Warenkorb
 

>> Jetzt abräumen - Buch-Schnäppchen unter 5 EUR*

Kriegsenkel

Die Erben der vergessenen Generation

Die Kriegsvergangenheit zeigt auch heute noch in vielen Familien Spuren, bis in die zweite und dritte Generation hinein. Jetzt meldet sich die Generation der Kinder der Kriegskinder zu Wort. Ein Buch, das den »Kriegsenkeln« hilft, sich selbst besser zu verstehen. Als Friedenskinder sind sie in den Zeiten des Wohlstandes aufgewachsen. Es hat ihnen an nichts gefehlt. Oder doch? Die Generation der zwischen 1960 und 1975 Geborenen hat mehr Fragen als Antworten: Wieso haben viele das Gefühl, nicht genau zu wissen, wer man ist und wohin man will? Wo liegen die Ursachen für diese diffuse Angst vor der Zukunft? Weshalb bleiben so viele von ihnen kinderlos? Noch ist es für sie ein völlig neuer Gedanke, sich vorzustellen, ihre tief sitzende Verunsicherung könnte von den Eltern stammen, die ihre Kriegserlebnisse nicht verarbeitet haben. Ist es möglich, dass eine Zeit, die über 60 Jahre zurückliegt, so stark in ihr Leben als nachgeborene Kinder hineinwirkt?
Rezension
"... In 14 spannenden Fallbeispielen legt Bode nun dar, wie die Beziehung zu ihren Eltern und das Schweigen über den Krieg diese Generation prägte."
Emotion, 4/2009
… weiterlesen
  • Artikelbild-0
  • Flüchtlingshintergrund
    Mein Buch »Die vergessene Generation. Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen« stieß bei den Kindern jener »vergessenen Generation«, also den Kindern der Kriegskinder - vor allem Angehörige der 1960er Jahrgänge - auf große Resonanz. Wie in der Leserpost, aber auch auf Veranstaltungen zum Thema deutlich wurde, stammten ihre Eltern, Angehörige der dreißiger und vierziger Jahrgänge, überwiegend aus Flüchtlingsfamilien. Die Kriegsenkel machten mir gegen über deutlich, wie stark Mutter und Vater, ehemalige Flüchtlingskinder, durch Vertreibung und durch den Neubeginn in einer größtenteils feindseligen Umgebung Zeit ihres Lebens belastet blieben. Ich erfuhr von einem extremen Misstrauen, und dass sie nicht aufhörten, sich über die Zukunft existentielle Sorgen zu machen, auch dann, wenn sie ein gutes Auskommen hatten und gegen jedes Missgeschick versichert waren. Die Familiengeschichten bestätigten den wissenschaftlichen Befund von Andreas Kossert in seinem Buch »Kalte Heimat« mit gelebtem Leben: Das Bild von der rundum geglückten Integration der Vertriebenen nach 1945 ist ein Mythos. 1 An den Spätfolgen haben nicht selten auch die Nachkommen jener 14 Millionen Deutsche zu tragen, die nach Kriegsende ohne Heimat waren.
    Auffallend oft hörte ich Kinder der Kriegskinder über sich sagen, ihnen fehle der feste Boden unter den Füßen. Dabei waren sie als Friedenskinder in den besten aller Zeiten aufgewachsen. Zumindest in Westdeutschland hatte es ihnen an nichts gefehlt. Oder doch? Es war für die meisten ein völlig neuer Gedanke, sich vorzustellen, ihr verunsichertes Lebensgefühl könnte von Eltern stammen, die sich nicht von ihren Kriegserlebnissen erholt hatten. War es möglich, dass eine Zeit, die nun schon über 60 Jahre zurücklag, so stark in ihr Leben als Nachgeborene hin einwirkte? Und wenn ja, warum wussten sie nichts davon?
    Sie konnten sich nicht mit dem Bild identifizieren, das in den Medien über die Generation 40 plus und die »Baby-Boomer« verbreitet wird. So ermittelte eine im Jahr 2008 von der Wochenzeitschrift »Stern« in Auftrag gegebene Forsa-Umfrage »eine zufriedene Generation«. In der Illustrierten wurde ausdrücklich darauf hingewiesen: »Jeder zweite sagt sogar: So gut ging es mir noch nie«. 2 Für diejenigen, die sich bei mir meldeten, galt das keineswegs.
    Kein Mut zur Familiengründung
    Eine Frau schrieb mir: »Ich bin 40 Jahre alt und frage mich schon lange, warum ich so verunsichert durch die Welt laufe. Ich habe eine gute Ausbildung, traue mir aber nichts zu. Wenn ich mich bewerben soll, bekomme ich Panik.« Ein Mann gleichen Alters teilte mit, er sei zwar beruflich äußerst erfolgreich und auch risikobereit, habe aber nicht den Mut zur Familiengründung - seine beiden Geschwister auch nicht. Für seine Eltern werde es wohl keine Enkel geben. In beiden Fällen wurden die Kindheiten der Eltern skizziert. Sie deckten sich im Wesentlichen mit den Geschichten in meinem Kriegskinderbuch.
    Zunehmend melden sich heute Kriegsenkel zu Wort. In dem Theaterstück »Risiken und Nebenwirkungen« von Klaus Fehling, Jahrgang 1969, fand ich die Beziehung eines Kriegsenkels zu seiner Kriegskind-Mutter thematisiert. Tochter Sigrid kam nicht zu einem eigenen Leben, denn sie ließ sich von ihrer 70-jährigen Mutter Anni geradezu aussaugen. Als die Tochter sagte: »Sorgen macht sich Anni gern, aber immer nur um sich selbst«, kam aus dem Publikum ein zustimmendes Lachen. Hier saßen überwiegend die Kriegsenkel. Wie ich nach der Vorstellung im Osnabrücker Emma-Theater von den Schauspielerinnen erfuhr, handelt es sich um ein Stück mit hohem Wiedererkennungswert. Mutter Anni sorgt sich nicht um andere, sie eignet sich, wie ihre Tochter weiß, nur deren Missgeschicke an.
    Sigrid: Mir hat einer mein Handy geklaut. So ein Rudel Rumänenkinder. Im Café. Vom Tisch im Vorbeigehen. Die können echt schnell laufen. Sie ist fünf Tage nicht vor die Tür gegangen, nachdem ich ihr davon erzählt hatte. Und natürlich kein Auge zu. Wie immer.
    Literaten entwickeln häufig ein Gespür für unverarbeitete kollektive Katastrophen und ihren Niederschlag in den nachfolgenden Generationen. Dass schwere Schuld an die Nachkommen weitergegeben wird, davon kann man in der Bibel lesen. Auf Grund der Ergebnisse der Traumaforschung und der Holocaustforschung wird der Generationentransfer in der Fachwelt nicht länger bestritten. Von einem »Trauma« wird bei den Nachkommen nicht mehr gesprochen, allenfalls von einem »sekundären Trauma«, wohl aber von »Menschen mit Bindungsstörungen«, oder abgeschwächt von solchen, die, wie es in der Fachliteratur heißt, »unsicher gebunden sind.« Der Hintergrund: Eltern konnten ihren Kindern in den frühen und damit entscheidenden Jahren nicht ausreichend Halt geben und nur wenig Vertrauen ins Leben vermitteln.
    Es gab eine Zeit, in der nicht nur Eltern sondern auch Ärzte glaubten, kleine Kinder seien äußerst robust, fast schmerzunempfindlich, und sie würden selbst von den größten Schrecken ringsherum nichts mitbekommen. Als Beweis wurde stets der »selige Schlaf« der Kleinen angeführt. Man war davon überzeugt, sie besäßen noch keinerlei Antennen für die Gemütsverfassung der sie umgebenden Erwachsenen, und lobte die beruhigende Wirkung von Babys in Zeiten des Schreckens.
    Das Gegenteil ist richtig. Kinder sind äußerst feinfühlig. Sie spüren selbst jenes Grauen, das ihre Eltern tief in sich vergraben und deshalb nicht mehr in ihrem Bewusstsein haben.
    Der Bindungsforscher und Kinder- und Jugendpsychiater Karl Heinz Brisch macht deutlich: »Klassischerweise werden eigene, unverarbeitete Erlebnisse der Eltern in der Interaktion mit dem Säugling wieder lebendig - geradezu wie Gespenster aus der Vergangenheit.« 3
    Waren Mutter und Vater in ihrem eigenen Lebensgefühl und in ihrer Identität verunsichert, konnten sie ihren Kindern wenig Orientierung geben. Die Kriegsenkel berichteten mir von relativ normalen Familienverhältnissen. Ihre Eltern waren keine Unmenschen gewesen. Es wurde nur übereinstimmend gesagt: »Ich kann meine Eltern emotional nicht erreichen.«
    Die Kriegsenkel melden sich zu Wort
    Hier und da wird in den Medien über »Kinder der Kriegskinder« berichtet. Man weiß noch wenig. Man tastet sich vor. Auch in der Forschung wächst das Interesse am Thema; entsprechende Untersuchungsergebnisse werden nicht mehr lange auf sich warten lassen. Bei meinen Gesprächen mit Kriegsenkeln über sechs Jahre faszinierte mich, wie sich in ihren Darstellungen Familiengeschichte mit Zeitgeschichte verknüpfte - vor allem mit deutscher Nachkriegsgeschichte bis hin zur Gegenwart. Anfangs ging ich von einem Buchprojekt aus, in dem nicht mehr als zehn Menschen zu Wort kommen würden. Während meiner Arbeit am Manuskript zeigte sich aber, dass die von mir gewünschte Überschaubarkeit der Komplexität und der Vielfalt nicht gerecht geworden wäre, die ich bei meinen Begegnungen mit den Kindern der Kriegskinder vorgefunden habe.
    Ich habe schließlich 18 Geschichten ausgewählt, die sich gegenseitig kommentieren und ergänzen. Sie machen deutlich: Den Kriegsenkel gibt es nicht, genauso wenig wie das Kriegskind. Gerade die Verschiedenartigkeit der Erfahrungen neben den unübersehbaren Übereinstimmungen verstärkt meiner Meinung nach die Glaubwürdigkeit der Aussagen. In vielen Fällen brachte die Spurensuche in der eigenen Familiengeschichte verblüffende Ergebnisse. Überwiegend werden Schwierigkeiten und Unverständnis zwischen den Generationen geschildert. Damit möchte ich nicht behaupten, die Beziehungen zwischen den Kriegskindern und den Kriegsenkeln seien grundsätzlich spannungsreich. Aber mit Sachbüchern verhält es sich genauso wie mit Romanen und Filmdrehbüchern: Es macht keinen Sinn, über gesunde Familien zu schreiben. Mein Anliegen ist es, auf die Spätfolgen von NS -Zeit und Krieg in vielen deutschen Familien aufmerksam zu machen.
    Aber was mache ich hier? Erfinde ich gerade ein gesellschaftliches Thema, das in Wahrheit nur wenige Einzelfälle betrifft? Richtig ist, ich kenne keine Prozentzahlen - sie wären aus der Luft gegriffen. Richtig ist aber auch: Es gab eine Zeit in Deutschland, die erst vor wenigen Jahren zu Ende ging, in der nicht einmal die Angehörigen der Kriegskinderjahrgänge - in etwa von 1930 bis 1945 - der Meinung waren, sie als Generation hätten ein besonderes Schicksal. Der Satz »Ich bin ein Kriegskind« fiel selten, und noch seltener sprach ihn jemand völlig unbefangen aus. Das wirklich Neue an der Thematik »Kriegskinder« sind nicht die Schrecken des Krieges. Es ist bekannt, dass Kinder, Alte und Kranke am stärksten unter kollektiver Gewalt leiden. Das Neue ist: Hier handelt es sich um eine große Gruppe von Menschen, die in der Kindheit verheerende Erfahrungen machte, aber über Jahrzehnte in der Mehrzahl eben nicht das Gefühl hatte, etwas besonders Schlimmes erlebt zu haben. Denn es fehlte ihnen der emotionale Zugang zu diesen Erfahrungen und damit auch der Zugang zu den wichtigsten Prägungen.
    Die folgende Aussage stammt von einem 70-jährigen Mann, der bis vor 10 Jahren mit kaum zu steuernden Spannungen und Ängsten durchs Leben lief - ohne zu wissen, woher sie kamen. Er sagte: »Das Schlimme ist, dass man nicht weiß, dass man kriegstraumatisiert ist. Als Kind weiß man das nicht. Auch später hat niemand dar über geredet. So hört der innere Schrecken nie auf - und man beschimpft sich als Erwachsener auch noch dafür.«
    Seit den 1970er Jahren, vor allem seit die amerikanische Fernsehserie »Holocaust« gesendet worden war, galt das Thema »Die Deutschen als Opfer« als kulturell nicht mehr erwünscht. In den Medien, an den Schulen, in der Forschung ging es fast ausschließlich um die Fakten und Hintergründe von Hitlerdeutschland, um die Opfer der NS -Verbrechen. Vor diesem Paradigmenwechsel hatten die Deutschen sehr wohl unüberhörbar dar über geklagt, wie sehr sie im Krieg, in der Gefangenschaft, während der Nachkriegsarmut gelitten hatten.
    Wie aus Tätern Opfer wurden
    Auf diese Weise ging auch die Umetikettierung der Täter zu vermeintlichen Opfern vor sich. Der Psychotherapeut Jürgen Müller-Hohagen, 1946 geboren, beschreibt, wie sich Väter und Mütter, die sich während der NS -Zeit schuldig gemacht hatten, eine überaus haltbare Loyalität von Seiten ihrer Kinder sicherten: »Es waren ja unsere geliebten Eltern, die uns so entgegentraten, die uns auf den Schoß nahmen und dann vom Krieg erzählten oder beim Zubettbringen oder beim Essen, beim Spielen, bei Familienfeiern ...« 4
    Die Not und die totalen Verluste der Heimatvertriebenen waren im Westen des geteilten Landes ein unüberhörbares öffentliches Thema (im Osten dagegen überhaupt nicht). Doch es klagten diejenigen, die im Krieg bereits erwachsen gewesen waren - nicht aber deren Kinder. Ihnen wurde bedeutet: »Vergiss alles. Sei froh, dass du lebst. Schau nach vorn«. Daran hat sich die vergessene Generation gehalten. Den meisten Kriegskindern gelang es, vor allem auch durch unermüdliches Arbeiten, ihre Schreckenserinnerungen auf Abstand zu halten. Das bedeutete aber nicht zwangsläufig ein unbelastetes Seelenleben.
    Erst seit wenigen Jahren ist »Kriegskinder« eine Generationsbezeichnung. Ihr Schicksal wurde im Jahr 2005 bei dem ersten großen Kriegskinderkongress in Frankfurt öffentliches Thema, und es wurde sichtbar: Natürlich haben frühe Begegnungen mit kollektiver Gewalt Folgen, auch wenn die Betroffenen im späteren Leben nicht spüren, wodurch sie untergründig gesteuert werden. Keine Frage, die Kriegserlebnisse sind sehr unterschiedlich gewesen, und unterschiedlich stark waren die Folgen der frühen Verlust- und Gewalterfahrungen. Wie hoch mag der Anteil derer sein, die Schlimmes erlebten, und derer, die Glück gehabt hatten? Seit diesem Kongress haben sich die Experten weitgehend zu der Einschätzung durchgerungen, eine Hälfte habe eine normale Kindheit gehabt und die andere Hälfte nicht. Weiter heißt es: 25 Prozent erlebten kurzfristig oder einmalig ein Trauma, weitere 25 Prozent waren anhaltenden und mehrfachen traumatisierenden Erfahrungen ausgesetzt. Es wird vermutet, dass die letztere Gruppe unter Spätfolgen litt oder immer noch leidet. Von den Angehörigen der Jahrgänge 1930 -1945 leben heute noch 16 Millionen Menschen.
    Michael Ermann, der mit seiner Forschungsgruppe an der Universität München die Spätfolgen deutscher Kriegskindheiten untersuchte, geht davon aus, »dass der Weltkrieg und die NS -Zeit ihre Spuren wohl weniger in einer offensichtlichen Labilität, Einschränkung der Lebensbewältigung oder gar klinischen Symptomen hinterlassen haben, sondern dass sie sich eher als Leerstellen ins Identitätsgefühl« eingegraben haben.
    Tatsächlich scheint das Erinnerungstabu in den Familien und in der Nachkriegsgesellschaft bei Kriegsende zu einer Identität beigetragen zu haben, die mit vielen unklaren Ahnungen und offenen Fragen verbunden ist: Ahnungen und Fragen über die familiären Biografien, aber auch über sich selbst. Denn solange sie - also die Kriegskinder - »alles mit sich selbst« ausgemacht haben, gab es weder die Erfahrung, vom anderen erkannt und begriffen zu sein, noch die einer tieferen Verbundenheit. Ohne Erinnerungsarbeit gibt es kein Gefühl der Kontinuität des eigenen Lebens - ohne diese gibt es keine positive Identität. 5
    Wenn also selbst die große Gruppe der Kriegskinder über viele Jahrzehnte völlig ahnungslos bezüglich ihren eigenen Prägungen und ihren Verunsicherungen war, wie sollten deren Kinder, die Kriegsenkel, auf die Idee kommen, sie könnten ein kollektives, belastendes Erbe mit sich herumtragen?
    Das unterscheidet meiner Ansicht nach die 1960er Jahrgänge von den zehn oder 15 Jahre früher Geborenen: Deren Eltern hatten die Kriegszeit überwiegend als Erwachsene erlebt; sie hatten ihre Kinder nicht mit Klagen verschont. Auch wenn man sich als Nachkriegsgeborener entsprechend überlastet fühlte und irgendwann nichts mehr davon hören wollte, so wurde doch zumindest gespeichert: Die Eltern hatten Schlimmes erlebt.
    Die hier vorgestellten Biografien erzählen überwiegend von Menschen, die in den 1960er Jahren geboren wurden und denen es erst relativ spät in ihrem Leben gelungen ist, sich von ihren Eltern abzunabeln, und von solchen, die noch heute darum kämpfen, sich nicht von Mutter oder Vater steuern zu lassen. Diese Kriegsenkel haben alle geistigen Voraussetzungen, um ein erfolgreiches Leben zu führen, doch bei der Mehrzahl vermittelt sich der Eindruck: Sie sind emotional blockiert, sie stehen privat oder beruflich auf der Bremse.
    Woher kommt der »Nebel«?
    In den meisten Familien hatten keine Dramen stattgefunden. Stattdessen war die Rede von »Nebel« und von »Unlebendigkeit«. Ein 45-jähriger Sohn bezeichnete das Klima in seinem Eltern haus als eine »stillstehende graue Sauce.« Dar über möglichst anschaulich zu schreiben, fiel mir weit schwerer als die Arbeit an meinem Buch über das Leid der Kriegskinder. Für das Drama lassen sich leichter Worte finden als über das Fehlen des Dramas. Meine Aufgabe bestand darin, etwas völlig Unspektakuläres darzustellen, etwas Unsichtbares - ein Vakuum.
    Es gab noch eine zweite Schwierigkeit. Mir fiel auf, wie oft ich mich von der Hemmung der meisten meiner Gesprächspartner anstecken ließ, Negatives auf Seiten ihrer Eltern klar zu benennen. Kriegsenkel sind in ihrer Mehrzahl geprägt von einer außergewöhnlichen Loyalität gegenüber Mutter und Vater, nicht selten eine Loyalität, der sie ihre eigene Weiterentwicklung und ihre Wünsche nach Unabhängigkeit unterordnen.
    Bevor sich Kinder der Kriegskinder auf ein Gespräch für dieses Buch einließen, hatte ich ihnen folgende Zusicherungen gemacht: Erstens würde ich ihre Geschichte anonymisieren, zweitens könnten sie im Manuskript Änderungen vornehmen, und drittens könnten sie zu diesem Zeitpunkt immer noch ihre Geschichte zurückziehen. Genauso war ich vorher mit meinen Interviewpartnern aus der Kriegskinder-Generation verfahren. Hier gab es einige wenige Änderungen, völlig unproblematisch. Von niemandem hörte ich, er habe Schwierigkeiten, seine Geschichte zu autorisieren. Mein Eindruck war: Allen tat es gut, endlich in ihrem Leid und in ihrer Lebensleistung wahrgenommen worden zu sein. Auch in den Kriegskinder-Interviews waren harte Sätze über Elternverhalten gefallen - neben sehr viel Verständnis, wie schwer sie es in jenen Zeiten gehabt hätten. Aber dass die Kriegskinder sich durch ihre Aussagen in einen größeren oder gar unerträglichen Loyalitätskonflikt gebracht hätten, war auch dann nicht zu erkennen, wenn die Eltern noch lebten.
    Auch bei den Kindern der Kriegskinder war unübersehbar, dass sie sich danach sehnten, endlich mit ihrem stillen Unglück, ihren Ängsten und ihren »inneren Landschaften mit Brandflecken«, wie es eine Frau formulierte, wahrgenommen zu werden. Aber als der Text schwarz auf weiß vor ihnen lag, zeigte sich ein Hindernis: In ihrem Fall hatten ja nicht die Kriegserlebnisse ihnen Schaden zugefügt, sondern ihre Eltern. Als erwachsene Kinder schlecht über Mutter oder Vater zu reden, kam ihnen vor wie Verrat, und zwar auch dann, wenn ein Eltern teil schon tot war. Das Gefühl saß in den tiefsten Tiefen. Es war ein Reflex, den viele Kriegsenkel nur zu überwinden vermochten, indem sie in bewusster Anstrengung ihre Vernunft einsetzten.
    Von klein auf hatten sie die Bedürftigkeit der Erwachsenen gespürt und versucht, es ihnen ?leicht? zu machen und sie zu trösten. Damit war das Fürsorge-Prinzip zwischen Eltern und ihren Kindern auf den Kopf gestellt worden. Wenn sie nun als Erwachsene ihre Eltern um jeden Preis schonen wollten, setzte sich diese ungesunde Fürsorge fort. Eine meiner Gesprächspartnerinnen kam aus der Loyalitätsfalle nicht mehr heraus und zog ihre Geschichte - »aus Respekt und Liebe zu meiner alternden Mutter« - zurück.
    In meinem Fall war es Mitgefühl für die Kriegskinder gewesen, das mich vor fünf Jahren veranlasst hatte, über sie ein Buch zu veröffentlichen. Nun standen sie nicht mehr an erster Stelle. Dennoch musste ich mir während der Arbeit an dem vorliegenden Buch immer wieder klar machen: Nicht die Kriegskinder sind die Hauptpersonen, sondern die Kriegsenkel - die Erben der vergessenen Generation. Ich schreibe über Menschen, denen die eigenen Eltern unwillentlich Schaden zufügten, und - was die Folgen bis heute so schwer erträglich macht - deren Eltern keine eigene Beteiligung am Unglück ihres Kindes sehen, bzw. die überhaupt kein Unglück wahrnehmen.
    Sie werden in diesem Buch nicht beschuldigt, denn als Traumatisierte konnten sie ihr Handeln nicht richtig einschätzen. Aber sie werden auch nicht geschont. Denn Schonung würde bedeuten, das Schweigen in die nächste Generation weiter zu tragen, wo es erneut Verwirrung und unerklärliche Symptome verursachen könnte.
    Wir hören von Familiengeschichten mit deutlichen Parallelen zwischen den Generationen: Die durch den Krieg belasteten Kinder wurden mit ihrem Leid allein gelassen, und auch viele Kriegsenkel erfuhren, dass ihre Ängste und inneren Nöte von den Eltern nicht ernst genommen wurden. Der Altersforscher und Psychoanalytiker Hartmut Radebold sagt über die Beziehungen der Kriegskinder zu ihren Kindern: »Wahrscheinlich konnten diese Eltern nur wenig auf die psychischen Bedürfnisse ihrer Kinder eingehen und erwarteten, dass diese angesichts der eigenen bedrückenden Biografie mit ihren so ?durchschnittlichen? Problemen und Konflikten in Kindheit und Pubertät selbständig zurechtkämen«.
  • Vorwort und Dank
    1. KAPITEL Gespenster aus der Vergangenheit
    Familienweihnachten als Pflichtveranstaltung
    Klagen über Eltern
    Überdosis NS -Geschichte
    Flüchtlingshintergrund
    Kein Mut zur Familiengründung
    Die Kriegsenkel melden sich zu Wort
    Wie aus Tätern Opfer wurden
    Woher kommt der »Nebel«?
    Eine ostdeutsche Geschichte
    Das Nachbeben
    2. KAPITEL Wem es zu gut geht, den bestraft das Leben
    Ein Seminar für Kinder der Kriegskinder?
    Sein Vater brauchte Dauerstress
    Auf der Suche nachVorbildern
    Woher kam der neurotische Umgang mit Geld?
    Kapitulation kurz vor dem Examen
    Die Mutter gönnte ihm keine Geheimnisse
    Das Massaker von Aussig an der Elbe
    Großvaters »verlorenes Paradies«
    Ich muss keine Frau mehr retten
    3. KAPITEL Die Burgfamilie
    Freundliche und gut erzogene Töchter
    Essstörungen
    Zwei ungleiche Schwestern
    Erfolgreiche Bogenschützin
    Schulversagerinnen
    Mama nahm alles hin
    Dia gnose Bulimie
    Ich bin doch deine Tochter, Mama!
    4. KAPITEL Der lange Weg zur eigenen Identität
    Ein Fest mit Bergmannstradition
    Frisch verliebt
    Du weißt gar nicht, wie gut du es hast
    Als sie ihren fröhlichen Vater verlor
    Ein fürsorglicher Ehemann
    Was ist emotionale Offenheit?
    Ein neues Ziel:Abitur
    Der jugendliche Sohn rastet aus
    Der letzte Schritt in die Freiheit
    5. KAPITEL Die Spätzünderin
    Ein Dauerproblem
    Unsere Beziehung ist grottenschlecht.
    Sie litt unter dem beruflichen Niveau
    Erst Streit - dann drei Tage Schweigen
    Tote Babys am Straßenran
    Verwandte von den Nazis ermordet
    6. KAPITEL Das Böse
    Familienforschung im Fernsehen
    Verletzte Integrität
    Opa war doch ein Nazi
    Vater und Sohn im Dauerstreit
    »Nazis«, » KZ « und » SS « - was ging mich das an?
    Macht über den Vater
    Lehrer in die Enge treiben
    Tränen und Scheidung
    Die Sache mit dem jüdischen Friedhof
    Von Schandtaten wollte ich nichts hören
    Genickschuss!
    Ein einfacher Hilfsarbeiter.
    Amerika - meine Rettung
    Eine neue Familie
    Die große Trauer
    7. KAPITEL Sohn im Schatten
    Marathon auf der Theaterbühne
    Wenn Kinder eine leichte Beute sind Vergewaltigungen
    ... aber meine Seele war gestorben
    Tabu Königsberg
    Die Fassade einer intakten Ehe
    Todesursache unbekannt
    Familie auf dem Prüfstand
    8. KAPITEL Der Wehrlose
    Ein vielseitiger Autor
    Misstrauen und Missgunst
    Ein Versöhnungskind?
    Er war ein Einzelgänger
    Hohe moralische Ansprüche
    Die Konkurrenz der Kranken
    Eine unstillbare Sehnsucht nach Trost
    9. KAPITEL Leben lernen
    Ein empörter Brief
    Mutter war furchtbar verklemmt
    Eine übergroße Bescheidenheit.
    Balkone wie Schießscharten
    Sich mit Geld betäuben
    Wie sich Schatten verflüchtigen
    10. KAPITEL Kinderladen-Kinder
    Ein Rückblick auf 1968 Ungereimtheiten
    Was läuft bei ihr schief? Kinder, die alles dürfen
    Der Wutanfall eines Zwergs
    Adlig und antikapitalistisch
    Die neuen Normen der WG
    Eine Pubertät unter Beobachtung
    Das Amerika-Desaster
    Zwei Jahre ohne Kontakt zur Mutter
    Ich habe meine Kindheit genossen
    Zwei Wunder
    11. KAPITEL Nebel im Kopf
    Im Kinderbett kam die Angst
    Zwangshandlungen
    Neue Eltern braucht das Land!
    Hinter dicken Mauern
    Angst vor dem Atomkrieg
    Schneller, die Russen kommen
    Auch der Vater schien zu pubertieren
    Selbstverletzungen einer Jugendlichen
    Gewaltrausch während einer Therapiestunde
    Folgenreiches Schwarz-Weiß-Muster
    Die Kriegsängste der Mutter geträumt
    12. KAPITEL Grenzen ziehen
    Ein später Vater
    Familienklima: »Eine stillstehende graue Sauce«
    Aufwachsen ohne eigenes Zimmer
    Meditation mit grauweißen Fliesen
    Ein bisschen Punk
    Der Fernseher bleibt an
    Ich bin doch ihr Sohn!
    Vorsicht - heiße Herdplatte!
    Eine Tochter auf Distanz
    Der Vater war noch im Krieg
    Vorurteile ge gen über Polen und Russen
    Alles, was schön und gut ist, wird zerstört
    Ähnlichkeiten mit der eigenen Mutter
    Des lieben Gottes Lieblingskind
    Kein Kontakt mehr zu den Eltern
    Eine typische Suchtfamilie
    Sie wollte die Mutter retten
    Als Säuglinge dressiert wurden
    Das brüllende Kind
    Der Unfall
    13. KAPITEL Als die Hochzeit abgesagt wurde
    Ein beharrliches Paar Sie könnten Geschwister sein
    Ich bin stolz auf meine Eltern
    Neubeginn im Rheinland
    Der Abstieg einer Familie
    Der Vater mied jede Prüfung
    Früh geheiratet, schnell geschieden
    Ankommen ist gefährlich!
    Ein tiefes Gefühl von Verlorenheit
    Großmutter schrieb im Luftschutzkeller
    Was bedeutet das Schweigen in der Familie?
    Forschungsprojekte nach dem 11. September 2001
    Die Tochter durfte nicht studieren
    Eltern im Dauerstreit
    Führen Sie das Leben Ihrer Mutter?
    Das Ultimatum
    Schuldgefühle aushalten
    14. KAPITEL Die Perspektive eines Kriegskindes
    Mutter-Sohn-Beziehung
    Ungewöhnliche Rollenverteilung
    Ihr unverarbeitetes Trauma belastete den Sohn
    Die Wahrnehmung des Anderen anerkennen
    Traumabehandlung mit 15 Jahren Verspätung
    Ungute Fürsorge
    Bücher zum Thema
    Anmerkungen
In den Warenkorb

Beschreibung

Produktdetails

Einband Taschenbuch
Seitenzahl 304
Erscheinungsdatum 17.02.2019
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-608-94808-0
Verlag Klett Cotta
Maße (L/B/H) 19/11,4/2,5 cm
Gewicht 220 g
Auflage 25. Auflage
Verkaufsrang 1050
Buch (Taschenbuch)
Buch (Taschenbuch)
10,30
10,30
inkl. gesetzl. MwSt.
inkl. gesetzl. MwSt.
zzgl. Versandkosten
Versandfertig innerhalb 48 Stunden,  Kostenlose Lieferung ab 30  € Einkaufswert ,  Versandkostenfrei für Bonuscard-Kunden
Versandfertig innerhalb 48 Stunden
Kostenlose Lieferung ab 30  € Einkaufswert
Versandkostenfrei für Bonuscard-Kunden
In den Warenkorb
Vielen Dank für Ihr Feedback!
Entschuldigung, beim Absenden Ihres Feedbacks ist ein Fehler passiert. Bitte versuchen Sie es erneut.
Ihr Feedback zur Seite
Haben Sie alle relevanten Informationen erhalten?

Buchhändler-Empfehlungen

Familientraumata

Anja Gernandt, Thalia-Buchhandlung Wien

Sabine Bodes Buch hat mir wirklich gut gefallen, denn sie widmet sich dem Thema der Kriegskinder und wie unverarbeitete Traumata in Familien auch noch über Generationen weitergegeben werden. Bode interviewt verschiedene Kriegsenkel, aber auch ein Kriegskind, und lässt diese ihre Geschichten erzählen und deren Verhältnis zu den Eltern reflektieren. Und so unterschiedlich die Schicksale der Protagonisten sind, werden doch viele Ähnlichkeiten sichtbar. Oft zwar im Wohlstand aufgewachsen, fehlte es eben doch oft an Einfühlungsvermögen und Zuneigung durch die Eltern, was auch auf die folgenden Generationen negative Auswirkungen hat(te). Bode macht sehr deutlich und klar, wie wichtig es ist das Schweigen zu durchbrechen und (verdrängte) Familiengeschichten des zweiten Weltkrieges aufzuarbeiten, bzw. wenn Nichts anderes hilft, sich von den Eltern zu lösen, ob emotional oder tatsächlich. Nur so ist ein Weiterkommen für die Folgegenerationen möglich. "Kriegsenkel" ist wirklich sehr zu empfehlen und ich werde auch sicher noch mehr von Sabine Bode lesen.

Kundenbewertungen

Durchschnitt
7 Bewertungen
Übersicht
4
2
1
0
0

von einer Kundin/einem Kunden am 27.01.2019
Bewertet: anderes Format

Buch mit vielen Aha-Effekten. Selbst in der Generation der 40 - 50Jährigen leiden noch viele unter den Kriegstraumata ihrer Eltern. Viele Kurzbiografien verdeutlichen das.

Kriegsenkel
von einer Kundin/einem Kunden aus Markranstädt am 13.02.2017

Das Buch umreisst in mehreren persönlichen Aufsätzen Betroffener das Leben und Leiden der Kriegsenkelgeneration und filtert dabei deren Gemeinsamkeiten heraus. Ich habe mich und meine Familie darin auch wiedergefunden. Dennoch fehlten mir bei der Darstellung mehr konkrete Lösungsansätze, wie mit den hinterlassenen Traumata nun k... Das Buch umreisst in mehreren persönlichen Aufsätzen Betroffener das Leben und Leiden der Kriegsenkelgeneration und filtert dabei deren Gemeinsamkeiten heraus. Ich habe mich und meine Familie darin auch wiedergefunden. Dennoch fehlten mir bei der Darstellung mehr konkrete Lösungsansätze, wie mit den hinterlassenen Traumata nun konstruktiv umgegangen werden kann, damit sie nicht noch eine Generation weiter vererbt werden.

Kriegsenkel
von einer Kundin/einem Kunden am 09.12.2015

Die Journalistin Sabine Bode hat mit den Enkeln der Kriegsgeneration, mit den heute 30 bis 50- Jährigen gesprochen, die über sich selbst, ihre Eltern und Großeltern reflektieren. Bedrückende deutsche Einzelschicksale erfahren wir, Schuld, Unschuld, Traumatisierungen und wie diese bis heute in den Familien und Beziehungen nachwir... Die Journalistin Sabine Bode hat mit den Enkeln der Kriegsgeneration, mit den heute 30 bis 50- Jährigen gesprochen, die über sich selbst, ihre Eltern und Großeltern reflektieren. Bedrückende deutsche Einzelschicksale erfahren wir, Schuld, Unschuld, Traumatisierungen und wie diese bis heute in den Familien und Beziehungen nachwirken. Es ist eine sehr persönliche Art der Aufarbeitung dieses Teils unserer Geschichte, die durchaus dazu anregen kann, auch in der eigenen Familie näher und genauer nachzuspüren.