Ein Mann verlässt sein Dorf am Meer. Auf einer Alp in der Schweiz hat er Arbeit gefunden. Tuinar, sagen die anderen zu ihm. Der Mann für alles. Die anderen, das sind Zoppo und der Lombard. Sie weihen den Tuinar in ihre Welt ein, in ihre Sprache der Arbeit.
Romantisch ist das Alpleben nur für Touristen. Der Tuinar ist stolz, einer der drei wahren Hüter des eigensinnigen Lebens am Rande der weiten Ebene zu sein. Die weite Ebene, das ist ihre Kirche. Einen Sommer lang folgen sie ihren Rindern auf unsichtbaren Wegen, entlang einer scheinbar äusseren und einer unscheinbar inneren Logik der Erde.
Doch die weite Ebene hat ihre eigenen Gesetze. Sie ist Geheimnis und Gefahr zugleich. Je tiefer die drei Männer in ihre Stille vordringen, umso weiter und unwegsamer wird sie. Die Sprache als Mittel der Verständigung droht verlorenzugehen.
»Ich bin wie du. Weites Grasland. Rote Flüsse durchädern mich. Fast durchsichtig bin ich. Und zart und zäh und zarter und zäher, noch viel zäher, unheimlich zäh und unendlich zart ziehen die Jahre durch mich hindurch. Machen mich immer mehr zu dem, was ich bin. Alt.
Und doch. Ich beginne an keinem Ort. Und an keinem Ort höre ich je wieder auf zu sein.«
Das Buch, an eine Graphic Novel erinnernd, haben Alexandra Kaufmann und Hanin Lerch bebildert (Duo Walter Wolff). Es wurde 2020 mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet.
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Kunstvolle, lyrisch anmutende Geschichte
ausgebucht.blog am 15.03.2022
Bewertungsnummer: 1675533
Bewertet: Buch (Paperback)
Mit Lyrik tue ich mich eher schwer, ich suche oft vergeblich den Rhythmus, die Atmosphäre. Nur wenige AutorInnen fallen mir ein, die mich erreicht haben. Na gut, es sind nur drei. Ich würde nicht sagen, dass ich um Lyrik einen Bogen mache, aber ich suche sie eben auch nicht. Was mir bei diesem Genre für Assoziationen in den Sinn kommen sind sperrig, umständlich, kompliziert.
Diese Art von Lyrik ist zeitgemäß. Jugendlich könnte man sagen, ungezwungen. Und doch muss ich zugeben dass es eben eine anspruchsvolle Textform ist, bei der zumindest ich nicht alles beim ersten Lesen erfassen kann.
Zum Inhalt:
Drei Männer verbringen den Sommer auf der Alp, sie haben die Kühe heraufgebracht. Der Lombard und Zoppo sind eingespielt, melken, käsen, die Rinder hüten. Der Tuinar ist neu, die Berge sind ihm fremd und so weit vom Meer und seiner Familie, von seinem Zuhause fort zu sein, macht ihm zu schaffen. Er versteht die Sprache der Männer nicht, versteht ihr stoisches Handeln nicht, bleibt ausgeschlossen und fühlt sich doch als Teil dieser Zweckgemeinschaft. Als Mann für alles wird auch er ein Rädchen im Uhrwerk der Arbeit, wird Teil des Kreislaufs von Leben, Natur, Arbeit und Sterben.
So heißen auch die 4 Kapitel dieses höchst ungewöhnlichen Buches. Es ist ein Schmuckstück und doch ist die Besprechung nicht einfach, nicht leicht ist es, das Leseerlebnis für andere verständlich zu machen. Wenn ihr euch darauf einlasst, kann ich euch nichts Geringeres als ein Gesamtkunstwerk versprechen, ich wage zu behaupten, dass ihr so etwas noch nie gelesen habt.
Ich möchte unbedingt auf die Äußerlichkeiten eingehen, denn direkt fiel mir der Duft des Buches auf. Durch viel schwarze Farbe riecht es schwer nach bedruckten Blättern, es duftet nach viel Papier und Buchstaben, als wollte die Geschichte sofort heraus aus den Seiten. Dann bemerkt man den mausgrauen Buchschnitt, der ebenfalls von den vielen schwarzen Seiten herrührt. Denn jede linke Seite ist schwarz bedruckt, mit einer hellen Illustration in der Mitte. Schnörkel, Linien, abstrakt und doch ist etwas zu erkennen, fügt sich in die Geschichte ein. Auf den rechten Seiten, die auch nicht reinweiß sind sondern vielmehr hellgrau, stehen zentral ausgerichtet die kurzen Textpassagen, manchmal bloß ein Satz.
Man könnte sagen, die Autorin stellt nicht allein mit Worten die Emotionen dar, sondern vielmehr mit dem Fehlen von Worten, dem vielen Platz auf den Seiten, der Leere und den Lücken in der Erzählung. Es ist keine wirkliche Handlung zu erkennen, es lässt sich nicht einfach weglesen, dieses merkwürdige Buch, es bremst einen aus und möchte, dass man sich Zeit nimmt, die Ursprünglichkeit und Eintönigkeit bekommt man nur durch langsames Lesen zu spüren, die Stille und die Stimmung. Ich persönlich habe das als sehr angenehm empfunden. Es ist wichtig, dass wenig Text auf den Seiten ist, die Worte müssen sich entfalten, sie brauchen Platz, um wirken zu können, um Bilder heraufzubeschwören, um Tiefe zu erzeugen.
Ein überraschendes Werk, herrlich melancholisch und zum nachsinnen gedacht, ein ganz besonderes Buch, das ich sicher nochmal ganz ganz langsam lesen werde. Den Literaturpreis der Schweiz 2020 hat es absolut verdient, auch mich hat dieses doppelt Kunstvolle, zum einen literarisch und zum anderen grafisch, sehr begeistert.
Eine Kostbarkeit
Bewertung aus Riniken am 12.09.2019
Bewertungsnummer: 1246514
Bewertet: Buch (Paperback)
Das Buch ist rundum schön: schön anzufassen, schön anzuschauen, wunderbar zu lesen. Die Autorin hat eine dichte, poetische Sprache, die die Kargheit der Landschaft und die Einsamkeit auf des Alpsommers so gekonnt abbildet, dass man das Gefühl hat, dabei zu sein, wenn die Kühe gemolken, der Käse gemacht und die Landschaft lebendig wird. Illustrationen in Schwarz-Weiss machen das Buch endgültig zu einer Kostbarkeit.
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