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Sternstunden der Soziologie

Wegweisende Theoriemodelle des soziologischen Denkens

Sighard Neckel, Ana Mijic, Christian Scheve

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Glaube kann Berge versetzen
William I. Thomas: "Die Definition der Situation" - das Thomas-Theorem

"If men define situations as real,
they are real in their consequences."

Wer kennt nicht die wohl tragischste und zugleich berühmteste Liebesgeschichte der Weltliteratur? Romeo und Julia bleibt wegen der seit Generationen anhaltenden Feindschaft ihrer Familien, den Montagues und den Capulets, ein gemeinsames Leben verwehrt. Um mit Romeo aus Verona fliehen zu können, täuscht Julia mit Hilfe eines Schlaftrunks ihren Tod vor. Romeo, den die Botschaft von diesem geheimen Plan nicht erreichte, erhält stattdessen die Nachricht, dass seine Geliebte tot sei. Er eilt in die Familiengruft der Capulets und findet dort die schlafende Julia vor. Er glaubt, sie tot zu wissen, und nimmt sich daraufhin das Leben. Julia, aus dem Schlaf erwacht, findet ihren sterbenden Geliebten und folgt ihm kurz darauf selbst in den Tod.

Romeo hat die Situation in der Familiengruft falsch wahrgenommen. Doch auf der Grundlage dieser falschen Wahrnehmung entschied er sich, seinem Leben ein Ende zu setzen. Für Romeos Handeln war also nicht der "reale" Sachverhalt ausschlaggebend, sondern seine Interpretation der Situation. Und obwohl diese Interpretation nicht der Realität entsprach, zeitigte die Handlung, die er aufgrund seiner Wahrnehmung vollzog, reale Konsequenzen - seinen eigenen Tod. Dem Zusammenhang zwischen der Deutung einer Situation und den daraus resultierenden Folgen im Handeln ging als erster der amerikanische Soziologe William I. Thomas auf den Grund. "Wenn die Menschen Situationen als real definieren, so sind auch ihre Folgen real", so Thomas im Rahmen der Studie The Child in America, die er 1928 gemeinsam mit Dorothy Swaine Thomas veröffentlicht hat. In der Soziologie gibt es wohl kaum einen Satz, der bekannter ist als dieses Thomas- Theorem. Doch was genau hat es mit diesem Lehrsatz auf sich und in welchem soziologischen Zusammenhang wurde er ursprünglich entdeckt?

The Child in America - Quelle des Thomas-Theorems - stellt zunächst eine Bestandsaufnahme verschiedener Ansätze zur Behandlung von Verhaltensproblemen bei Kindern und Jugendlichen dar. Den Schwerpunkt bildet eine kritische Auseinandersetzung mit Methoden, die zur Erklärung des Verhaltens delinquenter Jugendlicher herangezogen wurden. Im letzten Kapitel "Methodologie der Verhaltensstudie" resümieren die Autoren die Ergebnisse ihrer Durchsicht dieser verschiedenen Untersuchungen und kommen zu folgendem Schluss: "The really fruitful studies have been those that have been based on widespread observation and objective recording of behavior in varying situations" (Thomas/ Thomas 1928: 570). Um das delinquente Verhalten von Jugendlichen verstehen zu können, bedarf es Thomas/Thomas zufolge einer Analyse der Situation, in der solches Verhalten zu beobachten war. Statistische Methoden reichten hierfür nicht aus, denn diese erfassten lediglich quantifizierbare "Fakten". Mitberücksichtigt werden müssten vielmehr die Lebensgeschichten oder andere "Verhaltensdokumente ", denn in ihnen würden die "Situationen beleuchtet, die das Verhalten bedingt haben" (? Thomas/Thomas, S. 27). Dies sei von größter Relevanz, denn das Verhalten eines Individuums hänge "eng mit seiner Situationsdefinition zusammen, die entweder der objektiven Wirklichkeit oder seiner subjektiven Vorstellung entsprechen kann" (ebd.). Wenige Zeilen später wird dieser Gedanke in dem prägnanten Satz zusammengefasst, der dann als Thomas-Theorem bekannt geworden ist. Während The Child in America eine Art Plädoyer für eine soziologische Methodik enthielt, die sich am Studium von Situationen orientiert, hat William I. Thomas in seinen eigenen Forschungen diesen methodischen Grundsatz auch empirisch umgesetzt. Zu nennen ist hier vor allem The Polish Peasant in Europe and America, eine empirische Studie über polnische Migranten in den USA, die er gemeinsam mit Florian Znaniecki durchführte und zwischen 1918 und 1920 in insgesamt fünf Bänden publizierte. Im Rahmen dieser groß angelegten Untersuchung analysierten die Autoren die Lebenssituation polnischer Bauern, die auf der Suche nach Arbeit in die USA eingewandert waren und dort auf vollkommen neue Lebensbedingungen stießen, in denen sie sich erst zurechtfinden mussten. Für ihre Recherche zogen die beiden Soziologen eine umfangreiche Datensammlung heran, die unter anderem aus persönlichen Briefen und autobiographischem Material bestand. Anhand dieses Datenmaterials konnten sie ermitteln, wie die polnischen Einwanderer ihre soziale Lage sowie die mit ihrer Migration verbundenen Alltagsprobleme wahrnahmen und interpretierten. Zu Recht gelten Thomas und Znaniecki heute daher als die Gründungsväter der biographischen Methode (vgl. Fuchs-Heinritz 2009: 88).

Innerhalb der damaligen Soziologie wurde die methodische Herangehensweise in The Polish Peasant jedoch nicht ohne weiteres akzeptiert. Der Einwand lautete, dass sich die Soziologie nicht für die subjektive Sichtweise einzelner Menschen zu interessieren hätte. Die Analyse von subjektiven Zeugnissen widerspräche dem Objektivitätsprinzip der Wissenschaften und wäre nicht repräsentativ (vgl. ebd.: 100). Thomas erwiderte, dass es sich bei den Verhaltensdokumenten zwar um subjektive Zeugnisse handele - es seien Berichte darüber, wie Menschen Situationen, in denen sie sich befinden, wahrnähmen. Die Relevanz solcher Dokumente für soziologische Analysen könne indes nicht überschätzt werden. Denn wenn man soziales Handeln verstehen und erklären wolle, müsse man die Sichtweisen der Akteure über die Situation, in der sie handeln, berücksichtigen. Menschen, so die zentrale These, handeln nicht auf der Grundlage von "objektiven" Gegebenheiten einer Wirklichkeit an sich, sondern auf der Grundlage der Deutung, die sie von dieser Wirklichkeit haben. Um also das Verhalten von Menschen verstehen zu können, bedarf es einer näheren Untersuchung dessen, wie sie ihre eigene Lage wahrnehmen und beurteilen, wie sie die Situation, in der sie sich befinden, deuten und definieren. Aus diesem Grund sollte menschliches Verhalten von der Situation her analysiert werden.

Eine "Situation" wird dabei als ein raum-zeitlicher Sinnzusammenhang verstanden, der den Kontext einer Handlung bildet. Sie ist "der Bestand von Werten und Einstellungen, mit denen sich der einzelne oder die Gruppe in einem Handlungsvorgang beschäftigen muss und die den Bezug für die Planung dieser Handlung und die Bewertung ihrer Ergebnisse darstellt" (Thomas 1965: 84). Eine Situation enthält Thomas zufolge dreierlei. Einmal die objektiven Bedingungen, unter denen ein Akteur handeln muss. Dann die Handlungsmotive und Einstellungen des Akteurs. Und schließlich seine Definition der Situation, das heißt seine Vorstellung von den objektiven Bedingungen und das Bewusstsein seiner eigenen Einstellungen (vgl. ebd.: 84 f.).

Handlungen, von Thomas als "Lösungen konkreter Situationen" verstanden, sind also weder allein auf objektive Bedingungen noch einzig auf die individuellen Haltungen von Akteuren zurückzuführen. Die Situationsdefinition wird durch objektive Bedingungen und individuelle Haltungen gleichermaßen bestimmt. Ob die Deutungen von Akteuren "richtig" oder "falsch" sind, ist dabei nicht entscheidend. Die auf einer Deutung beruhende Handlung zeitigt in jedem Fall "reale" Konsequenzen, wie auch die tragische Geschichte von Romeo und Julia lehrt.

Dass Thomas sein Augenmerk auf Deutungen in konkreten Handlungssituationen richtet und Handlung als Problemlösung versteht, ist dem Einfluss geschuldet, den die philosophische Strömung des amerikanischen Pragmatismus auf ihn hatte. In Thomas' Werk, so Hans Joas (1988: 429), "kam es zur ersten wichtigen Vermittlung von Pragmatismus und soziologischer Forschung". Kennzeichnend für den Pragmatismus als eine "Philosophie der Handlung" ist die Annahme, dass sich das geistige Potenzial von Individuen und ihre Vorstellungen von sich und der Welt erst durch das Lösen von Handlungsproblemen entwickeln.

Der Pragmatismus prägte über die Arbeiten von Thomas hinaus die gesamte soziologische Strömung der Chicago School of Sociology, der Thomas angehörte. Als geistiger Mentor dieser Schule gilt der Chicagoer Sozialpsychologe und Philosoph George Herbert Mead. Er legte den Grundstein für die theoretische Strömung, die Herbert Blumer, einer der Schüler von Mead, später als "Symbolischen Interaktionismus " bezeichnet hat. Blumer hat die zentralen theoretischen Annahmen des Symbolischen Interaktionismus in drei berühmt gewordenen "Prämissen" formuliert, die so etwas wie die gemeinsame Basis der Chicagoer Schule der Soziologie bilden: (1) Menschen handeln stets auf der Grundlage der Bedeutungen, die bestimmte Dinge für sie haben. (2) Diese Bedeutungen sind soziale Produkte, denn sie entstehen in Interaktionen mit anderen. (3) In sozialen Interaktionsprozessen werden Bedeutungen immer wieder modifiziert (vgl. Blumer 1973: 81).

Es ist unschwer zu erkennen, dass diese drei Prämissen wesentlich auf dem Thomas-Theorem aufbauen: Handlungen beruhen auf den Deutungen, die Akteure von der Wirklichkeit haben. Diese Grundannahme findet sich auch in zahlreichen Theorien wieder, die später am Symbolischen Interaktionismus anknüpften. So beispielsweise bei Erving Goffman, dessen Werk am Rande dieser Theorieschule anzusiedeln ist (vgl. Joas 1988: 438). In der Einleitung seines umfassenden theoretischen Werks Rahmen-Analyse formuliert er, es gehe in dem Buch "um die Situation, um das, dem sich ein Mensch in einem bestimmten Augenblick zuwenden kann". Und weiter: "Ich gehe davon aus, dass Menschen, die sich gerade in einer Situation befinden, vor der Frage stehen: Was geht hier eigentlich vor?" (Goffman 1977: 16). Antworten auf diese Frage stellen Goffman zufolge eben jene "Rahmen" bereit, unter denen er jeweils spezifische Situationsdefinitionen versteht.
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Beschreibung

Die großen Entdeckungen der Soziologie: Dieser Band bietet erstmals kompakt und übersichtlich jene theoretischen Modelle des soziologischen Denkens, die als bahnbrechend gelten können und sich in der Erforschung von Gesellschaft vielfach bewährt haben.

"Das Lehrbuch schafft es, die Kernbereiche der gewählten soziologischen Theorien und Prinzipien in wenigen Worten verständlich zu formulieren und deren Bedeutung durch lebensnahe Beispiele zu unterstreichen. Sowohl die Auswahl der soziologischen Texte selbst, als auch deren Einführungen sind eine gelungene 'Einladung zur Soziologie'.", Soziologische Revue, 12.04.2013

Sighard Neckel ist Professor für Soziologie am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt a. M. Zugleich ist er Mitglied des Kollegiums des Instituts für Sozialforschung. Ana Mijic´ und Monica Titton sind Assistentinnen am Institut für Soziologie der Universität Wien. Christian von Scheve ist Juniorprofessor für Soziologie am Exzellenzcluster "Languages of Emotion" der Freien Universität Berlin.

Produktdetails

Einband Taschenbuch
Herausgeber Sighard Neckel, Ana Mijic, Christian Scheve, Monica Titton
Seitenzahl 501
Erscheinungsdatum 09.08.2010
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-593-39181-6
Reihe Campus Reader
Verlag Campus
Maße (L/B/H) 22,7/15,6/3,2 cm
Gewicht 808 g
Abbildungen 3 Abbildungen und 1 Tabelle

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Seminar to go
von einer Kundin/einem Kunden aus Berlin am 16.12.2010

in diesem wunderbaren Buch werden einige oft genannte und dann unerklärte Standarddenkfiguren der Soziologie jeweils in einer eigenen Einleitung erklärt und anschließend mit dem übersetzten Originaltext vorgestellt. Daher passt es sowohl für jene, die einen schnellen Überblick brauchen, als auch für diejenigen, welche sich nicht... in diesem wunderbaren Buch werden einige oft genannte und dann unerklärte Standarddenkfiguren der Soziologie jeweils in einer eigenen Einleitung erklärt und anschließend mit dem übersetzten Originaltext vorgestellt. Daher passt es sowohl für jene, die einen schnellen Überblick brauchen, als auch für diejenigen, welche sich nicht mit Zusammenfassungen zufrieden geben können. Es ist gleichzeitig eine oft überraschende Heranführung an inzwischen klassisch gewordene Autoren und ganz nebenbei auch Entdeckung von Neuland. Und es, weil es aus Seminaren hervorgegangen ist, wie ein Seminar zum Mitnehmen.

  • Artikelbild-0
  • Inhalt

    Einleitung: Theoriemodelle des Sozialen - Sternstunden der Soziologie

    I. Soziales Handeln und Interaktion

    Glaube kann Berge versetzen
    William I. Thomas: "Die Definition der Situation" - das Thomas-Theorem

    Wenn zwei sich streiten …
    Georg Simmel: "Die quantitative Bestimmtheit der Gruppe" - Der Dritte

    Gekommen, um zu bleiben
    Georg Simmel: "Exkurs über den Fremden

    Es kommt immer anders, als man denkt
    Robert K. Merton: "Die unvorhergesehenen Folgen zielgerichteter sozialer Handlung"

    Omen est nomen
    Robert K. Merton: "Die self-fulfilling prophecy

    Wie Du mir, so ich Dir
    Robert Axelrod: "Das Gefangenendilemma"

    II. Gruppenprozesse und Organisation

    Talkin' 'bout my generation
    Karl Mannheim: "Das Problem der Generationen"

    Von Kosmopoliten und Stubenhockern
    Robert K. Merton: "Locals and Cosmopolitans"

    Flüchten oder Standhalten
    Albert O. Hirschman: "Abwanderung und Widerspruch"

    Vom Nutzen entfernter Bekannter
    Mark Granovetter: "The Strength of Weak Ties"

    Eine Hand wäscht die andere
    Horst Bosetzky: "Das Don Corleone-Prinzip in der öffentlichen Verwaltung"

    III. Macht und Herrschaft

    Die Banalität der Macht
    Heinrich Popitz: "Prozesse der Machtbildung"

    Teile und herrsche - und werde unentbehrlich
    Norbert Elias: "Der Königsmechanismus"

    Von Löwen und Füchsen
    Vilfredo Pareto: "Die Zirkulation der Eliten"

    Die Unvermeidlichkeit der Funktionärsherrschaft
    Robert Michels: "Das eherne Gesetz der Oligarchie"

    IV. Soziale Ungleichheit

    Wer zuerst kommt, mahlt zuerst
    Norbert Elias: "Etablierte und Außenseiter"

    Verbesserungen führen zum Umsturz
    Alexis de Tocqueville: "Der alte Staat und die Revolution" - das Tocqueville-Paradox

    Die Konformität der Einzigartigkeit
    Georg Simmel: "Die Mode"

    Hauptsache teuer!
    Thorstein Veblen: "Der demonstrative Konsum"

    Wer hat, dem wird gegeben
    Robert K. Merton: "Der Matthäus-Effekt in der Wissenschaft"

    Na dann, gute Reise!
    Albert O. Hirschman: "Der Tunneleffekt"

    Herausgeberinnen und Herausgeber