Aufbruch der entsicherten Gesellschaft

Deutschland nach der Wiedervereinigung

In Zeiten wie diesen wird, wie es der Soziologe Hans Braun exemplarisch für die 1950er Jahre der alten Bundesrepublik formuliert hat, das generelle Bedürfnis, Sicherheit herzustellen, zu einer beherrschenden gesellschaftlichen Zielvorstellung (Braun 1978: 280). Es gehe darum, so Braun, jene "Unsicherheitsfelder" einzudämmen, die aus der Dynamik eines beschleunigten sozialen Wandels hervorgehen. Hierfür sind individuelle Handlungsanleitungen und kollektive Strategien gleichermaßen vonnöten (ebd.: 279). Ganz ähnlich hatte Jahrzehnte zuvor, mit Blick auf das anlaufende Demokratieprojekt im nachnationalsozialistischen Deutschland im Jahr 1945, Brauns US-amerikanischer Kollege Talcott Parsons die psychologischen Voraussetzungen für einen kontrolliert verlaufenden Wandel der Gesellschaft (Controlled Institutional Change) beschrieben. Um eine grundlegende Modernisierung von Politik und Gesellschaft durchzusetzen, müssen, so Parsons, alte Verhaltensmuster gegen neue ausgetauscht werden. Indes tendierten die eingeschliffenen Institutional Patterns der alten Zeit zur Selbsterhaltung, wobei ihnen das Beharrungsvermögen alter Netzwerke (Vested Interests) zugute käme. Um deren blockierende Wirkkräfte zu neutralisieren, müsse man sie - sei es mit Anreizen, sei es durch Ausüben von Druck - zu "Redifinitionen" sozialer Strukturbildungen und Handlungsmuster bewegen. Zum anderen sei es angezeigt, Bündnisse zu schmieden mit den Pionieren der gesellschaftlichen Modernisierung, die in Zeiten des Wandels ebenfalls bereit stünden und ihre Chance suchten: "There are ›allies‹ within the social system itself which can be enlisted on the side of change in any given direction" (Parsons 1993 [1945]: 397ff.).

Diese Konstellation, die Parsons idealiter beschrieb, wird in den Abläufen der beiden jüngeren deutschen Systemwechsel zur Demokratie, demjenigen von 1945/49 in Westdeutschland und jenem von 1989/90 in Ostdeutschland, gut erkennbar. Allerdings jeweils mit zeittypischen Ausprägungen: Während im westlichen Nachkriegsdeutschland einerseits nationalsozialistisch belastete Angehörige der neuen Positions- und Werteliten vielfach unbehelligt weiter in Amt und Würden blieben, andererseits aber in der Gesellschaft früh ein formales Einverständnis mit der Demokratie entstand, das Eliten und Bevölkerung vereinte und in den 1970er Jahren sich in der Richtung wachsender politischer Partizipation materiell erweiterte (Almond/Verba 1963; Gabriel 1987), waren umgekehrt in Ostdeutschland nach 1990 die neuen Führungsschichten in Politik, Verwaltung und Wirtschaft nicht vergleichbar korporativ politisch vorbelastet und fanden auch bemerkenswert schnell zu einer professionell konvergenten Grundhaltung. Andererseits hat sich in den neuen Bundesländern hinsichtlich der Bewertung zentraler politischer und gesellschaftlicher Fragen seit der Einigung die Kluft zwischen "unten" und "oben" teilweise verbreitert (Aderhold u.a. 2010a). Auch stagniert das bürgerschaftliche und politische Engagement auf niedrigerem Niveau oder entwickelt sich inzwischen sogar rückläufig (vgl. Bundesministerium 2010).

Der diachrone Vergleich macht zudem deutlich, wie unterschiedlich beide deutschen Transformationsgesellschaften mit der elementaren Herausforderung, Unsicherheit in neuerliche Sicherheit zu verwandeln, umgegangen sind. Für die westdeutsche Nachkriegsgesellschaft wurde, nachdem die der Währungsreform von 1948 folgende Stabilisierungskrise abgeflaut war, ein Lebensgefühl sozial konstitutiv, das, wie Helmut Schelsky beobachtete, "in einer unwahrscheinlichen Arbeitsenergie [und] in einem breiten Aufstiegs- oder Wiederaufstiegsstreben" zum Ausdruck kam (Schelsky 1965 [1955]: 407; vgl. Schelsky 1965 [1953]; neuestens Holtmann 2012c). Der eineinhalb Jahrzehnte anhaltende wirtschaftliche Aufschwung der Wirtschaftswunderjahre entlohnte diese individuelle Anstrengung mit materiellen Gratifikationen, die das Gros der Gesellschaft absicherte (siehe die Daten zur Steigerung von Sozialprodukt und Einkommen bei Lepsius 1974: 272). Dieser Prozess eines allgemeinen sozialen Aufstiegs wurde von Schelsky damals als "Entschichtungsvorgang", nämlich als Tendenz hin zu einer "nivellierten Mittelstandsgesellschaft" beschrieben. Die neue "›mittelständische‹ Lebensform" erfüllte sich demzufolge darin, dass "fast jedermann seinen Fähigkeiten angemessen das Gefühl entwickeln kann, nicht mehr ganz ›unten‹ zu sein, sondern an der Fülle und dem Luxus des Daseins schon teilhaben zu können" (Schelsky 1965 [1953]: 332f.).

In Ostdeutschland entwickelte sich nach 1990 die Empfindungslage der Gesellschaft komplizierter. Einesteils kam im Zuge des Aufbrechens erstarrter alter Strukturen auch hier ein bemerkenswertes Potential an bis dahin versteckter Individualität zum Vorschein, das sich etwa bei der Neu- bzw. Ausgründung kleiner und mittlerer Betriebe bewährte. Anders aber als in der Phase der damaligen Rekonstruktion Westdeutschlands wurde in Ostdeutschland das Erleben, dass "die Existenz des einzelnen sich auf einem im Vergleich zur Ausgangslage deutlich höheren Niveau konsolidiert" und deshalb "die Lebensumstände als stärker gesichert erscheinen" (Braun 1978: 293), nicht zu einer als alternativlos wahrgenommenen Allgemeinerfahrung. Denn anders als im westlichen Nachkriegsdeutschland war die Ausgangslage 1989/90 nicht durch eine generalisierte Mangellage und infrastrukturelle Lähmung gekennzeichnet. Dies hatte zur Folge, dass Prozesse sozialen Abstiegs in Ostdeutschland nach 1990 subjektiv als vergleichsweise einschneidender empfunden wurden. Auch werden Zuwächse an "Zivilisationskomfort" (Schwarz 1981: 384), die objektiv beachtlich sind, bis heute in Teilen der ostdeutschen Bevölkerung als defizitär gewertet, weil ein Maßstab von Verteilungsgerechtigkeit angelegt wird, der sich mit wechselnder Blickrichtung entweder an einer zu DDR-Zeiten vorgeblich besser gewährten Grundsicherheit oder, legitimiert durch das Verfassungspostulat gleichwertiger Lebensverhältnisse, ausschließlich am westdeutschen Vergleichsniveau orientiert.
Buch (gebundene Ausgabe)
Buch (gebundene Ausgabe)
41,90
41,90
inkl. gesetzl. MwSt.
inkl. gesetzl. MwSt.
Versandfertig in 1 - 2 Wochen Versandkostenfrei
Versandfertig in 1 - 2 Wochen
Versandkostenfrei

Weitere Formate

gebundene Ausgabe

€ 41,90

Accordion öffnen
  • Aufbruch der entsicherten Gesellschaft

    Campus

    Versandfertig in 1 - 2 Wochen

    € 41,90

    Campus

eBook (PDF)

€ 35,00

Accordion öffnen

Beschreibung

20 Jahre nach der deutschen Einigung handeln die Menschen in Ostdeutschland immer noch unter dem Einfluss der Ost-West-Differenz und anhaltender Unsicherheit. Das Buch zeichnet die Entwicklungslinien des Einigungsprozesses sowie den internationalen Kontext seit 1989/90 bis heute nach. Es bündelt die Erträge des Forschungsverbunds »Gesellschaftliche Entwicklungen nach dem Systemumbruch«
der Universitäten Jena und Halle, der weltweit einzigen Großforschung, die sich über zehn Jahre interdisziplinär und vergleichend entlang der Themen Eliten, Arbeit, Regionalität und Partizipation der Transformationsforschung widmete.

Aufbruch der entsicherten Gesellschaft
"Die Lektüre lohnt sich ohne Einschränkung ... Die Präzision, mit der gearbeitet wird, macht die Aussagefähigkeit der Texte unangreifbar." (Das Parlament, 26.11.2012)

Heinrich Best ist Professor für Empirische Sozialforschung und Sozialstrukturanalyse an der Universität Jena. Everhard Holtmann
ist Professor für Systemanalyse und Vergleichende Politik an der Universität Halle-Wittenberg.

Produktdetails

Einband gebundene Ausgabe
Herausgeber Heinrich Best, Everhard Holtmann
Seitenzahl 491
Erscheinungsdatum 08.10.2012
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-593-39774-0
Verlag Campus
Maße (L/B/H) 24,3/16,4/3,5 cm
Gewicht 806 g

Kundenbewertungen

Es wurden noch keine Bewertungen geschrieben.

  • Artikelbild-0
  • Inhalt

    Einleitung

    Die langen Wege der deutschen Einigung: Aufbruch mit vielen Unbekannten 9

    Heinrich Best und Everhard Holtmann

    IAufrisse

    Von der KSPW zum SFB 580 - Vorgeschichte und Basiskonzept

    des Sonderforschungsbereich43

    Rudi Schmidt

    IIBruch, Kontinuität, Zirkulation - Karrieren,

    Lebensverläufe und Einstellungen von Eliten

    Die DDR-Gesellschaft als Ungleichheitsordnung:

    Soziale Differenzierung und illegitime Statuszuweisung 63

    Heinrich Best, Ronald Gebauer, Dietmar Remy und Axel Salheiser

    Zweimal Deutsche Vereinigung: System- und Sozialintegration

    der politischen Eliten nach 1871 und 1990 im Vergleich 85

    Heinrich Best und Lars Vogel

    Vom sozialistischen Leiter zum mittelständischen Unternehmer -

    Ostdeutsche Unternehmensleiter nach zwei Jahrzehnten

    der Transformation 104

    Bernd Martens und Ralph-Elmar Lungwitz

    So nah - und doch so fern? Lokale Eliten im Spannungsfeld von

    Transformation und politischer Professionalisierung 123

    Jens Aderhold, Katrin Harm, Everhard Holtmann und Tobias Jaeck

    "Die Anderen" - Parteifreie Akteure in der lokalen Risikogesellschaft 150

    Everhard Holtmann, Kristine Khachatryan, Adrienne Krappidel,

    Rebecca Plassa, Christian Rademacher und Maik Runberger

    Ostdeutsche Generationen als Einwanderer in der Bundesrepublik

    und die Perspektiven der Wendekinder als Generation 172

    Tanja Bürgel

    IIIInterne und externe Arbeitsmärkte: Aufbruch in

    "flexible" Beschäftigungsverhältnisse

    Der Beitrag des Arbeitsrechts zur Strukturbildung im

    demografischen Umbruch 189

    Wolfhard Kohte, Mirka Burkert und Anja Schika

    Ostdeutsche Betriebe im demografischen Umbruch 202

    Holle Grünert, Thomas Ketzmerick, Burkart Lutz und Ingo Wiekert

    Generalisierung von Unsicherheit? Transformationen des

    ost-westdeutschen Arbeitsmarktes222

    Alexandra Krause, Christoph Köhler, Olaf Struck, Alexandra Böhm,

    Susanne Gerstenberg und Stefan Schröder

    IVRegionalität und Geschichtlichkeit:

    Territoriale Fußabdrücke im Transformationsprozess

    Die regionale Kultur unternehmerischer Selbstständigkeit im

    Transformationsprozess 239

    Michael Fritsch, Elisabeth Bublitz, Alina Rusakova,

    Yvonne Schindele und Michael Wyrwich

    Regionale Kulturmuster langer Dauer als Hintergrund von

    Umbruchserfahrungen: das Beispiel des thüringischen Eichsfeldes 260

    Anita Bagus

    Transformationsprozesse der Kinder- und Jugendhilfe in

    Deutschland nach 1989 280

    Karl Friedrich Bohler, Anna Engelstädter, Tobias Franzheld und Bruno Hildenbrand

    VIndividuelle Bewältigung und Selbsttätigkeit in Zeiten

    von Strukturbruch und Strukturbildung

    Sozialer Wandel und subjektives Wohlbefinden: Die Rolle von

    Anforderungen, Bewältigung, Ressourcen und Kontexten 305

    Rainer K. Silbereisen, Martin J. Tomasik und Matthias Reitzle

    Mitmachen und Mitreden: Sozialmoralische Orientierungen

    von bürgerschaftlich Engagierten im Ost-West-Vergleich 328

    Michael Beetz, Michael Corsten, Hartmut Rosa und Torsten Winkler

    Bewährungsproben für die Unterschicht: Wirkungen aktivierender

    Arbeitsmarktpolitik 347

    Melanie Booth, Klaus Dörre, Tine Haubner, Kai Marquardsen,

    Karin Scherschel und Karen Schierhorn

    Vom "verdienten Ruhestand" zum "Alterskraftunternehmer"?

    Bilder des Alter(n)s im gesellschaftlichen Wandel nach dem

    Systemumbruch 369

    Tina Denninger, Silke van Dyk, Stephan Lessenich und Anna Richter

    "Jeder nach seinen Fähigkeiten, Jedem nach seinen Bedürfnissen!" -

    Rehabilitation und Pflege nach dem Systemumbruch 388

    Johann Behrens, Christiane Becker, Almuth Berg, Steffen Fleischer,

    Gero Langer, Katrin Parthier, Michael Schubert, Yvonne Selinger,

    Markus Zimmermann und Andreas Weber

    VISynopse

    Institutionelle Transformation - Habituelle Irritation -

    Sozialstrukturelle Petrifikation: Empirische Befunde und

    transformationstheoretische Schlüsse zur deutschen Vereinigung 417

    Steffen Sch