Jenseits von Gut und Böse

Vorspiel einer Philosophie der Zukunft. Nachw. v. Volker Gerhardt

Reclam Universal-Bibliothek 7114

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Portrait
Friedrich Nietzsche, 15. 10. 1844 Röcken bei Lützen (Sachsen) - 25. 8. 1900 Weimar. Der Sohn eines Pfarrers wuchs nach dem Tod des Vaters (1849) in Naumburg auf, besuchte hier die Bürgerschule, das Domgymnasium und schließlich das nahe gelegene Internat Schulpforta (Abitur 1864). Danach studierte er ev. Theologie und klassische Philologie in Bonn (1864-65) und Leipzig (1865-69). Bereits vor der Promotion wurde er 1869 als a. o. Professor für Altphilologie nach Basel berufen (seit 1870 o. Prof.). Noch in Leipzig lernte er 1868 R. Wagner kennen, wie er selbst beein¿usst von der Philosophie Arthur Schopenhauers. In Basel war er Kollege von Johann Jakob Bachofen und Jacob Burckhardt; mit dem Theologieprofessor Franz Overbeck entwickelte sich eine enge Freundschaft. Bis zu seiner frühzeitigen Pensionierung aus Gesundheitsgründen 1879 lehrte N. in Basel, unterbrochen nur durch eine kurze freiwillige Teilnahme am dt.-frz. Krieg 1870- 1871. Danach arbeitete er als freier Schriftsteller an verschiedenen Orten der Schweiz und Italiens, unstet und unter schweren Krankheitsanfällen leidend, bis er 1889 in Turin einen Zusammenbruch erlitt und zuerst in Basel, dann in Jena in eine Irrenanstalt gebracht wurde (Diagnose: progressive Paralyse). Von 1890 an lebte er zunächst im Haus seiner Mutter in Naumburg, dann nach ihrem Tod 1897 bei seiner Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche in Weimar. N. übte einen großen Ein¿uss auf die Entwicklung der dt. Literatur nach 1890 aus. Sein eigenes Philosophieren ist unsystematisch, besitzt literarische Züge durch die ästhetische Qualität seiner Sprache, durch seine Vorliebe für das Aphoristische, durch sein Denken in Bildern und die Hinwendung zur Welt des Sinnlichen, des Lebens. Am Anfang der in engerem Sinn literarisch-ästhetischen Schriften N.s steht die Abhandlung über Die Geburt der Tragödie, die das übliche Verständnis der griech. Antike in pessimistischer Deutung umkehrt und im Gegensatz des Apollinischen und Dionysischen die Grundstruktur der Tragödie sieht, am Ende die Selbstbiographie Ecce homo, die das Thema des Dionysischen in der Tragödie des eigenen Ich noch einmal variiert. Dichterischer Ausdruck des Dionysischen ist der Dithyrambus, aus dessen chorischer Form die Tragödie hervorgeht. Auch N. nimmt diese Form auf, wie sie in der dt. Tradition von den freien Rhythmen F. G. Klopstocks, Goethes und Hölderlins geprägt wurde; dichterischer Höhepunkt ist der Dithyrambus Die Sonne sinkt. Wie einige Dithyramben zuerst im Zarathustra erschienen, so ¿nden sich auch in den anderen Werken mehrfach lyrische Texte; so steht das berühmte 'impressionistische' Venedig-Gedicht in Ecce homo, und das Aphorismenbuch Die fröhliche Wissenschaft endet von der zweiten Aüage (1887) an mit dem Anhang Lieder des Prinzen Vogelfrei, der sich über alle Denkverbote hinwegsetzt. Darüber hinaus weist auch N.s rhythmische Kunstprosa etwa im Zarathustra vielfach hymnische, ekstatische Züge auf; neben dem rhetorischen Pathos und der erhabenen Gleichnissprache mit ihren biblischen Anklängen stehen aber auch sprachspielerische und artistische Elemente und überraschende Paradoxien, die dem Künstler philosophische Eindeutigkeit zu vermeiden helfen, ein Verfahren, das auch seine Aphorismensammlungen charakterisiert. Die Denk¿guren seines Hauptwerks Also sprach Zarathustra, die von einem Übermenschen und der ewigen Wiederkunft des Gleichen als der höchsten Formel der Bejahung sprechen und eine transzendenzlose Welt postulieren, ¿nden ihre Fortsetzung in Aufzeichnungen des Nachlasses, die N.s Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche skrupellos fälschend unter dem Titel Der Wille zur Macht 1901 herausgab. In: Reclams Lexikon der deutschsprachigen Autoren. Von Volker Meid. 2., aktual. und erw. Aufl. Stuttgart: Reclam, 2006. (.) - © 2001, 2006 Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart.
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Beschreibung

Produktdetails


Einband Taschenbuch
Seitenzahl 238
Erscheinungsdatum 1988
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-15-007114-4
Verlag Philipp Reclam Jun.
Maße (L/B/H) 14,7/9,8/1,2 cm
Gewicht 123 g
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" Ihr sollt Dichter eures Lebens sein "
von Jérôme aus Bad Eilsen am 07.06.2014
Bewertet: Einband: Taschenbuch

Das in " Menschliches Allzumenschliches " beschriebene Ideal, eines neuen, umwertenden und unzeitgemäßen Freigeistes, wird nun als Exempel für die Herausbildung einer " Fröhlichen Wissenschaft ", herangezogen. Eine Fröhlichkeit, die sich aus der Perspektive des gebundenen Geistes, vielmehr als ein angstvolles, desillusionierendes Blicken in den Abgrund, menschlicher Existenz erweist.... Das in " Menschliches Allzumenschliches " beschriebene Ideal, eines neuen, umwertenden und unzeitgemäßen Freigeistes, wird nun als Exempel für die Herausbildung einer " Fröhlichen Wissenschaft ", herangezogen. Eine Fröhlichkeit, die sich aus der Perspektive des gebundenen Geistes, vielmehr als ein angstvolles, desillusionierendes Blicken in den Abgrund, menschlicher Existenz erweist. Doch gerade diese Einbeziehung, eines leidenschaftlichen Verlangens nach jedweder Lebensform, zu der auch die seelischen Aspekte, wie das Leiden, die Krankheit und der Tod gehören, machen für Nietzsche gerade das Wesen einer vollkommenen Wissenschaft, die " bis ganz hinunter " fragt, aus. Es gilt aufzuzeigen, wie die Fundamentierung der Erkenntnisgewinnung, erst mittels des symbiotischen Einflusses, den die Seele auf den Geist ausübt, vollständig verstanden werden kann. Um diesen Kontrast zu verstehen, sollen wir uns als Phänomenologen mittels einer Selbstbefragung, der Wirkungen physiologischer Einflüsse auf unsere Gedanken bewusst werden und dadurch unsere Erkenntnisse zu relativieren verstehen. Mit diesem Wissen ausgerüstet, lüftet Nietzsche nun den Schleier der Maya und offenbart uns, dass die vermeintlichen angestrebten Ideale, wie die Suche nach der Wahrheit, welche von der Wissenschaft und der Philosophie angestrebt werden, eigentlich nur auf physiologischen Erscheinungen, wie der Lustgewinnung, dem Streben nach Macht, Wachstum, Gesundheit und Zukunft beruhen und somit verkleidete Ideale darstellen. Das wahre Reich der fröhlichen Wissenschaft, dass sich " jenseits aller bisherigen Länder und Winkel " befindet, muss sich diesem Maskenspiel bewusst werden und verstehen lernen, warum auch die bisherige Wissenschaft " ihr Feuer noch von dem Brande " eines einstigen metaphysischen Glaubens hernahm. Nietzsche zufolge, entpuppt sich ihr Wille zur Wahrheit, wonach die Wissenschaft nicht nur vor vermeintlichen Täuschungen bewahren, sondern auch selber produzierte Täuschungen verhindern soll, auf einer Voraussetzung, dessen Richtigkeit er nirgendwo legitimiert sieht. Woher nimmt die Wissenschaft ihren Glauben, dass Wahrheit wichtiger sei, als andere Überzeugungen ?, fragt sich Nietzsche. Es erscheint ihm die Möglichkeit, dass der Wille zum Irrtum, der sich als genauso richtig herausstellen könnte, ebenfalls eine mögliche Schlussfolgerung darstellen könnte. Folgen wir den gängigen Wissenschaftsmaximen, so neigen wir, Nietzsche zufolge, dazu, unsere eigenen konstituierten Denk und Wertesysteme, durch eine passende Äquivalenzumformung, in die Welt zu transformieren und uns dadurch anmaßen, der wahren Welt gerecht zu werden. Doch wir können ihrem Wesen nicht durch bestimmte Rechenübungen und Gedankenexperimenten habhaft werden, schließlich lasse sich das Wesen der Musik nicht berechnen, erklärt Nietzsche. Stattdessen sollen wir uns der Ehrfurcht und ihres " vieldeutigen Charakters " bewusst werden. Anders als in Menschliches Allzumenschliches , wo sich das Ideal der Wissenschaft unter Ausschluss der Kunst offenbarte, zeigt sich mit der Fröhlichen Wissenschaft nun ein reformierender Nietzsche, der beide Gebiete verschmelzen und somit eine Koexistenz anstreben will, in der wir Wissenschaftler und Dichter in einer Person sein sollen. Einen Hinweis auf diese neue Perspektive erhalten wir schon durch den Untertitel der zweiten Auflage " la gaya scienza ", die zu großen Spekulationen innerhalb der Interpretatoren führte. Es ist von einem Zusammenhang zu der alten Dichterkunst der Troubadoure die Rede, welche durch eine bestimmte Form und Komposition der poetischen Kreativität, dass Potential besaßen, Neues zu finden und zu Erschaffen. Auch Nietzsche scheint in seinem Werk, eine gewisse Komposition verfolgt zu haben, so scheint es, als wolle er zunächst aufzeigen, wie vielschichtig das Wesen der Erkenntnis sei, um auf seine bekannte Formulierung " Gott ist tot " hinzuführen. Das vierte Buch Sanctus Januarius, stellt einen symbolischen Neuanfang dar, in dem es gilt, dass Fehlen Gottes, mittels eines neuen Mutes zum Leben auszugleichen. Schließlich führt auch diesen Buch zu einer berühmten und schwermütigen Erkenntnis von " Der ewigen Wiederkehr des Gleichen ", die die schockierend anmutende Nachricht darstellt, wonach sich " das Rad des Seins " und damit auch das Leben, sich ständig wiederholen wird. Im fünften und letzten Buch, scheint sich alles aus der Perspektive des fröhlichen Wissenschaftlers abzuspielen, doch wie lässt er sich eigentlich beschreiben ? Als fröhlicher Wissenschaftler gilt es den berechnenden Charakter der Wissenschaften zurückzuweisen, und stattdessen den Klang einer " Musik des Lebens " wieder verstehen zu lernen. Er glaubt an keine dauernden Realitäten, sondern nur an eine Folge ihrer Veränderungen. Als Wanderer, der auf Bergen lebt, stets heimatlos und unverstanden, zieht er es vor " Dichter seines eigenen Lebens zu sein " und die Welt von ihren Berechnungen und Wertungen zu entkleiden. Gegen Ende der " Fröhlichen Wissenschaft ", demonstriert uns Nietzsche ein Festival an Pathos und Metaphorik und man beginnt in seinen Worten mitzuschwingen und zu erahnen wie er sich den Tanz der Kunst vorzustellen vermag. Doch am Ende bleibt der typische Wehmutstropfen, der den Leser wieder in seine Realität zurückholt und man resigniert feststellt, dass sich sein bildgewaltiges System auf kein richtiges Fundament stellen lässt.

Nietzsche, Nietzsche, Nietzsche
von Zitronenblau am 08.03.2009
Bewertet: Einband: Taschenbuch

Wer Nietzsche liest, kommt um die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik nicht vorbei. Hier erfährt der Lesende über das Dionysische und Appolinische und wird oberflächlich mit der eher pessimistischen Philosophie Schopenhauers sowie Nietzsches (früher) Bewunderung für Wagner konfrontiert. Nietzsche dachte frei und reflektierte viel, die inhaltliche... Wer Nietzsche liest, kommt um die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik nicht vorbei. Hier erfährt der Lesende über das Dionysische und Appolinische und wird oberflächlich mit der eher pessimistischen Philosophie Schopenhauers sowie Nietzsches (früher) Bewunderung für Wagner konfrontiert. Nietzsche dachte frei und reflektierte viel, die inhaltliche Kraft ist daher an einigen Stellen fragwürdig - jedoch ist die Frage nach einer ästhetischen Weltanschauung, die bereits im musikalischen Geist der Antike (Dithyramben, Chöre, Tragödie) geboren ist, eine durchaus ernstzunehmende. Ferner berichtet er in seinen unzeitgemäßen Betrachtungen u.a. über Wagner, Schopenhauer oder kritisiert David Strauss. Zum (Selbst-)Studium unbedingt geeignete kritische Ausgabe.


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