert wird und das wir viel zu unreflektiert als Maßstab für unseren eigenen Selbstwert nehmen.

Wie glaubhaft das Ganze von einem wissenschaftlichen Standpunkt ist, kann ich nicht beurteilen.

Im Grunde sieht es meines Erachtens so aus: entweder man beschließt nach den ersten Kapiteln, sich einfach darauf einzulassen, oder das Buch ‘funktioniert’ nicht. Aber was hat man dabei schon zu verlieren?

Spannend ist es auf jeden Fall.
Das fängt schon beim ersten Blick ins Inhaltsverzeichnis an, wenn man feststellt, dass die Kapitel einen Countdown bis zum Weltuntergang herunterzählen – man fragt sich die ganze Zeit, ob es wirklich dazu kommen wird oder nicht. Mit jedem Kapitel wird die Geschichte aberwitziger, bis es manchmal fast etwas von Slapstick hat, aber gleichzeitig legt der Autor die Daumenschrauben an. Es findet ein rasantes Wettrüsten statt, um das Ende der Welt abzuwenden und dabei möglichst noch Profil einzustreichen.

Es wird zunehmend schwieriger, die Charaktere auseinander zu halten, aber das ist sicher ein gewollter Effekt, immerhin geht es hier um eine Hautcreme, die Menschen klont. Und natürlich versucht absolut jeder, das zu seinem Vorteil einzusetzen…

Der Held der Geschichte ist jedenfalls überhaupt kein Held, in keiner Hinsicht.
Lyle Fontanelle hat oft die besten Absichten und sogar ein paar halbherzige Prinzipien – aber leider kein Rückgrat. Er hat der Welt die Katastrophe eingebrockt, aber nicht die Absicht, bei einem Rettungsversuch sein Leben zu riskieren (außer es geht um eine Frau, in die er verliebt ist). Für einen Großteil des Buches war er mir trotzdem irgendwie sympathisch, bis er sich mein Wohlwollen kurz vorm Ende dann doch noch verspielte. Dennoch ist er meiner Meinung nach ein wunderbarer Buchcharakter, weil man immer wissen will, wie es mit ihm weitergeht – egal, wie katastrophal ihm alles misslingt.

Der Schreibstil ist ein wenig durchwachsen.
Es gibt Passagen, in denen die Sätze holpern, sich verschachteln oder im Zusammenhang einen unklaren Sinn ergeben (was allerdings an der Übersetzung liegen könnte), aber dafür gibt es wirklich fantastische Passagen, wo der Autor über sich hinauswächst.

FAZIT
Lyle Fontanelle wollte eigentlich nur eine revolutionäre Hautcreme entwickeln, die die Haut veranlasst, Zellen mit mehr Kollagen zu produzieren – aber was dabei herauskommt, ist auf andere Art revolutionär als geplant, denn die Creme programmiert die DNA eines Menschen komplett um…

“Die Formel” ist alles, nur nicht 08/15. Zwischen bitterbösem Humor und Sozialkritik erzählt Dan Wells eine rasante apokalyptische Geschichte jenseits der Klischees.

Die Formel - Dan Wells
Die Formel
von Dan Wells
(4)
Buch (Paperback)
16,50

Spannend und gut konstruiert

Mikka Liest aus Hilter am Teutoburger Wald , am 12.05.2018

Dieses Buch haben wir mit unserem kleinen Krimi-Lesekreis gelesen, weil uns die vielversprechende Verbindung reizte: einerseits Krimi, andererseits realistische Geschichte aus einer hochdramatischen Epoche unserer Historie. Und das mit Protagonisten, die im Krieg noch auf verschiedenen Seiten standen, nun aber notgedrungen zusammenarbeiten müssen… Das klingt nicht nur nach Spannung, sondern auch nach einem gewissen Tiefgang.

Und tatsächlich fühlten wir uns mitnichten enttäuscht, das Buch konnte unsere Erwartungen voll erfüllen.
Der Kriminalfall an sich hat schon alles, was ein guter Krimi in meinen Augen braucht: er ist gut durchdacht, sauber recherchiert und nahtlos konstruiert. Es gibt natürlich unerwartete Wendungen, sowie Irrungen und Wirrungen seitens der Ermittler – tatsächlich sprach eine Teilnehmerin unseres Lesekreises an, dass es ausgesprochen viele Handlungsstränge gibt, die erst spät zusammenlaufen, und dass sie das manchmal etwas verwirrend fand.

Gerade das hat mir aber gut gefallen, weil man dadurch bis zum Schluss nie sicher sein kann, was wirklich passiert ist, wer dahintersteckt und warum. Ich hatte jedoch nie das Gefühl, dass Fakten nicht zusammenpassten oder dass etwas im Endeffekt nicht ausreichend aufgeklärt wird.

Einig waren wir uns, dass das Buch auf jeden Fall sehr spannend und unterhaltsam ist.
Die Vielzahl von Handlungssträngen (und die damit einhergehende Vielzahl von involvierten Personen) spiegelt meines Erachtens wider, dass wir uns in dieser Geschichte immerhin in einer Zeit befinden, in der schon der ganz normale Alltag unglaublich schwierig war – und geprägt vom gegenseitigen Misstrauen. Nicht nur zwischen Deutschen und Besatzern, sondern auch zwischen Deutschen und Zwangsarbeitern (beschönigt ‘Fremdarbeiter’ genannt), sogar zwischen Deutschen und Deutschen…

Beate Sauer erzählt die Geschichte mit einem packenden und zugleich intelligent geschriebenen Stil.
Man sieht die zerbombten Städte quasi vor sich, spürt die beißende Kälte und den quälenden Hunger, und dabei wirkt die Darstellung der Zeit immer glaubwürdig und stimmig. Sie schildert diese Zeit so lebendig und mit solch dichter Atmosphäre, dass der Kriminalfall für mich manchmal regelrecht zum Nebendarsteller wurde, was der Spannung jedoch keinen Abbruch tat.

Die Charaktere waren für mich ein weiterer großer Pluspunkt des Buches.
Friederike Matthée von der Weiblichen Polizei entspricht zunächst nicht unbedingt dem modernen Bild einer Polizistin: Sie ist unsicher, besitzt wenig Selbstbewusstsein und hat den Beruf nicht etwa aus Neigung gewählt, sondern um für sich und ihre Mutter wenigstens eine einigermaßen sichere Wohnung zu bekommen. Im Laufe der Handlung erfährt man aber, was sie im Krieg alles durchgemacht hat – was vieles erklärt! –, und sie zeigt auch eine deutliche Weiterentwicklung.

Sie war mir zutiefst sympathisch, ich habe mit ihr mitgefühlt und mitgefiebert… Und gerade wegen ihrer Schwächen fand ich sie sehr authentisch und glaubhaft.

Obwohl sie am Ende immer noch weit von einer perfekten Polizistin entfernt ist, zeigt sie großes Potential, und das macht Lust auf den nächsten Band!
Richard Davies von der britischen Military Police hingegen ist erstmal ein zwiespältiger Charakter. Wie sicher viele der Besatzer tut er sich schwer damit, mit den Deutschen zusammenzuarbeiten oder mit den halb verhungerten Menschen Mitleid zu empfinden – obwohl der Leser immer wieder erahnen kann, dass er vom Naturell her eigentlich kein grausamer Mensch ist. Man kann seine Gefühle auch durchaus nachvollziehen, die Gräuel des Holocaust sind ja gerade erst passiert.

Über Davies Vergangenheit erfährt man im Laufe des Buches ebenfalls vieles, was seine Haltung erklärt.
Nicht nur die beiden Protagonisten, sondern auch die anderen Charaktere fand ich überzeugend geschrieben, vielschichtig und interessant.

FAZIT
Januar 1947: nach einem Mordfall wird Friederike Matthée von der Weiblichen Polizei in Köln angewiesen, dem Ermittler Richard Davies von der britischen Military Police zu assistieren. Die Zusammenarbeit zwischen der jungen Deutschen und dem Engländer gestaltet sich nicht gänzlich ohne Konflikte – dennoch geben sie ein gutes Team in diesem komplexen Fall ab.

Die Geschichte ist nicht nur spannend und gut konstruiert, sondern gewährt auch einen atmosphärisch dichten Einblick in die schwere Zeit direkt nach dem Zweiten Weltkrieg.

Echo der Toten. Ein Fall für Friederike Matthée - Beate Sauer
Echo der Toten. Ein Fall für Friederike Matthée
von Beate Sauer
(63)
Buch (Paperback)
13,40

Wechselbalg oder einfach ein Kind mit Behinderung?

Mikka Liest aus Hilter am Teutoburger Wald , am 05.05.2018

“Wo drei Flüsse sich kreuzen” wird mir mit Sicherheit noch lange in Erinnerung bleiben.

Hannah Kent beschwört mit kristallklarer, ausdrucksstarker Sprache ein Bild des ländlichen Irlands von 1825 herauf. Das Leben der Menschen wird nicht nur von Hunger und tiefster Armut bestimmt, sondern auch von Religion und Aberglaube. Beides gibt ihnen Hoffnung und fördert ihren Zusammenhalt, kann aber jederzeit umschlagen in gegenseitiges Misstrauen und Vorurteile.

Die schwierige Allianz zwischen christlichen Glaubensregeln und uralten, tief verwurzelten Volksbräuchen zieht sich als Leitmotiv durch das Buch.

Die Bewohner des Dorfes, in dem die Handlung angesiedelt ist, gehen sonntags zur Messe, befolgen aber im täglichen Leben eine fast schon absurde Vielzahl von Regeln, um sich vor dem ‘bösen Blick’ zu schützen oder sich das Wohlwollen des ‘Guten Volkes’, wie sie die Feen nennen, zu sichern. Denn diese leben, so glauben die Dörfler, ganz in der Nähe und haben viel Einfluss auf das Leben der Menschen: sie können dafür sorgen, dass Kühe keine Milch und Hühner keine Eier mehr geben, sogar Missbildungen und plötzliche Todesfälle verursachen.

Im Dorf geht die Angst um, man habe irgendwie das Unglück heraufbeschworen.

Es gibt Missernten, Unwetter und Totgeburten, und dann verliert die angesehene Bäuerin Nora innerhalb kurzer Zeit erst ihre Tochter und dann ihren Mann. Kerngesund war der, munkeln die Dörfler, und nicht nur das: ist er nicht just zum Schlag des Hammers auf der Kreuzung vor der Schmiede tot umgefallen? Sicherlich ein böses Omen.

Ein Aberglaube, der sich besonders hartnäckig hält, ist der Mythos vom Wechselbalg. Die Feen, so heißt es, entführen die schönsten, klügsten Menschenkinder und lassen im Austausch einen Doppelgänger des entführten Kindes zurück.

Und so ist es Micheál, der kleine Enkel von Nora, der die Menschen am meisten verunsichert.

Vor zwei Jahren war er noch ein gesundes, glückliches Kind, das herumlief und plapperte wie jedes andere. Jetzt ist er stumm, seine Arme und Beine sind mager und verdreht, und er windet sich in Krämpfen und Zuckungen.

Micheál muss ein Wechselbalg sein, ganz klar.

Als moderner Leser zerreißt es einem schier das Herz, wie viel Angst, Widerwille und sogar Hass diesem offensichtlich behinderten Kind fortan entgegen schlägt.

Im Mittelpunkt des sich entfaltenden Dramas stehen drei Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: die überforderte, verzweifelte Nora, ihre 14-jährige Magd Mary und das alte Kräuterweib Nance, der nicht nur ein umfassendes Wissen um allerlei Heilmittel zugeschrieben wird, sondern auch eine Verbindung zum Guten Volk.

Unter Nances Anleitung versucht Nora, den ‘Wechselbalg’ zu bannen, um die Feen dazu zu bewegen, den echten Micheál zurückzugeben – während Mary zunehmend verunsichert zusieht…

Die Autorin zeichnet ihre Charaktere grandios: komplex, glaubhaft und bewegend.

Auch wenn die Protagonistinnen aus heutiger Sicht auf tragische Art und Weise fehlgeleitet erscheinen, sind sie doch in keinster Weise böse. Was sie tun, tun sie mit den besten Absichten, und Nance, die vielleicht zwiespältigste Figur in dieser Geschichte, ist felsenfest überzeugt von ihren eigenen übernatürlichen Fähigkeiten.

Das Buch zeigt die enorme Spannweite der menschlichen Natur und verzichtet dabei auf Stereotypen oder einfache Urteile. Hannah Kent erzählt eine spannende Geschichte, die dennoch einen ungeheuren Tiefgang entwickelt.

Aber es ist mehr als nur eine Geschichte: das Buch beruht auf historisch belegbaren Tatsachen.

Möglicherweise hieß Micheál nicht Michaél, aber es gab einmal einen Jungen wie ihn. Und es gab drei Frauen wie Nora, Mary und Nance. Natürlich möchte ich hier noch nicht verraten, wie die Geschichte ausging, im Buch oder in der Wirklichkeit, aber ich würde Lesern empfehlen, es selber herauszufinden.

| FAZIT |

Irland im Jahr 1825: in einem kleinen Dorf häufen sich die unerklärlichen Unglücksfälle, und die Menschen suchen nach Erklärungen – und einem Schuldigen. Genau deswegen versteckt Nora ihren Enkel Micheál, damit niemand dessen verdrehte Glieder sieht oder seine merkwürdigen Schreie hört. Aber schon bald beginnt sie selber zu befürchten, dass Micheál ein ‘Wechselbalg’ sein muss, ein Doppelgänger, der von den neidischen Feen gegen ihren echten Enkel ausgetauscht wurde.

Es handelt sich hier keineswegs um Fantasy!

“Wo drei Flüsse sich kreuzen” ist ein auf Tatschen beruhender historischer Roman, in dem der irische Volksglaube im Umfeld eines von Hunger und Armut gezeichneten Dorfes zum Auslöser eines Dramas wird.

Wo drei Flüsse sich kreuzen - Hannah Kent
Wo drei Flüsse sich kreuzen
von Hannah Kent
(32)
Buch (gebundene Ausgabe)
20,60

Ein unerwartet perfektes Ende!

Mikka Liest aus Hilter am Teutoburger Wald , am 01.05.2018

Ich bin mit einer Art mulmig-gespannter Erwartung an den dritten Band der Mindjack-Trilogie heran gegangen. Dabei haben mir die ersten beiden Bände wunderbar gefallen - ich habe sie regelrecht inhaliert und mit großer Begeisterung rezensiert!

Tja, warum dann das "mulmig"?

Weil ich mir ehrlich nicht vorstellen konnte, wie diese Geschichte schlüssig und glaubhaft enden sollte. Ich habe mir schon beim Lesen der ersten beiden Bände immer wieder den Kopf darüber zerbrochen, aber die Situation erschien mir einfach zu verfahren, der Hass und die Angst zwischen den Parteien zu unüberwindbar... Obwohl die meisten Jacker ihre Kräfte nicht missbrauchen, sind sie dennoch unglaublich mächtig und damit eine große Bedrohung - wie sollte also eine Welt aussehen, in der Jacker und Leser friedlich zusammenleben, ohne ein absurd konstruiertes, aufgezwungenes Happy End?

Asche auf mein Haupt.

Ich hätte mehr Vertrauen in die Autorin setzen sollen, denn das Ende ist perfekt, so wie es ist, ohne in Klischees zu verfallen.

Mich hat in diesem dritten Band wieder tief beeindruckt, wie durchdacht diese Welt ist, bis ins kleinste Detail. Gerade wenn man denkt, man wüsste schon alles darüber, lässt einen Susan Kaye Quinn wieder etwas Neues entdecken! Besonders die Art und Weise, wie Kira und ihre Verbündeten ihre Kräfte erforschen und lernen, sie auf unglaublich kreative Weise immer wieder neu zu nutzen, hat mich begeistert. Wahnsinn, einfach Wahnsinn! (Aber guter Wahnsinn.)

Das Buch war unglaublich spannend, fast noch spannender und Action-geladener als die ersten beiden Bände. Ich habe mir bei vielen Szenen gedacht, was für ein absoluter Knaller eine Verfilmung sein könnte...

Die Charaktere sind einfach großartig. Die, die seit dem ersten Band dabei sind, sind deutlich spürbar gewachsen und von ihren Erfahrungen geprägt worden. Besonders Kira hat nur noch wenig gemein mit der unsicheren jungen "Null" aus "Closed Minds", die doch eigentlich nur sein will wie alle anderen! Sie ist taff, entschlossen und intelligent, mutig und selbstlos. Und dennoch nie zu perfekt, um noch glaubwürdig zu sein. Sie hat ihre Schwächen, sie macht Fehler... Und das fand ich gut.

Auch Julian hat inzwischen deutlich mehr Dimension. Mir hat er im zweiten Band schon sehr gut gefallen, aber in diesem hat er sich endgültig zu meinem Lieblingscharakter gemausert!

Raf... Ach, über Raf sage ich besser gar nichts, um niemanden aus Versehen zu spoilern. Belassen wir es dabei: die Autorin beschreitet, was ihn und Kira betrifft, nicht die üblichen Wege!

Die Liebe spielt in dieser Trilogie auf jeden Fall eine wichtige Rolle, weil sie ein grundlegender Teil dessen ist, was die Charaktere motiviert. Aber in meinen Augen ist die Geschichte eine Dystopie mit romantischen Elementen, keine Liebesgeschichte mit dystopischen Elementen. Wisst ihr, was ich meine?

Der Schreibstil ist schlicht und einfach der Hammer. Rasant und intelligent und voller toller Bilder und irrsinnig einfallsreicher Metaphern. Die Art und Weise, wie die Charaktere sprechen und denken, ist einerseits flüssig und wunderbar zu lesen, und andererseits immer ein kleines bisschen anders, als man heutzutage spricht und denkt...

Fazit:

Mit einem lachenden und einem weinende Augen nehme ich Abschied von der Mindjack-Trilogie. Lachend, weil der Autorin ein 100%ig überzeugendes, perfektes Ende gelungen ist, und weinend, weil die Geschichte jetzt vorbei ist und ich doch noch viel mehr über diese Welt lesen wollte... Gut, dass es wenigstens noch eine Reihe von Novellen gibt, die in dieser Welt spielen!

So muss eine Dystopie für mich sein: rasant, spannend und voller Action, und dabei doch intelligent und durchdacht.

Free Souls - Gefährliche Träume (Mindjack #3) - Susan Kaye Quinn
Free Souls - Gefährliche Träume (Mindjack #3)
von Susan Kaye Quinn
(8)
eBook
3,49

Ein Telepathenkrieg am Horizont...

Mikka Liest aus Hilter am Teutoburger Wald , am 01.05.2018

Auf den zweiten Band der Mindjack-Trilogie habe ich mich unheimlich gefreut, weil der erste mich schon richtig begeistert konnte. Und ich wurde nicht enttäuscht, im Gegenteil - der zweite Band gefiel mir sogar noch besser als der erste!

Ich war gespannt, wie die Autorin ihre dystopische Welt weiterentwickeln würde, und sie zieht in diesem Band wirklich die Daumenschrauben an. Es herrschen Hass und blinde Panik, und es hat sich eine Art Zweiklassen-Gesellschaft herausgebildet: die Leser, die völlig verunsichert alles glauben, was ihnen Anti-Jacker-Politiker an Gruselgeschichten einflüstern, und die Jacker, die nur noch die Wahl haben, sich entweder ihr ganzes Leben lang zu verstellen, um als normale Leser durchzugehen, oder sich nach und nach in die Ecke drängen und die Rechte entziehen zu lassen.

Es gibt inzwischen richtige Slums für Jacker, in denen das Chaos herrscht. Viele Bewohner haben nur wenig andere Möglichkeiten, als sich als Auftrags-Jacker der Kriminalität zuzuwenden, was wiederum den allgemeinen Hass schürt...

Da kommt schnell Spannung auf, und für mich blieb das Buch dann auch nervenzerfetzend bis zum Schluss!

Ich fand sehr beeindruckend, wie einfallsreich und originell die Autorin ihre Geschichte erzählt und dabei doch rundum glaubhaft bleibt. Es ist einfach alles perfekt durchdacht, die Welt ist in sich stimmig und macht Sinn... Man spürt in jeder noch so alltäglichen Situation, dass wir uns hier in einer ganz anderen Gesellschaft befinden, in der andere Regeln herrschen.

Und das liegt zum Teil sicher auch am Schreibstil, denn man merkt wieder an vielen Redewendungen und Begriffen, dass wir nicht mehr im 21. Jahrhundert sind, sondern in einer fernen Zukunft, in der Gedankenlesen selbstverständlich ist.

Besonders gut gefallen hat mir, dass das Buch interessante moralische Fragen aufwirft, und dass es kein klar definiertes Gut oder Böse gibt. Die Leute haben schließlich gute Gründe dafür, Angst zu haben vor den Jackern! Wen würde es nicht beunruhigen zu erfahren, dass der eigene Nachbar einen jederzeit zur willenlosen Marionette machen könnte?

Tatsächlich gibt es auch Jacker, die sich als Herrenrasse fühlen, als nächste Stufe der Evolution. Manchmal hat mich das Ganze ein wenig an X-Men erinnert... Die guten Mutanten, die bösen Mutanten, und die Menschen, die in dem Konflikt als Kollateralschaden enden.

Kira ist in diesem Band eine sehr, sehr widerwillige Heldin. Sie will nicht die Gallionsfigur der Rebellion sein, und das hat mich wiederum ein wenig an Katniss Everdeen erinnert... Sie sträubt sich mit Händen und Füßen gegen ihre Rolle! Ihr misslingt vieles, sie kann oft nicht jeden retten, sie trifft falsche Entscheidungen oder muss die Wahl treffen zwischen Dingen, die alle schlecht sind... Aber ich fand das sehr realistisch, und sie entwickelt sich im Laufe des Buchs auch deutlich weiter.

Ansonsten tauschen alte Feinde wieder auf, und neue Charaktere werden eingeführt... Am besten davon hat mir Julian gefallen, der Kira eine ganz neue Welt eröffnet, in der es unzählige Arten von Jackern gibt. Ob er Freund oder Feind ist, bleibt lange unklar, und gerade diese Zwiespältigkeit fand ich sehr interessant! Um mal beim Vergleich mit X-Men zu bleiben: Julian ist sozusagen der Magneto dieser Welt, der zu zweifelhaften Mitteln greift, um seine Leute zu retten...

Raf spielte in diesem Band über lange Strecken nur als Druckmittel eine Rolle - wir sehen sehr wenig direkte Interaktion zwischen ihm und Kira, und insofern blieb auch die Romantik für mich etwas auf der Strecke, was ich aber nicht weiter schlimm fand.

Fazit:

Der zweite Band der Mindjack-Trilogie hat mich voll und ganz überzeugt! Es geht rasant und spannend weiter, und mehr und mehr wird klar, dass es kein friedvolles Zusammenleben geben kann zwischen den Gedankenlesern und den Mindjackern... Kira, als widerwilliges Gesicht der Rebellion, wird wieder mitten hineingezogen in den Konflikt.

Das ist gut geschrieben und kompetent übersetzt, und es bringt mal wieder frischen Wind in das derzeit so beliebte Genre Dystopie.

Closed Hearts - Gefährliche Hoffnung (Mindjack #2) - Susan Kaye Quinn
Closed Hearts - Gefährliche Hoffnung (Mindjack #2)
von Susan Kaye Quinn
(8)
eBook
3,49

 
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