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Die dunkle Seite

Roman

Vera Gemini

Köln 1999: Ein scheinbar harmloser Geschäftsmann fällt einem grausamen Verbrechen zum Opfer. Die Tat eines Verrückten? Vera Gemini, Kölner Detektivin, die wider Willen in den Fall hineingezogen wird, erkennt schon bald die perfide Logik hinter der angeblichen Wahnsinnstat. Die Spur führt zurück ins Jahr 1991, in die letzten Tage des Golfkriegs und zu einem Geheimnis in der kuwaitischen Wüste – begraben, aber nicht vergessen …

Portrait
Frank Schätzing, geboren 1957 in Köln, Mitbegründer der Kölner Werbeagentur Intevi, Musiker und Musikproduzent, debütierte 1995 mit dem historischen Roman "Tod und Teufel", der schnell vom Geheimtipp zum Bestseller wurde. Nach einer Reihe von Krimis und Kurzgeschichten folgte 2000 – von der Presse hochgelobt – der Politthriller "Lautlos". "Der Schwarm", Schätzings fünfter Roman, erreichte wenige Tage nach Erscheinen Spitzenplatzierungen in den Bestsellerlisten, wurde u. a. nach England, in die USA, Spanien, Italien, Brasilien und Russland verkauft. 2009 erschien "Limit", 2014 "Breaking News". Frank Schätzing, 2004 mit der CORINE und 2005 mit dem Deutschen Sience-Fiction-Preis ausgezeichnet, lebt und arbeitet in Köln.
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  • Vorwort
    1997 beschäftigte ich mich mit FBI-Akten, mit dem Innenleben von Serienkillern und Psychopathen. Mich interessierte die Auflösung der Grenze zwischen Gut und Böse. Weniger, was diese Leute taten, sondern was sie dazu brachte, es zu tun. Wann wird aus einem Menschen ein Monster? Ein unerreichter Meister in der Darstellung solcher Persönlichkeiten ist Thomas Harris, der Erfinder des Hannibal Lecter aus »Das Schweigen der Lämmer« – wenngleich Charismatiker wie der Menschen fressende Doktor im wahren Leben selten vorkommen. Echte Serienkiller sind meist unauffällige, zurückgezogen lebende Existenzen, oft stark gehemmt, bisweilen mit körperlichen Makeln behaftet. Manche erweisen sich im Gespräch als intelligent und kultiviert, viele bleiben nach umfangreichen psychologischen Tests, was sie von Anfang an schienen: dumm und brutal. Mario Adorfs unvergessene Darstellung des Bruno in »Nachts, wenn der Teufel kam« entspricht dem Prototyp des Serienkillers weit mehr als der geniale Sir Anthony Hopkins in seiner größten Rolle.
    Die schillernden Charaktere finden sich denn auch weniger unter den klassischen Serienkillern als unter den eiskalt kalkulierenden Verbrechern. Richtig spannend wird es jedoch, wenn beide Welten ineinandergleiten. Dann begegnet uns der perfideste Tätertyp: der psychopathische Verbrecher.
    Tatsächlich ist fast jeder Serienkiller ein Psychopath (oder Psychotiker). Noch lange nicht jeder Psychopath ist jedoch ein Serienkiller im klassischen Sinne, auch wenn er mehrfach tötet. Vielfach verbinden die psychopathischen Verbrecher ihre Lust am Töten mit der Erreichung definierter Ziele. Wer beispielsweise seine halbe Familie mit der Kettensäge meuchelt, um in den Besitz einer größeren Erbschaft zu gelangen, ist zweifellos Urheber einer Mordserie, fällt jedoch nicht in die Kategorie des Serientäters, der immer wieder dasselbe Programm abspult. Ein echter Serienkiller mag als Kind so oft vom Vater mit der Kettensäge bedroht worden sein, bis er selber zu dem wurde, was er am meisten fürchtete. Er kompensiert seine Vergangenheit, indem er Männer zerstückelt, die seinem Vater ähnlich sehen, ohne sein Problem damit zu lösen. Im Gegenteil! Die Abstände zwischen seinen Taten werden kürzer, er braucht die Kompensation immer häufiger, ohne jemals dauerhafte Befriedigung zu erlangen. Sein Handeln ist keinem Fortschrittsgedanken unterworfen, sondern eine Tretmühle. Fortwährend versucht er sich von der Vaterfigur zu befreien, immer wieder scheitert er. Er ist wie ein Fixer, der Mord ist der Schuss, den er sich setzt, das Procedere identisch.
    Viele Serienkiller leiden unter ihren Taten. Andere befriedigen einfach nur ausgeprägte sadistische Neigungen. Mitunter fällt die Antwort auf die Frage nach dem Warum erschreckend einfach aus: Weil es dem Täter Spaß gemacht hat. So oder so aber ist der klassische Serienkiller im Grunde seines Wesens durchschaubar. Kennt man seinen inneren Antrieb, kann man seine Folgeverbrechen prognostizieren und muss ihn »nur« noch fassen. Diese Erkenntnis hat den Beruf des Profilers hervorgebracht, der in »Die dunkle Seite« bereits auftritt, aber Mitte der Neunziger noch nicht so hieß (zumindest hierzulande nicht, den Begriff hörte ich erst später). Der Profiler versucht, den Täter bzw. seine Deformation über seine Taten kennenzulernen, um ihn den Fahndern beschreiben zu können – oder, wie es das FBI formuliert: »Willst du den Künstler verstehen, musst du sein Werk betrachten.«
    Im Falle des Burschen, der erben will, ist der Fall schon schwieriger. Auch er mordet immer auf die gleiche Weise, allerdings mit einem klaren, nachgerade konservativ anmutenden Ziel. Seinen Morden liegt ein raffiniert geplantes Verbrechen zugrunde, jede Tat bringt ihn dem Ziel ein bisschen näher. Auffällig ist nur, dass er die Kettensäge als Mord- und Folterinstrument benutzt. Wozu? Ein bisschen Arsen täte es ebenso. Dass er trotzdem mit geradezu ritueller Brutalität vorgeht, verdankt sich seinen Anlagen. Tatsächlich weist er Züge eines Serienkillers auf, tatsächlich ist seine frühe Vergangenheit die Geschichte einer schweren Deformation. Allerdings ist er nicht Sklave eines Kompensationzwangs, sondern er beherrscht seine Triebe. Erst die Zweckgerichtetheit seines Unterfangens erlaubt es ihm, den tief sitzenden Sadismus, den alten Hass, die kindliche Verzweiflung ins Spiel zu bringen. Anders als beim klassischen Serienkiller, dessen Enttarnung aus der Frage »Woher kommst du?« resultiert, stellt sich beim Erbschleicher mit der Kettensäge auch die Frage »Wohin willst du?«.
    Mit diesem Tätertypus tun sich die Ermittler naturgemäß schwer. Er neigt zu Variantenreichtum, und wahrscheinlich wird er nach Erhalt der Erbschaft nicht weiter morden. »Die dunkle Seite« schildert die Jagd auf einen solchen Mörder – auf einen augenscheinlich Wahnsinnigen, dessen Taten bei näherer Betrachtung durchaus Sinn ergeben. Bis zum Schluss bleibt er gesichtslos, während zugleich immer klarer wird, dass er sich in kein gängiges Raster zwängen lässt. Parallel dazu tritt die seelische Blockade der Detektivin, die fast nur über Computer mit der Außenwelt verbunden ist und plötzlich gegen ein archaisch mordendes Monster antreten muss, immer offener zutage.
    Mich interessierte beim Schreiben der schmale Grat, auf dem wir alle balancieren – bis hin zum Punkt der Grenzüberschreitung. Mittlerweile glaube ich allerdings nicht mehr, dass es diesen einen definierten Punkt überhaupt gibt. Vielmehr zieht sich zwischen dem, was wir als »Gut« und »Böse« definieren, ein ausgedehntes Niemandsland dahin, in das jeder schon mal irgendwie geraten ist, sei es in Gedanken oder durch Taten. Die unangenehme Erkenntnis daraus: In jedem von uns wohnt ein Ungeheuer, das wir ständig in Schach halten müssen. Die positive Schlussfolgerung: Solange man im Niemandsland bleibt, gibt es jederzeit eine Chance zur Rückkehr. Kinder loten das Land aus, indem sie Fliegen die Flügel ausreißen. Andere prügeln sich gerne. Wir werden ins Niemandsland hineingeboren, es ist eine Art Trainingscamp unserer frühen Jahre. Auf welcher Seite davon wir später leben, wie oft wir dorthin zurückkehren, entscheidet sich in der Kindheit und in unseren Jugendjahren. Der kleine Diebstahl, die locker sitzende Faust, die Steuerunterschlagung oder einfach nur die Notlüge, all das gehört ins Niemandsland. Nur die wenigsten geraten gänzlich auf die dunkle Seite. Von dort allerdings führt selten ein Weg zurück. Zumal sich einige dort sichtlich wohl fühlen: »Komm auf die dunkle Seite der Macht« hat schon Darth Vader lustvoll gekeucht, und tatsächlich geht es bei Gewaltverbrechen meist um Machtausübung.
    Zugleich ist »Die dunkle Seite« ein Buch über die Allmacht der Bilder geworden und damit in gewisser Weise der Vorläufer von »Lautlos«. Sein und Schein vermischen sich, Menschen reduzieren sich auf Menschendaten, Kriege auf Videospiele, Kommunikation auf den Austausch von Dateien, ohne dass man noch zu sagen vermag, mit wem man gerade kommuniziert. Als ich »Die dunkle Seite« 1997 schrieb, verlegte ich die Handlung zwei Jahre in die Zukunft. Mittlerweile ist die Technologie im Buch überholt – am grundsätzlichen Problem, dass der technisierte Mensch sich im Zustand ständiger Überforderung selbst hinterherhastet, hat sich indes nichts geändert.
    In einer solchen Geschichte, sollte man meinen, gibt es wenig zu lachen. Beim Überarbeiten des Manuskripts für die vorliegende Ausgabe fiel mir tatsächlich auf, dass »Die dunkle Seite« damals einen Wandel in meiner Arbeit darstellte. Was »Tod und Teufel«, »Mordshunger« und die Kurzgeschichten miteinander verbunden hatte, war der Humor. Die Grundstimmung in »Die dunkle Seite« ist weitaus düsterer, der Tonfall härter. An sich bin ich ein positiver Mensch, ein hoffnungsloser Optimist, also versuchte ich die Zeit zu rekonstruieren, in der ich das Buch geschrieben hatte – und erinnerte mich, wochenlang schreckliche Zahnschmerzen gehabt zu haben, die in einer komplizierten und langwierigen Kieferoperation gipfelten. Gleich im Jahr darauf ließ ich mein Gebiss richten und traf Vorsorge, in Zukunft vor solcher Not verschont zu bleiben. Seitdem sind die Zahnschmerzen ausgeblieben. »Lautlos«, drei Jahre nach »Die dunkle Seite« erschienen, war dann auch prompt lustiger.
    Ursache und Wirkung?
    Mein Zahnarzt weist darauf hin, dass ich im Vollbesitz eines gesunden Gebisses die halbe Welt zerstört habe, 2004 in »Der Schwarm«. Offenbar waren 1997 doch allein die Psychopathen schuld – sie verstehen eben einfach keinen Spaß.
    Frank Schätzing, Februar 2007

    Kuwait, 1991
    Dienstag, 26. Februar
    15.02 Uhr. Jeep
    Der Scharfschütze wusste sehr genau, dass Sand eine Farbe hat. Dennoch fühlte er sich wie in einem Schwarzweißfilm, und Schwarz herrschte vor.
    Er saß mit angezogenen Beinen hinten im Jeep, das Maschinengewehr auf den Knien, und starrte auf die rußigen Finger am Horizont. Seit die Iraker begonnen hatten, Ölquellen anzuzünden, war es selbst den Söldnern mulmig geworden. Die Vorstellung, Saddam könne der Welt die Sonne nehmen, hatte etwas ungemein Deprimierendes. Im Grunde war es dem Schützen gleich, wer aus diesem Krieg als Sieger hervorgehen würde, solange man ihn gut bezahlte. Die Alliierten schrieben Schecks aus, also führte er den gerechten gegen den heiligen Krieg. Hätte der Diktator das Angebot verdoppelt, wäre er unter Umständen bereit gewesen, seine Rolle zu überdenken. Aus der Deckung des gegenüberliegenden Sandwalls auf den eigenen zu schießen, machte keinen Unterschied. Ob Saddam oder Bush, Sand blieb Sand, und der Feind war ein Verbündeter, weil es ohne ihn nichts zu verdienen gab.
    Jetzt allerdings, im Angesicht der ölig schwarzen Gespenster, begann der Söldner den irakischen Diktator zu hassen. Er dachte an das Haus gleich oberhalb von Nizza, das er kaufen wollte, an die Terrasse, auf der er sich so oft schon hatte sitzen sehen, während ihm die Sonne die schäbigen Reste seiner käuflichen Vergangenheit aus den Poren brannte, und fühlte sich betrogen.
    Saddam brachte den Winter.
    Kein dunkelblauer Himmel mehr über Frankreichs Küste. Kein feuriger Ball, der abends im Meer versank. Kein nach Kräutern duftender, frischer Fisch zum Abendessen. Nur Ruß und Schwermut, nuklearer Winter, Endzeit.
    Manche Dinge verdienten kein Pardon.
    Der Jeep rumpelte ostwärts.
    Mit jeder Erschütterung glitt ihm die Sonnenbrille einige Millimeter über den schweißglatten Nasenrücken nach unten. Seine Linke fuhr hoch und brachte das Gestell wieder in Position, ein mechanischer Sisyphusakt im Sechzig-Sekunden-Takt, während sein Blick träge das Terrain absuchte. Ihm war, als schwitze auch sein Hirn. Von Zeit zu Zeit, wenn sie über einen Gesteinsbrocken fuhren, schlug ihm der Stahlrahmen ins Kreuz, und er rutschte unruhig hin und her, begab sich von dieser Unbequemlichkeit in die nächste und umklammerte das Gewehr fester mit der Rechten, während sich die Linke erneut bereitmachte, die Sonnenbrille auf ihren Platz zu verweisen. So starrte er hinaus in die Gleichförmigkeit und fühlte Geist und Gliedmaßen schwerer werden.
    Der Fahrer drehte sich zu ihm um und grinste. »Wir haben’s bald«, sagte er fast entschuldigend. »Halbzeit ist lange rum.«
    Der Scharfschütze nickte. Sie waren seit über drei Stunden unterwegs. Sie würden weitere ein bis zwei Stunden fahren müssen, um das Nachschublager nahe der irakischen Grenze zu erreichen, einen von Dutzenden Luftlandestützpunkten der alliierten Streitkräfte.
    Zwei Tage zuvor waren mehr als dreihundert Helicopter hinter den feindlichen Linien gelandet. Die Nachschublager lagen teilweise bis zu fünfzig Kilometer weit im Innern des Irak. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion hatte Norman Schwarzkopf, Oberbefehlshabender der Streitkräfte, das siebte Corps vom Persischen Golf nach Westen verlegt. Saddams gefürchtete republikanische Garde saß hoffnungslos in der Falle.
    Aber niemand wusste, wozu die Garde fähig war. Sie machte den Alliierten Angst. Wer in der Falle saß, hatte nichts zu verlieren, und über Saddams Elite erzählte man sich die fürchterlichsten Dinge. Je länger das Warten auf den Bodeneinsatz gedauert hatte, desto monströsere Auswüchse nahmen die Berichte an.
    Im Laufe des Nachmittags begannen sich die Meldungen zu überschlagen. Wie es aussah, hatte sich das siebte Corps unbeschadet bis zur Hafenstadt Basrah und nach Kuwait City durchgeschlagen. Araber, Amerikaner und Ägypter stießen aus dem Süden dazu. Von allen Seiten begannen Verbände der Alliierten die letzten Bastionen der Iraker einzukreisen. Dann neue Funksprüche. Offenbar hatte die Garde den Ausfall gewagt. Informationen kollidierten. Einmal hieß es, Gardisten sei die Flucht gelungen. Dann wieder, alliierte Luftverbände hätten den Konvoi der Iraker nahezu eingeebnet, und dass die Hauptausfahrtroute an einem kilometerlangen Stau explodierter und brennender Fahrzeuge ersticke. Schwarzkopfs Einkesselungsstrategie schien aufzugehen. Ein zweiter Hannibal schickte sich an, Cannae zu wiederholen. Schwarzkopf hatte viele tote Iraker versprochen. Sehr viele. Blut genug, dass es reichte, um Vietnam abzuwaschen.
    Der Scharfschütze spähte in den Himmel.
    Dort, wo sie hinwollten, wurden schon lange keine Kämpfe mehr ausgefochten und Waffen nur noch in Anschlag gebracht, um Scharen gegnerischer Soldaten in Empfang zu nehmen, die mit weißen Fahnen und erhobenen Händen vor ihrem eigenen Oberbefehlshaber flohen. Der Krieg näherte sich einem absurden Ende. Eine geschlagene irakische Armee, zermürbt durch wochenlanges Bombardement, halb verhungert und verdurstet in ihren subterranen Wüstenbunkern, dem Wahnsinn näher als ihrem Propheten, küsste GIs die Hände. Demgegenüber Osten und Westen in seltener Eintracht, bis an die Zähne bewaffnet, unendlich überlegen. Und doch unfähig, Saddams Höllenfeuer zu verhindern, das einen weitaus schlimmeren Konflikt heraufbeschwor – den Kampf ums ökologische Überleben.
    Neben dem Fahrer döste der Techniker vor sich hin. Von Zeit zu Zeit zuckten seine Gesichtszüge. Sein Mund stand halb offen. Der Scharfschütze wusste, dass die Käuflichkeit des Technikers mit diesem Krieg ihr Ende gefunden hatte. Er war nicht zum Söldner geboren. Ein Kopfabenteurer. Sein erster wirklicher Einsatz hatte hässliche Kratzer im glatten Gefüge der Mythen und Legenden hinterlassen, denen er ge folgt war. Irgendwann würde es ihn erwischen. Die Schwelbrände afrikanischer Territorialpolitik, das heraufdämmernde Ende Jugoslawiens, der fundamentalistische Terror Algeriens, das Gespenst der Zukunft. Überleben hieß heimzukehren. Seine Tage in der Wüste waren gezählt, so oder so.
    Der Jeep quälte sich eine Anhöhe hinauf. Der Kopf des Technikers fiel zur Seite. Er öffnete die Augen und strich sich mit der Hand den Schweiß von der Stirn. Dann setzte er sich aufrecht und fingerte nach einem Päckchen getrockneter Datteln. Er pulte die harten, runzligen Früchte nacheinander heraus, schob sie zwischen die Zähne und begann genussvoll darauf herumzubeißen. Der Fahrer sah kopfschüttelnd zu ihm herüber.
    »Wie kannst du bloß diesen Mist fressen?«
    »Es ist kein Mist«, sagte der Techniker kauend. Er nahm das Päckchen und hielt es dem Fahrer hin, der heftig das Gesicht verzog.
    »Gib mir eine«, rief der Scharfschütze.
    Das Päckchen wanderte nach hinten. Eine Zeitlang wurden Datteln verspeist, ohne dass ein Wort fiel. Sie redeten wenig miteinander. Die Wüste förderte keine Konversation.
    Schließlich waren die Datteln alle.
    »Ihr seid widerlich«, brummte der Fahrer. »Jeden Mist fresst ihr, jeden Dreck.«
    »Sie sind nahrhaft«, erwiderte der Techniker gleichmütig.
    »Bah! Ich träume jede Nacht von Lamm mit grünen Bohnen, und du hältst mir trockene Kamelscheiße unter die Nase. Haben wir noch was von der Schokolade?«
    »Ist geschmolzen.«
    »Quatsch! Du hast sie aufgefressen.«
    »Sie war geschmolzen, Herrgott noch mal! Kannst du mir irgendwas nennen, was bei der Hitze nicht schmilzt? Mir ist schleierhaft, warum du diesen Affenaufstand machst. Gerade du! Warum probierst du nicht einfach, was die Leute im Ausland essen?«
    »Wo du doch so gern verreist«, fügte der Scharfschütze sarkastisch hinzu.
    »Kamelscheiße!«
    »Du hast keine Ahnung.« Der Techniker leckte sich die Lippen. »Sie kochen phantastisch hier. Gebratenes Hühnerfleisch mit Nüssen und Rosinen. Gefüllte Taube hab ich gegessen, umwerfend! War Hirse drin, gewürzt wie Weihnachtsplätzchen, dass es dich schier überkommt! Pudding von Kokos und Honig. Kaffee aus kleinen Tassen hinterher, von dem du nur die Hälfte trinken darfst wegen dem Modder am Boden, aber dafür lässt du alles andere stehen.«
    »Ich nicht.«
    »Weil du zu blöde bist, es zu probieren.«
    »Mir hat einer erzählt, sie würden Kakerlaken grillen, so groß wie Portemonnaies. Und Skorpione.«
    »Tun sie nicht.«
    »Der es mir erzählt hat, war dabei.«
    »Dabei, dabei, jeder war immer irgendwo dabei.« Der Techniker machte eine wegwerfende Handbewegung. »Und wenn schon! Wo ist der Unterschied zu … sagen wir mal, einem Hummer?«
    »Was? Wieso?«
    »Beide haben ein Exoskelett, acht Beine und einen segmentierten Schwanz, der lecker schmeckt.«
    »Du würdest also auch Skorpione fressen?«
    »Ich fresse nicht. Aber damit geht’s schon mal los, mit deiner Ausdrucksweise, weil du nämlich ein ignorantes Arschl …«
    »He!«, rief der Scharfschütze. Plötzlich war er hellwach. »Seht mal!«
    Seine ausgestreckte Linke wies auf einen länglichen dunklen Gegenstand, der ein gutes Stück entfernt hinter einer Erhebung zum Vorschein gekommen war. Er flimmerte und blinkte im Sonnenlicht.
    »Was ist das?«, fragte der Techniker mit gerunzelter Stirn.
    Der Fahrer trat auf die Bremse, brachte den Jeep zum Stehen und drehte sich zu dem Mann auf der Rückbank um.
    »Du hast die Karte. Müsste da irgendwas sein?«

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Beschreibung

Produktdetails

Einband Taschenbuch
Seitenzahl 537
Erscheinungsdatum 12.02.2007
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-442-45879-0
Verlag Goldmann
Maße (L/B/H) 18,5/11,6/4 cm
Gewicht 444 g
Buch (Taschenbuch)
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Kundenbewertungen

Durchschnitt
32 Bewertungen
Übersicht
17
12
3
0
0

von einer Kundin/einem Kunden am 02.07.2018
Bewertet: anderes Format

Einer der frühen Schätzings mit viel Kölner Lokalkolorit und nicht so umfangreich.. Versierte Krimileser könnten schon früher auf die Lösung kommen, sonst ist er ganz gut gestrickt

Gut gemachter Schätzing
von Literaturlounge eu aus Gießen am 05.03.2018
Bewertet: Medium: H?rbuch-Download

Zu Anfang fragt man sich sehr, wie denn diese verschiedenen Erzählstränge zusammengehören, doch dies wird nach der ersten Stunde klar. Gut, man hätte auch einfach den Klappentext vorher lesen können, aber das kann ja jeder. Obwohl es recht viele Personen gibt, kann man doch sehr gut auseinanderhalten wer wohin gehört. Ich fin... Zu Anfang fragt man sich sehr, wie denn diese verschiedenen Erzählstränge zusammengehören, doch dies wird nach der ersten Stunde klar. Gut, man hätte auch einfach den Klappentext vorher lesen können, aber das kann ja jeder. Obwohl es recht viele Personen gibt, kann man doch sehr gut auseinanderhalten wer wohin gehört. Ich finde, dies ist beim zuhören oft schwieriger als beim selber lesen, gelingt hier aber überraschend gut. Die Detektivin Vera Gemini wird engagiert, um den Freund eines Klienten zu finden. In etwa zeitgleich wird ein grausamer Mord an einem kleinen Gemüsehändler entdeckt. Beides scheint nicht zusammen zu hängen, aber natürlich ist da eine Verbindung. Dies ahnt man schon recht früh, sonst würde ja nicht von beiden Ereignissen berichtet, aber wie die beiden zusammenhängen und was die Fremdenlegion damit zu tun hat bleibt lange unklar und regt die Phantasie an. Die Verbindungen zur Fremdenlegion sind sehr anschaulich beschrieben. Obwohl uns die Kriegshandlungen im Irak schon seit mehr als zwanzig Jahren mit Unterbrechungen beschäftigen, war mir nicht bewusst, dass dort tatsächlich auch die Fremdenlegion involviert war und ist. Man macht sich generell häufig zu wenig Gedanken um Ereignisse, die scheinbar weit entfernt sind. Man verdrängt vieles. Dies ist auch bei den Figuren im Roman so. Sowohl die Detektivin Vera Gemini, als auch ihr Kontakt bei der Polizei und ihr Klient – alle verdrängen so einiges, aber Verdrängtes hat die schlechte Angewohnheit, irgendwann hoch zu kommen. In diesem Fall löst es einige spannend beschriebene Verwicklungen aus und bringt die dunkle Seite aller Beteiligten zum Vorschein. 14 Stunden können im Auto sehr lang werden, aber mit Frank Schätzings Roman „Die dunkle Seite“ zumindest nicht langweilig.

Lesenswert
von einer Kundin/einem Kunden am 17.11.2017
Bewertet: Format: eBook (ePUB)

Guter Schreibstiel in eigenen Gedanken der handelnden Personen. Als Leser ist man gespannt wie es weiter geht und bedauert es wenn man keine Zeit hat weiterzulesen.