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Perlmanns Schweigen

Roman

Der angesehene Sprachwissenschaftler Philipp Perlmann trifft sich mit einer Gruppe von berühmten Kollegen in einem Hotel an der ligurischen Küste. Konfrontiert mit den hohen Erwartungen der anderen, zieht er sich so sehr in sich zurück, dass er bald in eine ausweglose Situation gerät, die ihn sogar an den Rand eines Mordes treibt.

Portrait
Mercier, Pascal
Pascal Mercier, geboren 1944 in Bern, heißt im richtigen Leben Peter Bieri und ist Professor für Philosophie an der Freien Universität Berlin.
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  • Philipp Perlmann war es gewohnt, daß die Dinge keine Gegenwart für ihn hatten. An diesem Morgen jedoch war es schlimmer als sonst. Gegen seinen Willen ließ er die russische Grammatik sinken und blickte zu den hohen Fenstern der Veranda hinüber, in denen sich eine schräg gewachsene Pinie spiegelte. Dort drinnen, an den Tischen aus glänzendem Mahagoni, würde es geschehen. Sie würden ihn, der vorne saß, erwartungsvoll ansehen, und dann, nach einer gedehnten, unerträglichen Stille und einem atemlosen Stocken der Zeit, würden sie es wissen: Er hatte nichts zu sagen.
    Am liebsten wäre er sofort wieder abgereist, ohne Angabe eines Ziels, ohne Erklärung, ohne Entschuldigung. Für einen Moment war der Impuls zur Flucht heftig wie ein körperlicher Schmerz. Er klappte das Buch zu und blickte über die blauen Umkleidekabinen hinweg auf die Bucht, die vom gleißenden Licht eines wolkenlosen Oktobertages durchflutet wurde. Weglaufen: Am Anfang müßte es wunderbar sein, es käme ihm vor wie ein schneller, kühner Schritt durch alles Gefühl der Verpflichtung hindurch hinaus in die Freiheit. Aber die Befreiung wäre nicht von Dauer. Das Telefon zu Hause würde immer von neuem klingeln, und irgendwann würde seine Sekretärin unten stehen und läuten. Er könnte nicht auf die Straße gehen, und Licht dürfte er auch nicht machen. Die Wohnung würde zum Gefängnis. Natürlich konnte er statt nach Frankfurt auch an irgendeinen anderen Ort fahren, nach Florenz vielleicht, oder Rom, dort wäre er unauffindbar. Aber jeder solche Ort wäre jetzt nichts anderes als ein Ort des Untertauchens. Blind und taub ginge er durch die Straßen, um dann im Hotelzimmer zu liegen und auf das Ticken des Reiseweckers zu horchen. Und irgendwann würde er sich doch stellen müssen. Er konnte nicht für den Rest des Lebens verschollen bleiben. Schon allein Kirstens wegen nicht.
    Er könnte mit keiner überzeugenden Erklärung aufwarten. Den wahren Grund zu nennen wäre unmöglich. Und selbst wenn er den Mut dazu aufbrächte: Es würde wie ein schlechter Scherz klingen. Es bliebe der Eindruck des Willkürlichen, Mutwilligen. Die anderen müßten sich verhöhnt vorkommen. Gewiß, diese Leute würden das Ganze selbst in die Hand nehmen. Aber ich wäre erledigt. Für so etwas gibt es keine Entschuldigung,
    Schuld an alledem war das wunderbare Licht, in dem die stille Wasserfläche jenseits der Kabinen aussah wie Weißgold. Dieses Licht hatte Agnes einfangen wollen, und deshalb hatte er dem Drängen von Carlo Angelini schließlich nachgegeben. Dabei war er ihm unsympathisch, dieser drahtige, sehr wache Mann mit dem gewinnenden Lächeln, das eine Spur zu routiniert war. Sie hatten sich zu Beginn des Vorjahres am Rande einer Konferenz in Lugano kennengelernt, als Perlmann noch lange nach Sitzungsbeginn im Flur am Fenster gestanden hatte. Angelini hatte ihn angesprochen, und Perlmann war nicht unglücklich über diesen Vorwand gewesen, nicht in den Saal gehen zu müssen. Sie waren in die Cafeteria gegangen, wo Angelini ihm von seiner Funktion bei Olivetti erzählt hatte. Er war fünfunddreißig, eine Generation jünger als Perlmann. Das Angebot von Olivetti hatte er erst vor zwei Jahren angenommen, nachdem er einige Jahre Assistent an der Universität gewesen war. Er hatte die Kontakte des Konzerns zu den Universitäten zu pflegen und konnte das ganz in eigener Regie tun, wobei ihm ein großzügiges Budget zur Verfügung stand, denn seine Tätigkeit wurde als Teil der Öffentlichkeitsarbeit verbucht. Sie hatten eine Weile über maschinelles Übersetzen gesprochen, es war ein Gespräch wie viele gewesen. Doch plötzlich war Angelini sehr lebhaft geworden und hatte ihn gefragt, ob er nicht Lust hätte, zu einem sprachwissenschaftlichen Thema eine Forschungsgruppe zusammenzustellen: eine kleine, aber intensive Sache, eine Handvoll erstklassiger Leute, die sich für ein paar Wochen an einem angenehmen Ort zusammensetzten, natürlich alles auf Kosten des Konzerns.
    Perlmann fand damals, daß der Vorschlag viel zu schnell kam. Zwar hatte Angelini erkennen lassen, daß Perlmann für ihn kein Unbekannter war; aber persönlich kannte er ihn doch erst seit knapp einer Stunde. Vielleicht aber mußte man solche kühnen Vorstöße wagen, wenn man Angelinis Aufgabe hatte. Im Rückblick kam es Perlmann vor, als habe ihn sein Gefühl schon damals gewarnt. Er hatte auf den
    Vorschlag ohne Enthusiasmus reagiert, eher lahm; aber immerhin hatte er gesagt, seiner Ansicht nach müßten in einer solchen Gruppe Leute aus unterschiedlichen Disziplinen vertreten sein. Es war eine hingeworfene Bemerkung gewesen, nicht durchdacht und ohne ernsthaften Gedanken an eine Verwirklichung. Seinem Eindruck nach war alles genügend im Unbestimmten und Unverbindlichen geblieben, und er hatte es plötzlich eilig gehabt, in den Konferenzraum zu kommen.
    Er hatte das Gespräch vergessen, bis einige Wochen später ein Brief von Angelini kam und kurz darauf ein Anruf aus der Zentrale von Olivetti in Ivrea. Perlmanns Vorschlag, hieß es da nun plötzlich, habe in der Firma großen Anklang gefunden, besonders natürlich bei einigen Kollegen aus der Forschungsabteilung, aber auch von der Direktion sei die Idee gut aufgenommen worden. Besonders angetan sei man von der Möglichkeit, auf diese Weise ein Vorhaben fördern zu können, das einerseits etwas mit den Produkten der Firma zu tun habe, andererseits aber weit darüber hinausreiche, indem es ein Thema von allgemeinem Interesse, sozusagen von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung, aufgreife. Er, Angelini, schlage vor, die Sache im kommenden Jahr in Santa Margherita Ligure durchzuführen, einem Badekurort unweit von Rapallo am Golf von Tigullio. Sie hätten dort schon öfter Tagungen abgehalten und nur gute Erfahrungen gemacht. Am günstigsten für das geplante Unternehmen, sagte er, seien die Monate Oktober und November, da sei es noch mild, aber es seien kaum noch Touristen da, es herrsche eine stille, beschauliche Atmosphäre, genau das Richtige also für eine Forschungsgruppe. In allen anderen Dingen habe Perlmann als der Leiter völlig freie Hand, insbesondere natürlich bei der Auswahl der Leute.
    Perlmann biß sich auf die Lippen und spürte einen hilflosen Ärger in sich aufsteigen, als er an jenes Gespräch zurückdachte. Er hatte sich von der sonoren, sehr sicheren Stimme am anderen Ende überrumpeln lassen, und das ohne den geringsten Grund. Diesem Carlo Angelini war er nicht das mindeste schuldig.
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Beschreibung

Produktdetails

Einband Taschenbuch
Seitenzahl 638
Erscheinungsdatum 01.08.1997
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-442-72135-1
Verlag btb
Maße (L/B/H) 18,7/11,8/5 cm
Gewicht 517 g
Abbildungen 1 schwarzweisse Abbildungen
Auflage 4. Auflage
Verkaufsrang 11696
Buch (Taschenbuch)
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14,40
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inkl. gesetzl. MwSt.
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Kundenbewertungen

Durchschnitt
4 Bewertungen
Übersicht
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Freundlicher Blick in menschliche Abgründe
von Peter Woodtli aus Basel am 25.05.2018
Bewertet: Format: eBook (ePUB)

Das Buch ist eine geniale Beschreibung menschlicher Abgründe. Mercier schafft es, jeden noch so flüchtigen Gedanken in Worte zu fassen, so, als würden die Gedanken wie ein gemächlicher Festtagsumzug an ihm vorüberziehen. Manchmal zieht sich das Buch etwas in die Länge. Wird aber nie langweilig. Unbedingt lesen.

Für anspruchsvolle Hörer
von Dorothea Rose aus Frankfurt am 01.02.2012
Bewertet: Medium: Hörbuch (CD)

Walter Kreye liest ruhig, langsam und gediegen. Perlmanns gewundenen Gedanken zu folgen fällt daher leicht. Bald passen die Thesen beim Treffen der Top-Linguisten genau zu Perlmanns Problem;nämlich dass Erleben durch Erzählen nicht abgebildet, sondern in gewissem Sinne erst geschaffen wird. Gibt es also EINE wahre Geschic... Walter Kreye liest ruhig, langsam und gediegen. Perlmanns gewundenen Gedanken zu folgen fällt daher leicht. Bald passen die Thesen beim Treffen der Top-Linguisten genau zu Perlmanns Problem;nämlich dass Erleben durch Erzählen nicht abgebildet, sondern in gewissem Sinne erst geschaffen wird. Gibt es also EINE wahre Geschichte über die erzählte Vergangenheit ? Finden sie es in diesem fesselnden Hörbuch heraus.

Absolute Leseempfehlung
von J.G. aus Berlin am 17.07.2009

Philip Perlmann ist ein anerkannter Professor für Linguistik, der sich in Italien zu einem Treffen mit anderen Sprachwissenschaftlern zusammenfinden soll. Krönung dieser Tagung soll ein Vortag sein. Nur leider hat er „der Welt nichts mehr zu sagen“. Er verliert sich im Übersetzen eines Beitrages eines Russen namens Leskov, der a... Philip Perlmann ist ein anerkannter Professor für Linguistik, der sich in Italien zu einem Treffen mit anderen Sprachwissenschaftlern zusammenfinden soll. Krönung dieser Tagung soll ein Vortag sein. Nur leider hat er „der Welt nichts mehr zu sagen“. Er verliert sich im Übersetzen eines Beitrages eines Russen namens Leskov, der aufgrund einer fehlenden Ausreisegenehmigung nicht zur Tagung erscheinen darf. Als ihm am Ende die Zeit fehlt, etwas Eigenes zu schreiben, entschließt er sich den übersetzten Text als den seinigen auszugeben bzw. vorzutragen. Doch wider Erwarten erscheint Leskov und Perlmann gerät kurz davor einen großen Fehler zu begehen… Allein der Gedanke an die zahllosen Situationen, in denen andere (Kollegen, die Tochter, die Sekretärin, sogar die Hoteldame oder der Kellner) merken könnten, wie es um ihn bestellt ist, bringt Perlmann fast um den Verstand. Perlmann malt sich jede einzelne Konsequenz seines Tuns bis ins kleinste Detail aus. Und der Zufall rettet ihn jedes Mal aus der Misere. Die hervorragende Wortwahl und der schöne Schreibstil sorgen für ein genussreiches Lesen. Die Exkursionen in philosophische Aspekte der Sprache (z. B. die Darstellung von Erlebtem durch das Medium Sprache, die Schwierigkeiten des Dolmetschens und Übersetzens) habe ich genossen. Die Charaktere sind wunderbar beschrieben und absolut realistisch. Die gedanklichen Monologe verlieren sich nicht in ihrer Länge, sondern werden immer wieder vom aktuellen Tagesgeschehen im Hotel und um die Wissenschaftlergruppe herum unterbrochen. Dies geschieht in einem ausgewogenen Wechsel, der keine Langeweile zulässt. Insgesamt ein herausragendes Buch, dass mitreißende Spannung mit höchstem Anspruch und Sprachgewalt vereint: Eine absolute Leseempfehlung.