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Sinnes-Welten

Die Sinne entwickeln, Wahrnehmung schulen, mit Freude lernen

Bildung beginnt mit Wahrnehmung - Expeditionen in die faszinierende Welt unserer Sinne

Warum können wir im Dunkeln ein Glas zum Mund führen, ohne etwas zu verschütten? Weil wir durch unseren Bewegungssinn auch mit geschlossenen Augen jeden Körperteil wahrnehmen. Es gibt mehr als doppelt so viele Sinne wie die bekannten fünf: Hören, Sehen, Riechen, Schmecken, Tasten. Damit sie sich entwickeln, brauchen sie Anregung von klein auf!

Für Leser von Gerald Hüther und Manfred Spitzer.

Die neue Wahrnehmungsschule: Die Sinne als Tore zur Welt
Bildung beginnt mit Wahrnehmung
Expeditionen in die faszinierende Welt unserer Sinne
Vermittelt komplexe wissenschaftliche Erkenntnisse leicht verständlich, spannend und unterhaltsam

Portrait
Auer, Wolfgang-M.
Dr. Wolfgang Auer, geb. 1943, war 30 Jahre lang Lehrer an der Rudolf-Steiner-Schule in Bochum. Heute ist er als Dozent in der Aus- und Fortbildung von Lehrern und Erzieherinnen tätig - und begeisterter Großvater, wie er selber sagt. Vortrags- und Seminartätigkeit, Mitarbeiter im Institut für Audiopädie, Forschung im Gebiet Pädagogik, Kunstwissenschaft und Sinne. Er lebt in Witten.
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  • Sinneswahrnehmungen braucht der Mensch, um leben zu k¿nnen, genauso dringend wie Nahrung und Luft. Das mag vielleicht ¿berraschen, aber ohne Wahrnehmung k¿nnen wir nun mal nichts lernen und uns in Folge dessen auch nicht entwickeln. Sinneswahrnehmungen zu haben ist eine existentielle Notwendigkeit und damit eine der wichtigsten Entwicklungsbedingungen des Menschen. Ob ein Kind Wahrnehmungen mit allen Sinnen und in der n¿tigen Vielfalt hat oder nicht, davon h¿t viel f¿r sein Leben ab. Dass ein Kind die Wahrnehmungen haben kann, die es braucht, das aber liegt zum gro¿n Teil in der Verantwortung von uns Erwachsenen. Denn wir bestimmen ja die Umgebung des Kindes und m¿ssen sie daher so gestalten oder eben andere Situationen aufsuchen, damit das Kind die n¿tigen Erfahrungen machen kann. Man muss also ¿ber die Sinne und ihre Bedeutung Bescheid wissen, wenn man Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung begleiten und f¿rdern will.
    Also noch ein Buch ¿ber Sinne! Haben wir davon nicht schon genug? Schlie¿ich wei¿doch heute fast jeder ¿ber die Sinne und wie sie funktionieren Bescheid. Das stimmt. Aber wovon ist dann die Rede? Von Sehen, H¿ren, Riechen, Schmecken und Tasten, also von den klassischen f¿nf Sinnen, vielleicht noch erg¿t durch die Bereiche von Bewegung und Gleichgewicht. Das sind aber nicht alle Sinne. Mit ihnen allein k¿n wir nicht aus, k¿nnten nicht einmal das Sprechen erlernen. Au¿rdem wird in der Regel, wenn es um die Sinne geht, mehr von den Sinnesorganen, von Auge und Ohr, gesprochen als von den Sinnen. Wenn wir aber auf die Entwicklungsbedingungen des Menschen schauen, sind nicht die Organe das Entscheidende. Wir k¿nnen n¿ich alle Sinnesorgane in funktionsf¿gem Zustand besitzen und doch nicht existenzf¿g sein, weil die Organe nichts zum Wahrnehmen bekommen. Ein Sinneskonzept, das die Wahrnehmung als Bedingung menschlicher Entwicklung beschreibt, ist also nicht ein Konzept der Sinnesorgane, sondern der Sinne als Modalit¿n von Erfahrung. So verstanden denken wir bei der Bezeichnung Sinn also nicht an das Sinnesorgan und bei Wahrnehmung nicht an die physiologischen Prozesse. Unter Wahrnehmung verstehen wir vielmehr den Zugang zu unseren verschiedenen Erfahrungsfeldern und unter Sinn die F¿gkeit, in einem dieser Erfahrungsfelder wahrnehmen zu k¿nnen. Letztlich hei¿ das: Es gibt so viele Sinne wie Erfahrungsfelder. Und die sollen in diesem Buch untersucht werden.
    Also ein anderes Buch ¿ber die Sinne. Hier wird ein Sinneskonzept neben das ¿bliche physiologische und neurologische Konzept gestellt, das die Sinne als spezifische Formen von Erfahrung beschreibt und dadurch diese Erfahrung zugleich als Bedingung menschlicher Entwicklung und Sinngebung fasst. Das f¿hrt zu einem anderen Verst¿nis der Sinne und ¿ffnet einen neuen Zugang zu ihnen, ja erweckt vielleicht sogar Neugier und Freude an dem, was durch die Sinne alles erfahren werden kann. M¿ge es den Kindern zugute kommen.

    Einleitung

    Was wir von der Welt wissen, das wissen wir durch Wahrnehmung. Das gilt ohne Ausnahme. Diese elementare Tatsache macht das Wahrnehmen zu einem so selbstverst¿lichen und unbewussten Vorgang, dass wir in der Regel ganz vergessen, welchen bedeutenden Schatz wir mit unseren Sinnen besitzen.
    Denken wir uns einmal, m¿glichst konkret, es w¿rde uns ein Sinn nach dem anderen genommen. Was w¿rde sich dann alles ¿ern? K¿nnten wir z.B. nicht mehr sehen, dann w¿rde uns die ganze sichtbare Welt fehlen. Dann m¿ssten wir uns die Welt allein durch die ¿brigen Sinne erschlie¿n. Schon dieser Umstand br¿te eine tiefgreifende Ver¿erung unseres Daseins mit sich. Blinde Menschen k¿nnen davon berichten. W¿ uns neben dem Sehen auch noch das H¿ren genommen, w¿rde ein zweiter wichtiger Teil unseres Lebens verschwinden. Wir k¿nnten dann etwas riechen, k¿nnten schmecken, was wir ablecken oder in den Mund nehmen, k¿nnten die W¿e unserer Umgebung sp¿ren und durch Ber¿hrung wissen, wo sich etwas befindet. Was wir aber durch diese Sinne, z.B. durch anfassen, nicht erreichen k¿nnten, davon w¿ssten wir nichts. Stellen wir uns nun vor, alle diese verbliebenen Sinne w¿rden uns auch noch genommen. Wir w¿n zur v¿lligen Isolation verurteilt. Wir k¿nnten dann nicht wissen, ob es au¿r uns ¿berhaupt etwas gibt. Von unserem Leib w¿rden wir noch etwas sp¿ren. Aber durch das Fehlen des Tastsinns w¿ das bereits eingeschr¿t. Und w¿rde uns jetzt auch dieser Rest an Eigenwahrnehmung entzogen, dann k¿nnten wir weder von der Welt noch von unserem eigenen Leib etwas erfahren. Es g¿ sie nicht. Damit w¿ uns die Existenzgrundlage entzogen. Ein Mensch kann ohne Wahrnehmungen nicht existieren.
    Dieses Gedankenexperiment kann uns aufwecken, indem es uns klar macht, wie wichtig Wahrnehmung f¿r uns ist. Dabei k¿nnen wir froh sein, dass es diesen gedachten Fall unter nat¿rlichen Umst¿en nicht gibt. Es gibt aber einen anderen Fall. In den letzten Jahren ist in der wissenschaftlichen Literatur mehrfach das tragische Beispiel des M¿hens Genie aufgetaucht. Genie wurde von ihrem Vater bis zu ihrer Entdeckung im Alter von 13 Jahren in v¿lliger Isolation gehalten. Sie befand sich in einem kleinen kahlen Raum ohne Gegenst¿e oder Spielsachen, nachts in einer Art K¿g, tags festgebunden. Kontakt mit dem Vater bestand nur beim F¿ttern und sonstigen Versorgen. Niemand durfte mit ihr sprechen. Der Vater knurrte und kl¿te nur, wenn er bei ihr war. Sie wird auch sonst kaum etwas geh¿rt haben, weil der Vater extrem l¿empfindlich war und nichts Lautes duldete. Gab sie selbst einen Laut von sich, wurde sie geschlagen. Genies Mutter, die blind und selbst Gefangene ihres Mannes war, gelang schlie¿ich mit ihrer Tochter die Flucht. Zu diesem Zeitpunkt, also mit 13 Jahren, wog Genie nur etwa 29 kg und war nur 128 cm gro¿ konnte ihre Ausscheidungen nicht kontrollieren und keine feste Nahrung kauen. Sie konnte kaum gehen, geschweige denn h¿pfen, springen, klettern. Ihren Blick konnte sie nur etwa vier Meter weit scharf stellen, und sie war unf¿g Worte zu sprechen oder zu verstehen.
    Nach ihrer Entdeckung wurde Genie intensiv betreut und gef¿rdert. Vor allem wurde versucht, ihr das Sprechen beizubringen. Der Erfolg war eingeschr¿t. Trotz jahrelangem intensiven F¿rderunterrichtes kam sie sprachlich nicht ¿ber das Niveau eines ein- bis zweij¿igen Kindes hinaus. Sie lernte einzelne Worte und konnte sie auch sinnvoll einsetzen und sich damit, wie ein Kleinkind eben, ausdr¿cken, wobei das Sprechen undeutlich blieb. Sie konnte jedoch keine S¿e bilden und lernte es auch nicht mehr. Und damit waren ihrer weiteren Entwicklung un¿berwindbare Grenzen gesetzt.
    Genie hatte alle Sinne zur Verf¿gung. Von daher hatte sie also die gleichen Chancen wie jeder andere Mensch. Das Schlimme war, dass ihre Sinne nichts oder viel zu wenig zum Wahrnehmen bekamen. Daher konnte Genie ihre Sinne nicht ausbilden, denn das geht nur, wenn die Sinne etwas wahrzunehmen haben, und zwar in ganz bestimmten Zeitabschnitten kindlicher Entwicklung. In Folge dieses Mangels konnte sie nichts lernen und sich auch nicht entwickeln. Es ist also nicht nur das Fehlen einzelner Sinne, was unser Leben und unsere Entwicklungsm¿glichkeiten ver¿ert und beeintr¿tigt, sondern auch das Fehlen von Wahrnehmung. Der Entzug von Wahrnehmung bei vorhandenen Sinnen geh¿rt zum Grausamsten, was einem Menschen geschehen kann. Wahrnehmung ist f¿r uns bedeutsam und lebenswichtig. Wer Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung begleiten will, sollte davon wissen, sollte vor allem wissen, welchen Beitrag die einzelnen Sinne f¿r unsere Erfahrung, unser Leben und unsere Entwicklung von Kindheit an leisten.
    Aber um welche Sinne geht es? Wie viele Sinne hat der Mensch denn? Dar¿ber besteht bis heute keine Einigkeit. Die wird auch nicht herzustellen sein, solange man dabei verschiedene Ma¿t¿ anlegt. Z¿t man n¿ich nur die Sinne, deren Organe dem blo¿n Auge zug¿lich sind, dann beschr¿t man sich auf die klassischen Sinne Sehen, H¿ren, Riechen, Schmecken und Tasten. Von diesen f¿nf Sinnen sprach bereits der griechische Philosoph Aristoteles (384¿322 v. Chr.) und bis heute geh¿rt es zum normalen Wissensstandard, von diesen f¿nf Sinnen zu sprechen. Dabei ist das nur eine der M¿glichkeiten. Legt man n¿ich die Funktion der Sinnesrezeptoren als Ma¿tab zugrunde, kommt man zu einem anderen Ergebnis. Dann erh¿ht sich die Zahl der Sinne, weil man z.B. den kin¿hetischen Sinn in einen Bewegungssinn, Kraftsinn und Stellungssinn, den Tastsinn in einen Ber¿hrungssinn, Vibrationssinn und Schweresinn aufgliedert. Unterscheidet man dagegen die Sinne nach den biologischen Prozessen, welche die Wahrnehmung erm¿glichen, dann haben wir nur vier verschiedene Arten, n¿ich mechanische, elektrische, chemische und auf Temperatur reagierende Sinne zu unterscheiden.

    Wieder anders ist es, wenn die Sinne, wie es hier geschieht, nach ihrem jeweiligen Erfahrungsfeld unterschieden werden. Wir w¿en hier den Erfahrungsaspekt, weil f¿r den Menschen nicht die Unterschiedlichkeit der Sinnesorgane oder Sinnesrezeptoren, wohl aber die Unterschiedlichkeit der Erfahrungen, die er durch die Sinne macht, von entscheidender Bedeutung ist. Dieser Gesichtspunkt ist nicht neu. Charles Sherrington (1857¿1952) hat in der Sinnesforschung damit den Anfang gemacht, als er die K¿rperwahrnehmung als eigenen Wahrnehmungsbereich einf¿hrte (1906) und diesen Propriozeption nannte.

    Maurice Merleau-Ponty (1908¿1961) hat mit seiner 1945 erschienenen Ph¿menologie der Wahrnehmung diesen Ansatz konsequent fortgef¿hrt, indem er die Erfahrungsfelder der k¿rperbezogenen und der weltbezogenen Sinne vom Gesichtspunkt der Erfahrung untersucht und beschrieben hat. Wenige Jahre nach Sherrington f¿gte Rudolf Steiner (1861¿1925) in seinem Entwurf zu einer umfassenden Sinneslehre weitere Sinne hinzu (1909/1917). Er differenzierte den Komplex der Propriozeption in die vier k¿rperbezogenen Sinne Tastsinn, Vitalsinn, Bewegungssinn und Gleichgewichtssinn, f¿gte unter die weltbezogenen Sinne den W¿esinn und nahm die Wahrnehmung von Sprache, die Wahrnehmung mitgeteilter Gedanken und die Erfahrung des anderen Ich in den Kreis der Sinne auf. Gerade diese letzten drei von Steiner beschriebenen Sinnesbereiche sind bislang nur wenig aufgegriffen und fortgef¿hrt worden. Seit Oliver Sacks (geb. 1933) in den achtziger und neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts seine popul¿gewordenen Fallbeispiele von Wahrnehmungsst¿rungen ver¿ffentlicht hat, ist die Frage aber erneut aktuell geworden, ob wir es beim Verstehen von Sprache oder beim Erkennen von Gegenst¿en und Identifizieren von Personen nicht doch mit Wahrnehmung zu tun haben. Und wir werden sehen, dass eine Entscheidung in dieser Frage nicht ohne Bedeutung ist.

    Hier eine ¿ersicht ¿ber die im Buch vorgestellten Sinne:

    Die K¿rpersinne

    K¿rpersinne? Nie geh¿rt! Wof¿r brauchen wir die? So wird es manchem gehen, der zum ersten Mal von den K¿rpersinnen h¿rt. Wer sie aber nicht mehr zur Verf¿gung hat, der wei¿sehr gut, was er an ihnen besa¿ So z.B. Christina, eine junge Frau, die durch eine Entz¿ndung des R¿ckenmarks pl¿tzlich jegliche Eigenwahrnehmung verloren hat. Sie kann sich nicht mehr bewegen und nicht aufrecht halten. Aber nicht nur das. Sie sp¿rt keine Ber¿hrung, wei¿auch nicht, wo sich ihre Arme oder Beine befinden. Ja, sie wei¿von ihrem K¿rper nur etwas, wenn sie ihn sieht. Aber es k¿nnte auch ein fremder K¿rper sein. Identifizieren kann sie sich mit diesem K¿rper nicht. Sp¿r, als sie den Schock ¿berwunden hat, muss sie sich das Gehen und jede andere T¿gkeit neu beibringen. Dabei muss sie jede ihrer Bewegungen wie etwas Fremdes mit dem Blick kontrollieren. Auch nach Jahren braucht jede Bewegung ihre volle Aufmerksamkeit, weil es f¿r sie ein fremder K¿rper ist, den sie da bewegt. Wird ihre Aufmerksamkeit einmal abgelenkt, verliert sie die Kontrolle ¿ber ihre Bewegungen. Sie kann nie loslassen, muss sich st¿ig von au¿n kontrollieren. Ein schrecklicher Zustand. Eigentlich hat sie das Gef¿hl, ihr K¿rper sei tot, sei nicht wirklich, sei gar nicht da. Wird ihre Haut leicht ber¿hrt, dann nimmt sie etwas wahr, und das schafft vor¿bergehend Erleichterung. Daher liebt sie es, im offenen Wagen zu fahren. ¿Es ist herrlich¿, sagt sie dazu. ¿Ich sp¿re den Wind auf der Haut, auf den Armen und im Gesicht, und dann merke ich undeutlich, dass ich tats¿lich Arme und ein Gesicht habe. Es ist nicht das echte Gef¿hl, aber es ist immerhin etwas ¿ es nimmt eine Zeitlang diesen schrecklichen Todesschleier von mir.¿

    Dieses Beispiel zeigt uns, wie sehr das Leben ver¿ert, ja beeintr¿tigt wird, wenn die K¿rperwahrnehmung (Propriozeption) fehlt. Ohne funktionierende K¿rpersinne sind wir gegen¿ber unserem eigenen K¿rper ¿blind¿. Und dann besitzen wir keinen K¿rper, selbst wenn er faktisch vorhanden ist. Denn nur die Wahrnehmung durch die eigenen ¿Augen¿ macht ihn zu unserem K¿rper. Und diese ¿Augen¿ sind die vier K¿rpersinne, deren Leistungen wir im Folgenden untersuchen. Da diese Sinne, wie an dem Beispiel zu sehen ist, eng mit unserer eigenen Existenz verbunden sind, k¿nnen wir ihre Entwicklung nicht beschreiben, ohne zugleich unsere eigene Entwicklung, insbesondere in Kindheit und Jugend, in den Blick zu nehmen.

    Wo sind wir zu Hause? ¿ Der Tastsinn

    Das Wahrnehmungsfeld

    Wir alle kennen sicher die folgende Situation: Wir stehen nachts auf und gehen durch die Wohnung, und da wir den Weg vom Schlafzimmer zur K¿che gut kennen, verzichten wir darauf, das Licht anzumachen. Dann sto¿n wir pl¿tzlich an. Hier steht doch sonst nichts! Das Abtasten mit den H¿en best¿gt unsere Vermutung: Da hat jemand den Stuhl an einer Stelle stehen lassen, wo er nicht hingeh¿rt. Wir stellen ihn an den richtigen Platz, damit wir nicht noch einmal dagegenlaufen. H¿en wir einen anderen Weg genommen, h¿en wir den Stuhl nicht bemerkt. So aber hat uns der Zusammensto¿eine Wahrnehmung des Stuhls verschafft. Doch nicht nur das. Wir haben durch das Ansto¿n auch eine Wahrnehmung von der Stelle unseres K¿rpers, an der uns der Stuhl getroffen hat. So ist es bei jeder Tastwahrnehmung: Ber¿hren wir mit der Hand einen Gegenstand, dann nehmen wir an ihm glatte oder raue Oberfl¿e wahr, H¿e oder Nachgiebigkeit, W¿lbungen, Kanten und vieles mehr. Gleichzeitig haben wir immer die Wahrnehmung der Stelle unseres K¿rpers, mit der wir den Gegenstand ber¿hren. Jede Tastwahrnehmung an Dingen der Welt ist also immer zugleich eine Eigenwahrnehmung. Und diese Seite des Tastens ist es, die uns jetzt besch¿igen wird, wenn wir den Tastsinn als K¿rpersinn betrachten. Die andere Seite werden wir bei den Weltsinnen untersuchen.
    Unsere Haut ist das Organ des Tastsinns. An jeder Stelle sind Tastwahrnehmungen m¿glich. Dabei unterscheidet sich die Sensibilit¿verschiedener Hautpartien sehr stark. Es gibt Stellen, da befinden sich auf einem Quadratzentimeter etwa 135 Tastrezeptoren, wie auf der Zungenspitze, den Fingerspitzen oder den Lippen, wo wir besonders sensibel sind. An anderen, weniger sensiblen Stellen, z.B. am R¿cken, sind es nur sieben.
    Au¿rdem gibt es in der Haut verschiedene Rezeptoren mit ganz unterschiedlichen Aufgaben. Jedes Haar beispielsweise ist an der Wurzel von einem Nerv umgeben (Haarbalgrezeptor). Er reagiert auf die Ber¿hrung des Haares und registriert jede Ablenkung. Dicht unter der Hautoberfl¿e befinden sich Rezeptoren (Merkelzellen), die auf Druck und Verformung reagieren. Etwas tiefer liegen Rezeptoren (Mei¿ersche K¿rperchen), die auf Ber¿hren und leichtes Antippen sensibel sind, darunter andere, die eine Dehnung und Verformung der Haut registrieren (Ruffini-K¿rperchen), zuunterst solche, die auf Vibration ansprechen (Paccini-K¿rperchen). Durch diese Rezeptoren werden alle Formen des Hautkontaktes registriert. Zusammen bilden sie das Organ des Tastsinns.
    Wir haben st¿ig Tastwahrnehmungen im Leben. Ob wir stehen, sitzen oder liegen, immer nehmen wir die Ber¿hrung mit dem Untergrund wahr, der uns tr¿. Im Wasser nehmen wir die Ber¿hrung mit dem Wasser, in der Luft die Ber¿hrung mit dieser wahr. Wir sp¿ren die Kleidung auf der Haut, jede Ber¿hrung mit einem Gegenstand oder mit einem anderen Menschen, gleichg¿ltig ob die Aktivit¿von uns oder vom anderen ausgeht. Wir nehmen nat¿rlich auch wahr, wenn wir uns selbst ber¿hren. Ber¿hrungen k¿nnen uns wecken. So erwachen wir z.B. an einer Falte im Bettlaken oder weil uns jemand anfasst. Und wir k¿nnen uns durch eigene Ber¿hrung wach halten. Jeder von uns hat hier vielf¿ige Erfahrungen. Es gibt, das gilt es festzuhalten, keine Situation im Leben ohne eine Tastwahrnehmung.
    Und was nehmen wir mit dem Tastsinn wahr, wenn er nur K¿rpersinn ist? Mit jeder Ber¿hrung nehmen wir eine Stelle unserer K¿rperoberfl¿e wahr, lernen sie dadurch kennen und k¿nnen sie lokalisieren. W¿rden wir keine Ber¿hrung erleben, bliebe uns unsere K¿rperoberfl¿e unbekannt. Das Sehen kann hier nichts n¿tzen, es kann uns nur das Aussehen dieser Oberfl¿e zeigen. Dass die gesehene Oberfl¿e zu unserem K¿rper geh¿rt, das kann uns allein das Tasterlebnis vermitteln. Menschen, die den Tastsinn verloren haben, sind in einer schrecklichen Situation: Sie haben einen K¿rper und haben keine Wahrnehmung von ihm. Sie sp¿ren nicht, wenn sie irgendwo ansto¿n oder wenn sie ber¿hrt werden, und deswegen sp¿ren sie auch die Grenze ihres K¿rpers nicht. Wir kennen alle eine vergleichbare Situation, n¿ich wenn uns Hand oder Arm, wie wir sagen, eingeschlafen sind. Ber¿hren wir dann den eingeschlafenen Arm, so f¿hlt er sich fremd an, weil er selbst keine Wahrnehmung von der Ber¿hrung hat.
    Durch unsere Ber¿hrungserlebnisse erfahren wir also die Oberfl¿e unseres K¿rpers, und das hei¿, wir erfahren mit seiner plastischen Gestalt und seiner Ausdehnung zugleich die eigene Grenze. Denn wir h¿ren als k¿rperlich-r¿liches Wesen da auf, wo etwas anderes beginnt. Und so setzen wir uns mit jeder Ber¿hrung vom anderen ab und erfahren uns als Eigenwesen. Das ist aber nur die eine Seite der Erfahrung. Ber¿hrung bedeutet n¿ich nicht nur Trennung. Denn mit jeder Ber¿hrung wird auch eine Verbindung zum Ber¿hrten hergestellt. Deshalb f¿hrt jede Wahrnehmung des Tastsinns immer zu zwei Erfahrungen, zu Trennung und Verbindung, oder anders ausgedr¿ckt: Wir erfahren uns selbst nur durch die Wahrnehmung eines anderen.

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Beschreibung

Produktdetails

Einband gebundene Ausgabe
Seitenzahl 286
Erscheinungsdatum 24.09.2007
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-466-30755-5
Verlag Kösel
Maße (L/B/H) 22,1/15,1/3 cm
Gewicht 654 g
Abbildungen mit Grafiken und Schaubildern
Auflage 5. Auflage
Buch (gebundene Ausgabe)
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inkl. gesetzl. MwSt.
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