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Schöne Freunde

Roman

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Taschenbuch
gebundene Ausgabe
Arno Geiger, Meister sprudelnder Sprachphantasie, beweist in "Schöne Freunde", dass er es versteht, Romane zu schreiben, die zwar die Untiefen der menschlichen Seele berühren, aber doch durch und durch komisch sind. "Schöne Freunde" ist ein Roman über das Ende der Kindheit - ein ganz eigener, unvergleichlicher Ton in der Gegenwartsliteratur.
Portrait
Arno Geiger, 1968 geboren, lebt in Wolfurt und Wien. Sein Werk erscheint bei Hanser, zuletzt Alles über Sally (Roman, 2010), Der alte König in seinem Exil (2011), Grenzgehen (Drei Reden, 2011), Selbstporträt mit Flusspferd (Roman, 2015) und Unter der Drachenwand (Roman, 2018). Er erhielt u. a. den Deutschen Buchpreis (2005), den Hebel-Preis (2008), den Hölderlin-Preis (2011), den Literaturpreis der Adenauer-Stiftung (2011), den Alemannischen Literaturpreis (2017), den Joseph-Breitbach-Preis (2018) und den Bremer Literaturpreis (2019).

 
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  • Ich weiß nicht, wie viele Jahre wir vor dem großen Tor gestanden sind. Ich weiß nicht, ob ich es vergessen oder nie gewußt habe. Ich erinnere mich nicht, je mit jemandem darüber gesprochen zu haben. Trotzdem glaube ich, daß alle darüber Bescheid wissen. Der Akkordeonspieler müßte es wissen, aber er hat keinen Kopf dafür. Alle andern, die es wissen müßten, sind verschwunden. Sie sind aus dem Dorf verschwunden. Sie sind vom Schiff verschwunden. Sie sind aus der Imbißstube verschwunden. Oder sie sind geblieben. Im Dorf. Auf dem Schiff. In der Imbißstube.
    Dann bin ich verschwunden.
    Wenn ich einen Ausgangspunkt suche, gelange ich zur Ankunft des Beamten, der den Auftrag hatte, das Unglück zu untersuchen, ich gelange nicht zum Unglück selbst. Am Abend des Tages, an dem ein Teil der Grube eingestürzt war, hielt ein Geländewagen vor dem großen Tor. Der Akkordeonspieler fiel in eine rasche Tonfolge. Der Chauffeur des Wagens ließ das Seitenfenster herunterfahren, aber nicht, um eine Münze in meine Kappe zu werfen, sondern um uns anzuschreien. Wir sollten verschwinden. Ich wußte nicht, wie der Mann dazu kam, uns anzuschreien und zu verlangen, daß wir verschwinden sollten. Ich öffnete das Tor trotzdem, ich habe nie einen Unterschied gemacht.
    Ich beschreibe das Tor. Ich beschreibe es, weil niemand anders es beschreibt. Ich beschreibe es vorsichtig, um mich nicht allzu sehr zu täuschen: Ein großes und sehr hohes Tor. Ich glaube, es war alt, aus schwarzem oder schwarz gefärbtem Eisen, manchmal rostig oder schorfig, ich weiß es nicht, ich habe mich nie so recht dafür interessiert. Ich stand dort jeden Tag mit Ausnahme Sonntag. Oben zur Mitte hin war das Tor ansteigend geschwungen. Die Gitterstäbe endeten in Lanzettenspitzen, die teils verbogen, teils abgebrochen waren, doch auch in diesem Fall weiß ich nicht warum. Rechts ein Portierhaus mit einer dicken Frau darin, Frau Berber. Links ein Zaun, der rechts zum Portierhaus zurückkehrte, aber so, daß ich den ganzen Zaun hätte abgehen müssen, um zu erfahren, auf welchem Weg. Das Gelände war vollständig eingezäunt, und den Zaun entlang wuchsen Brennesseln, jedenfalls so weit ich es vom großen Tor aus sehen konnte. Nur links, wo wir gestanden waren, erstreckten sich zwei Meter festgetretener Dreck.
    Die Straße war eine lange Straße, vermutlich älter als das große Tor und voller Schlaglöcher, die sich bei Regen in Pfützen verwandelten. Die Straße führte an den alten Villen, an der Arbeitersiedlung und an den neuen Villen vorbei zu einer Kreuzung und von dort in die Berge oder zur Stadt. Die Stadt habe ich die längste Zeit nicht gekannt. Zur Arbeitersiedlung ging ich regelmäßig und saß an Küchentischen, wo ich Limonade trank. Zu den alten Villen kam ich jede Woche sonntags bei Sonnenaufgang, denn dank meiner Bekanntschaft mit den Kindern des Platzwärters Zimek durfte ich für die Frauen und Männer am Tennisplatz den Balljungen machen. Zwecks Linie oder Geheimtraining (Ausdruck Platzwärter Zimek) spielten immer einige schon sehr zeitig, praktisch mit dem Hellwerden. Ehepaar Doktor Bianchi, Ehepaar Doktor Kornatz, Ehepaar Doktor Grüneisen. Die Frauen spielten regelmäßig. Am Schauplatz ihrer und ihrer Gatten Erholung, Sündenbüßung und Hinzufügung neuer Sünden habe ich gelernt, was mir später Halt, Erfolg und Glück ermöglichen sollte: Tennisspielen, Umgang, geistige Struktur und Satzbau.
    Ich beschreibe den Tennisplatz. Drei sorgfältig instand gehaltene Sandplätze mit vielen Vorschriften und ebenfalls einem Zaun rundherum, der höher war als der Zaun beim Bergwerk. Nach dem Spiel brachte die Frau des Platzwärters Zimek Käse-Wurstplatten und Kaffee mit einem Schuß Likör oder Cognac und achtete genau darauf, daß ich nicht aufaß, was die Frauen übrigließen. Ich sprang den Bällen hinterher und warf sie jedem zu, der winkte oder die Hand in meine Richtung hob. Zuweilen bekam ich Geld für diese Dienste, doch habe ich nie danach gefragt oder den Eindruck vermittelt, daß ich welches wollte. Lieber lie
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Beschreibung

Produktdetails

Einband gebundene Ausgabe
Seitenzahl 163
Erscheinungsdatum 21.08.2002
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-446-20211-5
Verlag Hanser
Maße (L/B/H) 20,9/13,3/1,9 cm
Gewicht 301 g
Buch (gebundene Ausgabe)
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16,40
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