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Schachnovelle

Mit dem Werkbeitrag aus dem Neuen Kindlers Literatur Lexikon

(37)

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Stefan Zweigs Novelle lotet auf engstem Raum die Abgründe der menschlichen Seele aus. Von der Gestapo verhaftet und in ein Hotelzimmer gesperrt, flüchtet Dr. B. in die abstrakte Welt des Schachspiels, um sich so seine geistige Widerstandskraft zu bewahren. Auf einem Passagierdampfer nach Buenos Aires, begegnet Dr. B. zufällig dem Schachweltmeister Mirko Czentovic. Ein atemberaubender Kampf beginnt, bei dem der eigentliche Gegner nicht gegenüber am Brett, sondern tief in der eigenen Seele sitzt.

Mit dem Werkbeitrag aus Kindlers Literatur Lexikon.

Mit Daten zu Leben und Werk, exklusiv verfasst von der Redaktion der Zeitschrift für Literatur TEXT + KRITIK.

Portrait
Stefan Zweig wurde am 28. November 1881 in Wien geboren. Noch während des Studiums veröffentlichte er 1901 seinen ersten Gedichtband. Nach der Promotion unternahm er Reisen durch nahezu die ganze Welt. Zum Militärdienst untauglich, arbeitete er im Kriegsarchiv, bis er als Kriegsgegner 1917 nach Zürich gehen konnte. Von 1919 bis 1934 lebte er zumeist in Salzburg. Seit 1935 zog er sich gelegentlich nach London zurück, wohin er 1938 emigrierte. Zunehmend ruheloser, ging er 1940 für einige Monate nach New York und übersiedelte im August 1941 nach Brasilien. Seine Autobiographie ›Die Welt von Gestern‹ und die ›Schachnovelle‹ vollendete er noch, die Biographie Balzacs blieb Fragment, als er am 23. Februar 1942 zusammen mit seiner Frau »aus freiem Willen und mit klaren Sinnen« aus dem Leben schied.
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Beschreibung

Produktdetails


Einband Taschenbuch
Seitenzahl 112
Erscheinungsdatum 01.11.2009
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-596-90225-5
Verlag Fischer Taschenbuch Verlag
Maße (L/B/H) 19,1/12,5/1,3 cm
Gewicht 132 g
Auflage 2. Auflage
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6,20
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„Wie wirkt sich staatliche Isolation eines Individuums auf dessen Psyche aus?“

Max Hecher, Thalia-Buchhandlung Wien

Die größte Folter des Dr. B. besteht in seiner Konfrontation mit dem Alleinsein und dem absoluten Nichtstun können. Als Einzelhäftling der Gestapo ist er in ein kleines, karges Hotelzimmer gesperrt, ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt und anderen Mitmenschen. Nach Monaten gelingt es ihm auf dem Weg zu einem seiner, immer wieder zwischendurch stattfindenden Verhöre, ein Theoriebuch über 150 große Schachweltmeisterschaftspartien zu klauen. Mit diesem beschäftigt sich Dr. B. in seinem Zimmer so intensiv – nichts anderes bietet ihm auch nur irgendwie die Möglichkeit sich die schier endlos anhaltende Zeit vertreiben zu können –, dass er nach einiger Zeit alle in diesem Buch vorgestellten Spiele theoretisch in seinen Gedanken auswendig nachspielen kann. Als ihm dies keinen Reiz mehr bietet, versucht er seine Persönlichkeit zu spalten, um innerlich gegen sich selbst antreten zu können – Schwarz gegen Weiß. Dieser schizophrene Zustand führt aber bald dazu, dass er nur noch mehr, rund um die Uhr, in Schach denken und träumen kann. Als sich Dr. B. schließlich selbst verletzt ist seine Situation bereits eskaliert. Der Arzt diagnostiziert ihm eine Schachvergiftung und sorgt für seine Freilassung.

Auf einem Passagierdampfer von New York nach Buenos Aires trifft Dr. B. zufällig auf den ihm bis dato unbekannten aktuellen Schachweltmeister Mirko Czentovic. Als er diesen auf einem mit physischen Figuren ausgestatteten Schachbrett, welches er in realer Form seit mehr als 20 Jahren nicht mehr zu Gesicht bekommen hat, besiegt, kommen in ihm seine Erinnerungen, an seine grauenvolle Einzelhaft in jenem Hotelzimmer wieder hoch. …

Stefan Zweig schafft es auf nicht mal 100 Seiten die psychische Entwicklung eines Gefangenen in staatlicher Einzelhaft, basierend auf persönlichen Erlebnissen, aus soziologischer Perspektive packend und gleichzeitig erschreckend plastisch darzustellen. Dieses primäre Element kombiniert mit der fiktiven Geschichte rund um das zeitlose, königliche, die-Menschheit-wahrscheinlich-bis-in-alle-Ewigkeit-faszinierende Spiel des Schachs, macht die 'Schachnovelle' zu einem Meisterwerk.
Die größte Folter des Dr. B. besteht in seiner Konfrontation mit dem Alleinsein und dem absoluten Nichtstun können. Als Einzelhäftling der Gestapo ist er in ein kleines, karges Hotelzimmer gesperrt, ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt und anderen Mitmenschen. Nach Monaten gelingt es ihm auf dem Weg zu einem seiner, immer wieder zwischendurch stattfindenden Verhöre, ein Theoriebuch über 150 große Schachweltmeisterschaftspartien zu klauen. Mit diesem beschäftigt sich Dr. B. in seinem Zimmer so intensiv – nichts anderes bietet ihm auch nur irgendwie die Möglichkeit sich die schier endlos anhaltende Zeit vertreiben zu können –, dass er nach einiger Zeit alle in diesem Buch vorgestellten Spiele theoretisch in seinen Gedanken auswendig nachspielen kann. Als ihm dies keinen Reiz mehr bietet, versucht er seine Persönlichkeit zu spalten, um innerlich gegen sich selbst antreten zu können – Schwarz gegen Weiß. Dieser schizophrene Zustand führt aber bald dazu, dass er nur noch mehr, rund um die Uhr, in Schach denken und träumen kann. Als sich Dr. B. schließlich selbst verletzt ist seine Situation bereits eskaliert. Der Arzt diagnostiziert ihm eine Schachvergiftung und sorgt für seine Freilassung.

Auf einem Passagierdampfer von New York nach Buenos Aires trifft Dr. B. zufällig auf den ihm bis dato unbekannten aktuellen Schachweltmeister Mirko Czentovic. Als er diesen auf einem mit physischen Figuren ausgestatteten Schachbrett, welches er in realer Form seit mehr als 20 Jahren nicht mehr zu Gesicht bekommen hat, besiegt, kommen in ihm seine Erinnerungen, an seine grauenvolle Einzelhaft in jenem Hotelzimmer wieder hoch. …

Stefan Zweig schafft es auf nicht mal 100 Seiten die psychische Entwicklung eines Gefangenen in staatlicher Einzelhaft, basierend auf persönlichen Erlebnissen, aus soziologischer Perspektive packend und gleichzeitig erschreckend plastisch darzustellen. Dieses primäre Element kombiniert mit der fiktiven Geschichte rund um das zeitlose, königliche, die-Menschheit-wahrscheinlich-bis-in-alle-Ewigkeit-faszinierende Spiel des Schachs, macht die 'Schachnovelle' zu einem Meisterwerk.

Kundenbewertungen

Durchschnitt
37 Bewertungen
Übersicht
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0

Erschreckend aktuell!
von Miri am 22.09.2018

Was passiert mit einem Menschen, der gezwungen ist, sein Da-Sein auf ständiges WARTEN und MONOTONIE zu reduzieren? Wie lange dauert es bis er in den Wahnsinn getrieben wird. Stefan Zweig zeigt mit seiner Novelle die andere Art des grausamen Folterns des Nationalsozialismus und zwar den psychische Folter! Wie entsteht... Was passiert mit einem Menschen, der gezwungen ist, sein Da-Sein auf ständiges WARTEN und MONOTONIE zu reduzieren? Wie lange dauert es bis er in den Wahnsinn getrieben wird. Stefan Zweig zeigt mit seiner Novelle die andere Art des grausamen Folterns des Nationalsozialismus und zwar den psychische Folter! Wie entsteht eine Stumpfheit gegenüber der Normalität/gegenüber dem Leben? Und vor allem wie leicht ist es den alten Mustern wieder zu verfallen? Die Macht des menschlichen Verstands ist immer noch ein wissenschaftliches Rätsel. Die Geschichte zeigt zwei Gegenpole, die sich an einem Schiff begegnen und diese Gegenpole treten während eines Schachspieles ans Licht. An der einen Seite des Brettes sitzt der amtierende Weltmeister (arrogant, selbstsicher, eher sozialer Super-Gau im negativen Sinne), ein Bauerjunge, der das Blindspiel nie beherrschte, weil er eher eingeschränkt ist. An der anderen DR.D., der die Kunst des Spieles in einer Isolation gezwungenermaßen durch Spiel gegen sich selbst erlernt hatte, allerdings dazu neigt in den Wahnsinn zu verfallen. Letztes Spiel in seinem Leben soll ihm zeigen, ob er seine Kenntnisse auch im physischen Spiel anwenden kann und wie nah am Abgrund er sich immer noch befindet, weil das eine Spiel ihn zeigt, dass er nur ein Schritt von Wahnsinn entfernt sei. Es kam mir vor, dass diese Novelle eine Art "Erklärung" von Stefan Zweig ist, warum er "freiwillig" aus dem Leben schied. Wer kann nämlich eine Selbstverlorenheit und emotionale "Stumpfheit" so nahe beschreiben, wenn er/sie selbe/r nicht mitten drin ist. Verdient gehört dieses Werk zur Pflichtlektüre und für mich nicht nur in der Schule.

von einer Kundin/einem Kunden am 21.09.2018
Bewertet: anderes Format

Schmales Bändchen, dessen Inhalt schnörkellos, spannend und sprachlich großartig, aber trotzdem leicht zu lesen ist. Ein Klassiker, den man unbedingt gelesen haben sollte!

Schlägt Bild Text? Oder stellt sich diese Frage gar nicht?
von Dr. M. am 04.07.2018
Bewertet: gebundene Ausgabe

Angeblich liefert das Kino den Beweis für die Überlegenheit von Bildern. Aber Verfilmungen wirken gelegentlich auch irritierend auf Menschen, die das verfilmte Werk vorher gelesen haben. Die eigene Phantasie hatte sich die Geschichte ganz anders vorgestellt als die Verfilmung sie nun zeigt. In den letzten Jahren ergriff nun so... Angeblich liefert das Kino den Beweis für die Überlegenheit von Bildern. Aber Verfilmungen wirken gelegentlich auch irritierend auf Menschen, die das verfilmte Werk vorher gelesen haben. Die eigene Phantasie hatte sich die Geschichte ganz anders vorgestellt als die Verfilmung sie nun zeigt. In den letzten Jahren ergriff nun so eine Art Mittelding zwischen einem literarischen Werk und seiner Verfilmung Platz: die sogenannte Graphic Novel - Weltliteratur als Comic. Schon an dieser Wortschöpfung kann man erkennen, dass diese Kunstform nicht im deutschsprachigen Raum entstand. Thomas Humenau zeichnet in diesem Band die "Schachnovelle" von (oder besser nach) Stefan Zweig als Comic. Man kann sich natürlich auf den Standpunkt stellen, dies sei ein Sakrileg. Beruhigender wäre allerdings der Standpunkt, es würde sich bei dieser Graphic Novel um eine eigenständiges Kunstwerk handeln, das nicht die Schachnovelle ersetzen oder sie illustrieren möchte. Vielmehr erzählt Humenau diese Geschichte auf seine ganz eigene grafische Weise. Wenn man es so betrachtet, kann man damit seinen Frieden schließen, sollte dies überhaupt notwendig sein. Natürlich ersetzt auch diese Graphic Novel nicht das ursprüngliche Werk Zweigs. Es erzählt die Geschichte stattdessen mit einer ganz anderen Ausdrucksform und sicher auch für eine ganz andere Zielgruppe. Humenau macht das sehr gut. Wenn man die Geschichte kennt und offen für neue Kunstformen ist, dann wird man seine Freude an dieser neuen Form haben. Kennt man Zweigs Novelle hingegen nicht, dann wird sich vielleicht der eine oder andere Betrachter dieses Bandes das Original besorgen, was schließlich auch ein Erfolg wäre. Ich empfand die Umsetzung der Novelle in diese Form als sehr gut gelungen, würde das Original allerdings immer vorziehen.