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Feuerkind

Roman

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Taschenbuch

Verfilmt unter dem Titel „Der Feuerteufel“

Das Mädchen Charlie kann allein mit Gedanken Feuersbrünste entfachen. Ihre Eltern verlangen, dass sie diese Macht niemals einsetzt. Aber gilt das auch, wenn das eigene Leben, das Leben der Familie bedroht wird?

Portrait
Stephen King, 1947 in Portland, Maine, geboren, ist einer der erfolgreichsten amerikanischen Schriftsteller. Bislang haben sich seine Bücher weltweit über 400 Millionen Mal in mehr als 50 Sprachen verkauft. Für sein Werk bekam er zahlreiche Preise, darunter 2003 den Sonderpreis der National Book Foundation für sein Lebenswerk und 2015 mit dem Edgar Allan Poe Award den bedeutendsten kriminalliterarischen Preis für Mr. Mercedes. 2015 ehrte Präsident Barack Obama ihn zudem mit der National Medal of Arts. 2018 erhielt er den PEN America Literary Service Award für sein Wirken, gegen jedwede Art von Unterdrückung aufzubegehren und die hohen Werte der Humanität zu verteidigen.

Seine Werke erscheinen im Heyne-Verlag.

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  • »Daddy, ich bin müde«, sagte das kleine Mädchen in der roten Hose und der grünen Bluse gereizt. »Können wir nicht stehen bleiben?«
    »Noch nicht, Honey.«
    Der Mann war groß und breitschultrig und trug eine schäbige Cordjacke mit abgewetzten Ärmeln und eine braune Hose aus grobem Stoff. Er und das kleine Mädchen gingen Hand in Hand die Third Avenue in New York City hinauf. Sie gingen schnell. Fast liefen sie. Er schaute über die Schulter zurück, und der grüne Wagen war immer noch da und schlich langsam auf der rechten Spur dahin.
    »Bitte, Daddy, bitte.«
    Er schaute sie an und sah, wie blass ihr Gesicht war. Sie hatte dunkle Ringe unter den Augen. Er nahm sie hoch und ließ sie in seiner Armbeuge sitzen, aber er wusste nicht, wie lange er das noch schaffte. Auch er war müde, und Charlie war kein Leichtgewicht mehr.
    Es war fünf Uhr dreißig nachmittags, und die Third Avenue war verstopft. Sie passierten die Querstraßen in den oberen Sechzigern, und diese Querstraßen waren dunkler und weniger belebt … Aber gerade das fürchtete er.
    Sie rempelten eine Dame an, die einen Einkaufswagen mit Lebensmitteln schob. »Passen Sie doch auf!«, sagte sie, und dann war sie verschwunden, aufgesogen von der hastenden Menge.
    Sein Arm ermüdete, und er verlagerte Charlies Gewicht auf den anderen. Noch einmal schaute er sich kurz um, und der grüne Wagen war immer noch da. Er verfolgte sie und war nur noch einen halben Block hinter ihnen. Auf dem Vordersitz saßen zwei Männer, und er meinte, auf dem Rücksitz einen Dritten ausgemacht zu haben.
    Was soll ich jetzt tun?
    Darauf wusste er keine Antwort. Er war müde und hatte Angst und konnte kaum noch denken. Sie hatten ihn zu einer ungünstigen Zeit erwischt, und die Schweine wussten das wahrscheinlich. Er wollte jetzt nur eins: sich auf die dreckige Bordsteinkante setzen und seine Verzweiflung und seine Angst herausschreien. Aber das war keine Lösung. Schließlich war er der Erwachsene. Er musste für sie beide denken.
    Was sollen wir jetzt tun?
    Kein Geld. Das war, von den Männern im grünen Wagen abgesehen, vielleicht das größte Problem. Ohne Geld war in New York nichts zu machen. Leute ohne Geld verschwanden ganz einfach von der Bildfläche; sie tauchten in den Gassen unter und wurden nie mehr gesehen.
    Wieder schaute er sich um und sah, dass der grüne Wagen aufgerückt war, und der Schweiß lief ihm noch ein wenig schneller den Rücken und die Arme hinunter. Wenn sie so viel wussten, wie er vermutete – nämlich wie wenig ihm von seinen außergewöhnlichen Kräften noch verblieben war –, könnten sie vielleicht versuchen, ihn gleich hier zu greifen. Selbst die vielen Leute würden sie davon nicht abhalten. Wenn man in New York nicht selbst betroffen war, entwickelte man eben diese eigenartige Gleichgültigkeit. Haben sie meine sämtlichen Daten?, überlegte Andy verzweifelt. Wenn ja, dann ist alles gelaufen; dann saß er in der Falle. Wenn sie die Daten hatten, dann kannten sie auch das ganze Muster. Wenn Andy Geld bekam, passierten die seltsamen Dinge für eine Weile nicht mehr. Die Dinge, an denen sie so brennend interessiert waren.
    Weitergehen. Klar, Chef. Gewiss doch, Chef. Wohin?
    Er war mittags zur Bank gegangen, denn sein inneres Radar hatte ihn alarmiert – diese komische Ahnung, dass sie schon wieder näher gekommen waren. Und war das nicht eigenartig? Andrew McGee hatte bei der Chemical Allied Bank von New York kein Konto mehr, kein persönliches, kein Giro-, kein Sparkonto. Alle Konten hatten sich in Luft aufgelöst. Und nun wusste er, dass sie diesmal wirklich Ernst machten. War das Ganze tatsächlich erst fünfeinhalb Stunden her?
    Aber vielleicht war ihm von seinen Fähigkeiten ein kleiner Rest geblieben. Nur ein winziger Rest. Das letzte Mal lag fast eine Woche zurück – da war dieser Selbstmordkandidat aus der von ihm geleiteten Selbsterfahrungsgruppe, der an einem der regelmäßig am Donnerstagabend stattfindenden Beratungsgespräche teilgenommen hatte und dann mit geradezu gespenstischer Gelassenheit über Hemingways Selbstmord referiert und sich dafür begeistert hatte. Und auf dem Weg nach draußen hatte Andy wie beiläufig den Arm um die Schultern des Selbstmordkandidaten gelegt und ihn psychisch beeinflusst. Hatte sich das wirklich gelohnt? Denn jetzt sah es so aus, als ob er und Charlie dafür büßen müssten. Fast hoffte er, dass ein Echo …
    Aber nein. Entsetzt und von sich selbst angewidert, gab er den Gedanken sofort auf. Das durfte man niemandem wünschen.
    Nur ein kleiner Rest, betete er. Lieber Gott, nur ein kleiner Rest. Nur genug, Charlie und mich aus dieser Klemme zu retten.
    Und wie ich dafür büßen werde … Ganz abgesehen davon, dass ich einen Monat lang so tot sein werde wie ein Radio mit einer geplatzten Röhre. Vielleicht sogar sechs Wochen lang. Vielleicht sogar wirklich tot, und mein nutzloses Gehirn wird mir aus den Ohren hinausrinnen. Aber was soll dann aus Charlie werden?
    Vor ihnen lag die 70. Straße, und die Ampeln zeigten auf Rot. Der Querverkehr strömte vorbei, und an der Ecke stauten sich die Passanten. Und plötzlich wusste er, dass dies genau die Stelle war, wo die Männer aus dem grünen Wagen sie erwischen würden. Wenn möglich, natürlich lebendig, aber wenn sie Ärger befürchteten … Über Charlie wussten sie wahrscheinlich ebenfalls genau Bescheid.
    Vielleicht sind sie gar nicht mehr daran interessiert, uns lebend zu erwischen. Was macht man mit einer Gleichung, die nicht stimmt? Man wischt sie einfach von der Tafel.
    Ein Messer in den Rücken, eine Pistole mit Schalldämpfer, möglicherweise auch etwas noch Unauffälligeres – ein Tropfen eines seltenen Giftes an der Spitze einer Nadel. Zuckungen an der Ecke Third Avenue und 70. Straße. Officer, sehen Sie doch, der Mann hat einen Herzanfall!
    Diesen letzten Rest seiner Fähigkeiten musste er nutzen. Es gab keine andere Möglichkeit.
    Jetzt erreichten sie die an der Ecke wartenden Passanten. Die Ampel drüben zeigte immer noch Rot, es schien eine Ewigkeit zu dauern. Er schaute zurück. Der grüne Wagen stand. Zum Bürgersteig hin öffnete sich der Schlag, und zwei Männer in Straßenanzügen stiegen aus. Es waren junge Leute mit glatten Gesichtern, und sie sahen sehr viel frischer aus, als Andy McGee sich fühlte.
    Mit den Ellbogen bahnte er sich einen Weg durch die Menge, und dabei sah er sich verzweifelt nach einem Taxi um.
    »Heh, Mann …«
    »Verdammt noch mal, Sie Idiot!«
    »Bitte, Mister, Sie haben meinen Hund getreten …«
    »Entschuldigen Sie bitte … Verzeihung …«, sagte Andy verzweifelt.
    Er suchte ein Taxi. Es gab keins. Zu jeder anderen Zeit hätte es auf der Straße von Taxis gewimmelt. Er spürte körperlich, wie die Kerle aus dem grünen Wagen sich ihnen näherten, ihn und Charlie greifen wollten, um sie Gott weiß wohin zu schaffen. Vielleicht zur Firma, vielleicht auch an einen anderen verdammten Ort, und vielleicht kam es noch schlimmer.
    Charlie lehnte ihren Kopf an seine Schulter und gähnte.
    Andy sah ein leeres Taxi.
    »Taxi, Taxi!«, brüllte er und winkte wie verrückt mit der freien Hand.
    Hinter ihm ließen die Männer die Maske fallen. Sie rannten los.
    Das Taxi stoppte.
    »Halt!«, brüllte einer der Männer. »Polizei! Polizei!«
    Hinten in der Menge kreischte eine Frau, dann rannte alles auseinander.
    Andy öffnete die hintere Tür und schob Charlie in den Wagen. Dann glitt er selbst hinein. »La Guardia, aber zügig«, sagte er.
    »Warten Sie, Fahrer. Polizei!«
    Der Taxifahrer drehte sich um, und Andy setzte seine psychischen Waffen ein. Es war, als würde ihm ein Dolch mitten in die Stirn gestoßen und rasch wieder herausgezogen. Zuerst rasender und stechender Schmerz, dann ein dumpfer Schmerz wie nach einer Nacht, wenn man schief in seinem Bett gelegen hat.
    »Sie sind hinter dem Schwarzen her, dem mit der karierten Mütze«, sagte er dem Fahrer.
    »Wahrscheinlich«, meinte der Fahrer und gab Gas. Sie fuhren die 70. Straße Ost hinunter.
    Andy schaute zurück. Die beiden Männer standen allein am Bordstein. Die übrigen Passanten wollten mit ihnen nichts zu tun haben. Einer der Männer nahm ein Funksprechgerät, das er am Gürtel hängen hatte, und sprach hinein. Dann waren sie verschwunden.
    »Dieser Schwarze«, sagte der Fahrer, »was hat er gemacht? Schnapsladen ausgeräumt, was?«
    »Ich weiß es nicht«, sagte Andy und überlegte fieberhaft, was er tun konnte, um mit geringstem Aufwand möglichst viel aus diesem Taxifahrer herauszuholen. Hatten sie die Wagennummer? Das musste er wohl annehmen. Aber sie würden sich nicht an die City Police oder die Jungs von der Staatspolizei wenden wollen. Fürs Erste waren sie ausgetrickst worden und tappten im Dunklen.
    »Die Schwarzen hier. Alles rauschgiftsüchtiges Pack«, sagte der Fahrer. »Erzählen Sie mir nichts, sag ich Ihnen.«
    Charlie war eingeschlafen. Andy zog sich die Cordjacke aus, faltete sie zusammen und legte sie ihr unter den Kopf. Er hatte einen vagen Hoffnungsschimmer. Wenn er keinen Fehler machte, könnte es funktionieren. Die Glücksgöttin hatte ihm einen Mann geschickt, der, wie Andy (ohne jedes Vorurteil) dachte, leicht zu beeinflussen war. Der Fahrer war in jeder Hinsicht leicht zu beeinflussen: Er war ein Weißer (bei Farbigen war es aus unerfindlichen Gründen am schwierigsten), er war ziemlich jung (bei alten Leuten war es fast unmöglich) und von mittlerer Intelligenz (gescheite Leute schaffte man am leichtesten, bei dummen war es schwerer, und bei geistig zurückgebliebenen klappte es nie).
    »Ich habe es mir anders überlegt«, sagte Andy. »Fahren Sie uns nach Albany, bitte.«
    »Wohin?« Der Fahrer starrte ihn im Rückspiegel an. »Mann, ich kann doch keine Fuhre nach Albany annehmen. Sind Sie denn verrückt geworden?«
    Andy zog seine Brieftasche, in der noch eine Eindollarnote steckte. Er konnte Gott danken, dass dies kein Taxi mit einer schusssicheren Trennscheibe war, in dem man außer durch den Geldschlitz keinen Kontakt mit dem Fahrer hatte. Bei ungehindertem Kontakt konnte man die Leute besser beeinflussen. Er hatte nie ganz begriffen, ob es sich dabei um irgendetwas Psychologisches handelte, aber das spielte im Augenblick keine Rolle.
    »Ich gebe Ihnen fünfhundert Dollar«, sagte Andy ruhig, »wenn Sie mich und meine Tochter nach Albany fahren, okay?«
    »Mein Gott, Mister …«
    Andy drückte ihm den Schein in die Hand, und als der Fahrer die Banknote betrachtete, stieß Andy zu … und er stieß hart zu. Eine schreckliche Sekunde lang fürchtete er, dass er es nicht schaffen würde, dass einfach nichts mehr übrig war, dass er seine letzte Kraft damit verbraucht hatte, dem Fahrer einen nicht existierenden schwarzen Räuber mit karierter Mütze einzureden.
    Und dann kam das Gefühl – wie immer begleitet von diesem scharfen Schmerz, als hätte er einen Dolchstoß empfangen. Im gleichen Augenblick schien sein Magen immer schwerer zu werden, und seine Eingeweide zogen sich schmerzhaft zusammen. Er fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. Die Hand zitterte, und er überlegte schon, ob er aufgeben sollte … oder sterben. In diesem einen Augenblick wollte er sterben. Das war immer so, wenn er von seinen Kräften übermäßigen Gebrauch gemacht hatte – Nehmt es, aber übernehmt euch nicht, dieser Spruch, mit dem vor langer Zeit ein Discjockey sein Programm zu beenden pflegte, schoss ihm durch den Kopf und erregte zusätzliche Übelkeit – was immer dieses »es« bedeuten sollte. Wenn ihm genau in diesem Moment jemand eine Kanone zugesteckt hätte …
    Dann schaute er zu Charlie hinüber, Charlie, die schlief, Charlie, die sich darauf verließ, dass er sie beide aus dieser Klemme herausholen würde wie aus allen anderen, Charlie, die darauf vertraute, dass er bei ihr sein würde, wenn sie aufwachte. Ja, all diese Schwierigkeiten, außer dass es immer die gleiche Schwierigkeit war, die gleiche verdammte Schwierigkeit, und auch jetzt wieder konnten sie nur eines tun: abhauen. Schwarze Verzweiflung quälte ihn.
    Das Gefühl verschwand … aber nicht die Kopfschmerzen. Die Kopfschmerzen würden immer schlimmer werden, bis es war, als hämmerte ihm ein schweres Gewicht auf Kopf und Nacken, das ihm bei jedem Pulsschlag rot glühende Qual verursachte. Helle Blitze würden ihm die Augen tränen lassen, und wie mit brennenden Pfeilen würde der Schmerz das Gewebe ringsum durchdringen. Seine Nasenhöhlen würden verstopfen, sodass er nur noch durch den Mund atmen konnte. Die Schläfen wie durchbohrt. Leise Geräusche enorm verstärkt, normale Geräusche wie die von Presslufthämmern, laute Geräusche unerträglich. Die Kopfschmerzen würden so arg werden, dass es sich anfühlte, als werde ihm in einer Folterkammer der Inquisition der Kopf zerquetscht. Bei dieser Intensität verharrte der Schmerz dann sechs, acht, vielleicht zehn Stunden.
    Wie es diesmal sein würde, wusste er nicht. Noch nie hatte er seine psychischen Kräfte bei schon fast eingetretener Leere so sehr verausgabt. Wie lange ihn auch die Kopfschmerzen in den Klauen behielten, er würde während dieser Zeit nahezu hilflos sein. Charlie würde ihn in ihre Obhut nehmen müssen. Weiß Gott, das hatte sie schon mehr als einmal getan … Aber sie hatten immer Glück gehabt. Wie oft hatte man Glück?
    »Verdammt, Mister, ich weiß nicht recht …«
    Das bedeutete, dass er irgendeinen Ärger mit der Polizei vermutete.
    »Der Handel gilt nur, wenn Sie meiner kleinen Tochter nichts davon sagen«, bemerkte Andy. »Sie war in den letzten zwei Wochen bei mir. Sie muss morgen früh wieder bei ihrer Mutter sein.«
    »Besuchsrechte«, sagte der Fahrer. »Darin kenn ich mich aus.«
    »Wissen Sie, ich sollte eigentlich mit ihr fliegen.«
    »Nach Albany? Wahrscheinlich Ozark, stimmt’s?«
    »Stimmt. Nun habe ich aber eine Todesangst vor dem Fliegen. Ich weiß, wie verrückt sich das anhört, aber es ist so. Gewöhnlich bringe ich sie mit dem Wagen zurück, aber diesmal hat meine Frau gemeckert, und … ich weiß nicht.« Andy wusste wirklich nicht. Er hatte die Geschichte ohne lange Überlegung zusammengebastelt, und jetzt schien er in eine Sackgasse geraten zu sein. Das lag an seiner Erschöpfung.
    »Dann setze ich Sie also am alten Flugplatz von Albany ab, und Mutti meint, Sie sind geflogen, klar?«
    »Natürlich.« Ihm dröhnte der Kopf.
    »Und außerdem denkt Mutti dann nicht, dass Sie ein Jammerlappen sind, stimmt’s?«
    »Ja.« Konnte der Kerl nicht endlich die Klappe halten? Die Schmerzen wurden schlimmer.
    »Fünfhundert Dollar, nur um nicht fliegen zu müssen«, murmelte der Fahrer, und schüttelte den Kopf.
    »Das ist es mir wert«, sagte Andy und setzte noch einmal nach. Mit ruhiger Stimme und dem Fahrer fast direkt ins Ohr fügte er hinzu: »Und Ihnen sollte es das auch wert sein.«
    »Hören Sie zu«, sagte der Fahrer mit verträumter Stimme, »ich lehne doch keine fünfhundert Dollar ab. Das brauchen Sie mir nicht zu erzählen, sag ich Ihnen.«
    »Okay«, sagte Andy und lehnte sich zurück.
    Der Taxifahrer war beruhigt. Er wunderte sich nicht über Andys fadenscheinige Geschichte. Er wunderte sich nicht darüber, wieso ein siebenjähriges Mädchen im Oktober ihren Vater besuchte, wo sie doch zur Schule musste. Er wunderte sich auch nicht darüber, dass die beiden nicht einmal eine Tasche bei sich hatten. Er machte sich nicht die geringsten Sorgen. Er war psychisch beeinflusst worden.
    Und dafür würde Andy jetzt büßen müssen.
    Er legte eine Hand auf Charlies Knie. Sie schlief fest. Den ganzen Nachmittag waren sie unterwegs gewesen – seit Andy sie in der Schule aufgesucht und mit einer Allerweltsausrede aus der zweiten Klasse herausgeholt hatte … Ihre Großmutter ist schwer krank … Muss nach Hause … Tut mir leid, dass ich mitten im Unterricht stören muss. Und dann die große Erleichterung. Wie hatte er gefürchtet, Charlies Platz in Mrs Mishkins Unterrichtsraum leer zu finden, die Bücher fein säuberlich im Pult verstaut: Nein, Mr McGee … Sie wurde vor zwei Stunden von Freunden abgeholt … Sie hatten ein Entschuldigungsschreiben von Ihnen … Das war doch in Ordnung? Ihm kamen Erinnerungen an Vicky, das plötzliche Entsetzen an jenem Tage, als er in das leere Haus kam. Die wilde Suche nach Charlie. Schließlich hatten sie sie schon einmal in ihrer Gewalt gehabt, oh ja.
    Aber Charlie hatte an ihrem Platz gesessen. Wie groß war sein Vorsprung? War er ihnen um eine halbe Stunde zuvorgekommen? Fünfzehn Minuten? Weniger? Er mochte gar nicht daran denken. Sie hatten bei Nathans noch eine Kleinigkeit gegessen, und den Rest des Nachmittags waren sie unterwegs gewesen, immer in Bewegung. Jetzt konnte Andy sich eingestehen, dass er in einem Zustand blinder Panik gewesen war – sie waren mit der U-Bahn und mit dem Bus gefahren, aber die meiste Zeit waren sie gelaufen. Und jetzt war die Kleine völlig fertig. Er warf ihr einen langen, liebevollen Blick zu. Sie trug schulterlanges Haar von leuchtendem Blond, und im Schlaf war ihr Gesicht von überwältigender Schönheit. Sie sah Vicky so ähnlich, dass es wehtat. Auch er schloss die Augen.
    Auf dem Vordersitz betrachtete der Fahrer nachdenklich die Fünfhundertdollarnote, die der Kerl ihm gegeben hatte. Er schob sie in eine Extratasche am Gürtel, in der er sein Trinkgeld aufbewahrte. Es kam ihm nicht eigenartig vor, dass dieser Mann auf dem Rücksitz mit einem kleinen Mädchen und einer Fünfhundertdollarnote in der Tasche durch New York gelaufen war. Er machte sich auch keine Gedanken darüber, wie er die Sache mit seinem Fahrdienstleiter regeln sollte. Er dachte nur daran, wie aufgeregt seine Freundin Glyn sein würde. Glynis lag ihm ständig damit in den Ohren, was Taxifahren doch für ein elender und uninteressanter Job sei. Abwarten, bis sie diese elende, uninteressante Fünfhundertdollarnote sah.
    Andy hielt auf dem Rücksitz den Kopf nach hinten und die Augen geschlossen. Die Kopfschmerzen suchten ihn heim, so unvermeidlich, wie ein schwarzes Pferd zu einem feierlichen Leichenbegängnis gehört. Er spürte den Hufschlag in den Schläfen. Ein monotones Stampfen.
    Auf der Flucht. Er und Charlie. Er war vierunddreißig Jahre alt, und bis vor einem Jahr war er Dozent für Englisch am Harrison State College in Ohio gewesen. Harrison war eine verschlafene kleine Universitätsstadt. Das gute alte Harrison im Herzen Amerikas. Der gute alte Andrew McGee, ein anständiger und stattlicher junger Mann. Eine solide Stütze der Gesellschaft.

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Beschreibung

Produktdetails

Einband Taschenbuch
Seitenzahl 557
Erscheinungsdatum 03.09.2007
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-453-43273-4
Verlag Heyne
Maße (L/B/H) 18,9/11,9/3,6 cm
Gewicht 438 g
Originaltitel Firestarter
Übersetzer Harro Christensen
Verkaufsrang 17331
Buch (Taschenbuch)
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10,30
10,30
inkl. gesetzl. MwSt.
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Ein untypischer Stephen King, der trotz kleinerer Schwächen zu unterhalten weiß

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Eigentlich untypisch für Stephen King, wird man doch in diesem frühen Werk mitten hineingeworfen ins Geschehen. Während sich bei seinen sonstigen Büchern der Horror allmählich ins Alltagsleben der Protagonisten einschleicht, schmettert uns der King hier von Anfang an eine geballte Ladung an Action und Spannung entgegen, die sofort Lust macht, in diesem Tempo weiterzulesen. Das funktioniert auch recht gut, bis wir bei der Hälfte des Buches angekommen sind, und King plötzlich das bisherigeTempo rausnimmt. Und genau das ist meiner Meinung nach die Schwäche dieses Werkes. Nicht dass ich ein Freund von zwischen zwei Buchdeckeln gequetschten Actionfilmen bin, ganz im Gegenteil, aber in diesem Fall hab ich mir mit dieser Vollbremsung leider etwas schwer getan. Die ruhigen Stellen an den Anfang des Buches, welches allmählich an Fahrt aufnimmt, und schon hätte die Geschichte meiner Meinung nach besser funktioniert. Feuerkind mag aus meiner Sicht zwar nicht zu Kings besten Werken zählen, aber das macht es dennoch nicht zu einem schlechten Buch. Der Autor beherrscht auch hier die hohe Kunst des Geschichtenerzählens, trotz kleineren Mängeln im Aufbau der Handlung. Für alle diejenigen, die sich bisher noch nicht mit Stephen Kings Werk auseinandergesetzt haben, gilt Folgendes: ich würde zuerst einen seiner unzähligen Klassiker (zB. Shining, Es, Friedhof der Kuscheltiere,...) ausprobieren, und wenn dieser gefallen hat (und das wird er), dann auch Feuerkind auf die Leseliste setzen, und sich ein eigens Bild davon machen.

Kundenbewertungen

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Übersicht
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Feuriges Mädchen
von NiWa aus Euratsfeld am 17.02.2018

Charlie ist ein kleines Mädchen und kann allein durch ihre Gedanken Feuer entfachen. Einst versprach sie ihren Eltern, dass sie es niemals wieder machen wird. Doch was, wenn ihr Leben in Gefahr ist? Mit „Feuerkind“ hält man einen interessanten King-Roman in den den Händen, der sich mit geheimen Experimenten, Verschwörungen de... Charlie ist ein kleines Mädchen und kann allein durch ihre Gedanken Feuer entfachen. Einst versprach sie ihren Eltern, dass sie es niemals wieder machen wird. Doch was, wenn ihr Leben in Gefahr ist? Mit „Feuerkind“ hält man einen interessanten King-Roman in den den Händen, der sich mit geheimen Experimenten, Verschwörungen der amerikanischen Regierung und dem Leben eines kleinen Mädchens auseinandersetzt. Charlie ist das Ergebnis eines Experiments. Ihre Eltern nahmen einst als Studenten für ein paar Dollar an Versuchen teil und hatten seither mit eigenen Problemen zu kämpfen. Doch niemand ahnte, dass aus dieser Verbindung ein Kind mit einem Hang zur Pyrokinese entsteht. Dadurch steht die Familie im Brennpunkt des Interesses. Denn die Regierung ist sehr wohl an diesen Entwicklungen interessiert und das Leben mit einem feurigen Kleinkind kann durchaus brenzlig sein. Charlie weiß, was sie mit ihren Fähigkeiten anrichten kann und ist durch die Ereignisse verstört. Sie kann nicht abschätzen, was und wie ihr geschieht, und möchte nur bei ihrem Vater sein. Obwohl Charlie ein tolles Mädchen ist, das mit der Pyrokinese zu kämpfen hat, hat sie mich nicht ganz überzeugt. Ich mochte sie. Ihre Entscheidungen und Handlungen waren meiner Ansicht nach logisch durchdacht, doch für ein Mädchen von 8 Jahren ziemlich weit hergeholt. King erzählt Charlies Geschichte mittels zwei Strängen und mehreren Figuren. Zu Beginn steht ihr Vater Andy im Zentrum der Aufmerksamkeit. Durch ihn erfährt man, wie die damalige Versuchsreihe abgelaufen ist, wie er dadurch seine Frau Vicky kennenlernte und mit welchem Konsequenzen das Paar seither zu kämpfen hat. Besonders die Beschreibung der Experimente mochte ich sehr. Eindringlich und bedrohlich geht King den Ursachen von Charlies Fähigkeiten auf die Spur. Er lässt den Leser die Versuche durch Andys Augen erleben. Dazu zählen sein Medikamentenrausch und die Besuche merkwürdiger Gestalten am Krankenbett. Es entsteht eine dichte, beklemmende Atmosphäre, jedoch weiß Andy nicht, ob er sich alles nur eingebildet hat. Der zweite Strang - der in Andys Gegenwart spielt - ist von der Flucht vor der Regierung geprägt. Gerade in Zeiten des kalten Krieges sind die Agenten erheblich an Charlies Fähigkeiten interessiert und natürlich wissen sie nur zu genau, dass von dem kleinen Mädchen große Gefahr ausgeht. Der Aufbau der Handlung mit den beiden Strängen hat mir sehr gut gefallen, weil schon allein daraus feurige Dynamik entsteht. Actionszenen wechseln sich mit fesselnden Begebenheiten ab, und beinhalten Abschnitte, die vergleichsweise ruhig zu lesen sind. Erwähnenswert ist Kings Liebe zum Detail und das flammende Leben, das er selbst Nebenfiguren einhaucht. Jeder Charakter ist tief, im Grunde glaubhaft, wirkt authentisch und nachvollziehbar. Während mich King mit Handlung und Figuren an die Seiten gebannt hat, habe ich brenzlige Szenen, eine feurige Verfolgungsjagd und einen flammenden Showdown erlebt, der mir dann eine Spur zu lau abgeklungen ist. Ich hatte das Gefühl, als sei die Geschichte nicht vollständig erzählt. Natürlich kann ich mir gut vorstellen, dass genau das Kings Absicht war. Insgesamt ist Stephen Kings „Feuerkind“ ein spannender Roman, der mit eindringlichen Figuren, brisanten Hintergründen und einem fesselnden Handlungsaufbau durchaus entflammen kann.

Eines der actionreicheren Werke von King
von einer Kundin/einem Kunden aus Remscheid am 01.08.2017

Die Lektüre von Feuerkind hat bei mir nicht den gleichen Eindruck hinterlassen wie beispielsweise Shining oder Friedhof der Kuscheltiere. Ich denke das liegt daran, dass dieses Buch eher eine andere Leserschaft anspricht, als die anderen beiden. Wer gern Action mag und Verfolgungsjagden gut findet, für den ist Feuerkind genau da... Die Lektüre von Feuerkind hat bei mir nicht den gleichen Eindruck hinterlassen wie beispielsweise Shining oder Friedhof der Kuscheltiere. Ich denke das liegt daran, dass dieses Buch eher eine andere Leserschaft anspricht, als die anderen beiden. Wer gern Action mag und Verfolgungsjagden gut findet, für den ist Feuerkind genau das richtige. Die Handlung ist weniger tiefgründig und die Figuren weniger ausgeklügelt beschrieben, jedoch geht es viel schneller voran. Viele Leser kritisieren an King, dass es sehr lange dauert, bis die Geschichte in Fahrt kommt. Bei Feuerkind ist dies definitiv nicht so. Wenn Sie bereits Menschenjagd oder Doctor Sleep gerne gelesen haben, dann werden Sie auch Feuerkind mögen.

Fesselnd!
von MissRichardParker am 12.12.2012

Ein spannendes und sehr fesselndes Buch. In wenigen Tagen hat man es duchgelesen. Wer von Stephen King immer nur Horror erwartet wird hier überrascht.