Die Polyvagal-Theorie

Neurophysiologische Grundlagen der Therapie. Emotionen, Bindung, Kommunikation & ihre Entstehung

Stephen W. Porges

Neurozeption: Ein System unterbewusster Wahrnehmung, das bedrohliche und sichere Situationen zu erkennen vermag
- Das Kapitel Neurozeption beschreibt, wie neuronale Schaltkreise unterscheiden, ob bestimmte Situationen oder Menschen ungefährlich oder gefährlich sind oder ob sie gar als lebensbedrohlich angesehen werden müssen.
- Neurozeption erklärt, weshalb ein Baby freudig gluckst, wenn seine primäre Bezugperson anwesend ist, wohingegen es in Gegenwart eines Fremden weint, und warum ein kleines Kind Umarmungen seiner Eltern genießt, die Umarmung eines Fremden jedoch als Übergriff empfindet.
- Die Polyvagal-Theorie beschreibt drei Entwicklungsstufen des autonomen Nervensystems (ANS) von Säugetieren: Immobilisation (Erstarren), Mobilisation und soziale Kommunikation bzw. soziales Engagement.
- Beeinträchtigungen der Neurozeption könnten die eigentliche Ursache psychischer Störungen wie Autismus, Schizophrenie, Angststörungen, Depression und reaktiver Bindungsstörungen sein.
Was entscheidet darüber, wie zwei Menschen, die einander begegnen, sich zueinander verhalten? Ist diese erste Reaktion ein Resultat der Erlebnisse der Betreffenden in ihrer Kultur, ihrer Familie und im Rahmen anderer Sozialisationsprozesse, oder ist sie der Ausdruck eines neurobiologischen Prozesses, der in die DNS unserer Spezies einprogrammiert ist? Und falls diese Arbeit zu reagieren eine neurobiologische Grundlage hat: Aktivieren bestimmte Merkmale des Verhaltens der anderen Person entweder Empfindungen der Sicherheit, der Liebe und des Behagens oder solche der Bedrohung? Weshalb können sich manche Kinder ankuscheln und eine Umarmung genießen, während andere in solchen Situationen erstarren und sich der Nähe entziehen? Warum lächeln manche Kinder einen ihnen unbekannten Menschen an und lassen sich aktiv auf ihn ein, wohingegen andere ihren Blick von ihm abwenden und sich zurückziehen?
Helfen uns Kenntnisse über die menschliche Biologie, die Auslöser und Mechanismen dieser Verhaltensweisen im Laufe der normalen Entwicklung zu verstehen? Wenn wir herausfinden, wie bestimmte Verhaltensmerkmale soziales Verhalten fördernde neuronale Schaltkreise aktivieren, können wir dann Kindern mit schwerwiegenden Entwicklungsstörungen wie Autismus besser helfen, ihr Sozialverhalten zu verbessern?
Das Nervensystem schätzt unablässig Risiken und Gefahren ein, indem es Informationen über Vorgänge in der Umgebung verarbeitet, die uns über die Sinne erreichen. Ich habe den Begriff Neurozeption geprägt, um zu beschreiben, wie neuronale Schaltkreise unterscheiden, ob von bestimmten Situationen oder Menschen keine Gefahr ausgeht, ob sie gefährlich sind oder ob sie als lebensbedrohlich einzustufen sind. Aufgrund unserer Entwicklung als Spezies findet die Neurozeption in primitiven Bereichen unseres Gehirns statt, ohne dass uns dies bewusst wird. Die Einstufung eines anderen Menschen als ungefährlich oder gefährlich aktiviert neurobiologisch determiniert prosoziale oder defensive Verhaltensweisen. Auch wenn wir uns einer Gefahr gar nicht bewusst sind, hat unser Körper neurophysiologisch schon eine Sequenz neuronaler Prozesse initiiert, die adaptive Verteidigungsreaktionen wie Kampf, Flucht oder Erstarren fördert.
Das Nervensystem eines Kindes (wie auch eines Erwachsenen) vermag in einer neuen Umgebung oder beim Zusammentreffen mit einem Fremden eine Bedrohung oder eine Gefahr für Leib und Leben zu entdecken. Selbst wenn kognitiv kein Grund zur Angst erkennbar ist, kann der Körper des Kindes oder Erwachsenen völlig anders reagieren. Manchmal ist sich nur der Betreffende selbst über die kontroverse Reaktion seines Körpers im klaren, weil sein Herz so stark pocht, dass der Körper zu beben beginnt. In anderen Fällen sind solche Reaktionen auch für Außenstehende zu erkennen. Beispielsweise kann ein Kind zittern, sein Gesicht kann rot werden, und auf seinen Händen und seiner Stirn kann deutlich Schweiß zu erkennen se
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Beschreibung

Was entscheidet darüber, wie zwei Menschen, die einander erstmals begegnen, sich zueinander verhalten? Kulturell Erlerntes oder ein in die DNS unserer Spezies einprogrammierter neurobiologischer Prozess? Der Polyvagal-Theorie zufolge haben Säugetiere – und insbesondere Primaten – Gehirnstrukturen entwickelt, die sowohl das Sozial- als auch das Defensivverhalten steuern. Ein Resultat dieses phylogenetischen Prozesses ist ein Nervensystem, das es Menschen ermöglicht, Emotionen auszudrücken, zu kommunizieren, physische und behaviorale Zustände zu beeinflussen sowie sichere und unterstützende Beziehungen einzugehen und aufrechtzuerhalten. Die Polyvagal-Theorie ermöglicht es Forschern und Therapeuten, auf biologischen Gegebenheiten basierende Verhaltensweisen zu analysieren und vermittelt ihnen neue Erkenntnisse darüber, wie Interventionen Menschen mit sozialen, verhaltensbedingten und psychiatrischen Störungen helfen können.
Dieser Band enthält eine Sammlung von grundlegenden Aufsätzen zur erstmals 1995 veröffentlichten Polyvagal-Theorie, die eigens für eine deutsche Buchausgabe zusammengestellt wurden.
"Die Polyvagal-Theorie der Emotionen hat sich auf unsere Bemühungen um eine adäquate Behandlung missbrauchter bzw. misshandelter Kinder und traumatisierter Erwachsener in erheblichem Maße ausgewirkt." - Bessel van der Kolk

Produktdetails

Einband Taschenbuch
Seitenzahl 336
Erscheinungsdatum 01.10.2010
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-87387-754-2
Verlag Junfermann
Maße (L/B/H) 24,3/17,4/2,3 cm
Gewicht 590 g
Originaltitel The Polyvagal Reader
Abbildungen mit Abbildungen
Auflage 2. Auflage
Übersetzer Theo Kierdorf
Verkaufsrang 66659

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  • Vorwort von Bessel van der Kolk
    Einleitung: Warum gibt es eine Polyvagal-Theorie?
    Teil I: Theoretische Prinzipien
    Neurozeption: Ein System unterbewusster Wahrnehmung, das bedrohliche und sichere Situationen zu erkennen vermag
    Orientierung in einer Welt voller Feinde: Für Säugetiere charakteristische Veränderungen unseres evolutionären Erbes: Eine Polyvagal-Theorie
    Die Polyvagal-Theorie: Neue Erkenntnisse über adaptive Reaktionen des autonomen Nervensystems
    Teil II: Biohaviorale Regulation während der frühkindlichen Entwicklung
    Der vagale Tonus: Ein physiologischer Marker für Stressanfälligkeit
    Die Regulation der Vagusbremse bei Säuglingen und Voraussagen über spätere Verhaltensprobleme: Ein psychobiologisches Modell sozialen Verhaltens
    Der autonome Zustand bei Kindern und die Entwicklung sozialen Verhaltens: Eine polyvagale Sicht
    Teil III: Soziale Kommunikation und Beziehungen
    Die Emotion: Ein Abfallprodukt der Phylogenese des autonomen Nervensystems
    Liebe: Eine emergente Eigenschaft des autonomen Nervensystems von Säugetieren
    Soziales Engagement und Bindung: Eine phylogenetische Sicht
    Teil IV: Therapeutische und klinische Perspektiven
    Die Polyvagal-Hypothese: Autonome Regulation, Vokalisationen und Zuhören
    Der Vagus: Vermittler mit Autismus assoziierter behavioraler und physiologischer Charakteristika
    Die Auswirkung von Missbrauchserlebnissen auf die autonome Regulation
    Musiktherapie und Trauma aus der Sicht der Polyvagal-Theorie
    Teil V: Ausblicke - Soziales Verhalten und Gesundheit
    Neurobiologie und Evolution: Mechanismen, Mediatoren und adaptive Konsequenzen fürsorglichen Verhaltens
    Reziproke Einflüsse zwischen Körper und Gehirn bezüglich der Wahrnehmung und des Ausdrucks von Affekt: Eine polyvagale Perspektive